Hallo
@DerThorag,
eine weitere Stimme aus dem Forum. Willkommen bei "Lets talk about ... Allmy". Bevor wir durchstarten eine kleine Frage. Welches Wort verbindest du mit Allmy?
Hallo erstmal und danke für die Anfrage!
Ich würde sagen "Alltag". Obwohl ich weniger etwas schreibe, lese ich fast täglich irgendwas auf Allmy.
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Profil von DerThoragDiesmal gibt es wieder ein Themeninterview.
@DerThorag ist ein Wendekind, im Osten geboren und als junges Kind kam die Wende. Ein super wichtiges Thema und natürlich auch interessant zu sehen wie du die Zeit und auch die Wende erlebt hast und wie das Leben danach für dich ausgesehen hat.
- Seit wann bist du auf Allmy?
Seit 2016. Demnächst habe ich scheinbar 10-jähriges. Ich werde alt...
Das werden wir alle.
:cry:- Wie hast du Allmy gefunden?
Gute Frage. Ich erinnere mich, das ich früher Geistergeschichten mochte. Vermutlich bin ich bei einer Googlesuche über Allmy gestolpert.
- Wie bist du auf deinen Namen gekommen?
Ich habe mal einen Roman gelesen, der hieß:"Thorag oder die Rückkehr des Germanen". Das war so ungefähr die Zeit, als es im Netz mit Nicknames (auch so ein Wort aus dem Museum) losging und da es ein seltener Name war, den man nicht groß mit Zahlen o.ä. noch personalisieren musste, war das quasi überall mein Name. Irgendwie bin ich hier dabei geblieben.
Dann kommen wir zu deinem Thema.
- Wie alt warst du zur Zeit der Wende?
Da wurde ich gerade 4 Jahre alt.
- Hast du bewusste Erinnerungen an diese Zeit?
An den Abend, als die Wende von Günter Schabowski verkündet wurde, tatsächlich. Meine Großeltern saßen vor dem Fernsehen und haben mit Sekt (oder Wein) angestoßen. Vielleicht ist das auch nur so ein im Nachgang entstandenes Gefühl, aber ich meine das mir bewusst war das sich da was ändern wird
Ja, da saßen ganz viele Menschen vor dem Fernseher, auch im Westen. Da kann ich mich auch noch dran erinnern.
- Wie hast du deine Kindheit in der DDR erlebt?
Mit 3-4 Jahren ist da jetzt nichts groß hängengeblieben, das speziell auf die DDR hinweisen würde.
- Welche Unterschiede hast du nach der Wende gespürt?
Ich habe dann natürlich den technischen Sprung gespürt. Auf einmal hing da ein grauer Kasten am TV und wenn ich auf die roten Knöpfe drückt, sprang dieser Typ in Rot und Blau da über laufende Kackehaufen und sammelte goldene Münzen ein. Ein Hobby das bis heute anhält. :D
Ansonsten merkte man schon diesen neuen Überfluss an allem. Technik, Essen, Getränke, Musik, Filme....alles war auf einmal sehr vielschichtig und da mein Großvater ein guter Geschäftsmann war, kam man auch recht gut in den Genuss.
Ah, dann hat Großvater ja einiges ermöglichen können.
- Gab es Dinge, die sich für dich als Kind plötzlich verändert haben?
Privater Natur, sicher. Ich pendelte dann zwischen Ost und West. Meine Mutter ist kurz vor der Wende geflüchtet und überließ mich den Großeltern. "Drüben" bekam ich aber keinen Kita-Platz, sodass ich hier blieb. Da meine Familie nicht gerade an der DDR hing, bin ich auch sehr westlich aufgewachsen. Amerika war DAS Ding. 1996 durfte ich dann tatsächlich in die USA reisen. Gleich nach New York. 2 Wochen die Ostküste nach Toronto hoch und wieder zurück. Das wäre garantiert für mich der spätere Lebenstraum gewesen, der mir schon frühzeitig erfüllt wurde. Ganz ohne differenzieren zu müssen, das da bei weitem nicht alles perfekt ist und war, wie die USA es gern ausstrahlen. Quasi der Roadtrip mit der rosaroten Brille.
