Literatur
Menschen Wissenschaft Politik Mystery Kriminalfälle Spiritualität Verschwörungen Technologie Ufologie Natur Umfragen Unterhaltung
weitere Rubriken
PhilosophieTräumeOrteEsoterikLiteraturAstronomieHelpdeskGruppenGamingFilmeMusikClashVerbesserungenAllmysteryEnglish
Diskussions-Übersichten
BesuchtTeilgenommenAlleNeueGeschlossenLesenswertSchlüsselwörter
Schiebe oft benutzte Tabs in die Navigationsleiste (zurücksetzen).

Welches Buch lest ihr gerade?

7.604 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

Welches Buch lest ihr gerade?

26.12.2025 um 14:41
Gestalt-Psychologie. Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950 bis 1982 - Wolfgang Metzger


Wolfgang-MetzgerGestalt-Psychologie

Die Gestaltpsychologie ist eine wichtige aber nicht besonders bekannte Richtung innerhalb der Psychologie, die vor allem im deutschen Sprachraum entwickelt wurde. Der Name Gestaltpsychologie ist vielleicht etwas irreführend, eine näher liegendere Bezeichnung wäre Wahrnehmungspsychologie. Die Anfänge gehen über 100 Jahre zurück, auf v. Ehrenfels und Max Wertheimer, nach dem
2. Weltkrieg wurde die Gestaltpsychologie u.a. von Wolfgang Metzger weiterentwickelt.
Zuerst dachte ich, bei der Gestaltpsychologie geht es vor allem um optische Täuschungen, es geht aber noch viel mehr um Wahrnehmung allgemein, dass Wahrnehmung auf den Kontext basiert.
Die Gestaltpsychologie hatte Einfluss auf die Entwicklung von KI, wo es beim Anlernen der KI zunächst um das Erkennen und Auseinanderhalten z.B. von Umrissen, ob z.B. etwas 3 dimensional ist oder nicht ist, um das Erkennen von Zusammenhängen geht.
Wikipedia: Gestaltpsychologie
https://notiert.stangl-taller.at/kuenstliche-intelligenz/gestaltpsychologie-und-ki-forschung/

KA 3A v1

250px-Reification


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

28.12.2025 um 13:03
Elias Canetti - Die Fackel im Ohr

Canetti-Fackel

1982 veröffentlichte als 76-Jähriger der europäische Literaturnobelpreisträger Elias Canetti den zweiten Teil seiner Autobiographie, die den Zeitraum von 1921 bis 1931 umspannt. Sie beginnt mit der Übersiedelung von Zürich nach Frankfurt/Main, vor allem aus finanziellen Gründen. Der 16-jährige Canetti hat diesen Umzug seiner Mutter eigentlich nie verziehen und selbst in diesem Alterswerk ist sie ein heftiger Reibebaum.

In Frankfurt legt er nicht nur sein Abitur ab, sondern beobachtet auch sehr genau die Auswirkungen der Hyperinflation auf die "einfachen" Menschen, denen er sich in seinen Adoleszenzjahren sehr verbunden fühlt. Obwohl seine Familie alles andere als reich ist, haben sie im Vergleich zu denen, die alles verloren haben und hungern, noch immer viel.

1923 ziehen sie nach Wien, Canetti beginnt ein Chemie-Studium, das ihn eigentlich nicht interessiert, jedoch mit der Promotion zu Ende führt. Viel mehr interessiert ihn die Literatur und er beginnt Beziehungen zu der Schriftstellerin Veza Taubner-Calderon, die er in den 1930er Jahren heiraten wird, und zu der ungarischen Lyrikerin Ibby Gordon. Ein Fan wird er von Karl Kraus, dessen Vorträge er regelmäßig besucht und dessen Zeitschrift Die Fackel auch das Bezugswort im Titel ist.

In seiner Freizeit beginnt er mit Überlegungen zu dem Verhältnis zwischen Masse und Macht. Er will sich von Freud abgrenzen und aufzeigen, dass der Einzelne sehr wohl in einer Masse aufgehen kann und will. Selbst erfährt er dies bei seiner Anwesenheit am 15. Juli 1927 vor dem Wiener Justizpalast, als zwei rechtsradikale Mörder freigesprochen worden sind und die Wiener Arbeiterschaft spontan zu demonstrieren begonnen und den Justizpalast angezündet hat. Canetti ist dabei, als die Polizei scharf zu schießen beginnt. 84 Demonstrierende sind erschossen worden, fünf Polizeikräfte sind ums Leben gekommen. Der zweite Bezug sind die Fan-Rufe aus dem Hütteldorfer Rapid-Stadion, die er in seiner Wohnung hat hören können. Canetti kommt zum Schluss, dass Masse keinen Führer brauche.
Ich erkannte, daß die Masse keinen Führer braucht, um sich zu bilden, den bisherigen Theorien über sie zum Trotz. Einen Tag lang hatte ich hier eine Masse vor Augen, die sich ohne Führer gebildet hatte.
Auch beginnt er mit den Charakteren eines Romans, dem später der Titel Die Blendung, benannt nach Rembrandts Gemälde Die Blendung Simsons, das er in Frankfurt kennengelernt hat (großartige Digitalisierung im Städel-Museum), gegeben wird. In seinem Zimmer hat er Lichtkopien sowohl von diesem Gemälde als auch vom Altarbild des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald, das er in Colmar besichtigt. Beeindruckt ist Canetti von der einzigartigen Leidensdarstellung von Jesus am Kreuz (gut zu sehen auf der Webseite drschloegl.at).

Den Sommer 1928 verbringt Canetti auf Einladung von Ibby Gordon in Berlin. Durch Gordon erhält er Zugang in die linken Top-Künstlerkreise. Mit Wieland Herzefelde, dem Leiter des Malik-Verlags, wird ihn lebenslang eine Freundschaft verbinden. Radikal kanzelt Canetti die Persönlichkeiten der von ihm hochgeschätzten Künstler George Grosz, der ihm ein Exemplar der wegen Obszönität verbotenen Mappe Ecce Homo schenkt (eine hochwertige PDF-Reproduktion auf monoskop.org), und Bertolt Brecht ab. Grosz sei im Suff ein Perversling, Brecht ein als Proletarier verkleideter Egomane. Dies, seine beginnende Abneigung gegenüber Gordon, welche seiner Meinung nach Männer zu Unflätigkeiten provoziere, und die egoistische Hektik der Stadt veranlassen Canetti zur Rückkehr nach Wien.
In aller Vielseitigkeit und Gegensätzlichkeit, in aller Rücksichtslosigkeit schlug es auf einen los, es blieb einem keine Zeit, etwas zu verstehen, man empfing nichts als Hiebe und hatte die vortägigen noch nicht verschmerzt, als es schon neue regnete. Als mürbes Stück Fleisch, so ging man in Berlin herum und fühlte sich noch immer nicht mürbe genug und wartete auf neue Schläge.
Mutter und Geschwister leben seit Längerem bereits in Berlin und er genießt die Einsamkeit seiner Wohnung am Stadtrand. Nach der Promotion in Chemie wird Canetti als Übersetzer tätig, was ihm für einige Jahre ein Einkommen beschert und Zeit gibt, an seinen eigenen Projekten zu arbeiten, aber auch nächtens in Cafés zu verweilen, um die einfachen Menschen zu studieren, wie er schreibt.

