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5.204 Beiträge, Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur, Bildung, Romane, Sachbücher

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07.11.2019 um 22:33
Erich Hackl - Dieses Buch gehört meiner Mutter

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Erich Hackl ist bekannt geworden durch sein Buch Abschied von Sidonie über ein Roma-Mädchen aus Oberösterreich und seine regionale Heimat lässt ihn nicht wirklich los, obwohl er seinen Lebensmittelpunkt in Madrid und Wien hat.

Als Sechzigjähriger hat er ein Buch über seine Mutter veröffentlicht, in dem er seiner Mutter, die im Norden Oberösterreichs an der Grenze zu Böhmen aufgewachsen ist, eine Stimme gibt. Kompositorisch einer gebundenen Rede mit Strophen nachvollzogen, ist der Text aber letztlich ein prosaischer Monolog. Wir lernen das oberösterreichische Land- und Dorfleben zwischen Erstem Weltkrieg und Zweiter Republik nach dem Zweiten Weltkrieg kennen, lesen von Autounfällen, sexuellen Abenteuern, tödlich verlaufenden Abtreibungen und ... puh ... hab's schon wieder vergessen ... ach ja, die nationalsozialistische Zeit, auf die Hackl in seinen Büchern fixiert ist. Da sind seine Mutter und das Dorf froh, dass es vor der Nazizeit auch keine Juden im Dorf gab, also blieb es unbefleckt und muss sich nicht schämen.

Das Problem an diesem sprachlich schönen Buch ist, dass zwar der Mutter eine Stimme gegeben wird, aber sie nie über sich schreibt, immer über andere und Anderes oder ihre Beziehung zur Außenwelt. Als ob sie keine Seele hätte.

Dies liegt wohl auch am kompositorischen Problem, das Hackl in seinem Nachwort anspricht:
Ich nehme mir aber die Freiheit, ihr Einsichten zu gestatten, die sie nicht auszudrücken vermochte oder zu denen sie nie gelangt ist. Die Freiheit, ihr mein Gewissen anzudichten.
Es spricht also nicht die Mutter, es spricht Hackl, wie er gerne seine Mutter hätte sprechen hören. Und genau das ist das Problem dieses Textes, das ich hatte. Auch wenn ich die Gegend gut kenne und auch die Charaktere, über die erzählt wird, es ist alles irgendwie empathische Rückschau, und die wird - auch wenn das Buch kurz ist, irgenwann langweilig. Und mehrmals beim Lesen rüttelte es mich: Mutter! Mutter! Es ist die Mutter und nicht der Sohn, der hier spricht.

Wenn ich dann vergleiche mit Peter Handkes Wunschloses Unglück, in dem er den Selbstmord seiner Mutter zum Thema machte ... puh ... man mag über die Verleihung des Nobelpreises denken, wie man will, aber das ist das Buch der Wahl, wenn es um Frauen in der Armut der österreichischen Provinz geht. Damit kann sich der nette Hackl nicht messen.

Infolinks im Spoiler

Verlagsinfo:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/erich-hackl/dieses-buch-gehoert-meiner-mutter-9783257068665.html

Rezensionen:
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/das-buch-von-erich-hackl-dieses-buch-gehoert-meiner-mutter-a-929320.html
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/literatur/595775-Wenn-die-Kuehe-wispern.html
https://literaturkritik.de/id/18799


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08.11.2019 um 09:14
Lese aktuell die Trilogie von Cixin Liu - Die drei Sonnen. Für einen Science-Fiction-Fan sowie Intereseierten an der chinesischen Kultur und Geschichte ein Muss


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08.11.2019 um 11:19
"Der Name des Windes" von Patrick Rothfuss


Name des Windes


Bislang ein wirklich fesselndes Fantasy-Epos (bin gerade beim 15. Kapitel).
Mal schauen, ob es bis zum Ende hält was es verspricht.


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12.11.2019 um 00:19
Heinrich von Kleist - Michael Kohlhaas

Kohlhaas

So schwierig zu lesen und doch einer der ganz großen Texte der Weltliteratur! Kleist hat alles in diesen Text gesteckt, wessen er fähig war, und eine Jahrtausendnovelle hinterlassen.

Minutiös beschreibt er, wie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein brandenburgischer Pferdehändler, dem durch die Willkür eines willkürlich handelnden sächsischen Grenzwächters zwei Rassepferde als Pfand gegen ein nicht vorhandenes Grenzpapier abgenommen und sein Pferdeknecht misshandelt wird. Die Pferde werden zur Feldarbeit herangezogen und schlecht versorgt, sodass sie zu Schindmähren verkommen.

