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Welches Buch lest ihr gerade?

7.675 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Welches Buch lest ihr gerade?

06.03.2026 um 21:51
»Wenn ich so einen Wein wie diesen trinke«, sagte sie und ihre Stimme war leiser geworden und ich dachte, das muss so sein wegen dem Gesicht, »dann kommt es mir vor, als würde er nach Licht schmecken. Als wär der Wein Licht, das man trinken kann.«
Wahrscheinlich starrte ich sie bloß an.
Ich hörte, wie sie sagte: »Zum Wohl, Lukas, und guten Appetit.« Und ich starrte sie an, als sie schon aß und sich mit der Serviette den Mund abwischte und einen Schluck Wein trank und mir den Kopf zuwandte.
Auch als ich es endlich schaffte, mir ein Stück Pizza in den Mund zu schieben, starrte ich weiter vor mich hin. Ich starrte die verbrannten Pilze an, die schwarzen Oliven, den fetten Schinken, den labbrigen Käse, ich aß und schmeckte nichts.
Wenn Sonja Licht schmeckte, dann schmeckte ich die totale Finsternis.
Was eine Sommeliere war, wusste ich nicht.
Das liest sich nicht wie ein Jugendroman. Die Jugendlichen sprechen nicht wie Jugendliche.

Wer soll denn die Zielgruppe für dieses Buch sein, @Narrenschiffer, weißt du das zufällig?


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06.03.2026 um 23:32
Gruschewski - Geschichte der Ukraine

Gruschewski gilt als der führende ukrainische Historiker am Anfang des 20. Jhdt. und er war zugleich
der erste Präsident der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik.

Der Stil seiner Geschichte der Ukraine würde ich als sachlich beschreiben.
Die Geschichte der Ukraine ist vor allem eine Geschichte der militärischen Auseinandersetzungen, die Ukraine war und ist seit der Renaissance ein Übergangsgebiet der Machtsphären, damals vor allem der russischen, polnischen und türkischen. Anders als es heute gerne dargestellt wird, war die Ukraine nicht ein Teil von Russland oder Polen sondern eine Art autonomes, von den Kosaken beherrschtes Gebiet, das mal Russland und mal Polen loyal war, die Ukrainer wechselten häufiger mal die Seiten, was in blutigen Kriegen und Unterdrückung endete.
Wenn man das so liest, ist erstaunlich wie wenig sich seit damals verändert hat und die Kriegsführung ist auch nicht so viel anders. Der Krieg war eine Mischung aus militärischer Gewalt und Diplomatie, die Diplomatie war meistens nichts anderes als eine Kriegslist, die die Ukrainer zur Kapitulation zwingen sollte.
Wikipedia: Mychajlo Hruschewskyj
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GA Architect 9 - Shin Takamatsu
Der japanische Architekt Shin Takamatsu wurde in den 80ern für seine futuristischen Bauten berühmt, die Visionen einer dystopischen Zukunft darstellen

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07.03.2026 um 08:04
Zitat von violetlunavioletluna schrieb:Wer soll denn die Zielgruppe für dieses Buch sein
Eigentlich niemand ;)

In der Rezensionsübersicht vom Perlentaucher steht "ab 13". dtv hat ein Schulmaterial online. Dort steht "Klasse 8-10", also auch ab 13.

Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass 13-Jährige auch nur irgendwas damit anfangen können. Vielleicht 15-Jährige, denen das Elternhaus auf den Kopf fällt, nur ist dann der Charakter dieses Lukas viel zu kindisch. Meine Meinung ist: Das Buch ist nicht gelungen.


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07.03.2026 um 19:53
Zitat von SiegelschildSiegelschild schrieb:Weis zufällig jemand was
¹*"rechten sie nicht mit mir"
zu bedeuten hat?
Zitat von two-centstwo-cents schrieb:So ganz spontan:
Stelle dich nicht über mich und richte mich nicht.
"Rechten" im Sinn, wende nicht "dein Recht" an
Es ging darum, dass er sie, Arendt um eine Meinung zu seinem Text gefragt hat und darauf hin antwortete sie ihm unter anderem das¹*.

Vermutlich bedeutet es in etwa, dass sie ihn bittet ihre Meinung nicht als Beurteilung der Qualität seines Textes/Werkes zu stellen. Wohl auch das ihr das womöglich unangenehm war, dass ein sehr guter Schriftsteller sozusagen ihre Meinung dazu sehr wichtig findet oder als eine Art Referenz.

Womöglich eine Art Höflichkeitsausdruck.
Danke @two-cents, als kleine Belohnung wähle eines der 3 imaginären Geschenke, ganz nach deinem Gusto

🍰 💐 🛰


lg


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08.03.2026 um 09:38
John Grisham - Theo Boone und der unsichtbare Zeuge

Grisham-Boone1

Mit Theo Boone ist Grisham in die Welt der Kinderbücher eingestiegen. Für mich ein klassisches US-amerikanisches Thema, Gerichtsverhandlungen. Theo Boone ist 13 Jahre alt, lebt in der fiktiven Kleinstadt Strattenburg, beide Elternteile sind Anwälte und Theo ist fasziniert vom Rechtswesen. Wie in vielen Kinderbüchern ist er ein Supertyp: tolle Noten in der Schule, umfassende Kenntnisse über Gesetze und Gerichtsverfahren.

In diesem ersten Theo Boone-Roman wird ein Peter Duffy angeklagt, seine Frau ermordet zu haben. Die Anklage hat aber nur Indizien wie Geldprobleme und eine Lebensversicherung in der Höhe von einer Million USD sowie Ehekrisen. Die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs ist hoch. Ein Schulkollege jedoch kennt mit seinem Cousin einen Zeugen, der Duffy zur Tatzeit beobachtet hat, wie er sein Haus betreten und kurze Zeit später hastig wieder verlassen hat. Die getragenen Golfhandschuhe hat er in einen Müllkübel geworfen, der Zeuge nimmt diese an sich. Problem: Der Zeuge ist Illegaler aus El Salvador, der schwarz auf dem Golfplatz arbeitet, der sich neben dem Haus der Duffys befindet.

Theo, der mit dem verhandelnden Strafrichter befreundet ist, gelingt es, eine Art Deal zu erreichen. Bei Aussage wird kein Abschiebeverfahren eingeleitet und der Zeuge erhält die Möglichkeit, eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Das Strafverfahren selbst wird wegen einer neuen Informationslage ausgesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt neu angesetzt werden.

So richtig spannend ist der Text nicht, die Rechtsdiskussionen sind manchmal doch langatmig. Nicht nachvollziehbar ist, warum der Gerichtsdiener Omar Cheepe (sehr unsympathisch gezeichnet) und ein ihm unterstellter Paco sehr angebissen sind, dass das Verfahren verschoben wird und Duffy vermutlich des Mordes überführt werden wird.


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09.03.2026 um 23:59
Stefanie Höfler - Feuerwanzen lügen nicht

Hoefler-Feuerwanzen

In diesem 2022 veröffentlichten Jugendbuch thematisiert Stefanie Höfler Armut in einer hochentwickelten Gesellschaft (Deutschland). Die 14-Jährigen Nityananda (Nits) und Mischa sind Freunde, Ersterer ist hyperaktiv und auch nicht der beste in der Schule, Zweiterer hochbegabt und immer mit gebügeltem weißen Hemd an der Schule. Sie kennen sich seit der Grundschule und haben noch immer ein Kleinkindhobby: Von einer Brücke auf Autos spucken. Auch wenn Mischa oft bei der Familie von Nits zu Gast war, weiß Nits jedoch nicht viel von seinem Freund, außer dass sein Vater wie ein cooler Rocker aussieht und artistisch sehr begabt ist und seine Mutter im Urwald die Tierwelt erforscht.