Als kleines Kind sicherlich nicht einfach, wenn die Mama so weit weg ist.
- Haben deine Eltern offen über die Wende gesprochen?
Klar. Das war ja kein Tabu-Thema. Als Pimpf kann man den ganzen Politikkram aber eh nicht einordnen.
- Fühlst du dich eher ostdeutsch, gesamtdeutsch oder spielt das für dich keine Rolle?
Weder noch. Ich glaube nicht an DAS deutsche Volk als Gesamtheit. Mich verbindet nichts mit einem Bayer, nichts mit einem Berliner oder Hamburger. Nicht mal mit einem Sachsen, Thüringer oder Brandenburger. Ich schätze meine lokale Heimat sehr, ohne den Ostalgie-Flash. Mich interessiert das Hier und Jetzt und bei jeder kleinsten positiven Entwicklung die hier stattfindet, geht mir das Herz auf. So geht es übrigens vielen Menschen hier im Osten, auch ohne das der Osten als ganzes glorifiziert wird. Das geht oftmals unter.
- Gab es Momente, in denen du gemerkt hast, dass deine Biografie „anders“ ist?
Die Frage ist, wo soll ich anfangen? Mit 16 Jahren zog es mich nach Tirol, in ein Skigebiet. Dort lernte ich Koch in einem Hotel. Trotz unzähliger Nationen die dort vertreten waren, haben das Meiste wir paar Ossis abgekommen. Eigentlich auch nur ich, weil die anderen Azubis waren die süßen Mädels. Nach der Lehre bin ich zurück in meine Heimat und hatte ich keine Lust mehr auf diese Hierarchie in der Küche. Kurzfristig bin ich in die Security-Branche gewechselt und wöchentlich nach München gependelt. Dort sollte ich in der Allianzarena aushelfen und musste in den Fanblock der 60er-Fans. Nachdem ich von mehreren Personen aufgrund meiner ostdeutschen Herkunft angefeindet wurde, war es mir egal ob die Treppe frei ist oder nicht und verfolgte nur noch das Fussballspiel. Ich hatte echt das Gefühl, wenn ich weiterhin das Hausrecht versuche durchzusetzen, das die mich da aufknüpfen.
Kurze Zeit später war auf der ICM in München (muss so 2007 gewesen sein) der Dreh zur zweiten Staffel Germany´s Next Topmodel. Da ich der Größte von Allen war (also körperlich versteht sich :D), sollte ich mich vor die Umkleidekabine der Jury stellen. Ich sag mal so, die Moderatorin war anfangs echt nett, bis ich angefangen habe zu reden. Dieser nette Blick wandelte sich in kürzester Zeit zu so einer krass verachtenden Mimik um, das glaubt mir keiner. Ich habe mich damals so geschämt und als minderwertig gefühlt. Das hatte gesessen und damit hatte ich als junger Kerl echt lange zu kämpfen. Gerade meine Großeltern haben mich so dialektfrei wie möglich erziehen wollen, aber das Umfeld prägt natürlich auch mit. Heute gebe ich da einen Scheiß darauf.
Es gab natürlich noch viel mehr Situationen, aber das waren so die prägendsten. Ich will jetzt auch nicht zu sehr auf die Tränendrüse drücken. Auch "Wessis" hatten es nicht immer leicht um im Osten Fuß zu fassen, dabei ist es doch toll das unser Land kulturell und sprachlich so vielschichtig ist.
Das waren keine schönen Momente. Leider gibt es die immer wieder.
- Hast du manchmal das Gefühl, zwischen zwei Welten aufgewachsen zu sein?
Als Kind (vor der Schulpflicht) wurde ich oft zwischen meiner Heimat und dem Sauerland hin und her geschoben, wo meine Mutter lebte. Das waren zwar tolle Abenteuer, aber ich glaube nicht das sowas unbedingt förderlich ist.
Nunja, zumindest hast du einige Abenteuer als Kindheitserinnerungen, macht es natürlich nicht gut, aber da gab es bestimmt einige Erinnerungen von denen du heute zehren kannst.
- Wie bewertest du die Entwicklung seit der Wende?