Kohlhaas weigert sich, die Pferde in diesem Zustand zurückzunehmen, verlangt deren physische Wiederherstellung, brennt die Burg des verantwortlichen Junkers Wenzel von Tronka nieder, wendet sich an brandenburgische wie sächsische Obrigkeiten, die ihn allesamt abwimmeln. Seine Frau stirbt an einem Botengang zum brandenburgischen Kurfürsten unter dubiosen Umständen, und Kohlhaas schart Landsknechte um sich, erklärt seine Sache zur heiligen Sache und beginnt sächsische Orte, darunter Wittenberg, zu terrorisieren. Häuser samt Bewohner werden niedergebrannt. Mit Luther, der die Taten von Kohlhaas aufs Schärfste verurteilt, gibt es ein Treffen, und auf Luthers Wort erlässt der sächsische Kurfürst eine Amnestie gegen Einstellung der Terrorhandlungen.

Der alte Heerhaufen plündert und mordet im Namen von Kohlhaas weiter, dieser wird daraufhin in Dresden unter Hausarrest gesetzt. Kohlhaas entkommt, will aus Europa flüchten, aber als der Kurfürst von Brandenburg aufgrund eines aufflammenden polnisch-sächsischen Konflikts einen fairen Prozess verspricht, kehrt Kohlhaas mit seinen fünf Kindern in sein altes Haus zurück.

Die Gerichtsprozesse haben jedoch zwei Anklagen zum Gegenstand. Wenzel von Tronka wird wegen Amtsmissbrauch zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und die Pferde von Kohlhaas werden gesund gepflegt, Kohlhaas wird wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt.

Ein Amnestiegesuch zur Wandlung in eine Gefängnisstrafe (ein frühes Zeugnis eines Appells gegen die Todesstrafe) scheitert. Der Rechtsstaat der strengen Gesetzesauslegung obsiegt. Aber dennoch ist es ein Rechtsstaat: Kohlhaas wird im seinen Ansinnen Recht gegeben, doch Mordbrennerei und Terrorisierung Unbeteiligter wird nicht aufgerechnet. Erfahrenes Unrecht mildert nicht das Urteil über den durch das Unrecht erst Akt des Terrorismus.

Im ersten Absatz bereits fasst Kleist die Schlussfolgerung der Novelle zusammen:
An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.
Die Haupthandlung ist schon komplex, in Tiefen steigt der Text mit Nepotismus, Korruption, Intrigen, europäische politische Verwicklungen, Reformation, marodierende Landsknechte, Verbandelungen zwischen Adelshäusern bis hin zu Irrationalem wie Astrologie- und Prophezeiungsglauben.

Und die Sprache? Wenn es ein Meisterwerk der kunstvoll verschachtelten Sätze gibt, dann ist es dieses.

Online unter anderem hier: https://gutenberg.spiegel.de/buch/michael-kohlhaas-583/1


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13.11.2019 um 16:07
Theodor Kittelsen: Norwegen, Heimat der Trolle

Ein Bildband des berühmten, norwegischen Malers, dessen Bilder auch als Plattencover gerne mal verwendet werden (Burzum, Empyrium...), mit kurzen Begleittexten und Gedichten, die eine märchenhaft, verwunschenen Atmosphäre erzeugen. Perfekt bei dem Wetter.


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14.11.2019 um 15:12
@Narrenschiffer

Michael Kohlhaas ... Eines meiner ewigen Lieblingsbücher.
Da ist alles drin: Ungerechtigkeit, Rache, Tragik ...


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15.11.2019 um 17:22
E. T. A. HOFFMANN: Der Sandmann
Für mich immer noch eine der gruseligsten und verstörendsten Geschichten überhaupt.


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18.11.2019 um 07:29
@abberline
Finde ich auch, dass es ein super Buch ist!


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18.11.2019 um 12:39
Thomas Karlauf: Stefan George - Die Entdeckung des Charisma

"Stefan George war das großartigste Durchkreuzungs- und Ausstrahlungsphänomen, das die deutsche Geistesgeschichte je gesehen hat" (Gottfried Benn)

Über die Aussage von Benn lässt sich sicher streiten, faszinierend und spannend, mitunter sogar geheimnisvoll war das Leben von George auf jeden Fall. Literarisches Ausnahmetalent, Guru von Stauffenberg, eigenwilliger Sektierer...die tolle und lebendige Biographie ist ein guter Grund, mal wieder einen Gedichtband Georges zu lesen.


