2cent schrieb am 27.12.2025:Könntest Du bitte eine Quelle dafür liefern, dass pauschal "fast 90%" der Suizide impulsive Handlungen sind?
Ich habe bewusst impulsiv alltagssprachlich verwendet, weil das für alle verständlicher ist. Die knappen 90 % bezogen sich auf die Kurzfristigkeit der suizidalen Entscheidungsprozesse, nicht auf Impulsivität im psychometrischen Sinn. In der Forschung sind das zwei verschiedene Konstrukte. Die zeitliche Dynamik kann sehr kurz sein, ohne dass die Personen als hoch impulsiv im Persönlichkeitsprofil gelten. In Studien berichten etwa die Hälfte der Betroffenen, dass zwischen dem ersten suizidalen Gedanken und der Handlung nur sehr kurze Zeit verging (unter 10 Minuten). Knapp 75 % von den Menschen, die bereits Suizidgedanken hatten (aber noch keine konkrete Handlung geplant), haben nach der getroffenen Entscheidung innerhalb von 10 Minuten einen Suizidversuch verübt.
Quelle:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19026258/Quelle:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26653582/
2cent schrieb am 27.12.2025:Sowie, woran Du genau festmachst, dass sein Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit fĂĽr eine suizidale Krise gesprochen hat?
Von den 10 Warnzeichen einer "suizidalen Krise" erkenne ich als Aussenstehende bei Pilnacek maximal dieses hier selbstschädigendes Verhalten mit vermehrtem Alkohol- und Drogenkonsum, rücksichtsloses Autofahren, unnötige Risikobereitschaft
Dies trifft aber dann so ziemlich auf jeden alkoholisierten Autofahrer zu.
Bzw zu den 9 Risikofaktoren könnten wir evtl. noch diskutieren ob es eine "ausgeprägte Lebenskrise / extrem belastende Erlebnisse" gab.
Persönlich glaube ich zwar nicht, dass die Abnahme des Führerscheins eine Lebenskrise ausgelöst hat, aber was weiß man schon.
Alles andere wäre mEn reine Spekutlation, da wir die persönlichen Umstände/Umfeld des P. nicht kennen und diese auch nicht öffentlich bekannt sind.
Quelle: https://ifsg.at/suizidalitaet/anzeichen/
Auch wenn ich ihn nicht persönlich kenne und nur sehr wenige Informationen über seine Person habe, lässt sich aus klinisch-psychologischer Sicht konsistent eine hochgradige suizidale Krise rekonstruieren. Ich werde hier sehr vorsichtig und stark verkürzt darauf eingehen.
Thwarted Belongingness (fehlende Zugehörigkeit - einer der größten Faktoren): Suspendierung vom Beruf (massiver Identitätsbruch, sozialer Statusverlust), Trennung von der Ehefrau (emotionaler Verlust ist ebenfalls ein großer Faktor), öffentliche Stigmatisierung, mediale Exposition (soziale Exklusion, Scham)
Entrapment (Ausweglosigkeit): Führerscheinentzug (staatliche Gewalt, Verlustkontrolle, Scham - das war meines Erachtens der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte), absehbare berufliche Irreversibilität durch den Führerscheinentzug, erwartete mediale Eskalation und strafrechtliche Dynamik, wahrgenommene Kaskade weiterer Verluste („es wird nur noch schlimmer“)
Kognitive und affektive Belastungsfaktoren: Belastung durch Geheimhaltungsdruck/„Auspacken wollen“ (moralischer Konflikt, Angst, Loyalitätsdilemma, Druck, Gefahr), Alkoholintoxikation (Enthemmung, Impulsdurchbruch, Reduktion von Angst)
Suizidale Kommunikation (prädiktiv extrem relevant!): Kontaktaufnahme zu zentralen Bezugspersonen (Telefonat mit Sebastian Kurz - dazu gehe ich noch gesondert ein), explizite Ankündigung gegenüber einem Freund, weitere abschiedsähnliche Kommunikation beim Verlassen des Hauses („Ich gehe fort“), weggehen ohne Handy, ohne Schlüssel, ohne Alltagsutensilien (symbolischer Bruch mit Rückkehrintention) -> Rückzug, Abkapselung, Zielgerichtetheit