Doch Nits kommt langsam etwas eigenartig vor: Mischa kann nicht schwimmen gehen, da seine Badehose Löcher habe, auch sind seine Schuhe wie sein Schulrucksack in einem sehr erbärmlichen Zustand. Als Nits doch mal in die Wohnung Mischas kommt ist er schockiert: Es gibt fast keine Möbel und der Zustand ist erbärmlich. Es stellt sich heraus, dass Mischas Vater nur Gelegenheitsarbeiten nachgeht, meist bei der städtischen Müllabfuhr. Das Jugendamt beobachtet die Familie, ob die beiden Kinder (Mischa und seine kleine Schwester Amy) auch wirklich angemessen versorgt sind.

Dass Mischa Jahre lang gelogen hat, um die Armut zu verbergen, und auch an der Schule ein gefälschtes Allergieattest vorlegt, um nicht schwimmen gehen zu müssen (kein Geld für eine Badehose), wurmt ihn extrem.

Skurril wird es, als Mischas Vater verschwindet und die Kinder beobachten, wie er an einem Teich von zwei zwielichtigen Gestalten attackiert wird und diese sogar in Mischas Wohnung einbrechen. Anscheinend schuldet er ihnen Geld. In Kinderdetektiv-Manier gehen die drei Kinder (Nits, Mischa und Amy) den Typen nach und gleich ums Eck ist in einem Hinterhof deren "Hauptquartier". Dort ist aber Mischas Vater nicht, sondern er wird von einem legasthenen Dönerbudenbesitzer in der "kleinsten Dönerbude Deutschlands" versteckt.

Die Rettung: Nits Bruder Ole ist fanatischer Sportler, der jedoch alle paar Wochen die Sportart wechselt, und so verhökert Mischa als 14-Jähriger auf E-Bay Teile der Sportausrüstungen, die Ole aussortiert hat - und Nits selbst lügt auf E-Bay auch, er gibt sich als Über-Achtzehnjähriger aus. Absolut unglaubwürdig ist, dass der Klassenlehrer Nits' von ihm eine Kletterausrüstung kauft, nachdem dieser ihm versichert hat, dass sein Bruder und seine Eltern dies eh wüssten (nächste Lüge). Ein privater Geschäftskontakt zwischen Schülern und Lehrern dürfte wohl auch in Deutschland ein No-Go sein.

Gutes Ende: Auch vor der Polizei und dem Jugendamt geht alles in Ordnung, weil nicht mehr gelogen wird. Mischas Vater hat gestohlene Sportausrüstungen für eine Diebesbande verhökert und Teile des Erlöses für sich behalten, um den Kindern neue Schuhe und anderes zu kaufen. Strafe gibt es keine. Die Diebsbande wird wohl verhaftet werden können, weil die Kinder ihren Stützpunkt entdeckt haben.

Idylle am Schluss: Beide Familien essen bei Mischa zu Abend, Nits Vater repariert einen tropfenden Wasserhahn. Und die letzte Lüge purzelt: Mischas Mutter ist keine Biologin, sie ist einfach abgehaut.

Titel: Eine Feuerwanze klettert über Schuhe, anstatt sie zu umlaufen. Die Lehre liegt auf der Hand: Schwierigkeiten sollen überwunden und nicht umgangen werden.

Nochwas zur Sprache: Nits reimt gerne, nur sollte die Autorin das zumindest auch auf einem gewissen Niveau können, wenn sie reimt. Die Kapiteleingangsreime sind nicht immer geglückt.

Fazit: Pädagogischer Holzhammerroman mit zum Teil sehr an den Haaren herbeigezogenen Plottwists. Overrated (nominiert für den deutschen Jugendbuchpreis).


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11.03.2026 um 12:11
Igor Eidman - Das System Putin


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Das Buch ist 2016 erschienen, also bereits nach der Annexion der Krim.

Igor Eidman ist russischer Soziologe, Meinungsforscher, Journalist, Oppositioneller , Neffe der ermordeten Oppositionsführers Nemzow, und lebt zur Zeit im Ausland.

Das Buch enthält viele gute Stellen, und zeugt von guter soziologischer Kenntnis der russischen Gesellschaft.

So bringt Eidman beim Putinregime die Theorie der "Negativen Konvergenz" ins Spiel. Die Konvergenztheorie war in den 70ern populär, einige Oppositionelle und Philosophen waren der Meinung, zukünftig könnte eine Gesellschaftsform entstehen, die die besten Eigenschaften des Kapitalismus und Kommunismus vereint.
Gleichzeitig gab es als Gegenentwurf die Theorie von der Negativen Konvergenz, die Vereinigung der schlechtesten Eigenschaften vom Kapitalismus und Kommunismus, die Negative Konvergenz sieht Eidman in Russland beim Putinismus aber auch schon unter Jelzin erfüllt. Im postkommunistischen Russland verschmolz ein autoritärer, kleptokratischer Bürokratismus mit einem kriminellen Kapitalismus.

Eidman vergleicht das russische System mit der Herrschaft der Molche in Capeks berühmten SciFi-Roman "Der Krieg mit den Molchen".
In dem Roman werden die Molche zivilisiert, damit sie für die Menschen arbeiten können. Im Endeffekt versuchen dann die Molche die Weltherrschaft an sich zu reißen. Genauso sieht das Eidman in Russland, wo der Westen versuchte, nach dem Fall des Kommunismus Russland zu zivilisieren und für sich nützlich zu machen, nun will aber Russland den Westen erobern.
Wikipedia: Der Krieg mit den Molchen

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11.03.2026 um 20:47
Zitat von parabolparabol schrieb:Igor Eidman - Das System Putin
Dies klingt sehr interessant, aber es ist leider vergriffen. Die These der Negativen Konvergenz passt aber sowas auf Putin, der in Petersburg mächtig geworden ist, weil er als Verantwortlicher für den Handel Troikas (Gorbatschow-Gesetz) durch Lizenzierung ermöglichte, unglaublich viel billiges Erdöl zu Weltmarktpreisen zu verhökern. Die vertraglich zugesicherten Lebensmittel kamen nie zurück, die Einnahmen versickerten auf den Seychellen oder so und die Troikas konnten die lächerliche Pönale von fünf Prozent oder so locker bezahlen. Und Putin ließ sich wohl fürstlich für seinen "Staatsdienst" bezahlen.


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11.03.2026 um 23:24
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Dies klingt sehr interessant, aber es ist leider vergriffen. Die These der Negativen Konvergenz passt aber sowas auf Putin, der in Petersburg mächtig geworden ist, weil er als Verantwortlicher für den Handel Troikas (Gorbatschow-Gesetz) durch Lizenzierung ermöglichte, unglaublich viel billiges Erdöl zu Weltmarktpreisen zu verhökern.
Das Buch gibts noch auf amazon.
https://www.amazon.de/Das-System-Putin-steuert-russische/dp/3453280830/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=EJOIRUM4IR0H&dib=eyJ2IjoiMSJ9.MSbdnwxdZsFC7HRzt22aEL-fNfSq-9_WB0Gb7F4eOUap54P-99LYtNucq2zpQkOl5FzOVtNzv2MLwdTTOtQDi7jHwVklAxhXyXWqmxtRJVht3QNm3U1BetxJ8q4SBnyC43N7llcISgwrYAJiklenHjjk5AbcPgmaF7WDxMIUwSk6mdwtdDCfoaSt8-7Q2E1DzcKjLR8MJgofqqAcq9QXuH3OdVrznJcH3nZU1jmfB8k.XAJ8b3R2DkiOoK_hY1G3w9iI0kU7yQTbup1qxW6e4-c&dib_tag=se&keywords=igor+eidman&qid=1773266954&sprefix=igor+eidman%2Caps%2C117&sr=8-1

Mir ist schon vorher aufgefallen, dass das Purinregime ein "worst of" von verschiedenen politischen Systemen ist, aber ich wusste nicht, dass es dazu eine eigene soziologische Theorie gibt
Negative Konvergenz:
Ein Vergleich des Autoritarismus in China und Russland
Die Autokratieforschung hat in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung erlebt. Dies ist maßgeblich auf die Entwicklungen in Russland und China zurückzuführen...
https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2023/7-9/negative-konvergenz/english


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13.03.2026 um 07:48
Hörbuch:

Gestern ist "Die Känguru-Rebellion" erschienen.