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21.11.2019 um 17:29
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Vilgur ist 11 Jahre alt, als ihm "auf dem Weg zu einem Freund" etwas Furchtbares geschieht.

Jahrzehnte später nimmt er sich eines Elefanten an, der von einem ruinierten Zirkus zurückgelassen wurde und den er in einer Scheune unterbringt. Das Tier vereinsamt in der Gefangenschaft zusehends, es zeigt typische Verhaltensweisen von Lebewesen, die in Monotonie und Isolation ihre Existenz fristen. Die schließliche Freilassung des Elefanten, der Chaos und Zertrümmerung auf den Straßen Oslos anrichtet, ist auch die symbolische Entfesselung des traumatisierten Vilgurs.

Mit klaren Worten erzählt Dahl die traurige Geschichte eines Geschädigten, dem die Erinnerung an das, was ihm als Kind widerfuhr, so schwer wie ein Elefant auf der Seele liegt.


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21.11.2019 um 19:46
Stephan Harbort: Begegnung mit dem Serienmörder (es kommen überlebende Opfer zu Wort).


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22.11.2019 um 18:18
Von der Figur zum Charakter: Überzeugende Filmcharaktere erschaffen - Linda Seger
(engl:. Creating Unforgettable Characters)

Das Buch bietet einen Einblick wie Filmcharaktere aufgebaut sind,
speziell bei zeitgenössischen Hollywoodfilmen.
die Charaktere sind nämlich alles andere als realistisch sondern nach einem komplizierten System
aus psychologischen Theorien aufgebaut und Shakespeare spielt dabei auch eine Rolle.

Das engischsprachige Buch hat das schönere Cover:

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22.11.2019 um 19:02
Friedrich Schiller - Don Karlos

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Der 28-jährige Schiller fährt mit einem beklemmenden spanischen Hof um Philipp II. auf. Das Stück spielt im engsten Herrschaftszirkel dieses absolutistischen Hofs auf, der aus Psychopathen und Intriganten besteht.

Philipp ist ein alternder, machtgieriger König, sein Sohn Karlos ein wohl aufgrund eines Übervaters ein verschüchterter, neurotischer, schwächlicher Thronfolger, der dauernd um Anerkennung bettelt, aber ein gutes Herz hat.

Dem Stück lässt sich letztlich nur durch das Herausfiltern verschiedenster Aspekte ein wenig beikommen:

  • Im spanisch beherrschten Belgien schwelt ein Aufstand, den Herzog Alba als Statthalter mit einem Militärregime niederhalten soll. Karlos selbst will - unterstützt von seinem Freund Marquis Posa - in Belgien der Repräsentant des Königs werden, um mit Verständnis und Sympathie die Belgier für die spanische Herrschaft zu gewinnen.
  • Marquis Posa - kein Höfling - erhält Zugang zu Philipp, der von dessen unabhängigem Selbstbewusstsein Beeindruckt ist und ihn zu seinem Sonderberater ernennt.
  • Eine Intrige von Alba und einem einflussreichen Dominikaner am Hof fällt Posa wieder in Ungnade und wird von einem Heckenschützen abgeknallt (es bleibt offen, ob nicht sogar der König geschossen hat). Damit sind die Ambitionen Karlos' bezüglich Belgien auch dahin, und Philipp übergibt am Ende seinen Sohn dem Großinquisitor.
  • Aber nicht nur Belgien ist der Grund der Intrige, sondern auch die aus französischem Adel entstammende, viel jüngere Gattin Philipps, Elisabeth von Valois, die gemeinsam eine Tochter haben. Sie wird komplett abgeschlossen gehalten, von Hofdamen rund um die Uhr überwacht und darf ohne Erlaubnis des Königs mit keinem Mann sprechen, schon gar nicht Karlos. Denn sie war mit Karlos bereits verlobt, als dessen Vater seine Braut ihm wegschnappte, und Karlos liebt sie noch immer. Sie kommunizieren mittels geheimer Briefe und nach der Ermordung Posas wollen sie gemeinsam auf einem Schiff fliehen. Philipp entdeckt sie gemeinsam mit dem greisen und blinden Oberinquisitor, Karlos wird ausgeliefert.


Elf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA und fünf Jahre vor der Französischen Revolution ist Schillers Versuch, mit Posa und Karlos einen aufgeklärten Absolutismus zu propagieren, dem sich die Beherrschten gerne und freiwillig unterwerfen, nicht ein Beginn, sondern das Ende einer politischen Denkrichtung.