In seiner eher noblen Wohngegend in Hietzing freundet er sich mit einem jungen Mann an, der seit etwa seinem sechsten Lebensjahr ganzkörpergelähmt ist (Littlesche Krankheit - Wikipedia), jedoch Philosophie studiert. Ein Philosophieprofessor kommt wöchentlich zu ihm, um ihn zu unterrichten. Canetti erinnert sich interessanterweise an seinen Namen falsch (oder will er ihn nicht preisgeben?). Der im Buch Thomas Marek Genannte, hieß in Wirklichkeit Herbert Patek und von ihm ist noch ein Artikel in der Zeitschrift Der Krüppel der Vereinigung der Körperbehinderten Österreichs aus dem Jahr 1933 erhalten (PDF Universitätsbibliothek Innsbruck).

Streckenweise ist dies ein sehr interessantes Dokument über die Zwischenkriegszeit. Etwas ratlos lässt einen der Zwiespalt zwischen der Ablehnung der moralischen Verurteilung von Menschen und der eigenen brutalen Abkanzlung seiner Mutter, von Ibby Gordon, Grosz und Brecht. So konstatiert Canetti an einer Stelle:
Ich lernte auch etwas, was nach der Lehre der ›Fackel‹, in die ich so lange gegangen war, vielleicht noch wichtiger schien, wie erbärmlich nämlich Urteilerei und Verdammung als Selbstzweck waren.
Jedoch ist Canetti selbst in hohem Alter noch nicht von "Urteilerei und Verdammung" frei.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

28.12.2025 um 14:58
Monika Helfer - Vati

Helfer-Vati

2021 erschien der nächste autofiktionale Roman Monika Helfers über ihre Familie, diesmal über ihren Vater. Wie in der Bagage hat auch dieser Text Probleme, den Fokus zu halten.

Der Vater, der immer wünscht, "Vati" genannt zu werden, wächst als unehelicher Sohn einer Magd im salzburgischen Lungau auf, ist hochbegabt und erhält ein Stipendium, an einem kirchlichen Gymnasium in der Stadt Salzburg zu lernen. In seinem letzten Schuljahr vor der Reifeprüfung wird er eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo ihm ein Bein abfriert und der Unterschenkel amputiert werden muss. Er heiratet eine Vorarlberger Krankenschwester aus der Familie der "Bagage", die ihn im Lazarett betreut.

Nach dem Krieg übernimmt er in Vorarlberg die Leitung eines von einer Stuttgarter Stiftung betreuten Kriegsopfererholungsheims auf dem Hochplateau Tschengla bei Bludenz. Ein dankbarer Stuttgarter Universitätsprofessor, dessen Sohn ein Jahr statt des üblichen Monats bleiben kann, vermacht dem Heim seine Bibliothek. Josef (der Vater) ist als beinahe besessener Bibliophiler (eigentlich Bibliomane) überglücklich. Doch als das Heim zu einem Hotel umgestaltet werden soll, hat Josef Angst, dass die Bibliothek weggenommen wird, und er beginnt Bücher für sich wegzuschaffen und einen Teil der Bibliothek wasserdicht in einem Wald zu vergraben. Als Stuttgarter Rechnungsprüfer für eine Inventur eintreffen und Josef in einer Liste sieht, dass jedes einzelne Buch verzeichnet ist, hat er Angst, dass er wegen Diebstahls angeklagt werden könnte, geht in die Werkstatt und will sich vergiften. Josef überlebt, verbringt ein Jahr im Krankenhaus und zieht sich in ein Kloster zurück. Der Selbstmordversuch sei nicht nötig gewesen, die Rechnungsprüfer haben sich null für die Bücher interessiert. Die Mutter betreut einstweilen die Kinder, doch als sie an Krebs stirbt, werden sie bei Verwandten untergebracht. So auch Monika mit einer Schwester.

Im zweiten Teil geht es immer mehr um die Kinder bzw. die Verwandtschaft (zum Teil schon aus dem Roman Bagage bekannt). Der Vater heiratet schließlich zum zweiten Mal (eine Ottilie aus der weiten Verwandtschaft). Mit der steinalten Stiefmutter unterhält sich Monika Helfer über ihren Vater, doch es kommt nicht viel dabei raus für den Text, außer dass sie eine Karriere als Schneiderin in der Modebranche aufgegeben hat. Warum, bleibt außen vor. Josef erhält eine Stelle beim Finanzamt und arbeitet sich schnell zum Leiter der Personalabteilung hoch. Nach der Pensionierung kauft sich das Ehepaar ein kleines Haus und ein Raum wird zur Bibliothek mit 3000 Bänden. Nur Hardcover. Nach seinem Tod werden die Bücher unter den Kindern aufgeteilt, der Großteil wird der Leihbibliothek der Gemeinde geschenkt.

Vor seinem Tod übernimmt Josef noch die Leitung der genannten Leihbibliothek, die zweimal pro Woche geöffnet hat. Der Bürgermeister stattet ihn mit einem ordentlichen Budget aus, da die Gemeinde mit seiner Hilfe ein Quiz gewonnen hat, und er darf nach freiem Gutdünken Bücher erwerben. Als eine Lieferung ankommt, stürzt er, reißt einen Bücherstapel um und stirbt.

Aus der näheren Vergangenheit, als alle Kinder bereits erwachsen sind, wird noch eine Episode geschildert, dass der Vater in einem Berliner Schwulenlokal, das sie gemeinsam besucht haben, sich ausgelassen amüsiert hat, obwohl er eigentlich ein Stiller gewesen sei.

Helfer schreibt eigentlich sehr zugänglich, doch auch bei diesem Text zeigen sich die Grenzen autofiktionalen Schreibens: Die Figuren sind nicht erfunden, und aus diesem Grund ist ein radikales, an die Wurzel gehendes Schreiben nicht möglich. Es kann nichts unterstellt werden. Immer wieder wird in den Text die Vermutung eingeflochten. Hier ein Beispiel:
Ein halbes Jahr vor der Matura wurde er in den Krieg eingezogen. Soviel ich weiß, ging’s bald nach Russland, Genaues war nicht herauszukriegen aus ihm. In ein sehr kaltes Land ging es. Irgendwann sind die jungen Soldaten bei minus dreißig Grad über ein Feld gelaufen, und der Wind hat ihnen ins Gesicht geblasen, dass es sich angefühlt hat wie minus vierzig Grad oder noch kälter, und dann sind sie in einen Wald gekommen, da waren nur noch minus fünfzehn Grad, und Wind hat hier keiner geblasen, das hat sich angefühlt wie eine warme Stube, und die jungen Soldaten haben sich hingelegt, haben die Köpfe auf die Wurzeln der Bäume gebettet, die Hände unter der linken oder der rechten Wange gefaltet, weil sie so müde waren und so viel Sehnsucht nach ihrem Bett zu Hause hatten, und sie sind eingeschlafen, und viele von ihnen sind erfroren, manchen sind nur Hände und Arme abgefroren. Unserem Vater das rechte Bein. »Sie starben oder starben fast, als Helden oder Idioten« — das habe ich nicht nur einmal unseren Onkel Lorenz sagen hören.
Die vielleicht berührendste Episode ist, wie Josef - lange nach seiner geistig und seelisch verwirrten Zeit - die 16-jährige Tochter Renate aus Hamburg zurückholt, wohin sie abgehaut ist und wegen eines Ladendiebstahls der Interpol übergeben worden ist.
Hamburg war die Lieblingsstadt unseres Vaters. Einmal war er dort gewesen. Um Renate abzuholen. Sie war sechzehn und von zu Hause abgehauen. Weil sie in einen Hippie verknallt war. Dann hat sich Interpol bei uns gemeldet. Die Tochter sei bei einem Ladendiebstahl erwischt worden — einen Schlafsack habe sie geklaut. Man solle sie abholen. Da hat sich unser Vater vorgedrängt und ist mit dem Zug nach Hamburg gefahren und hat Renate ausgelöst. Und hat sie nicht geschimpft, im Gegenteil, er ist mit ihr vom Jugendgefängnis an den Dom spaziert, und sie haben alle Achterbahnen ausprobiert, er hat sich mit ihr in die Geisterbahn gesetzt, und sie hat sich einen Teddybären schießen dürfen. Und dann haben sie sich den Hafen angeschaut und sind durch St. Pauli geschlendert und haben Eis geschleckt. Kein Wort über den Ladendiebstahl, kein Wort darüber, dass sie abgehauen ist.
Dass Helfer auch immer über sich schreibt, ist nicht so verwunderlich. Immerhin ist ihre Kindheit zweigeteilt: Zunächst das großräumige Haus auf der Tschengla, dann die beengten Verhältnisse bei der Verwandtschaft, wobei die Geschwister auch noch auseinandergerissen werden.