Bin lachend eingeschlafen (...🤔wie eigentlich???)!

Erster Eindruck:

Viel Schönes dabei!
😄


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13.03.2026 um 17:58
Caroline Wahl - Die Assistentin

Wahl-Assistentin

Letztes Jahr hat dieses Buch einen Aufruhr unter den Kritikern hervorgerufen, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Es handelt von einer Berufseinsteigerin, die ohne Qualifikation gleich hoch hinaus will, jedoch von einem wirren Chef ausgenutzt wird.

Charlotte Scharf (Geburtsjahr 1996) hat einen Masterabschluss (worin, bleibt offen) und bewirbt sich bei einem Münchner Verlagshaus als erste Assistentin (Chefsekretärin). Etwas enttäuscht ist sie, dass sie nur zweite Assistentin wird, aber die ihr Vorgezogene rafft den Job - wie viele vor ihr - eh nicht und Charlotte steigt auf, zerbricht aber an den wirren Arbeitsaufträgen (Vermischung von Geschäftlichem und Privatem) wie auch an den erratischen Belobigungs- und Tadelrückmeldungen. Privat läuft es auch nicht so gut, eine Beziehung zu dem Nordfriesen Bo zerbricht zunächst mal und schließlich kapituliert sie nach einer herzinfarktähnlichen Panikattacke. Die Stresssymptome davor hat sie ignoriert (Haarausfall, Ohrensurren, Schwindel, Augenzucken, Stressfraktur am Schienbein).

Der Tagesablauf: Charlotte steht um 5:30 auf, geht laufen, frühstückt und fährt in den Verlag, den sie nie vor 19 Uhr verlässt, und auch danach kontaktiert der Chef sie sehr oft, um für ihn etwas zu erledigen. Auch das Wochenende ist nicht tabu.
Charlotte hat mal gehört, dass Tod durch Überarbeitung auf Japanisch «Karōshi» heißt, und irgendwie fand sie das spannend. Meist sterben die Opfer infolge chronischer Erschöpfung an Hirn- oder Herzschlag. In den Jahren von 2010 bis 2014 wurden durchschnittlich offiziell rund 300 Karōshi-Fälle anerkannt. Heutzutage gehen Experten von einem Vielfachen aus. Laut einer Studie lassen 23 % der befragten japanischen Unternehmen 80 Überstunden im Monat zu. Charlotte sammelte im November 69 Überstunden, sie kann sich schon vorstellen, dass das Herz bei noch einmal elf Stunden mehr zu schlagen aufgehört hätte.
Nach Anraten ihrer Ärztin ("Sie gehen da nie wieder hin.") kündigt Charlotte.

Dennoch ein Happy-End: In ihrer Freizeit schreibt sie Songs und teilt sie auf Instagram. Einer geht viral und sie erhält einen gutdotierten Plattenvertrag. Sie zieht in den Norden, lebt endlich an ihrem geliebten Meer und mit Bo passt es auch wieder.

Interessant ist der distanzierte Erzählstil einer auktorialen Erzählfigur, der mit Reflexionen, Vorausblenden und Wiederholungen etwas an den Brecht'sche Verfremdungseffekt erinnert: Es soll nachgedacht und nicht identifiziert werden. Charlotte bietet mit ihrem unterwürfigen Ehrgeiz auch mehr Nachdenk- als Identifikationspunkte.

Neben diesem Ehrgeiz wird auch die Frage aufgeworfen, ob man sich Berufsempfehlungen der Eltern unterwerfen soll. Nach dem Master wollen die Eltern kein zweites Studium (Wunsch: Popakademie) mehr bezahlen und sie drängen stark darauf, dass sie in dem Verlag groß einsteigen soll. Schon zu Beginn des Romans fällt mehrfach der auktoriale Kommentar "Fehlentscheidung".

Das Verlagswesen wird am Rande gestreift. Der Verleger (ausgezahlter Erbe aus einer Süßwarendynastie) scheint den Verlag an die Wand zu fahren, die Fluktuation im Betrieb ist hoch, er scheint gestresst zu sein. Die Organisationsaufträge an Charlotte sind offenbar eher privater Natur (Reisen, Geburtstagsgrüße, Servieren von Mittagessen). Hinzu kommt eine fast krankhafte Pedanterie. Mit Charlottes Ausstieg ist auch der Verlag aus dem Roman verschwunden.


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13.03.2026 um 18:00
"Die Känguru-Revolution" von Marc Dieter Kling (muhuhuhaha)

Gestern erschienen.


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15.03.2026 um 11:39
Yo, die "Känguru-Rebellion".

Sehr direkt politisch dieses mal, fiktive Parteien und Politiker a la Dwigs finden nicht statt.

Böswillig könnte man von "belehrend" reden- ich finde es notwendig.

Dieses Buch fasst die augenblickliche Misere kompakt zusammen und bietet (das finde ich wichtig) realistische Alternativen an.


Das Känguru hat die Samthandschuhe aus und die Boxhandschuhe angezogen.

Gottseidank ist das größtenteils immer noch verdammt witzig
(Stichwort: Jesus und die Apostel).


Wird evtl. nicht jedem Känguru-Fan zusagen - ich denke, das muss so.

Korrektur:
Mit Herrn Schmulmann von der CDU gibt es doch einen fiktiven Politiker.😁


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18.03.2026 um 11:14
Zitat von KFBKFB schrieb am 26.02.2026:Jurassic Park
Sehr cool. Hab ich als Hörbuch gehört, gelesen von Oliver Rohrbeck. Schwer mit dem Film vergleichbar, da viel ernster und düsterer.


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18.03.2026 um 11:22
@abberline
Das eine ist halt ein Thriller mit graphischen Elementen für ein erwachsenes Publikum und das andere ein Sommer Blockbuster, ich mag trotzdem beides


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18.03.2026 um 11:52
@KFB
Auf jeden Fall. Ersteres ist halt die ernstere Variante, der Film macht hingegen einfach Spaß


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20.03.2026 um 17:14
Tanja Paar - Am Semmering

Paar-Semmering

2025 hat die österreichische Schriftstellerin Tanja Paar anhand der Lebensgeschichte ihrer Großeltern die Zeit der Wirtschaftskrise, des Austrofaschismus und der nationalsozialistischen Annexion aufleben lassen. Die Protagonist:innen sind:

  • Klara - junge Frau, hadert mit Kinderlosigkeit, Frau von Bertl
  • Bertl - Eisenbahner, Sozialist, Mann von Klara
  • Anton Szabo - Pensionsdirektor, Offizierssohn aus Triest, rückschauender Erzähler
  • Fritz - Spross einer ehemaligen Grafenfamiie, Sozialist


Die Erzählung umspannt chronologisch die Jahre von 1928 bis 1945, wobei Anton Szabo immer wieder Einsprengsel erhält, in denen er aus Nachkriegsperspektive den Häuserkampf am Semmering (April 1945) zwischen der Roten Armee und den bewaffneten Rest-Nazis schildert.

