@violetluna eure Pflegeheimtour:
Das ist eine wirklich schwere Entscheidung – und man merkt, dass ihr euch sehr viele Gedanken macht und versucht, für alle Beteiligten eine möglichst gute Lösung zu finden. Ich versuche, dir keine „richtige“ Antwort zu geben, sondern eine Entscheidungshilfe, die die verschiedenen Ebenen sortiert.
1. Der wichtigste Maßstab: Wer trägt die Pflege dauerhaft?
Auch wenn es hart klingt:
Die Entscheidung muss sich primär an denen orientieren, die langfristig Verantwortung tragen, organisieren, Entscheidungen treffen, da sein müssen, wenn etwas ist.
Das seid in erster Linie du und dein Mann.
Ihr werdet regelmäßig fahren
Ihr werdet mit Heim, Ärzten, Kasse, Krisen kommunizieren
Ihr werdet die emotionalen Folgen tragen
Wenn ihr euch durch eine Lösung selbst überlastet, hilft das niemandem, auch nicht deiner Schwiegermutter.
2. Die Bedürfnisse der Schwiegermutter – realistisch betrachtet
Du beschreibst sehr klar:
„Meiner Schwiegermutter ist mittlerweile egal, wo sie sich befindet, da sie ihre Umgebung gar nicht mehr erkennt.“
Das ist schmerzhaft, aber wichtig. Für die Bewertung heißt das:
Ortsbindung spielt kaum noch eine Rolle
Vertrautheit entsteht eher durch
– ruhige Abläufe
– feste Bezugspersonen
– möglichst wenig Wechsel
Meer, Heimat, Stadt oder Land sind emotional eher für euch wichtig als für sie.
3. Der Bruder: wichtig – aber nicht der alleinige Maßstab
Dein Schwager:
ist selbst pflegebedürftig
hat eingeschränkte Mobilität
besucht seine Mutter regelmäßig → das spricht sehr für ihn
Aber:
Er trägt nicht die Hauptpflege
Er ist nicht der organisatorische Hauptverantwortliche
Seine Möglichkeiten sind ohnehin begrenzt
Es ist legitim, seine Situation stark mitzudenken –
aber nicht so weit, dass ihr euch dauerhaft selbst aufreibt.
4. Bewertung der Optionen
🌊 Option 1: Meer – weit weg vom Heimatort
Pro:
realistische Chance auf einen Platz
ihr könnt gut hinfahren
schöne Umgebung (auch für euch!)
evtl. weniger Nachfrage als in Ballungsräumen
Contra:
Schwager kaum realistisch besuchsfähig
Ethisch wichtig:
Besuche sind wertvoll – aber bei fortgeschrittener Demenz sind sie oft mehr für die Angehörigen als für die Betroffene.
🇦🇹 Option 2: Grenznähe zu Österreich
Pro:
deutliche Entlastung für euch
trotzdem in Deutschland → Finanzierung gesichert
realistische Suche in einem größeren Radius
Contra:
Für den Schwager deutlich schwieriger
emotional evtl. das Gefühl „wegziehen“
Diese Option wirkt sehr pragmatisch und tragfähig für die Zukunft.
🏘️ Option 3: Nähe des Bruders
Pro:
faire Rücksicht auf den Schwager
familiär gut vermittelbar
moralisch „sauber“
Contra:
geringe Platzchance
möglicherweise jahrelanges Warten
weiterlaufende Belastung zu Hause
Das ist die harmonischste, aber leider auch die unsicherste Option.
5. Ein möglicher, sehr realistischer Entscheidungsweg
Statt „entweder–oder“:
Parallel mehrere Regionen anfragen
Heimatregion / Nähe Bruder
Grenzregion
ggf. 1–2 Orte am Meer
Nicht auf eine Warteliste setzen, sondern viele
Nehmt den ersten guten Platz, der verfügbar ist
→ „gut“ heißt: Demenzkompetenz, Atmosphäre, Personalschlüssel
Sollte später ein besser gelegener Platz frei werden, könnt ihr immer noch wechseln
Ein Umzug einmal ist für viele Demenzkranke verkraftbar –
jahrelange instabile Pflege dagegen oft nicht.