Zum Kriegsopererholungsheim: Monika Helfer ist 1947 geboren. In Die Bagage schreibt sie, dass 1956 Ungarnflüchtlinge einquartiert worden seien, dies wird in diesem Roman nicht erwähnt. Auch dass das Heim einer Stuttgarter Stiftung gehört hat, lässt sich nicht verifizieren. Im ÖsterreichWiki steht, dass das Heim 1945 enteignet und 1946 dem Vorarlberger Landeskriegsopferfonds übergeben worden sei.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

29.12.2025 um 12:15
Ingeborg Bachmann - Der gute Gott von Manhattan

Bachmann-Gott

Dieses 1958 ausgestrahlte Hörspiel von Ingeborg Bachmann thematisiert auf absurde Weise die gesellschaftssprengende Kraft von Liebe, die aus diesem Grund in einer auf Masse orientierten Gesellschaft wegen ihres zerstörerischen Individualismus bekämpft wird und auch scheitern muss. Das Stück spielt auf zwei Ebenen: Eine Gerichtsverhandlung gegen einen Mann, der Liebespaare in die Luft sprengt und sich den Guten Gott nennt, und die Liebesgeschichte von Jan und Jennifer. Die Verhandlung läuft bereits nach der Tat, bei der Jennifer bei dem Attentat stirbt und Jan überlebt, da er ein Schiffsticket nach Europa zurückgeben will, um bei Jennifer zu bleiben.

Der Plot: Die New Yorkerin Jennifer hilft dem etwas hilflosen Jan, der auf die Schiffspassage nach Europa wartet, da sie Europäer mag. Sie kommen sich näher, gehen in ein heruntergekommenes Stundenhotel, beginnen sich zu mögen, wechseln in ein vornehmes Hotel, in dem sie immer wieder in höher gelegene Zimmer wechseln, bis sie eine Suite im 57. Stockwerk bekommen. Die Liebe wächst metaphorisch in den Himmel und gleichzeitig entfernen sich die beiden immer mehr von dem hektischen Treiben Manhattans, das durchgehend durch Stimmen interpoliert wird. Ein Beispiel:
STIMMEN
ohne Timbre, ohne Betonung, klar und gleichmäßig

GEHEN BEI GRÜNEM LICHT WEITERGEHEN
DENK DARAN SOLANGE ES ZEIT IST
DU KANNST ES NICHT MIT DIR NEHMEN
WEITERGEHEN SCHNELLER SCHLAFEN
SCHNELLER TRÄUMEN MIT UNS
WOLKENBRÜCHE NIEDERSCHLÄGE SCHNELLER
ERDBEBEN LEICHTER SICHERER
BEI GRÜNEM LICHT DENK DARAN
VORSICHT VOR DER ROTEN UND BRAUNEN
DER SCHWARZEN UND GELBEN GEFAHR
WAS SOLLEN SICH UNSRE MÖRDER DENKEN
DU KANNST ES NICHT HALT!
BEI ROTEM LICHT STEHENBLEIBEN!
Der Gute Gott beschreibt die Stadt gegenüber dem Richter:
Der Tag war da. In allen Senkrechten und Geraden der Stadt war Leben, und der wütende Hymnus begann wieder, auf die Arbeit, den Lohn und größren Gewinn. Die Schornsteine röhrten und standen da wie Kolonnen eines wiedererstandenen Ninive und Babylon, und die stumpfen und spitzen Schädel der Gigantenhäuser rührten an den grauen Tropenhimmel, der von Feuchtigkeit troff und wie ein unförmiger ekliger Schwamm die Dächer näßte. Die Rhapsoden in den großen Druckereien griffen in die Setzmaschinen, kündeten die Geschehnisse und annoncierten Künftiges. Tonnen von Kohlköpfen rollten auf die Märkte, und Hunderte von Leichen wurden in den Trauerhäusern manikürt, geschminkt und zur Schau gestellt.
Unter dem Druck hoher Atmosphären wurden die Abfälle vom vergangenen Tag vernichtet, und in den Warenhäusern wühlten die Käufer nach neuer Nahrung und den Fetzen von morgen. Über die Fließbänder zogen die Pakete, und die Rolltreppen brachten Menschentrauben hinauf und hinunter durch Schwaden von Ruß, Giftluft und Abgasen.
Die Bedrohlichkeit der Liebe, wie der Gute Gott sie sieht, zeigt sich in dieser Aussage:
Sie umarmten einander und dachten schon an die nächste Umarmung. Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.
Auch Jan bringt Ähnliches gegenüber Jennifer zum Ausdruck, als sie darüber sprechen, wie es sein wird, wenn die brennende Liebe abklingt:
... werden wir Galerien besuchen und mit angestrengten Augen einen Farbwert erfassen. Und wenn es auch so nicht geht, wirst du kochen lernen und mich mit Frittaten, Saucen und Desserts unterhalten. Abends bleibt der Ausweg ins Kino. Man starrt miteinander auf die Leinwand und entspannt sich. Irgend etwas, verlaß dich drauf, wird sich schon finden.
Was der Gute Gott von Liebe hält und warum Liebende zurecht sterben müssen, äußert er so:
ch glaube an eine große Konvention und an ihre große Macht, in der alle Gefühle und Gedanken Platz haben, und ich glaube an den Tod ihrer Widersacher. Ich glaube, daß die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien. Ich glaube, daß, wo sie aufkommt, ein Wirbel entsteht wie vor dem ersten Schöpfungstag. Ich glaube, daß die Liebe unschuldig ist und zum Untergang führt; daß es nur weitergeht mit Schuld und mit dem Kommen vor alle Instanzen. Ich glaube, daß die Liebenden gerechterweise in die Luft fliegen und immer geflogen sind.
Die "große Konvention" ist für ihn dies von Jan Angesprochene. Wenn Paare sich an diese halten, würde sich niemand für sie interessieren, sie würden nicht in die Luft gesprengt.
Aber wer wird sich mit Menschen beschäftigen, die nach einem anfänglichen Seitensprung in die Freiheit ohnehin Instinkt bewiesen haben. Die das bißchen anfängliche Glut zähmten, in die Hand nahmen und ein Heilmittelunternehmen gegen die Einsamkeit draus machten, eine Kameradschaft und wirtschaftliche Interessengemeinschaft. Ein annehmbarer Status innerhalb der Gesellschaft ist geschaffen. Alles im Gleichgewicht und in der Ordnung.
An anderer Stelle gibt er seinen Opfern die Schuld:
Sagt man nicht, es seien nicht immer die Mörder, sondern manchmal die Ermordeten schuldig?
Auch rechtfertigt er sich sogar damit, den Liebenden durch seine Morde ihre Liebe zu ermöglichen, ihr Ewigkeit zuzuschreiben (Vergleiche mit Tristan und Isolde oder Romeo und Julia werden im Stück gezogen):
Denn die hier lieben, müssen umkommen, weil sie sonst nie gewesen sind. Sie müssen zu Tode gehetzt werden – oder sie leben nicht.
Mit dem Richter klagt der Gute Gott die Moral der Gesellschaft an, stellt sie an Mordlust über sie. Dabei wird ein klassischer Strohmann benutzt:
Ich nehme an, Sie sind, wie die meisten heutzutage, für Massenvernichtung und nicht für Einzelvernichtung.
Der Gute Gott wird für seinen Mord nicht verurteilt.

Zur Sprache. Die Dialoge von Jan und Jennifer sind durchgehend spröde. Beispiel:
JAN
Ich sollte dich schlagen vor allen Leuten, schlagen werde ich dich …

JENNIFER
Ja, ja.

JAN
Wirst du noch einmal fortgehen, wenn ich dich fortschicke!?

JENNIFER
Nein.

JAN
Weißt du wieder, wo du hingehörst, obwohl du den Verstand verloren hast?

JENNIFER
Ich weiß nur keinen Platz mehr für uns. Aber wenn du ihn wüßtest, wüßte ich ihn auch.

JAN
Ich weiß ihn. Sag, ob es nicht ein Wink war.

JENNIFER
Ja. Ja.

JAN
Als ich die Rechnung verlangte, hörte ich, daß ein Zimmer oben frei geworden ist, auf der Straßenseite, im dreißigsten Stock. Da mußte ich doch innehalten. Und ich meinte, dir nachgehen und es dir sagen zu müssen. Sag!

JENNIFER
Oh ja. Ja.

JAN
Weil du es dir doch gewünscht hast und weil ich dir noch keinen Wunsch erfüllt habe und nichts geschenkt.
Oder:
JENNIFER (langsam)
Küß mich. Auch auf der Straße. Auch vor dem Fenster mit den Orangen und brauner Ananas. Auch vor dem Kreuz des Rettungswagens und dem Dromedar, das der Zirkusmann hier vorüberführt. Auch vor den Kernen, die geflogen kommen von Pfirsich und grüner Dattel, und die die Mulatten wegwerfen.

JAN
Und du fürchtest nicht, dein Gesicht zu verlieren auf der Straße?

JENNIFER
Nein. Und ich weiß schon, warum.

JAN
Sag!

JENNIFER
Weil jeder sehen kann, daß ich bald ganz verloren sein werde, und fühlen kann, daß ich ohne Stolz bin und vergehe nach Erniedrigung; daß ich mich jetzt hinrichten ließe von dir oder wegwerfen wie ein Zeug nach jedem Spiel, das du ersinnst.
Das sprachliche Konzept legt Bachmann Jan in den Mund, das Konzept einer neuen Sprache, die nötig ist, wenn ein Leben abgeschieden von der Gesellschaft geführt wird:
Ich weiß nichts weiter, nur daß ich hier leben und sterben will mit dir und zu dir reden in einer neuen Sprache; daß ich keinen Beruf mehr haben und keinem Geschäft nachgehen kann, nie mehr nützlich sein und brechen werde mit allem, und daß ich geschieden sein will von allen andern.
Absurd und schwer zu entschlüsseln sind die sprechenden Eichhörnchen Frankie und Billy. Sie leiten in einem Park ein Theater, in dem die Geschichten legendärer Liebespaare, die den Tod finden, aufgeführt werden. Gleichzeitig sind sie die Handlanger des Guten Gottes, übermitteln Briefe an Jennifer und Jan und bringen Jennifer die Bombe in einem Geschenkpaket. Vermutlich hat Bachmann auf nordische Mythen zurückgegriffen, in denen das Eichhörnchen Ratatöskr Bote zwischen göttlicher und irdischer Welt ist, der Zwist und Streit bringt. Auch soll es im Deutschen das mir nicht bekannte Sprichwort "Der Teufel ist ein Eichhörnchen" geben.

Das Hörspiel lässt sich also durchaus in die Kategorie Groteske einordnen, doch die Aussage geht tiefer. In einer Zeit der industrialisierten Massengesellschaft und der massenhaften Tötung (real: Weltkriege, potenziell: Waffenarsenal des Kalten Kriegs) ist individuelle Liebe nicht möglich. Sie muss sich von der Welt abwenden (Suite im 57. Stock eines Hotels), um gelebt zu werden. Doch sie kann nicht gelebt werden, da sie gegen die Ordnung dieser Welt verstößt. Sie muss sterben und zu einer funktionalen "Beziehung" werden oder wörtlich sterben wie hier.

Das Originalhörspiel aus dem Jahr 1958 ist beim Bayerischen Rundfunk hörbar und steht auch zum Download zur Verfügung.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

30.12.2025 um 00:14
81ahZ-2ITGL


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

30.12.2025 um 09:51
Martin Suter - Ein perfekter Freund

Suter-Freund

Herr Rossi sucht sein Glück könnte das Motto dieses Thrillers von Martin Suter aus dem Jahr 2002 heißen. Der Journalist Fabio Rossi erwacht aus einem künstlichen Koma und die letzten 50 Tage sind aus seinen Erinnerungen gelöscht. Diese rekonstruiert er und es tun sich Abgründe auf.

Rossi ist in der Nähe eines Gartenhauses seines besten Freunds, des Journalistenkollegen Lucas Jäger, halb erschlagen aufgefunden worden. Dieser ist nun mit seiner Freundin Norina zusammen, er selbst mit einer Marlen - PR-Frau bei einem Lebensmittelkonzern. Seinen Job bei der Zeitung hat er gekündigt und er ist anscheinend an einer großen Story über mit Prionen verseuchte Schokolade, was vertuscht werden soll. Alle seine Daten über diese Recherche sind weg, gelöscht. Er beginnt, die Recherche wieder aufzunehmen, ist dabei mit schweigenden Leuten konfrontiert bzw. Bedrohungen ausgesetzt. Es erschließt sich ihm nicht, warum er mit einem ehemaligen Schulfreund, einem Immobilienspekulanten, in engem Kontakt ist, der ihn bereitwillig zu jeder Tages- und Nachtzeit für Gespräche zur Verfügung steht und der ihm eine Wohnung zur Verfügung stellt, als er Marlen verlässt.

Gekonnt spielt Suter mit Vermutungen Rossis, die sich allesamt als falsch herausstellen, bis er am Ende mit Hilfe von auftauchenden Gedächtnisinseln auf die Wahrheit stößt. Er selbst hat sich mit 800.000 USD bestechen lassen, um die Story unter den Tisch zu kehren. Sein Schulkollege hat das Geld angelegt. Jäger - den er permanent verdächtigt - hat seine Dokumente kopiert, um sie zu retten, weswegen ihn Rossi selbst mit einer Schaufel attackiert hat und wohl in Notwehr niedergeschlagen worden ist.

Nur der Schluss lässt einen etwas hängen. Irgendwie brechen die hedonistischen 90er Jahre durch. Also: Jäger trennt sich von Norina, begeht Selbstmord, die Story erscheint, ohne dass Rossis Name mit ihr in Verbindung gebracht wird. Rossi selbst freut sich über das Geld, ist wieder mit Norina zusammen und plant, mit ihr nach Amalfi zu reisen.