Klara ist tschechischer Abstammung und zieht 1928 mit ihrem Mann von Wien nach Semmering, da er dort eine Fahrdienstleiterstelle erhält. Sie wohnen im Bahnwärterhäuschen mit Garten und beginnen sich in dem sozial sehr durchwachsenen Sommerfrischeort einzuleben. Zu ihrem Glück fehlt eigentlich nur ein Kind, das nicht gelingen will, worunter sie leidet und auch dem Spott böswilliger Einwohner ausgesetzt ist. Beide sind kontaktfreudig und eine engere Beziehung bauen sie mit dem ehemaligen Adelsspross Fritz auf, der wie Bertl Sozialist ist und mit ihm eine Leidenschaft für Motorräder teilt (Unterschied: Fritz kann sich ein Motorrad und ein Auto leisten). Der Vierte im Bunde ist Anton Szabo, der Direktor einer Ferienpension, der aus einer Offiziersfamilie stammt und in Triest aufgewachsen ist. Klara baut weiters engere Beziehungen zu Rahel, einer Dienstbotin und Köchin aus jüdischer Familie, und der italienischstämmigen Postangestellten Negrelli auf.

Der erste Einbruch in die Idylle ist die beginnende Wirtschaftskrise mit steigender Arbeitslosigkeit und einer rasanten Geldentwertung. Bertl hat das Glück, dass er als Eisenbahner eine sichere Stelle hat, wodurch das wirtschaftliche Wohlergehen der beiden nicht in Gefahr gerät. Sie beobachten jedoch, dass die Heimwehrmitglieder (bewaffnete Faschistenverbände nach italienischem Vorbild) wie auch die österreichischen Nationalsozialisten immer aggressiver auftreten: Gegen die Reichen, die Hotels wie den Panhans besuchen, wie auch gegen jüdische Menschen.

Mit der Ausschaltung des Parlaments 1933 und nach dem Bürgerkrieg sowie der Ausrufung einer faschistischen Dikatur 1934 schraubt Bertl seine politische Aktivität zurück, die Sozialdemokraten wie die Nationalsozialisten sind verboten. Der Grund: Er möchte seine Arbeitssstelle erhalten und nicht arbeitslos oder gar ausgesteuert sein. Fritz wird in Wien - wie viele Sozialisten - ohne Anklage verhaftet und in das Anhaltelager Wöllersdorf gesteckt, wo er physisch wie psychisch gebrochen wird. Szabo:
So ein Anhaltelager war kein KZ, das haben sich erst die Nationalsozialisten einfallen lassen, als sie an der Macht waren. Aber ein Lager war es trotzdem. Willkür und Ungerechtigkeit. Weil es ging ja um die Internierung politisch Missliebiger unabhängig davon, ob sie sich eines Deliktes schuldig gemacht hatten oder nicht. Sie wurden im Sammellager angehalten ganz ohne Prozess oder Urteil. So einfach ging das im Austrofaschismus.

Eigentlich ein Wunder, dass unser Fritz das überlebt hat. Nach dem Juliputsch sind Tausende dort eingesessen, sicher mehr Nazis als Sozis und Kommunisten. Da hat er es nicht leicht gehabt, war ja ein recht verwöhntes Bürschchen, unser Herr Ex-Baron. Zum Glück gab es im Anhaltelager Wöllersdorf auch eine Marodenstation und da haben sie ihn wieder aufgepäppelt, als er zu schwach wurde. Hungern musste da ja keiner, aber hunderte Betten in einer Baracke, umgeben von Stacheldraht, das war er nicht gewohnt. Und nicht zu wissen, ob und wann er da wieder rauskommt, eine schreckliche Belastung. Also Depression. Und die, die nicht mittellos waren, mussten sogar für ihren Aufenthalt zahlen, also wahrscheinlich er auch. ...

Es war, als hätten sie ihm in Wöllersdorf den Lebensmut genommen. Nicht einmal an seiner Beiwagenmaschine herumschrauben wollte er mehr. Er hat sie dann dem Bertl geschenkt. Aber sie ist von den Faschisten konfisziert worden, direkt aus Fritzens Garage heraus, so schnell hat der Bertl gar nicht schauen können.

Der Fritz, der uns immer die lustigsten Geschichten von seinen Wiener Eroberungen erzählt hatte, verhielt sich, als hätten sie ihm die Luft ausgelassen. Obwohl er im Lager hatte rauchen dürfen, gewöhnte er sich die Zigarren danach ab. Zu groß war seine Angst vor einem möglichen Lager, in dem er nicht mehr hätte rauchen können. Dabei hatten sie sich tagsüber auf dem Gelände frei bewegen dürfen und keine Zwangsarbeit verrichten müssen: Die Ungewissheit und die Willkür hatten ihn gebrochen.
Fritz' Spur verliert sich während der nationalsozialistischen Herrschaft, nachdem es ihm nicht gelungen ist, Ausreispapiere zu erhalten, um die er sich bemüht hat.

Schließlich wird Klara schwanger und eine Tochter kommt zur Welt. Bertl setzt alles dran, seine Arbeitsstelle als kriegswichtig nicht zu verlieren, denn als junger Familienvater (obwohl vermutlich Anton Szabo der leibliche Vater ist) hat er null Interesse, zum Fronteinsatz einberufen zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Sozialisten (schon während der Illegalität im Austrofaschismus) tritt er jedoch nicht der NSDAP bei. Dennoch wird er während des Kriegs nach Mürzzuschlag, einem Eisenbahnknotenpunkt in der industrialisierten Obersteiermark, befördert - vermutlich auch, da dieser Einsatzort mit höherer Wahrscheinlichkeit Ziel eines alliierten Bombenangriffs sein würde. Die letzte Stufe Bertls ist eine Degradierung zum Lokomotivendienst. Nun besteht auch die Gefahr, Ziel eines direkten Angriffs zu werden.

Klara geht währenddessen unwillig mit dem Kind zurück nach Semmering, da Bertl annimmt, sie seien dort sicherer, und so gerät sie zu Kriegsende zwischen die Fronten des Häuserkampfs, den sie jedoch mit ihrem Kind überleben kann. Damit endet diese Erzählung.

Neben dem verschollenen Fritz und einer Hoteliersfrau (im Häuserkampf von einem Querschläger getroffen) ist das unsichtbare Opfer Rahel, die nach Wien zurückgegangen und deportiert worden ist. Anton Szabo macht sich bittere Vorwürfe, dass er vor der absehbaren Machtübernahme der Nazis nicht stärker gedrängt hat, dass Rahel ihn heiratet. Einen Antrag hat sie abgelehnt. Mit einem nichtjüdischen Ehemann wären ihre Überlebenschancen größer gewesen.

Fazit: Vor allem wenn man die österreichischen Verhältnisse und den Semmering kennt, ist dieser Roman mit großem Gewinn zu lesen. Tanja Paar gelingt es, ihre Figuren, deren Denken und Gefühle, auf sympathische Weise nahezubringen. Paar kann widersprüchlich Charaktere überzeugend zeichnen.


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20.03.2026 um 22:43
Das geheime Leben der Bäume.
Peter Wohlleben.

Interessante Struktur, ganz okay.
Spiegel Bestseller? Hätte man mehr lesen können.


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21.03.2026 um 13:46
Irmgard Keun - Nach Mitternacht

Keun-Mitternacht

Irmgard Keun hat diesen Roman nach ihrer Flucht aus Deutschland 1936 zu schreiben begonnen und 1937 in den Niederlanden veröffentlicht. In ihm setzt sie sich mit ihren Erfahrungen mit dem NS-Regime auseinandern, indem sie eine kleine Gruppe von Personen in Frankfurt zur Zeit von einer Hitlerrede am Frankfurter Opernplatz zur Wiedereinrichtung der Wehrmacht (real hielt Hitler am 16. März in der Frankfurter Festhalle eine Rede) in einer Art Kammerspiel zusammenkommen lässt.

Erzählerin ist Sanna (Sonja Moder), ein Mädchen zwischen 16 und 19 (das Alter bleibt unbestimmt), die von Lappersheim an der Mosel zunächst zu ihrer Tante nach Köln zieht, doch die ist hantig und eine NS-Fanatikerin, außerdem verärgert, dass sie aufgrund eines Erbes Sanna aushalten muss, und so übersiedelt sie zu ihrem Stiefbruder Algin und dessen Frau Liska nach Frankfurt am Main, in deren Wohnung sie den Haushalt besorgt. Algin ist erfolgreicher Schriftsteller und Journalist. Widerwillig passt er seine Themen an den Wunsch der NS-Kulturpolitik an (viel Natur), weigert sich aber Hohelieder auf die Partei oder Hitler zu verfassen.
Der Sinn der Erdschollen besteht darin, daß die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen. ... Trotzdem er in seinen Geschichten jetzt tut, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein. ... Als der Algin berühmt wurde, wollte er sich was aufbauen. Jetzt leidet er unter seinem Aufbau, und er ist ihm eine Last, von der er nicht mehr loskommt. Weil die neue Regierung ein Buch vom Algin verboten hat, muß er sich eineinwandfrei benehmen beim Schreiben und verdient nicht mehr viel. ...

Algin ist gekommen. Blaß und dunkel sitzt er da, düstere Höhlen sind seine Augen, seine Hände liegen bleich auf dem Tisch. Wieder hat er einen Brief von der Reichsschrifttumskammer bekommen. Eine neue Säuberungsaktion unter den Schriftstellern soll stattfinden, bei der man Algin wahrscheinlich aussieben wird. Vielleicht würde es ihn retten, wenn er jetzt ein längeres Gedicht auf den Führer macht, was ihm bisher immer noch widerstrebte. Aber auch das kann ihm gefährlich werden. Denn vielleicht werden die nationalsozialistischen Schriftsteller böse, daß er wagt, den Führer anzudichten, ohne alter Kämpfer zu sein. Er darf auch nicht wagen, einen nationalsozialistischen Roman zu schreiben, weil ihm das nicht zukommt. Wenn er aber keinen nationalsozialistischen Roman schreibt, ist er unerwünscht. Er wird noch immer gern gelesen und gedruckt, das soll auch nicht sein.
Auch ihr Vater (Gastwirt) wird als einer beschrieben, der zwar nicht unbedingt Nationalsozialist ist, sich jedoch anpasst. Buch und Bild seines Sohns Algin entfernt er.
Das Buch vom Algin liegt nicht mehr auf dem Tisch neben der Theke, weil die Nationalsozialisten es auf eine schwarze Liste gesetzt haben. Es ist nämlich zersetzend und vergeht sich an dem elementaren Aufbauwillen des Dritten Reiches. Das hat die nationalsozialistische Zeitung in Koblenz geschrieben. Mein Vater war zuerst nicht Nationalsozialist, aber er war für einen elementaren Aufbauwillen.
Der Freundeskreis, zu dem Sanna stößt, ist bunt gemischt, darunter auch jüdische Menschen. Die Nürnberger Gesetze haben deren Lage verschärft und eigentlich ist es auch nicht mehr erwünscht, dass die gleichen Lokalitäten besucht werden.

Das Bedeutende an diesem authentischen Werk ist, dass die Schrecken (Krieg und Holocaust) noch nicht stattfinden, maximal erahnt werden können.
Der Führer riskiert alles. Durch ein Wort kann er Krieg machen morgen und uns alle tot. Wir alle ruhen in des Führers Hand.
Sannas Freundin Gerti liebt einen Jungen, der jetzt als "Halbjude" gilt, und will von ihm nicht ablassen.
Ich habe Gerti schon oft gesagt: »Mach dich nicht unglücklich, Gerti, und den Dieter dazu.« Der ist nämlich so etwas wie ein Mischling erster Klasse oder dritter Klasse – ich kann nicht klug aus diesen Benennungen werden. Jedenfalls darf die Gerti nichts mit ihm zu tun haben, weil doch Rassengesetze sind. Und wenn die Gerti auch nur einfach mit dem Dieter zusammensitzt in der Ecke von einem Café, und sie drücken sich mal die Hände, dann können sie gleich schwer bestraft werden wegen Erregung des Volksempfindens.
Und weiter über die Absurdität der Allmacht, welche die Nürnberger Gesetze zum Ausdruck bringen:
Es ist ja schon schwer, immer die Maßnahmen einer Behörde für das Geschäftsleben zu kennen – man weiß, daß ein Geschäftsleben sehr schwierig gestaltet ist –, und nun muß man auch noch alle Bestimmungen für die Liebe kennen, das ist bestimmt nicht leicht. Man kann entmannt werden oder ins Gefängnis kommen, ehe man sich’s versieht, das ist nicht angenehm. Es soll ja Liebe geben, und man soll als deutsche Frau auch Kinder kriegen, aber dazu ist doch immer ein Vorgang mit Gefühl nötig. Und bei diesem Vorgang dürfen gesetzlich keine Fehler gemacht werden. Das Sicherste ist vielleicht doch: man liebt überhaupt nicht. Solange das gestattet ist.
Gerti wird von einem SA-Mann gestalkt und ihre Familie würde eine Beziehung mit ihm für gut heißen, doch sie pfeift darauf und ärgert ihn, wo sie nur kann. So zum Beispiel in einer Bierkneipe, in der er sich an sie heranmacht.
Gern würde ich in Ruhe mein Glas Bier trinken, aber wenn ich das Wort Weltanschauung höre, weiß ich ja, daß Krach kommt. Die Gerti sollte es lassen, einen SA-Mann zu reizen, indem sie sagt: die Reichswehrleute haben schönere Uniformen und sehen auch sonst schöner aus – und wenn es schon einer von militärischer Rasse sein müsse, dann habe sie lieber einen von der Reichswehr. Natürlich flattern solche Worte wie rasende Hornissen um einen Kurt Pielmann und stechen ihn bis ins Innerste – und wenn er nicht sofort daran stirbt, wird er eben gemein. Man weiß doch Bescheid. ... Und Gerti sollte dem Pielmann nachher sagen, sie habe vollkommen kalt und mit Empörung die Einladung eines SS-Mannes zurückgewiesen – etwas Besseres gibt es gar nicht, um einen SA-Mann zu versöhnen, weil er unter der Überlegenheit der SS leidet, die für die Allgemeinheit als engste Garde des Führers für was Feineres gilt. Das Allerfeinste und Höchste ist jetzt die Reichswehr, so daß darunter auch wieder die SS leiden muß.
Aufgrund der Entstehungszeit ist es Keun auch noch möglich, aus der Sicht der scheinbar naiven Ich-Erzählerin Witze über Hitler zu reißen. So zum Beispiel über die Menschenmenge, die zu Hitlers Rede zusammenläuft.
Vielleicht hat der Führer später gedacht, das Volk sei zusammengeströmt aus Liebe zu ihm. Aber als Führer wird er zu klug sein, um das zu glauben. Zum Karnevalszug in Köln kommen noch tausendmal mehr Menschen und sitzen auf Laternen und höchsten Dächern und brechen Arme und Beine und alles – es ist ihnen egal. Weil es ihnen nämlich nur ein Sport ist und Stolz: einen Platz zu haben, von dem aus sie was sehen konnten, und um glauben und sagen zu können, sie seien dabeigewesen. Feine Leute wollen ja auch immer bei was Feinem dabeigewesen sein – so bei Pressebällen und neuen Theaterstücken. Aber weil sie dafür viel Geld zahlen müssen, ist das Gedränge da meistens nicht so gefährlich wie bei den furchtbar vielen Volksmassen, die ja kein Geld haben und immer nur hinkönnen, wo es nichts kostet. ... Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand. ... Andrerseits waren Damen in unserem Balkon, die freuten sich sehr, daß sie so einen General Blomberg erkennen konnten und Göring, weil der so was Rotes an seiner Jacke hatte – man weiß ja von Fotografien her, daß er immer gern aparte Kostüme trägt. Trotzdem er doch eigentlich jetzt schon so bekannt ist, daß er durch besondere Kleidung nicht mehr auffallen braucht.
Auch über die materielle Kluft zwischen NS-Bonzen und Bevölkerung schreibt Keun. Szene: Ankunft des Autokonvois mit Hitler. Franz ist Sannas Geliebter, der im Mosel-Ort geblieben ist.
Dann glitten auf einmal Autos über die Straße – so weich und eilig wie fliegende Daunenfedern. Und so schön! Nie in meinem Leben habe ich so wunderbare Autos gesehen. Und so viele Autos kamen, so viele! Alle Gauleiter und zugehörigen hohen Parteimänner fuhren in solchen Autos, es war herrlich. Die sind sicherlich alle furchtbar reich. Denn wenn ich an den Franz denke und mir ausmale, er würde noch hundert Jahre leben und von morgens bis abends arbeiten – wenn er immer Arbeit hätte – und würde hundert Jahre nichts trinken und kein bißchen rauchen und nichts tun als sparen, sparen, sparen – dann könnte er sich in hundert Jahren noch immer nicht so ein Auto kaufen. In tausend Jahren vielleicht. Aber welcher Mensch wird denn tausend Jahre alt.
Und über die "Leistungen", die Hitler und seine Komparsen erbringen, mit denen sie ihr Geld verdienen:
So ein Göring muß sicher dauernd nachdenken, um einem Volk immer Neuigkeiten vorführen zu können. Und dabei müssen diese Männer auch noch immer Zeit zum Regieren finden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie das alles schaffen. Der Führer gibt doch schon allein fast sein ganzes Leben hin, für sein Volk fotografiert zu werden. Man stelle sich nur so eine ungeheure Leistung vor: ununterbrochen sich fotografieren zu lassen mit Kindern und Lieblingshunden, im Freien und in Zimmern – immerzu. Und außerdem ständig mit Flugzeugen zu fahren und in langen Wagneropern sitzen, weil das deutsche Kunst ist, für die er sich auch opfert.

Berühmtheit fordert immer Opfer, das habe ich mal in einem Artikel über Marlene Dietrich gelesen. Es heißt ja immer, der Führer würde nur Radieschen essen und Schwarzbrot mit Klatschkäse. Das ist auch ein Opfer für den Ruhm. ... Ich könnte mir denken, daß unserem Führer daran liegt, eine besonders schöne schlanke Figur zu haben, da er doch immerzu fotografiert und in Wochenschauen und Reichsparteitagfilmen vorgeführt wird. Er möchte vielleicht auch einen Gegensatz bilden zu Göring und dem Minister Ley und vielen Bürgermeistern und Ministern, die wirklich alle auffallend zugenommen haben. Das kann man ja täglich an ihren Bildern in den Illustrierten erkennen.
Selbst Verschwörungserzählungen finden Platz. So erzählt in einer Bierkneipe ein Stürmer-Kolporteur:
Der Stürmermann hat Neues über Juden und Freimaurer herausgefunden, und zwar daß die Fünf- und Zehnpfennigstücke in einem furchtbaren Zusammenhang mit dem Judentum stehen und dadurch mit den Freimaurern. Die Kornähren auf der Rückseite der Geldstücke bilden nämlich mit ihren Stengeln eine Art von Davidstern.
Und weiter:
Ich habe jetzt diese Rute herausgeforscht, um die Juden zu erkennen. Man erkennt nämlich die Juden nicht immer. Der Stürmer schreibt, daß sie die Kinder des Teufels wären. Der Teufel hat furchtbar viel Gestalten, die er annimmt. Aber ich entlarve ihn mit meiner Rute. Es gibt solche Juden, die nicht aussehen, als wären sie Juden – und es gibt Christen, die nicht aussehen, als wären sie Christen. Ich entlarve sie alle mit meiner Rute. Ich halte sie in der Hand und gehe mit ihr in Straßenbahnen und gehe mit ihr auf der Straße. Ich rühre mit der Rute an die Rücken der Menschen, und wenn meine Rute ausschlägt, ist es ein Jude.«
Das Fett weg bekommen auch englische Journalisten, die durch Deutschland touren und bei dem Wohnungsfest Liskas und Algins, welches den letzten Frankfurter Teil bildet, anwesend sind. Diese sind begeistert über die Entwicklung, die Deutschland genommen habe.
»Wie glücklich doch das deutsche Volk geworden ist«, sagt der alte, rosa gebadete Engländer und: »gleich fährt unser Zug, gleich müssen wir aufbrechen, leider«.
Beklemmend sind die Passagen, in denen die Denunziationsfreudigkeit großer Teile der Bevölkerung im Gestapo-Hauptquartier thematisiert wird.
Und immer mehr Menschen strömen herbei, das Gestapo-Zimmer scheint die reinste Wallfahrtstätte. Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern, alles wird zu Protokoll genommen, alle Anzeigenden werden gut und freundlich behandelt. Zwischendurch kommen Mütter, deren Söhne verschwunden sind, Frauen, deren Männer verschwunden sind, Schwestern, deren Brüder verschwunden sind, Kinder, deren Eltern verschwunden sind, Freunde, deren Freunde verschwunden sind. Diese Fragenden werden nicht so gut und freundlich behandelt wie die Anzeigenden. ...

Wir leben nun mal in der Zeit der großen deutschen Denunziantenbewegung. Jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen. Der Versuchung, diese Macht auszuüben, können nur wenige widerstehen. Die edelsten Instinkte des deutschen Volkes sind geweckt und werden sorgsam gepflegt.
Die Wende bildet das bereits oben genannte Wohnungsfest. Der Journalist Heini (vermutlich Tucholsky nachgestaltet) sieht sein Lebenswerk für abgeschlossen, es gäbe nichts mehr zu schreiben, Emigration sei keine Alternative. Heini:
Man kann weder hier noch im Ausland ein geistreicher und witziger Journalist sein, wenn einem ewig die Schreie aus den deutschen Konzentrationslagern in den Ohren gellen. ... Ein bluttriefendes Riesenrad, dreht Deutschland sich um sich selbst, weiter, immer weiter durch die nächsten Jahrzehnte – beinahe gleichgültig, welche Stelle des Rades gerade oben, welche unten ist. ... Armer Emigrant. Glatt und hart umschalt wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.
Nach seinem Monolog nimmt er eine Pistole aus seiner Tasche und erschießt sich.

Auch kommt überraschenderweise Sannas Freund Franz zu diesem Fest und seine ersten Worte sind: "Ich habe ihn umgebracht." Franz hat all sein Geld gespart, um mit Sanna ein Tabakgeschäft zu eröffnen. Er hat ein Lokal gefunden und gekauft, doch ein Konkurrent ein paar Straßen weiter hat ihn als Kommunisten denunziert. Als er ohne Angaben von Gründen nach drei Monaten entlassen worden ist, waren das Geschäftslokal und deren ersten Waren zerstört. Franz erwürgt diesen Konkurrenten und ist auf der Flucht. Beide beschließen, noch in derselben Nacht mit dem Zug in die Niederlande zu fahren. Sanna packt, versteckt noch 100 Reichsmark in einer Zahnpastentube (10 RM soll die Obergrenze sein, die ausgeführt werden darf) und stiehlt Algins Pass für Franz.

Beide passieren die deutsch-niederländische Grenze ohne Komplikationen.
Der Zug fährt wieder, mein Hundertmarkschein fährt, Franz fährt, alles fährt mit, nur die Angst fährt nicht mehr mit. Das war die Grenze.
Definitive Leseempfehlung.


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22.03.2026 um 12:27
Anne Frank - Tagebuch

Frank-Tagebuch

Dieses berühmte Tagebuch umfasst den Zeitraum von 12. Juni 1942 (13. Geburtstag) bis 1. August 1944 (am 4. August wurden die Untergetauchten von der Gestapo aufgegriffen). Der erzählerische Trick, den Anne anwendet, ist der Name Kitty für das Tagebuch, damit schreibt sie fiktive Briefe und keine an sich selbst gerichteten Reflexionen. Damit lässt sich der ausgereifte Stil erklären. Diese junge Frau war ein riesiges Schreibtalent, das Einblick nicht nur in die enge Welt von Versteckten, sondern auch in die Gefühlswelt eines pubertierenden Mädchens bietet.

Editorische Anmerkung: Es existieren drei Versionen des Tagebuchs: 1. die ursprüngliche Rohfassung, 2. eine von Anne Frank selbst überarbeitete Version, 3. eine von ihrem Vater nach dem Krieg redigierte Version. Über die beiden Versionen von Anne ist in der WELT nachzulesen.

Bis zum 6. Juli 1942, dem Tag der Übersiedlung ins Versteck, können wir noch über die letzten relativ freien Tage erfahren, und Anne reflektiert, wie eingeschränkt das Leben für jüdische Menschen wegen der deutschen Besatzer bereits war, worauf sie verzichten musste und dass sie in ein Lyzeum nur für jüdische Kinder und Jugendliche abgeschoben war, das sie als 13-Jährige nur mit Glück und wegen ihrer hohen Intelligenz hat besuchen dürfen. Noch im Versteck zieht Anne, deren Berufstraum Journalistin war, ihre Bildung durch und wird von außen mit Büchern versorgt. Noch am 27. April 1944 schreibt sie über ihr Lese- und Lernpensum:
Im Augenblick lese ich »Kaiser Karl V.«, von einem Göttinger Universitätsprofessor geschrieben. Er hat vierzig Jahre an diesem Buch gearbeitet. In fünf Tagen habe ich fünfzig Seiten gelesen, mehr ist nicht möglich. Das Buch hat 598 Seiten, da kannst du dir ausrechnen, wie lange ich dazu brauchen werde. Und dann noch der zweite Band! Aber sehr interessant!

Was ein Schulmädchen an einem Tag nicht alles macht! Nimm mich mal! Erst habe ich ein Stück von Nelsons letzter Schlacht aus dem Niederländischen ins Englische übersetzt. Dann nahm ich die Fortsetzung des nordischen Krieges (1700–1721) durch. Peter der Große, Karl XII., August der Starke, Stanislaus Leczinsky, Mazeppa, Brandenburg, Vorder-Pommern, Hinter-Pommern und Dänemark, samt den dazugehörigen Jahreszahlen. Anschließend landete ich in Brasilien, las vom Bahia-Tabak, dem Überfluss an Kaffee, den anderthalb Millionen Einwohnern von Rio de Janeiro, von Pernambuco und São Paulo, den Amazonasfluss nicht zu vergessen. Von Negern, Mulatten, Mestizen, Weißen, mehr als 50 % Analphabeten und der Malaria. Da mir noch etwas Zeit blieb, nahm ich noch schnell einen Stammbaum durch: Jan der Alte, Wilhelm Ludwig, Ernst Casimir I., Heinrich Casimir I. bis zu der kleinen Margriet Franciska (geboren 1944 in Ottawa).

Zwölf Uhr: Auf dem Dachboden setzte ich meine Lernzeit fort mit Dekanen, Pfarrern, Pastoren, Päpsten und … Puh, bis ein Uhr.

Nach zwei Uhr saß das arme Kind schon wieder an der Arbeit, Schmal- und Breitnasenaffen waren dran. Kitty, sag schnell, wie viel Zehen ein Nilpferd hat! Dann folgte die Bibel, die Arche Noah, Sem, Ham und Japhet, danach Karl V. Dann mit Peter Englisch, »Der Oberst« von Thackeray. Französische Vokabeln abhören und dann den Mississippi mit dem Missouri vergleichen!
Am 11. Mai 1944:
Bis morgen muss ich den ersten Teil der Lebensgeschichte von Galileo Galilei auslesen, da das Buch zur Bibliothek zurück muss. Gestern habe ich damit angefangen, jetzt bin ich auf Seite 220. Es hat 320, also schaffe ich es. Nächste Woche muss ich »Palästina am Scheideweg« und den zweiten Teil von Galilei lesen. Außerdem habe ich den ersten Teil der Biographie von Kaiser Karl V. ausgelesen und muss dringend meine vielen Notizen und Hinweise auf die Stammbäume ausarbeiten. Und dann habe ich auch drei Seiten mit Fremdwörtern aus den verschiedenen Büchern herausgeholt, die alle eingeschrieben, aufgesagt und gelernt werden müssen. ... Dann warten Theseus, Ödipus, Peleus, Orpheus, Jason und Herkules auf ein gründliches Ordnen, da ihre verschiedenen Taten wie bunte Fäden in meinem Kopf durcheinander liegen. Auch Mykon und Phidias bedürfen dringend einer Behandlung, damit ihr Zusammenhang erhalten bleibt. Ebenso geht es z.B. mit dem Sieben- und dem Neunjährigen Krieg.
Anne kommt aus einem gebildeten und wohlhabenden Elternhaus, das 1933 aus seiner Welt gerissen wurde, als die Familie vor der NS-Diktatur aus Deutschland in die Niederlande floh. Der Vater konnte auch dort geschäftlich erfolgreich tätig sein, doch die deutsche Kriegsmaschinerie machte sie zum zweiten Mal zu Verfolgten und als Gestapo wie SS begannen, in den Niederlanden Jüd:innen aufzugreifen, zu internieren, zu deportieren, zog die Familie in das Hinterhaus des Firmenkontors und -lagers, das für insgesamt acht Personen ein Versteck bildete. Einige Eingeweihte versorgten die Untergetauchten, doch waren untertags auch Angestellte und Arbeitende im Gebäude, die von den Menschen im Hinterhaus nichts wussten und auch nichts wissen durften.

Mehrfach schildert Anne in ihrem Tagebuch, dass ins Gebäude eingebrochen wurde, um Wertvolles zu stehlen. Je länger Besatzung und Krieg andauerte, desto schlimmer war grundsätzlich die Versorgung in Amsterdam und Eigentumsdelikte stiegen an. Jeder Einbruch war für die Menschen im Versteck hochriskant, da auch Polizei zum Gebäude gerufen werden konnte und auch wurde.