6. Meine persönliche Einschätzung (vorsichtig formuliert)
Wenn ich alles zusammennehme:
fortgeschrittene Demenz
massive Pflegenot
Hauptlast bei euch
ungewisse Wartezeiten
👉 Ich würde mich nicht auf eine Region festlegen, nur um es „allen recht zu machen“, sondern:
Den Platz nehmen, der zeitnah verfügbar ist und fachlich gut passt – bevorzugt so, dass ihr ihn langfristig leisten könnt.
Das ist keine egoistische, sondern eine verantwortungsvolle Entscheidung. Das kannst du dem Schwager auch so erklären, er wird es verstehen (müssen).
Ich habe selbst 11 Jahre in einer Eigentumswohnung mit angeschlossenem Seniorenheim gewohnt. Heime entscheiden bei der Aufnahme nach Dringlichkeit. Wenn sich ihr Zustand verschlechtert, immer wieder um Vorreihung anfragen. Bei uns war es auf Dauer so, dass das Heim lieber schwere Pflegefälle hatte, weil es besser bezahlt wurde.
Ein Thema war bei uns, dass es bei 12 Heimplätzen neben meiner Wohnung ständig zu Sucheinsätzen im Dorf und im Haus nach dementen Personen kam.
1. Kriterienliste: Woran erkennt ihr ein gutes Demenz-Pflegeheim?
🧠 Haltung & Kompetenz (wichtiger als Lage!)
Geschlossener oder beschützter Demenzbereich
Personal spricht ruhig, langsam, wertschätzend, nicht über Bewohner hinweg
„Unruhe“, „Weglaufen“ wird nicht als Problem, sondern als Symptom gesehen
Umgang mit herausforderndem Verhalten ohne Fixierungen (oder nur als letztes Mittel)
👉 Frage bei der Besichtigung:
„Wie gehen Sie vor, wenn eine Bewohnerin nachts unruhig ist oder nach Hause möchte?“
👩⚕️ Personal & Kontinuität
Möglichst wenige Bezugspersonen, feste Teams
Wie hoch ist der Anteil an Fachkräften?
Wie hoch ist die Fluktuation?
👉 Alarmzeichen:
sehr schnelle Führung durchs Haus
ausweichende Antworten
„Das kommt bei uns nicht vor“
🏠 Atmosphäre
Es riecht nicht dauerhaft nach Urin oder Desinfektionsmittel
Türen nicht nur verschlossen, sondern sinnvoll gestaltet (Ablenkung statt Verbot)
Bewohner sitzen nicht apathisch vor dem Fernseher
Kleine Wohngruppen sind besser als große Stationen
🩺 Medizin & Organisation
Hausarzt-/Facharztversorgung geregelt?
Wie oft wird medikamentös beruhigt?
Wie ist der Umgang mit Krankenhausaufenthalten?
❤️ Angehörigenarbeit
Gibt es feste Ansprechpartner?
Wie wird kommuniziert, wenn etwas nicht gut läuft?
Sind Besuche flexibel möglich?
Hier bei uns scheint die Pflegeheimsituation nicht so schwierig zu sein. Fast jeder Ort hat ein Heim, ausgewichen wird höchstens in Nachbarorte. Pflegeregress gibt es nicht mehr.
Bei uns fragt man wahrscheinlich anfangs beim Sozialsprengel für die betreffende Region an. Das ist ein Zusammenschluss aus mehreren Gemeinden. Dieser könnte einen Überblick haben und vermitteln, auch bei der Pflege und bei der Suche nach einer Unterkunft. Weiters hat meine Gemeinde einen Pflegeausschuss im Gemeinderat.