Da gibt es ja genügend Statistiken und Berichte dazu. Darauf will ich gar nicht groß eingehen. Ich sehe eine positive Entwicklung und auch wenn sie klein ist, freue ich mich darüber.
- Gibt es Dinge, die deiner Meinung nach bis heute nicht aufgearbeitet sind?
Die Generation "Wendekinder" wird so gut wie gar nicht thematisiert. Identitätsprobleme, vermittelte Zukunftsängste, allein gelassene Kinder, überforderte Eltern, Perspektivlosigkeit. Ich hatte nach der Jugend lange mit einer Sozialphobie und einer daraus resultierenden Depression zu kämpfen. Eine Expertin nannte den Begriff Scarring-Effect.
Leider habe ich dahingehend nie eine große Aufarbeitung in der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Generell wurde da viel zu wenig aufgearbeitet. Da ging leider vieles unter in der damaligen Zeit.
- Wie nimmst du aktuelle Ost-West-Diskussionen wahr?
Zur Zeit liegt der Fokus ja auf den aktuellen Weltereignissen. Ansonsten meide ich das Thema in den Medien weitesgehend, da westdeutsche Medienhäuser nur über den Osten berichten, wenn es um AFD, wirtschaftliche Missstände oder der schlechten Demografie geht. Good News verkaufen sich nicht.
- Welche Werte oder Sichtweisen hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
So ziemlich gar keine. Wenn dann wäre es das Miteinander, was hier in meiner Region doch noch ausgeprägter ist, als an so manch anderem Ort.
- Was würdest du jüngeren Generationen über diese Phase erzählen?
Unabhängig vom Kernthema: Zieht euch nicht so viele Nachrichten rein. Gerade heute, im internetzeitalter, werdet ihr mit schlechten News nur so bombardiert und ihr müsst nicht alles wissen. Ihr müsst auch nicht immer zu allem eine Meinung haben. Das zieht nur runter. Lebt die Jugend, so gut es geht.
- Was möchtest du Menschen sagen, die diese Zeit nicht selbst erlebt haben?
Da gibt es glaub ich nicht viel zu sagen. Ich hatte ja eine tolle Kindheit und Jugendzeit. Behütet bei den Großeltern. Das Nesthäkchen, das alles durfte. Als die Mutter wieder zurück war, hatte ich schnell Freiheiten als Schlüsselkind, da sie Selbstständig und erst spät abends Zuhause war. Die Problematiken kamen ja erst später ans Tageslicht. Diese Frage kann wohl eher jemand beantworten, der die Repressalien der SED miterleben musste.
Danke schonmal für deinen Blick als Wendekind. Ab hier kommen dann noch die typischen Allmy Fragen.
- Was findest du an Allmy gut und was sollte sich ändern?
Positiv ist erstmal, das die Themen auf Allmy vielschichtig sind und das es moderiert ist. Ich wünschte mir, das es wieder Spaß macht hier zu diskutieren. Gerade der Politik-Bereich ist größtenteils nur noch unangenehm. Einige User vergessen dass das Forum zum Meinungsaustausch da ist. Die Weltpolitik wird nicht hier entschieden. Das schreckt auch neue User ab. Um sich blöd anmachen zu lassen, dafür haben sie schon die Kommentarspalten auf Facebook.
- Welchen User sollte ich deiner Meinung nach unbedingt noch interviewen?
@juvenilea ist eine coole Type. Vielleicht hat er ja Bock.
Ich gebe alles.
:D- Gibt es sonst noch etwas, was du erzählen oder mitteilen möchtest?
Eigentlich ist das der Platz für einen Kalenderspruch. Lebe deinen Traum, oder so...:D
:D- Magst du noch ein persönliches Foto von dir oder einen besonderen Moment mit uns teilen?
Gern. Hier ein Bild vom USA-Trip 96. Schemenhaft ist auch noch das World Trade Center zu erkennen.

Danke
@DerThorag fürs Mitmachen und die Einblicke in deine Kindheit als Wendekind. Das war richtig schön zu lesen und ich konnte gute Einblicke in deine Zeit als Wendekind bekommen.
:lv: