Hallo
@FrauSandmann,
ich wollte auch gerne etwas zu dem Thema beitragen. Ich hatte mich 2015 hier angemeldet wegen des Mordfalls Daniel S. in Reiffenhausen bei Göttingen.
Göttingen: Daniel Schütze (27) tot aufgefunden - GewaltverbrechenIch habe früher in Göttingen gelebt und kenne diese Umgebung sehr gut. Von daher hat mich der Fall sehr interessiert und so begann ich in dem Fall zu recherchieren. Natürlich konnte ich nur mit den öffentlichen Infos arbeiten, auch wenn mein Avatar vielleicht den Eindruck erweckt, ich wäre insgeheim gerne ein Ermittler ähnlich einer bekannten Figur aus der US-Krimiserie NCIS. *lol*
Um es gleich vorwegzunehmen: ich habe nie Kontakt zu den Angehörigen des Opfers oder des Täters gesucht. Am Tatort war ich ein halbes Jahr nach der Tat (im gleichen Sommer war zudem hier ein größeres Hochwasser durchgerauscht) und später war ich einmal auf dem Friedhof, um das Grab von Daniel zu besuchen.
Meine Stärke sehe ich (wie viele andere hier auch) in der Onlinerecherche. Ich persönlich liebe es, im Netz nach Informationen zu stöbern. Vor allem bei FB finden sich manchmal über Umwege Fotos von Personen, zu denen man dann versuchen kann, näheres herauszufinden. Das stößt allerdings auch meistens sehr schnell an seine Grenzen und man betritt das Reich der Spekulation.
Zurück zum Fall:
Es gab zu dem Zeitpunkt bereits einen Tatverdächtigen in U-Haft und im Forum wurde dann ein möglicher Tathergang ausgiebig diskutiert. Das fand ich persönlich sehr interessant, weil sich dabei viele Theorien und neue Aspekte entwickelt haben. Im Zuge dessen bekam ich einige persönliche Nachrichten, u. a. auch von einer früheren Bekannten des Opfers, die mir interessante Dinge aus seinem familiären Umfeld erzählte, die aber nur teilweise öffentlich bekannt gemacht wurden. Weiterhin hatte ich Kontakt zu einer anderen Dame aus dem Forum, die aus dem Dorf kam und die regelmäßg mit ihrem Hund am Tatort spazieren ging. Mit ihr traf ich mich dann im Laufe des Sommers auch persönlich vor Ort. Hier fand ich es sehr wichtig, dass ich mir selbst ein Bild des Tatorts machen konnte, um einige Details, die später auch veröffentlicht wurden, besser zu verstehen. Diese Dame kannte ein Detail des Falles, der nicht öffentlich bekannt war und erhielt dann tatsächlich, nach dem sie diese Beobachtung im Forum geteilt hatte, Besuch von der Polizei!
In diesem Fall wurde also schon seitens der Ermittler das Forum beobachtet. Das war dann auch der Grund, dass sie sich im Forum abgemeldet und den Account gelöscht hat.
Trotzdem ist dieser Fall, obwohl der Täter letztendlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, für mich und andere Mitforisten unbefriedigend verlaufen. Im Forum gab es viele Stimmen, die auf einen Helfer bei der Tat hindeuteten. Leider ist dieser Umstand nie in der Presse näher erläutert worden und die endgültigen Ermittlungsergebnisse kenne ich natürlich auch nicht. Es wurde nur eine Person verurteilt, er gilt bis heute als Alleintäter.
Das Forum hat zur Aufklärung dieses Falls, objektiv gesehen, nichts beigetragen, um es hart auszudrücken. Es wurde zwar Hinweise gegeben, z. B. auf einen möglichen Mittäter oder wo sich vielleicht die verschwundene Tatwaffe befinden könnte, aber ob etwas davon seitens der Behörden verwertet oder auch nur berücksichtigt wurde, ist mir nicht bekannt.
Ich habe mich dann in den nachfolgenden Jahren noch in Fälle eingeklinkt, wo Personen vermisst wurden, so im Fall Malina K. in Regensburg, Timo Kraus in Hamburg und Martin B. in Hagen. Die ersten beiden Fälle wurden geklärt, der letzte ist ein "Cold Case".
Ein anderer Fall, der mir auch nahe geht, ist der (noch immer nicht gefasste) Mörder von Bad Sachsa, der Anfang der 1990er Jahre anscheinend willkürlich Wanderer etc. mit einer Pistole erschossen hat. Hier spielt auch wieder die mir bekannte Umgebung mit rein.
Viele andere Fälle habe ich mir intensiv angesehen. Besonders der Fall Tanja G. aus Trier, der Fall Inga G. und der Fall der Familie aus Drage sind mir sehr nahe gegangen, da ich selber auch Kinder habe. Aber hier konnte ich nie wirklich etwas erhellendes zu beitragen.
Ich muss sagen, dass mich einige Fälle auch aufgrund ihrer völlig ausufernden Beitragsanzahl eher abgeschreckt haben. Das sind die auch schon hier erwähnten Fälle Rebecca R., Scarlett S. und der YOGTZE-Fall (der mir immer schon völlig absurd vorkam).
In diesen Threads wurde derart viel geschrieben und spekuliert, sich x-mal im Kreis gedreht, dass wenn ich meinte, hier noch was Sinnvolles schreiben zu müssen, ich mich erstmal wochenlang intensiv in das Thema hätte einlesen müssen.
Also, was ist meine Motivation? Ich denke, es ist eine gewisse Neigung, sich für True Crime zu interessieren. Ich möchte den Tatablauf verstehen, mich interessieren die Beziehungen zwischen Täter und Opfer usw.
Vielleicht freue ich mich auch darüber, etwas sinnvolles zu einem Thema schreiben zu können. Grenzt das schon an Profiliersucht? Ich denke eher nicht, vielleicht habe ich manchmal ein gewisses Mitteilungsbedürfnis.
Ist es einfach die Lust, sich mit morbiden Themen zu beschäftigen, mit Gewalt, Tod, Horror und krimineller Energie von Menschen?
Vielleicht fühlen sich viele Menschen von diesen Themen angezogen. Ich schaue natürlich auch gerne Krimiserien, nicht nur Tatort, sondern auch richtig gute (und heftige) amerikanische Serien wie z. B. True Detective.
Dort ist es Fernsehen, Unterhaltung und hier ist es die Realität. Was unterscheidet True Crime von Fiktion und wie gehe ich damit um?
Mir wird bewusst, dass ich von den meisten realen Fällen emotional doch recht weit entfernt bin, weil ich persönlich bisher nie davon betroffen war. Ich habe auch ehrlicherweise nicht immer berücksichtigt, dass sich jemand bei meinen manchmal sehr nüchtern formulierten Beiträgen emotional angegriffen fühlen könnte.
Womit man wieder beim Thema "Mitlesen durch Angehörige" wäre. Das ist ein sehr schwieriges Thema und wie ich finde eine gewisse Gratwanderung.
Soviel zu meinen Gedanken, warum ich mich in diesem Forum beteiligt habe.
Beste Grüße von Lars