Schiller selbst hat das wohl später auch eingesehen und mit Wilhelm Tell ein republikanisches Stück in die Welt gesetzt.

Nicht nur wegen der sehr verstaubten politischen Ansichten, die das Stück vermittelt, ist es mühselig zu lesen. Es ist ein Sprechstück, und die wenigsten sprechen miteinander, es wird in Blankversen deklamiert und monologisiert.

Am besten gelungen ist noch die Psychologisierung des neurotischen Karlos. Auf die Bühne gebrachte Psychoanalyse lange bevor es so eine überhaupt gab. Das überfordert viele Regisseure auch heute noch und aus Karlos wird ein Freak, während er eigentlich eine geknechtete Kreatur ist.

Der reale Karlos wurde am Ende seines Lebens in eine Dachkammer gesperrt, die im Sommer so heiß war, dass er Unmengen von Eiswasser in sich reinschüttete. Das war wohl nicht ganz keimfrei, er ruinierte sich seine Gedärme und starb elendiglich.


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22.11.2019 um 19:11
Der letzte Schachzug - John M. Ford


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Friede mit den Klingonen - unmögllich?

Der klingonsche Captain Krenn ist ein brillanter Stratege, auf dem Schlachtfeld ebenso wie als Spieler. Er wird dazu ausersehen, diplomatischen Kontakt zur Föderation aufzunehmen. Dr. Emanuel Tagore hingegen, sein Gegenspieler, der als Botschafter der Föderation ins klingonische Imperium geschickt wird, ist überzeugter Pazifist. Die klingonischen Militärs haben wenig Verständnis für seine Einstellung, dennoch gelingt es ihm, die Idee von einer friedlichen Koexistenz im Bewusstsein der Klingonen zu verankern. Seine Mission droht zu scheitern, als offenbar wird, dass auch den militärischen Befehlshabern der Föderation herzlich wenig an einem interstellaren Frieden liegt...

https://www.kobo.com/gr/de/ebook/star-trek-der-letzte-schachzug?changeLanguage=True


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23.11.2019 um 00:02
Erich Hackl - Familie Klagsbrunn

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Dies ist die erste Erzählung aus Hackls Band Drei tränenlose Geschichten. Sie geht von einem Familienfoto der Floridsdorfer jüdischen Kohlenhändlerfamilie Klagsbrunn aus dem Jahr 1904 aus. Damals war Floridsdorf noch kein Wiener Bezirk, sondern ein Dorf außerhalb der Stadt. Das Foto zeigt ein Elternpaar mit elf Kindern, und ab März 1938 musste diese Großfamilie alles aufgeben, ihr Eigentum billigst verkaufen ("Arisierung") und schauen, dass jeder von ihnen aus dem Terrorstaat rauskommt. Wer nicht bei Drei weg war, wurde in irgendeinem Lager ermordet (dieses Schicksal erlitten einige).

Hackl geht jedoch den Familienmitgliedern nach, welche die Flucht nach Brasilien schafften, wo bereits Verwandte lebten. Und bei seinen Recherchen lernt er einen Nachkommen kennen, Victor Hugo Klagsbrunn (es ist Familientradition, den Kindern Doppelvornamen zu geben). Victor Klagsbrunn war Anfang der 60er Jahre in linken Organisationen tätig und wurde bei der Machtübernahme des brasilianischen Militärs 1964 festgenommen und gefoltert. Nach der Freilassung ging er nach Europa, lebte eine Zeitlang mit seiner Frau in Rom und Berlin, wo er promovierte (die deutsche Sprache musste er sich wieder aneignen), und ging in den 80er Jahren zurück nach Brasilien.

Während seiner Recherchen zu diesem Text kontaktierte Hackl Victor Klagsbrunn, und so wurde der aus Archivmaterialien erarbeitete Inhalt mit Leben gefüllt werden, so vor allem zu Victors Onkel Kurt Klagsbrunn, einem der bedeutendsten Fotografen Brasiliens im 20. Jahrhundert.

Literarisch - wie immer bei Hackl - ein Grenzgang, und dieser Text ist viel näher am Essay als an der Erzählung. Er ist sachlich, nüchtern, und Innensicht gibt es nicht. Hackl hat keine fiktiven Figuren mit Bezug zu realen Personen geschaffen, es ist ein Text über reale Personen mit Klarnamen. Das Interesse liegt an äußeren Schicksalen, eine Tiefenlotung in die Psyche findet nicht statt. Das geht auch nicht, wenn über reale Menschen geschrieben wird. Künstlerisch wird damit sehr viel verschenkt, aber auch wissenschaftlich. Es ist textlich ein Hybrid, sehr interessant zu lesen, aber da sich weder für Fisch noch Fleisch entschieden wurde, bleibt die Frage offen, ob die Recherchen Hackls nachhaltig sind oder nachgeputzt werden muss, wenn wieder jemand das jüdische österreichische Exil in Brasilien erforscht.