Habenseite: Extrem spannend geschrieben, überzeugende Figurencharakterisierung und ein Plot, den man sich in Realität gut vorstellen kann (ein Lebensmittelkonzern riskiert aus Profit- und Imagegründen, verseuchte Lebensmittel zu vermarkten).


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

31.12.2025 um 13:03
H. C. Artmann - med ana schwoazzn dintn

Artmann-dintn-cover small

37 Jahre war H. C. Artmann alt, als er mit diesem Gedichtband 1958 auf einen Schlag eine österreichische Berühmtheit wurde. In eigens entwickelter Lautschrift verfasste er Gedichte im Lokaldialekt des Stadtteils Breitensee im Westen von Wien, die alles andere als kitschig sind. In Erinnerung gehalten werden zum Beispiel der Wiener Vorstadtprater. Von einem Schrottplatz hat Artmann in den 1950er Jahren die Malereien, die ein Karussell (Ringelspiel) zierten, gerettet. Sie bilden die Vorder- und Rückseite des Umschlags. Nur blicken die beiden Gedichte über den Ringelspielbesitzer nicht nostalgisch zurück, sondern er ist ein psychopathischer Frauenmörder.
i bin a ringigschbüübsizza
und hob scho sim weiwa daschlong
und eanare gebeina
untan schlofzimabon fagrom ..

Ich bin ein Ringelspielbesitzer
und habe schon sieben Weiber erschlagen
und ihre Gebeine
unter dem Schlafzimmerboden vergraben ..
In mehreren Gedichten wird über eine einseitige Liebe geschrieben. Die Frau habe dem lyrischen Ich eine falsche Adresse gegeben, alle seine Briefe sind retour gekommen. Im Gedicht sind Vögel die Briefboten. Am Ende wünscht er ihr den Tod:
a schwoazze lufft fola fegl
wiad med mein lezztn briaf augflong kuma
und auf d nocht duach s fenzta
fua dei bet zuwe fliang!

Eine schwarze Luft voller Vögel
wird mit meinem letzten Brief angeflogen kommen
und am Abend durchs Fenster
vor dein Bett fliegen!
Das Thema Tod ist ein Wiener Klassiker, doch ein Sonntag in Breitensee wird zu einem apokalyptischen Bild, in dem bis auf tönende Radios jegliches Leben ausgelöscht ist.
wo is den da greissla –
wo san den de magewiaffön de soezguakaln
de salame da qaglschduazz da gristoezuka ..?
wo is den de greisslarin?

wo ist denn der Greißler -
wo sind denn die Maggiewürfel die Salzgurken
die Salami der Quargelsturz der Kristallzucker ..?
wo ist denn die Greißlerin?
In parallel gestalteten Strophen verschwinden der Greißler (Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäfts), der Kohlenhändler, der Drogist, der Geschirrhändler (gschiadandla), der Bäcker. Die Grundversorgung ist zusammengebrochen.
ka mendsch
ka gschia
ka saff
ka koin
ka soez
ka bacht. .!

kein Mensch
kein Geschirr
keine Seife
keine Kohle
kein Salz
kein Gebäck. .!
Die Sintflut wird zum apokalyptischen Bild, das sowohl die menschliche Zivilisation als auch das tierische Leben auslöscht. Eine rettende Arche gibt es nicht.
noch ana sindflud
san olawäu
de fenzfabreln fafäud –
ka fogl singd mea en de bam
und de kefa schwiman en d lokn
med n bauch in da hee ..

noch ana sindflud
san olawäu
de fenztabreln fafäud –
owa mia san ole dasoffm
und kenan s goa nima seng
wia de gaunzn kefa so fakead daheaschwiman

nach einer Sintflut
sind immer
die Fensterbretter verfault -
kein Vogel singt mehr in den Bäumen
und die Käfer schwimmen in der Pfütze
mit dem Bauch nach oben ..

nach einer Sintflut
sind immer
die Fensterbretter verfault -
aber wir sind alle ertrunken
und können überhaupt nicht mehr sehen
wie alle Käfer so verkehrt daherschwimmen
Artmann hat mit diesem Band ein zeitloses lyrisches Dokument erschaffen, das einen Regionaldialekt zu Literatursprache erhoben hat. Diese Gedichte sind nicht Provinzliteratur, sie sind Weltliteratur in einem eigenen Duktus, in einer eigenen Schreibweise, die erschlossen werden muss - auch für Dialektkundige - und deren Wirkung in Übertragungen verblasst. Es ist ein Dokument einer in den 1950er Jahren untergehenden Welt, die auch anhand der architektonischen Umbauten in Breitensee beklagt wird.
häulecha loarenz
...
schdeig owa
auf unsa bradnsee
und fajauk des xindl
des wos jezt de leztn
eemeatechn heisaln
...
ooreissn lossn wüü ..
farjauk s mezzaumt
eanare graumpna r und schaufön
mezzaumt eanare brechschdaungan und baggamaschinan!

heiliger lorenz
...
steig herab
in unser Breitensee
und verjag das Gesindel
das jetzt die letzten
ebenerdigen Häuser
...
abreißen will ...
verjag es mitsamt
ihren Krampen und Schaufeln
mitsamt ihren Brechstangen und Baggermaschinen!
Übertragungen ins Hochdeutsche von mir.

Hier nun die Ringelspielmalereien der Vorder- und Rückseite des Einbands.

Artmann-dintn-coverOriginal anzeigen (0,5 MB)

Artmann-dintn-backcover


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

01.01.2026 um 11:06
Martin Suter - Lila, Lila

Suter-Lila

Ist dieser Roman Martin Suters aus dem Jahr 2004 eine Persiflage auf den Literaturbetrieb? Der 23-jährige Kellner David Kern findet in der Schublade des bei einem Trödler gekauften Nachttisches ein Romanmanuskript eines Alfred Duster mit dem Titel Sophie, Sophie aus den 1950er Jahren, in dem die Hauptfigur Peter Landwei mit dem Motorrad an einer Tunnelwand Selbstmord begeht, da sich seine Freundin Sophie von ihm trennt.

Kern scannt den Text ein und redigiert ihn. Die Namen tauscht er aus, das Mädchen heißt nun Lila. Er gibt seiner Freundin Marie, die nach dem Abendabitur Literatur studieren will, das Manuskript mit seinem Namen als Autor, um Eindruck zu schinden, und sie ist so begeistert davon, dass sie es heimlich Verlagen schickt. Ein kleiner Literaturverlag nimmt es an und veröffentlicht das Buch. David Kern ist nun gegen seinen Willen Autor, muss Lesereisen in kleine Provinzbuchhandlungen unternehmen, doch als in einer großen Zeitung ein Starkritiker das Buch als Ende der Postmoderne und Anbruch einer neuen Literaturepoche feiert, wird das Buch zum Bestseller, Kern liest nun vor Hunderten von Menschen in ausverkauften Häusern.

Income Jacky, Jakob Stocker. Der gut 70-jährige Alkoholiker lebt in einem Männerheim von der Sozialhilfe und stellt sich bei einer Lesung bei der Autogrammstunde als Alfred Duster vor. Er setzt Kern unter Druck, verlangt Teile der Tantiemen und schafft es schließlich, als Kerns Agent zu arbeiten. Aufteilung: 50 zu 50. Sämtliche Tantiemen werden nun an ihn überwiesen, Jacky lebt in Saus und Braus und schlägt bei einer Auktion der Rechte für einen Nachfolgeroman (Plotvorschlag: Extrem adipöser Sohn erdrückt aus Eifersucht seine Mutter mit seinem Gewicht, weil sie abgenommen und einen neuen Liebhaber hat) bei einem Verlag über 200.000 Euro heraus. Insgesamt liegen auf dem Konto über vierhunderttausend Franken, Kerns Anteil wird kleinweise ausbezahlt.

