Elias Canetti - Die Fackel im Ohr
1982 veröffentlichte als 76-Jähriger der europäische Literaturnobelpreisträger Elias Canetti den zweiten Teil seiner Autobiographie, die den Zeitraum von 1921 bis 1931 umspannt. Sie beginnt mit der Übersiedelung von Zürich nach Frankfurt/Main, vor allem aus finanziellen Gründen. Der 16-jährige Canetti hat diesen Umzug seiner Mutter eigentlich nie verziehen und selbst in diesem Alterswerk ist sie ein heftiger Reibebaum.
In Frankfurt legt er nicht nur sein Abitur ab, sondern beobachtet auch sehr genau die Auswirkungen der Hyperinflation auf die "einfachen" Menschen, denen er sich in seinen Adoleszenzjahren sehr verbunden fühlt. Obwohl seine Familie alles andere als reich ist, haben sie im Vergleich zu denen, die alles verloren haben und hungern, noch immer viel.
1923 ziehen sie nach Wien, Canetti beginnt ein Chemie-Studium, das ihn eigentlich nicht interessiert, jedoch mit der Promotion zu Ende führt. Viel mehr interessiert ihn die Literatur und er beginnt Beziehungen zu der Schriftstellerin Veza Taubner-Calderon, die er in den 1930er Jahren heiraten wird, und zu der ungarischen Lyrikerin Ibby Gordon. Ein Fan wird er von Karl Kraus, dessen Vorträge er regelmäßig besucht und dessen Zeitschrift
Die Fackel auch das Bezugswort im Titel ist.
In seiner Freizeit beginnt er mit Überlegungen zu dem Verhältnis zwischen Masse und Macht. Er will sich von Freud abgrenzen und aufzeigen, dass der Einzelne sehr wohl in einer Masse aufgehen kann und will. Selbst erfährt er dies bei seiner Anwesenheit am 15. Juli 1927 vor dem Wiener Justizpalast, als zwei rechtsradikale Mörder freigesprochen worden sind und die Wiener Arbeiterschaft spontan zu demonstrieren begonnen und den Justizpalast angezündet hat. Canetti ist dabei, als die Polizei scharf zu schießen beginnt. 84 Demonstrierende sind erschossen worden, fünf Polizeikräfte sind ums Leben gekommen. Der zweite Bezug sind die Fan-Rufe aus dem Hütteldorfer Rapid-Stadion, die er in seiner Wohnung hat hören können. Canetti kommt zum Schluss, dass Masse keinen Führer brauche.
Ich erkannte, daß die Masse keinen Führer braucht, um sich zu bilden, den bisherigen Theorien über sie zum Trotz. Einen Tag lang hatte ich hier eine Masse vor Augen, die sich ohne Führer gebildet hatte.
Auch beginnt er mit den Charakteren eines Romans, dem später der Titel
Die Blendung, benannt nach Rembrandts Gemälde
Die Blendung Simsons, das er in Frankfurt kennengelernt hat (großartige Digitalisierung im
Städel-Museum), gegeben wird. In seinem Zimmer hat er Lichtkopien sowohl von diesem Gemälde als auch vom Altarbild des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald, das er in Colmar besichtigt. Beeindruckt ist Canetti von der einzigartigen Leidensdarstellung von Jesus am Kreuz (gut zu sehen auf der Webseite
drschloegl.at).
Den Sommer 1928 verbringt Canetti auf Einladung von Ibby Gordon in Berlin. Durch Gordon erhält er Zugang in die linken Top-Künstlerkreise. Mit Wieland Herzefelde, dem Leiter des Malik-Verlags, wird ihn lebenslang eine Freundschaft verbinden. Radikal kanzelt Canetti die Persönlichkeiten der von ihm hochgeschätzten Künstler George Grosz, der ihm ein Exemplar der wegen Obszönität verbotenen Mappe Ecce Homo schenkt (eine hochwertige PDF-Reproduktion auf
monoskop.org), und Bertolt Brecht ab. Grosz sei im Suff ein Perversling, Brecht ein als Proletarier verkleideter Egomane. Dies, seine beginnende Abneigung gegenüber Gordon, welche seiner Meinung nach Männer zu Unflätigkeiten provoziere, und die egoistische Hektik der Stadt veranlassen Canetti zur Rückkehr nach Wien.
In aller Vielseitigkeit und Gegensätzlichkeit, in aller Rücksichtslosigkeit schlug es auf einen los, es blieb einem keine Zeit, etwas zu verstehen, man empfing nichts als Hiebe und hatte die vortägigen noch nicht verschmerzt, als es schon neue regnete. Als mürbes Stück Fleisch, so ging man in Berlin herum und fühlte sich noch immer nicht mürbe genug und wartete auf neue Schläge.
Mutter und Geschwister leben seit Längerem bereits in Berlin und er genießt die Einsamkeit seiner Wohnung am Stadtrand. Nach der Promotion in Chemie wird Canetti als Übersetzer tätig, was ihm für einige Jahre ein Einkommen beschert und Zeit gibt, an seinen eigenen Projekten zu arbeiten, aber auch nächtens in Cafés zu verweilen, um die einfachen Menschen zu studieren, wie er schreibt.
In seiner eher noblen Wohngegend in Hietzing freundet er sich mit einem jungen Mann an, der seit etwa seinem sechsten Lebensjahr ganzkörpergelähmt ist (Littlesche Krankheit -
Wikipedia), jedoch Philosophie studiert. Ein Philosophieprofessor kommt wöchentlich zu ihm, um ihn zu unterrichten. Canetti erinnert sich interessanterweise an seinen Namen falsch (oder will er ihn nicht preisgeben?). Der im Buch Thomas Marek Genannte, hieß in Wirklichkeit Herbert Patek und von ihm ist noch ein Artikel in der Zeitschrift
Der Krüppel der Vereinigung der Körperbehinderten Österreichs aus dem Jahr 1933 erhalten (
PDF Universitätsbibliothek Innsbruck).
Streckenweise ist dies ein sehr interessantes Dokument über die Zwischenkriegszeit. Etwas ratlos lässt einen der Zwiespalt zwischen der Ablehnung der moralischen Verurteilung von Menschen und der eigenen brutalen Abkanzlung seiner Mutter, von Ibby Gordon, Grosz und Brecht. So konstatiert Canetti an einer Stelle:
Ich lernte auch etwas, was nach der Lehre der ›Fackel‹, in die ich so lange gegangen war, vielleicht noch wichtiger schien, wie erbärmlich nämlich Urteilerei und Verdammung als Selbstzweck waren.
Jedoch ist Canetti selbst in hohem Alter noch nicht von "Urteilerei und Verdammung" frei.