Die Wiener Zeitung hat einen interessanten Artikel über Victor Klagsbrunn veröffentlicht. So sieht er aus (Foto: Farmbauer/Wiener Zeitung:

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Noch interessanter sind die Bilder, die Kurt Klagsbrunn geschossen hat. Das ist hohe Kunst und nicht einfach geknipst. Hier ein Foto von Orson Wells in Rio im Jahr 1942. Man beachte die perfekte Komposition der Diagonale!

Orson-Welles-bei-der-Ankunft-zu-den-Dreh

Oder hier ein Foto von einem Kaffee trinkenden Arbeiter in Rio aus 1947 (perfekter Einsatz der Tiefenschärfe):

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Kurt Klagsbrunn ist 2005 verstorben, die Bildrechte liegen nun bei Victor Klagsbrunn, ich habe diese beiden Fotos aus der Floridsdorfer Zeitung übernommen.

Dies hier ist Kurt Klagsbrunn (Foto undatiert und kein Credit, das Urheberrecht liegt bei Victor Klagsbrunn, ich habe es von jewishnews.at übernommen):

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Links:
https://oe1.orf.at/artikel/375996/Erich-Hackl-Drei-traenenlose-Geschichten
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/zeitgenossen/904702-Floridsdorf-an-der-Copacabana.html
http://www.dfz21.at/dfz/von-floridsdorf-nach-rio-das-auge-brasiliens-kurt-klagsbrunn/
https://www.jewishnews.at/events/2018/12/5/exhibition-kurt-klagsbrunn
https://oe1.orf.at/artikel/642477/Die-bewegende-Geschichte-des-Kurt-Klagsbrunn


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Yakuza84
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23.11.2019 um 01:22
Wolfgang Hohlbein: Indiana Jones und das verschwundene Volk


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23.11.2019 um 10:24
Yakuza84
schrieb:
Wolfgang Hohlbein: Indiana Jones und das verschwundene Volk
Und wie ist das so? Ist das wirklich der Indi?


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sonar67
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23.11.2019 um 14:34
PARIS, MAI '68

Ein biographischer Roman von Anne Wiazemsky, die um 1968 die 20 Jahre jüngere Ehefrau des Filmregisseurs Jean-Luc Godard war. Es fängt ganz normal wie die Geschichte einer großen Liebe an u. endet mit Godards Selbstmorversuch. Eine intelligente, subtile Abrechnung einer Frau, die ihrem älteren Liebhaber eindeutig überlegen war. Das ist Godards Demontage als Mensch u. Intellektueller.

Und ein Lehrstück für ältere Männer, die mit Ruhm u. Macht jüngere Frauen wie Puppen um sich herum tanzen lassen. Eine davon könnte intelligenter sein als man denken kann u. das reicht auch dann auch für den Rest eines Lebens.


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23.11.2019 um 15:13
sonar67
schrieb:
ein Lehrstück für ältere Männer, die mit Ruhm u. Macht jüngere Frauen wie Puppen um sich herum tanzen lassen
Godard war 36, als er die 20-jährige Wiazemsky heiratete. Irgendwie passen für mich weder "älterer Mann" noch "Puppe" zu dem jeweiligen Alter. Wie es in ihrer Ehe lief, weiß ich nicht.


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sonar67
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23.11.2019 um 15:39
Narrenschiffer
schrieb:
Godard war 36, als er die 20-jährige Wiazemsky heiratete. Irgendwie passen für mich weder "älterer Mann" noch "Puppe" zu dem jeweiligen Alter. Wie es in ihrer Ehe lief, weiß ich nicht.
Es geht hier nicht um genaue-Wikipedia-Info, ob er 36, 37 oder 40 war. Er hat versucht, sie wie eine Puppe zu behandeln u. damit voll auf die Schnauze gefallen, inclusive Selbstmordversuch. Du würdest mich sicher genau verstehen, wie ich es meine, wenn du das Buch liest, denke ich. Deswegen schreibe ich ja auch darüber, ich empfehle das Buch, weil es in dieser Hinsicht ungewöhnlich authentisch ist.


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