Plot-Twist. Marie und David entfremden sich, sie zieht aus seiner neuen Wohnung aus, Jacky stürzt vom Balkon seines angemieteten Hotelzimmers, da die alte Eisenbrüstung bricht. Er überlebt ganzkörpergelähmt, kann aber vor seinem Tod David noch gestehen, dass er selbst auch nicht den Roman verfasst, jedoch Peter Weiland gekannt hat, der diesen Roman als Abschiedsbrief geschrieben hat. Kern geht zu Jackys Begräbnis, dessen Schwester hat Unmengen an Geld geerbt. Ob Kern selbst etwas von dem Geld sieht, bleibt offen.

Am Ende sehen wir David Kern vor dem Computer sitzen, der einen Text mit denselben Worten beginnt wie Weiland seinen.

Die Idee ist eigentlich spannend, vor allem wenn man an Literatur interessiert ist, der Roman lässt sich flott lesen, doch die Figuren sind doch zum Teil klischeehaft und eindimensional ohne Entwicklung gestaltet. Als Unterhaltung ok.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

03.01.2026 um 12:49
Alexander-SolschenizynDer-erste-Kreis-de

Solschenizyn - Der erste Kreis der Hölle

Im Gegensatz zu Solschenizyns Hauptwerk "Archipel Gulag", das dokumentarisch die Zustände in den sowjetischen Straflagern schildert, ist dies ein Roman zum selben Thema. Ein ziemlicher Schinken (750 Seiten), ich lese da jeden Tag nur ein paar Zeilen, ist aber ganz gut geschrieben.
Wirkt authentisch obwohl das ein Roman ist.
Inhalt:
Der Schauplatz ist eine sowjetische Spezialhaftanstalt (Sharashka) für Wissenschaftler und Ingenieure kurz nach dem Krieg; Solschenizyn war selbst in einer solchen Einrichtung inhaftiert, daher gilt das Buch als weitgehend autobiografisch, aber mit literarisch gestalteten Figuren und Handlung.
Die Gefangenen sollen u.a. an Technologien zur Stimmerkennung und Abhörtechnik arbeiten, die dem Geheimdienst helfen sollen, Gegner des Regimes aufzuspüren
Solschenizyn beschreibt Ingenieure, die ein System bauen sollen, das Stimmen identifiziert, auch wenn der Sprecher sich verstellt – also eine Art frühes Voiceprint-/Stimmerkennungs‑Konzept
Schwerpunktmäßig ist der Roman nicht auf Spannung ausgelegt, wichtig ist vor allem das Innenleben der Figuren.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

04.01.2026 um 10:40
Paulus Hochgatterer - Die Süße des Lebens

Hochgatterer-Suesse

2006 veröffentlichte der österreichische Schriftsteller Paulus Hochgatterer diesen Provinzkrimi, dessen Personal dermaßen überzeichnet ist und in dem so viele Personen in einem Verwirrspiel einfließen, dass einem einerseits der Zugang erschwert ist, andererseits man am Ende nochmal nachlesen muss, wer der Täter überhaupt ist. Hochgatterer war bis 2025 hauptberuflich Kinderpsychiater, zunächst in Krankenanstalten in Wien, schließlich im niederösterreichischen Tulln, und in die Figur des Leiters der Kinderpsychiatrie des örtlichen Krankenhauses Raffael Horn fließen wohl eigene Erfahrungen ein.

Der Roman spielt in Furth am See, einer fiktiven steiermärkischen Kleinstadt im oberen Ennstal. Die siebenjährige Katharina spielt mit ihrem Großvater Mensch ärgere dich nicht, dieser verlässt kurz das Haus, und als er nicht zurückkommt, entdeckt das Mädchen ihn mit aufgeschlitztem Hals und zertrümmertem Gesicht vor der Scheune. Seitdem redet sie nicht mehr.

Zur Verwirrung bevölkert Hochgatterer diese Kleinstadt mit einer Reihe von Psychopathen. Da ist ein Vater, der an einer Eisenstange die Unterschenkel seiner kleinen Tochter zertrümmert. Im Krankenhaus wird angegeben, sie sei von einem Wagen angefahren worden und der Fahrer habe Fahrerflucht begangen. Da sind zwei jugendliche Brüder, Söhne eines Händlers mit Luxusautos. Der eine kommt aus dem Gefängnis, da er einem türkischen Jungen brutalst den Arm gebrochen hat, der zweite tötet als Darth Vader im Auftrag seines Bruders, des Imperators, Tiere, indem er ihre Kehle durchschneidet und ihr Gesicht mit einem Vorschlaghammer zertrümmert. Ihr Vater selbst schlägt Frau und Kinder.

Hochgatterer lässt Kommissar Ludwig Kovacs denken:
Ein Mann, der seinem Kind die Knochen bricht, dachte er – jeder kennt ihn und keiner traut sich etwas zu unternehmen. Seit Jahren waren sie immer wieder mit ihm befasst und seit Jahren war niemand zu einer brauchbaren Aussage gegen ihn zu bewegen. Psychopathen machen Angst, dachte er, egal, ob sie Familienväter sind oder Lehrer oder Politiker. Psychopathen drohen, demütigen und schlagen zu. Vor diesen Dingen haben die Menschen Angst: vor Bedrohung, vor Demütigung und davor, geschlagen zu werden. Angst ist im Kern immer rational.
Zwar sind die beiden Hauptverdächtige, aber wie es in Krimis so zu sein hat, ist eine lange Zeit unverdächtige Person der Täter. Zwar nicht ein Gärtner, jedoch der ehemalige Briefträger und Imker ("Honigmann") Joachim Fux. Tatwerkzeug ist ein Amboss auf einem alten Abschleppwagen. Tatmotiv: Der Großvater (Sebastian Wilfert) hat den Fux-Brüdern im Zweiten Weltkrieg den Auftrag gegeben, einen 15-jährigen Behinderten zu ermorden. Auf einer Fotografie aus dem Weltkrieg sieht Fux immer wieder sich, seinen Bruder und Wilfert. Das Gesicht des Bruders, der sich später erschossen hat, ist abgegriffen, weiß, das von Wilfert erkennbar. Daraus ergeben sich Motiv und Methode. Fux:
Ich sehe das Gesicht vor mir. Ich weiß immer, wo es sich befindet. Schließlich folge ich ihm. Ich werde es auslöschen.
Womit wir bei einem Lieblingsthema der österreichischen Literatur sind: die Gräuel der nationalsozialistischen Herrschaft und das unbehelligte Leben von Tätern in der Nachkriegsrepublik.

Ob die vielen Kapitel, die Raffael Horn im Krankenhaus begleiten, kritisch, ironisch oder wirklich so gemeint sind, lässt sich nicht erschließen. Denn außer dass sich Horn mit dem Mädchen einfühlsam beschäftigt, werden eigentlich alle psychisch Kranken ausschließlich medikamentös behandelt (Horn hat eine Abneigung gegen Psychotherapie und Psychoanalyse) und, wenn es sein muss, "niedergespritzt". Und die Bemerkung über einen Patienten in der Notambulanz - "Reisberger, der Drogist, der seine Hand an die linke Brustseite krallte und ziemlich sicher wieder keinen Herzinfarkt erlitten hatte" - ist schon sehr zynisch. Ironie ist nicht erkennbar.