In suizidalen Krisen ist es sehr typisch, dass Betroffene kurz vorher eine machtvolle, emotional bedeutende Bezugsperson kontaktieren, dort entweder explizit oder implizit um Hilfe, Entlastung oder „Rettung“ bitten oder zumindest eine letzte Form von emotionaler Klärung suchen. Das Telefonat mit Sebastian Kurz passt strukturell in das Muster der sogenannten final communications (letzte Kontaktaufnahme zu zentralen Bindungs- oder Autoritätspersonen). Ob darin eine Suizidankündigung, ein Hilferuf, eine moralische Entlastung oder ein Loyalitätskonflikt enthalten war, ist nicht rekonstruierbar, aber psychologisch nicht unplausibel und in Anbetracht der nachfolgenden Ereignisse naheliegend. Sebastian Kurz bzw. sein Anwalt (die beiden waren gerade gemeinsam bei einer Gerichtsverhandlung) bekam um 09:28 Uhr eine Nachricht, dass Pilnacek durch Suizid gestorben sei. Tatsächlich wurde zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht mal sein Tod festgestellt, geschweige denn eine Todesursache. Die Leichenbeschau begann erst um 09:30 Uhr. Nach der Verhandlung, am frühen Nachmittag, hat Sebastian Kurz der anwesenden Presse folgendes mitgeteilt:
„Am heutigen Tag ist es vor allem der Tod von Christian Pilnacek, der mich extrem betroffen macht. Ich habe gestern Abend noch mit ihm telefoniert und wenige Stunden später hat er sich das Leben genommen. Ich habe in den letzten Jahren miterlebt, wie mit ihm umgegangen worden ist, und ich hab in den letzten Jahren miterlebt, was das auch mit ihm gemacht hat.“Fraglich ist, woher Kurz die Information erhalten habe, inkl. der mutmaßlichen Todesursache (sein Anwalt sagte vor Gericht aus, dass die Info von zwei Journalisten kam - dies ist sehr unglaubwürdig; er hat diese vor Gericht namentlich auch nicht genannt und die Nachricht bereits gelöscht), 2. dies offenbar wenige Stunden nach dem letzten Telefonat mit ihm erfolgte. Bis heute konnte ja ein Todeszeitpunkt nicht ermittelt werden. Für mich ergibt sich daraus, dass Pilnacek auch ihm suizidale Absichten äußerte. Der Inhalt des Gesprächs ist nicht bekannt. Je nachdem was und wie kommuniziert wurde, könnte es möglicherweise die Straftatbestände §§ 78, 95 StPO (Beihilfe zum Suizid, Unterlassene Hilfeleistung) erfüllen.
Nicht nur die Mitteilung über den Tod von Pilnacek an Kurz ist problematisch ist, sondern auch die mMn geschmacklose Instrumentalisierung dessen. Das war kein Trauermoment, keine Zurückhaltung, keine Distanz, sondern eine Narrativsetzung. Er nutzte den Tod unmittelbar, um eine politische Erzählung zu transportieren (Druck, Umgang mit Menschen, implizite Schuldzuweisung an Medien/Justiz/„das System“ = Seht, was dieser Druck mit Menschen macht = Seht, was dieser Druck/ihr alle mit mir macht -> seid vorsichtig mit mir).
Was ich aber dennoch klarstellen möchte: Eine suizidale Krise und selbst eine suizidale Handlungsabsicht sind keine Beweise dafür, dass der Tod durch Suizid eingetreten ist. Suizidale Krisen sind fast immer von Ambivalenz getragen (zwischen Tod und Rettung/der Wunsch zu sterben ist zugleich der Wunsch, dass der unerträgliche Zustand aufhört - das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck des inneren Konflikts), insbesondere auch bei der Handlung selbst (situative Ambivalenz in der finalen Phase). Sie zeigt sich darin, dass Menschen am konkreten Ort zögern, innehalten, sich setzen, auf und ab gehen, aktiv nach Blickkontakt, Geräuschen und Unterbrechungen suchen. Zwischen Absicht und Tod liegt ein Raum, in dem Beziehung, Zufall, Zeit oder Situation den Verlauf noch verändern können. Somit kann ein Unfall oder ein Tötungsdelikt nicht ausgeschlossen werden.
Quelle:
https://www.parlament.gv.at/dokument/XXVII/AB/17704/imfname_1632265.pdfQuelle:
https://www.derstandard.at/story/3000000273259/standard-rekonstruktion-wie-der-tag-an-dem-pilnacek-starb-laut-protokollen-abliefQuelle:

#150 Der Fall Pilnacek: Was bei Ermittlungen geschah – und was nicht
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