Wie prekär die Sicherheitslage in Amsterdam war, zeigt ein Eintrag vom 29. März 1944:
Man hört von Einbrüchen und Diebstählen in größter Menge, so daß ich mich immer wieder frage, wo die sprichwörtliche Ehrlichkeit der Holländer geblieben ist. Kleine Kinder von acht bis elf Jahren schlagen die Fensterscheiben fremder Wohnungen ein und nehmen, was nicht niet-und nagelfest ist. Niemand wagt es, sein Haus nur fünf Minuten allein zu lassen, denn wenn man eine Weile weg ist, ist nachher alles flöten. Täglich werden in den Zeitungen Belohnungen ausgesetzt für das Zurückbringen von gestohlenen Schreibmaschinen, Perserteppichen, elektrischen Uhren, Stoffen usw., usw. Die großen Uhren auf der Straße werden abmontiert, die Telefone aus den Zellen bis zum letzten Draht herausgeholt.
Auch wenn der Hauptteil der Einträge altersgemäß das Frauwerden zum Thema hat, die oft harsche Ablehnung der Mutter aufgrund eines für Anne beleidigenden Verhaltens, die Gefühle zu dem drei Jahre älteren Peter, dem Sohn der zweiten mit ihnen untergetauchten Familie, findet aber auch Politisches Eingang in die Aufzeichnungen. So wird bereits am 9.Oktober 1942 nicht nur von der Massierung von Jüd:innen im Lager Westerbork berichtet, von Geiselnahmen, von Verschickungen in Arbeitslager (das dürften die berüchtigten Mauthausen-Transporte gewesen sein), sondern auch davon, dass das britische Radio von Gaskammern berichtete. Und am 12. Februar 1944 werden die Vergasungen nochmal angesprochen, als eine Kontaktperson das Ausmaß der Judenverfolgung nicht fassen kann: "Sie können doch nicht in Abrede stellen, daß in Polen und Rußland Millionen Unschuldiger vergast und ermordet werden!" Und am 31. März 1944 ist Anne von der Besetzung Ungarns informiert und zieht die traurigen, richtigen Schlussfolgerungen: "Ungarn ist von deutschen Truppen besetzt. Da sind noch eine Million Juden, die werden nun wohl auch dran glauben müssen." Letztendlich war es mehr als eine halbe Million, die ermordet wurde.

Durchgehend war die Familie über illegales Radiohören und durch die Außenkontakte über den Kriegsverlauf informiert. 1942 wird die Nordafrikafront reflektiert, Ende 1942 Stalingrad, danach die Landung in Italien und die Absetzung Mussolinis, über die Fortschritte der Roten Armee wurde gesprochen, aber die größte Hoffnung auch aus persönlichen Gründen ist eine Invasion der Westalliierten in Holland und/oder Frankreich, deren Hinauszögern mit Verzweiflung bedauert wird, da sich auch die Versorgungslage im Versteck zunehmend verschlechterte ("Mit dem Krieg geht es auch nicht recht vorwärts" - 24. Dezember 1943). Dennoch: An ein glückliches Ende zweifelte letztlich niemand von den Versteckten, auch Anne nicht, die mehrfach ihren Wunschtraum, Journalistin und Schriftstellerin zu werden formuliert, und deswegen ihr Lernpensum wie oben beschrieben aufrecht erhält. Verzweifelte Phasen ("Ich empfinde eine große Leere in mir") sind gegeben, aber diese werden immer wieder überwunden.

Gehört wurde aber auch deutsches Radio und am 19. März 1943 notiert Anne:
Der Führer aller Germanen hat vor verwundeten Soldaten gesprochen. Es war traurig anzuhören. Ein Beispiel:
»Heinrich Scheppel ist mein Name.«
»Wo verwundet?«
»Bei Stalingrad.«
»Welche Verwundungen?«
»Beide Füße abgefroren und das linke Handgelenk gebrochen!« Genauso gibt das Radio dieses widerliche Marionetten-Theater wieder. Es macht beinahe den Eindruck, als seien die Verwundeten noch stolz auf ihre Blessuren. Je mehr, desto besser!

Einer konnte vor Rührung, weil er seinem Führer die Hand geben durfte - vorausgesetzt, daß er noch eine hat - kein Wort herausbringen.
Am 27. März 1943 schreibt Anne über neue Verfolgungsaktionen in den Niederlanden, aber auch über Widerstandsaktionen. Sie ist am Laufenden und auch mit 13 Jahren sehr am politischen Geschehen interessiert.
Rauter, irgendein hoher Deutscher, hat eine Rede gehalten. »Alle Juden müssen bis zum 1. Juli die germanischen Länder verlassen haben. Vom 1. April bis 1. Mai wird die Provinz Utrecht gesäubert (als wären es Kakerlaken!), vom 1. Mai bis 1. Juni die Provinzen Nord- und Südholland.« Wie eine Herde armes, krankes und verwahrlostes Vieh werden die armen Menschen zu ihren schmutzigen Schlachtplätzen geführt. Aber lass mich lieber schweigen, ich bekomme nur Albträume von meinen eigenen Gedanken.

Etwas Feines ist auch passiert: Der Arbeitsnachweis ist durch Sabotage in Brand gesteckt worden und einige Tage später das Einwohnermeldeamt. Männer in deutschen Polizei-Uniformen haben die Wachtposten überwältigt und dann die wichtigen Kartotheken verschwinden lassen, so daß jetzt das Aufrufen und Auffinden der Menschen sehr erschwert ist.
Und am 18. Mai 1943:
Sämtliche Studenten sollen eine Loyalitätserklärung unterzeichnen und sich mit den Maßnahmen der besetzenden Macht einverstanden erklären. Dann dürfen sie weiter studieren. 80 Prozent jedoch haben es nicht fertigbekommen, gegen ihr Gewissen zu handeln und ihre Überzeugung zu verkaufen. Die Folgen sind nicht ausgeblieben. Alle Studenten, die nicht unterzeichnet haben, müssen nach Deutschland zur Zwangsarbeit. Was bleibt von der holländischen Jugend übrig, wenn das so weitergeht?
Im Mai 1944 erfahren wir, dass alle Privattelefone abgeschaltet wurden, und am 21. Juli, nach dem Attentat auf Hitler, dass das Militär der Gestapo unterstellt worden sei. Sehr lakonisch schreibt Anne:
Hitler ist ferner so freundlich gewesen, seinem teuren und ergebenen Volk mitzuteilen, daß von heute an auch das Militär der Gestapo unterstellt ist und daß jeder Soldat, der weiß, daß sein Vorgesetzter beteiligt gewesen ist an dem eigen und niedrigen Anschlag, diesen ohne weiteren Prozeß niederknallen darf.

Das wird eine schöne Geschichte werden. Hans Dampf tun die Füße weh vom vielen Laufen; sein Chef, der Offizier, schnauzt ihn an. Hans greift zum Gewehr, schreit: »Du wolltest den Führer ermorden, da hast du deinen Lohn!« Ein Knall und der hochmütige Chef, der es gewagt hat, den kleinen Soldaten zu rügen, ist ins ewige Leben eingegangen (oder ist es der ewige Tod?). Zuletzt wird es dann so sein, daß die Herren Offiziere die Hosen voll haben und vor Angst nicht mehr wagen, einem Soldaten etwas zu sagen.
Am selben Tag äußert Anne aber auch ihre Zweifel, was aus einem erfolgreichen Attentat hervorgehen hätte können:
Es wurde ein Attentat auf Hitler verübt, aber nicht einmal von jüdischen Kommunisten oder englischen Kapitalisten, sondern von einem edelgermanischen deutschen General, der Graf ist überdies noch jung! Die »göttliche Vorsehung« hat dem Führer das Leben gerettet, und er ist leider, leider mit einigen Schrammen und ein paar Brandwunden davongekommen. Ein paar Offiziere und Generäle aus seiner Umgebung sind tot oder verwundet. Der Haupttäter wurde erschossen. Es ist wohl der beste Beweis, daß viele Offiziere und Generäle den Krieg bis obenhin satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken möchten. Ihr Streben ist, nach Hitlers Tod eine Militär-Diktatur zu errichten, dann Frieden mit den Alliierten zu schließen, aufs neue zu rüsten, um nach 20 Jahren einen neuen Krieg zu beginnen.
Der letzte Eintrag ist vom 1. August 1944. Am 4. August wird das Versteck von der Gestapo gestürmt.


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