SomertonMan schrieb:Ich kann mich noch gut an DDR-Zeiten erinnern, als ich mit 12 Jahren XY geschaut hab. Ja, ZDF war empfangbar. Grad so, aber es ging.
Wie oft hab ich da gedacht, der Westen muss ja einziges Schlachthaus sein, sowas gibt's bei uns nicht. Nach der Wende stellte sich raus, dass es hier genauso war, aber alles vertuscht wurde.
Will sagen, dass man durch die Berieselung vielleicht ein falsches Bild bekommt oder bekommen kann.
Ja, da hast Du absolut recht. Ich bin als junges Mädchen zusammen mit meiner besten Freundin oft stundenlang auf Ponys im Wald rumgestromert. Mein Opa hat zuviel bekommen, er fand es völlig unverantwortlich, dass zwei Mädchen alleine im Wald unterwegs sind, weil hinter jedem Buch doch eine Vergewaltiger und Kindermörder hocken könnte. Die Gefahr, dass eine von uns vom Pony fällt, beim Striegeln einen Pferdetritt abbekommt oder von einem Pferd an die Stallwand gequetscht wird, oder meinetwegen auf dem Weg zum Stall von einem Auto angefahren wird, und dabei schwer verletzt wird, war sicher um einige Zehnerpotenzen höher, als dass mitten im Wald eine Kinderfänger tage- und wochenlang drauf lauert, ob nicht zufällig mal ein Kind vorbeikommt.
Die Wahrnehmung einer drohenden Gefahr war halt eine völlig eindere als die tatsächlich drohrende reale.
Bei Aktenzeichen XY wurden halt die Gewalttaten aus dem ganzen Land (bzw. aus drei ländern, denn früher waren ja auch noch die Schweiz und Österreich angeschlossen) und über einen längeren Zeitraum gebündelt dargestellt und da konnte es einem schon vorkommen, als lauere das Böse immer und überall, an jeder Ecke und hinter jeder Straßenbiegung.
Trotzdem muss ich sagen, dass es nicht schlecht ist, für gefährliche Situationen sensibilisiert zu sein. Einfach, damit man sie rechtzeitig wahrnehmen und reagieren kann, wenn noch Zeit dafür ist. Wenn ich überlege, wie oft ich als junge Frau, in meinen 20er-Jahren sexuelle Übergriffigkeiten im öffentlichen Raum erlebt habe, dann ist das eben nicht wirklich selten. Es waren Gott sei Dank eher harmlose Sachen - ein Exhibitionist im Park, ein wixender alter Sack im Zug und ein in die Gegensprechanlage stöhnender und anzügliche Bezeichungen albernder Kerl - und ich war in den Situationen nie alleine.
Als der Türklingler zwei Tage später ein zweites Mal geklingelt und in die Gegensprechanlage gestöhnt hat, bin ich 3 Stockwerke runtergerannt und hab die Haustür aufgerissen, hab ihn aber nur noch um die Hausecke verschwinden sehen, weil er wohl gehört hat, dass jemand die Treppe runterkommt. Der junge Streifenpolizist, der die Anzeige aufenommen hat, meinte, dass soll ich beim nächsten Mal lieber nicht machen, nicht weil solche Typen gewalttätig werden könnten und einen angreifen würden, sondern weil es passieren könnte, dass er mich "anspritzen" würde, weil ihm in dem Moment dann richtig einer abgeht.
Ich denke, dass die meisten solcher Typen eher harmlos sind. Es geilt sie auf, dass die junge Frauen in Angst versetzen und belästigen, sie unegfragt und ungebeten ihrer Sexualität aussetzen, obwohl die Opfer das nicht wollen - also in gewisser Weise Macht über sie haben. Die wenigsten von denen werden sich in ihren Taten steigern und irgendwann zu Serienvergewaltigern werden, sondern für immer kleine Wixwichte bleiben, deren Pimmelchen nur steht, wenn jemand Angst vor ihnen hat.
Aber ob das, was die da tun, wirkölich harmlos ist, liegt vielleicht auch daran, wer ihr Opfer ist. Eine Frau Mitte 20, in Begleitung einer Freundin, wird vielleicht angewidert wegschauen und am nächsten Tag drüber lachen, wenn sie es anderen Freundinnen erzählt. Aber ein Kind oder eine Frau, die nachts alleine unterwegs ist, kann sowas schon nachhaltig verstören und verängstigen.