Fazit: Zu viel Klischees. Zu übertrieben. Zu aufgesetzt.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

06.01.2026 um 13:14
Ich komme endlich auch mal wieder mehr zum Lesen und kann gleich drei Tipps geben.

Vor kurzem gelesen:

A. Jungchen: Isabella - Tochter der Zeit

https://buchshop.bod.de/isabella-tochter-der-zeit-alexander-jungchen-9783695134953

Kurzweilige, sympathische Fantasygeschichte mit unkonventionellem Ansatz.
Eine Frau erwirbt auf dem Flohmarkt eine Vintage Kamera, und diese kann offensichtlich ein Fenster in andere Zeiten öffnen.
Das Thema Raum & Zeit finde ich sowieso sehr spannend.


Aktuell lese ich:

Sebastian Fitzek: Der Nachbar

https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1074855440

Viel muss man zu Fitzek ja nicht schreiben. Die Handlung ist oft ein wenig an den Haaren herbei gezogen (eher wie ein Spielfilm) und die Figuren häufig schablonenhaft. Dennoch versteht er es einfach, Spannung aufzubauen, und mit unerwarteten Wendungen den Leser zu überraschen. Und auch sein neuester Thriller scheint wieder zu halten, was er verspricht.


J. Fidelis: Tödliche Winterruhe

https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1077723320

Eine Art dystopischer Thriller, bisschen Richtung Orwell, bisschen was mit Romance.
Stellt euch vor, es gäbe jeden Winter einen Lockdown wie bei Corona, und alle Bürger wären zum viermonatigen Winterschlaf verpflichtet. So sieht in diesem Roman die ferne Zukunft Nordeuropas aus.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

09.01.2026 um 17:27
Ruth Klüger - weiter leben

Klueger-weiter

Die 1931 in Wien geborene amerikanische Literaturwissenschafterin Ruth Klüger hat 1992 den ersten Teil ihrer Autobiographie vorgelegt.

Als kleines Kind war sie ab 1938 in Wien einem aggressiven Antisemitismus ausgesetzt, wurde zweimal ausquartiert, ihr Vater, ein Arzt, ist nach Italien und Frankreich geflohen und von dort nach Auschwitz verfrachtet und ermordert worden. Klüger wächst mit ihrer nun alleinerziehenden Mutter auf, sie werden nach Theresienstadt und schließlich Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie sich bei der Selektion als 15-Jährige ausgegeben hat und mit ihrer Mutter als Arbeiterin ins KZ Christianstadt überführt worden ist. Während der Wirren der heranrückenden Roten Armee und der Massenflucht Richtung Westen ist es ihnen gelungen, aus einem Todesmarsch auszubrechen und zu fliehen. Ein protestantischer Priester hat ihnen zu falschen Papieren verholfen und sie können als Ostflüchtlinge mit einem Zug nach Straubing fahren, wo sie bis zum Eintreffen der US-Armee unbehelligt als "Arierdeutsche" leben können. Gegenüber den US-Truppen haben sie ihre wahre Identität zurückerhalten. Die tätowierte Auschwitznummer ist auch ein Beleg.

Klüger kann als 15-Jährige ein Notabitur ablegen und beginnt in Regensburg Philosophie zu studieren, wo sie Martin Walser kennenlernt, mit dem sie bis zu seinem ihrer Ansicht nach antisemitischen Buch über Reich-Ranicki eine Freundschaft verbunden hat. Ihre Mutter arbeitet bei der UNRRA in Nürnberg, und da eine Migration nach Palästina nicht möglich ist (keine benötigte Qualifikation, strikte Einwanderungsregelungen der Briten), emigrieren sie schließlich in die USA, wo Klüger eine Doktorarbeit abschließen kann und Literaturwissenschafterin für deutsche Literatur wird.

Stilistisch ist interessant, dass Klüger nicht in die Rolle des Kindes schlüpft, sondern ihr eigenes Leben aus der Sicht der 60-Jährigen kommentiert, wobei es aufgrund der gemeinsam überlebten Extremgeschichte doch etwas überrascht, wie sie sich an ihrer noch lebenden 90-jährigen Mutter abarbeitet, als ob sie Kindheits- und Pubertätsdifferenzen nie überwunden hat. Ihre Mutter sei immer eine Lügnerin gewesen und habe nie wollen, dass ihre Tochter ein eigenständiges Leben führe. Im Kontrast dazu, was Klüger schon als Kind immer wieder hat durchsetzen können, sind so manche Passagen, in denen sie sich über ihre Mutter auslässt, eigentümlich. Kern ist vermutlich, dass Klüger sich erinnert, aus Wien noch mit einem Kindertransport nach Palästina fliehen zu können, was ihre Mutter abgelehnt hätte. Dies müsste etwa 1939 gewesen sein, als die Alija-Jugend noch solche Transporte organisieren konnte. Klüger war 7 Jahre alt.
Einmal bin ich mit ihr zur jüdischen Gemeinde gegangen, wo ein junger Mann uns gefragt hat, ob sie mich nicht mit einem Kindertransport nach Palästina schicken wolle. Es sei gerade noch Zeit, die letzte Chance. Sehr zu raten. Mir klopfte das Herz, denn ich wäre liebend gern weggefahren, auch wenn es ein Verrat an ihr gewesen wäre. Aber sie hat mich nicht gefragt und nicht einmal angeschaut, sondern sagte, »Nein. Man trennt kein Kind von der Mutter.« Auf dem Heimweg kämpfte ich mit meiner Enttäuschung, die ich ihr ja nicht ausdrücken konnte, ohne sie zu verletzen. Ich glaube, das hab ich ihr nie verziehen. Der andere Mensch, der ich geworden wär, wenn ich nur ein Wort hätte mitreden können, wenn sie mich nicht einfach als ihr Eigentum behandelt hätte.
Ihre Mutter hat gehofft, noch die Summe der sog. Reichsfluchtsteuer ersparen zu können, was jedoch nicht gelingt.

Tiefe Einblicke erhält man in die Anfangszeit der NS-Herrschaft in Wien. Selbst als das Tragen eines Judensterns obligatorisch wird, geht die 10-Jährige ohne Stern in die Wiener Innestadt, um in für Juden verbotene Kinos zu gehen. Zunächst sind es noch Disney-Filme (Schneewittchen), doch schließlich interessiert sie sich für Propagandafilme, und so hat sie auch Jud Süß gesehen. Im Rückblick schreibt Klüger:
Wien ist Weltstadt, von Wien hat jeder sein Bild. Mir ist die Stadt weder fremd noch vertraut, was wiederum umgekehrt bedeutet, daß sie mir beides ist, also heimatlich unheimlich. Freudlos war sie halt und kinderfeindlich. Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich.
Kritisch setzt sich Klüger mit den zu musealen Gedenkstätten umfunktionierten Konzentrationslagern auseinander, da sie nicht in der Lage sind, die Grauen zu spiegeln, sie seien in einer anderen "Zeitschaft", wie sie es formuliert. Ein "Ort in der Zeit, die nicht mehr ist."
das Wort Zeitschaft sollte es geben, um zu vermitteln, was ein Ort in der Zeit ist, zu einer gewissen Zeit, weder vorher noch nachher.
Klüger schreibt von "Museumskultur" und führt aus:
Es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglaube zugrunde, nämlich daß die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein. Oder vielmehr kein tiefer, sondern eher ein seichter Aberglaube, wie ihn auch die Grusel- und Gespensterhäuser in aller Welt vermitteln. Ein Besucher, der hier steht und ergriffen ist, und wäre er auch nur ergriffen von einem solchen Gruseln, wird sich dennoch als ein besserer Mensch vorkommen. Wer fragt nach der Qualität der Empfindungen, wo man stolz ist, überhaupt zu empfinden? Ich meine, verleiten diese renovierten Überbleibsel alter Schrecken nicht zur Sentimentalität, das heißt, führen sie nicht weg von dem Gegenstand, auf den sie die Aufmerksamkeit nur scheinbar gelenkt haben, und hin zur Selbstbespiegelung der Gefühle?
Und weiter:
Nicht die Toten ehren wir mit diesen unschönen, unscheinbaren Resten vergangener Verbrechen, wir sammeln und bewahren sie, weil wir sie irgendwie brauchen: Sollen sie etwa unser Unbehagen erst beschwören, dann beschwichtigen? Der ungelöste Knoten, den so ein verletztes Tabu wie Massenmord, Kindermord hinterläßt, verwandelt sich zum unerlösten Gespenst, dem wir eine Art Heimat gewähren, wo es spuken darf. Ängstliches Abgrenzen gegen mögliche Vergleiche, Bestehen auf der Einmaligkeit des Verbrechens. Nie wieder soll es geschehen.
Aus diesem Grund hat Klüger auch nie wieder Auschwitz besucht:
Nach Auschwitz bin ich nicht zurückgegangen und hab auch nicht die Absicht, es in diesem Leben noch zu tun. Mir ist Auschwitz kein Wallfahrtsort, keine Pilgerstätte. Ich könnte mir was einbilden darauf, dort überlebt zu haben, das heißt, daß es eben nicht meine Ortschaft geworden ist, daß ich durchgegangen bin und es mich nicht hat halten können. Aber es ist ein gefährlicher Unsinn, zu denken, man hätte viel zur eigenen Rettung beigetragen. An den Ort, den ich gesehen, gerochen und gefürchtet habe und den es jetzt nur noch als Museum gibt, gehör ich nicht hin, hab dort niemals hingehört. Ein Ort für Geländebewahrer.
Auch habe Auschwitz nichts mit ihrer Identität zu tun:
ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien. Wien läßt sich nicht abstreifen, man hört es an der Sprache, doch Auschwitz war mir so wesensfremd wie der Mond. Wien ist ein Teil meiner Hirnstruktur und spricht aus mir, während Auschwitz der abwegigste Ort war, den ich je betrat, und die Erinnerung daran bleibt ein Fremdkörper in der Seele, etwa wie eine nicht operierbare Bleikugel im Leib. Auschwitz war nur ein gräßlicher Zufall.
Immer wieder reflektiert Klüger ihr Überleben ("daß mir die Toten zu schaffen machten, weil ich am Leben war") und setzt es einem Zufall gleich.
Und in Wirklichkeit war es Zufall, daß man am Leben geblieben ist.
An einer Stelle vergleicht sie ihr Überleben mit einem Lottogewinn. Lotto, ein Spiel, bei dem statistisch alle verlieren müssen, es jedoch statistische Ausreißer gibt, die Lottogewinner.
Ich hab die Hoffnung nie aufgegeben und meine heute, daß es aus keinem besseren Antrieb als kindischer Verblendung und Todesangst so war. Daß sich die Hoffnung gerade bei mir bewährt hat, ist zwar ein für mich persönlich erfreulicher Ausgang gewesen, widerlegt aber ebensowenig die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs wie der Hinweis auf einen Lottogewinner die Tatsache widerlegt, daß die meisten Spieler verlieren müssen und daß es ebenso unwahrscheinlich ist, daß ein bestimmter Spieler gewinnt, wie es sicher ist, daß einer gewinnen muß. Man soll die Gesetze der Statistik nicht mit der Vorsehung verwechseln, denn diese Gesetze wählen und werten nicht. Statistisch gesehen, mußten wohl manche von uns den Nazis durch die Lappen gehen, besonders da sie im Begriff waren, den Krieg zu verlieren. Die Frage, wer die Glückspilze waren, führt jedoch leicht von der Statistik fort und in den Märchenwald der Erfolgsgeschichten.
Klüger berichtet auch über die Zwistigkeiten zwischen politischen Gefangenen und jüdischen Häftlingen:
Dort, im Frauenlager, herrschten die Politischen, zumindest in unserer Baracke. Sie taten sich was zugute darauf, daß die Nazis ihnen rote Dreiecke angeheftet hatten und keine gelben wie uns. Die rote Blockälteste schrie ihre Verachtung für uns in den Raum; das konnte sie gut, da war sie in die richtige Schule gegangen, unbeschadet aller humanistischer Ansprüche, die mir in Theresienstadt als das Herzstück des Sozialismus eingeleuchtet hatten. Links wo das Herz ist. Denen hier war nur am eigenen Überleben gelegen, vielleicht hatten sie noch was für ihre Kameraden übrig, aber die Juden waren auch für sie der letzte Dreck, wie wir es für die Nazis waren.

Meine Mutter verlor irgendwann den Kopf und schrie zurück. Dafür mußte sie dann zur Strafe auf dem schon erwähnten steinernen Kamin, dem Mittelstreifen der Baracke, knien, eine Stellung, die nach ganz kurzer Zeit qualvoll wird. Sie war in elender Verfassung, völlig außer sich, der Irrsinn flackerte ihr in den Augen, als sie, schon knieend, noch weiter auf die Beamtete einschrie.
Ein Buch, das deswegen beeindruckt, da es so gegen den Strich gebürstet ist.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

11.01.2026 um 17:42
Steppenwolf von Hermann Hesse.


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

11.01.2026 um 19:57
csm 3764505648 954fd0c55a

https://www.krimi-couch.de/titel/14472-helix-sie-werden-uns-ersetzen/

Ein Thriller über die Möglichkeiten der Gentechnik in Zukunft..


melden

Welches Buch lest ihr gerade?

gestern um 22:59
71-i4LIjYXL.jpg BO30255255255 UF900850 S
Sehr schöne und spannende Geschichte aus dem Ruhrpott der Nachkriegszeit. Spiegel-Bestseller!


melden

Ähnliche Diskussionen
Themen
Beiträge
Letzte Antwort
Literatur: Wann legt ihr ein Buch vorzeitig zur Seite?
Literatur, 61 Beiträge, am 03.10.2025 von Aiolod
symbiotic am 19.04.2018, Seite: 1 2 3 4
61
am 03.10.2025 »
von Aiolod
Literatur: Eure Bücher Wunschliste
Literatur, 153 Beiträge, am 11.03.2024 von .lucy.
Dr.Manhattan am 19.12.2011, Seite: 1 2 3 4 5 6 7
153
am 11.03.2024 »
von .lucy.
Literatur: Zeig mir deine Bücher und ich sag dir wer du bist
Literatur, 337 Beiträge, am 11.02.2023 von Paulianer
Somayyeh am 16.01.2011, Seite: 1 2 3 4 ... 14 15 16 17
337
am 11.02.2023 »
Literatur: Was sind eure Lieblingsbücher?
Literatur, 166 Beiträge, am 11.08.2023 von PeterWimsey
jessishan am 17.01.2011, Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9
166
am 11.08.2023 »
Literatur: Der Thread für Leseratten.
Literatur, 280 Beiträge, am 17.10.2019 von MissHudson
Jinana am 03.10.2012, Seite: 1 2 3 4 ... 11 12 13 14
280
am 17.10.2019 »