Mickelangelo schrieb:Da würde ich mir eher vorstellen, daß er einen Schlüssel hatte oder wußte, wo der Schlüssel zu finden war, weil er dort selbst gearbeitet hat, oder daß die Türen gar nicht abgeschlossen waren….
Normalerweise -nach meiner Erfahrung- wurden die Türen von Bauwagen (egal ob nun zur Pausennutzung oder Materiallagerung) zum Feierabend verschlossen. Der Schlüssel durch einen Vorarbeiter verwaltet. Das konnte ein einfaches Vorhängeschloss oder eingebautes Schloss sein. Kein besonders hoher Sicherheitsstandart aber sicher genug um niemanden zum Raub von Werkzeug/Material offen einzuladen.
Es ist allerdings ein interessanter Gedanke, dass der Täter auf dieser Baustelle -wie und als was auch immer- beschäftigt gewesen sein könnte. In diesem Zusammenhang hatte ich ja schonmal hier im Thread die Vermutung geäußert, dass er in diesem Dorf durchaus eine Funktion gehabt/bekannt gewesen sein könnte. Vielleicht der Inhaber eines dort tätigen Bauunternehmens oder ein wichtiger Angestellter? keine Ahnung. Ist jetzt nur mal so ein Gedankenspiel. konkrete Hinweise gibt es ja so nicht, dass der Täter da Bauwagen -für welche Zwecke auch immer- genutzt hat oder wollte.
Mickelangelo schrieb:Im Übrigen kann ich mir schon vorstellen, daß es so einem Täter egal war, wie es in dem Wagen aussieht, Hauptsache etwas Privatsphäre.
Das sehe ich persönlich jetzt etwas differenzierter. Es kommt mMn darauf an, welche Absicht dieser Täter hatte.
Wenn er von vorn herein eine stumpfe, brutale Vergewaltigung, möglicherweise inklusive anschließender Verdeckungstat geplant oder sich zumindest vorgestellt hat, kann er den Ort bewusst oder auch spontan gewählt haben, da kam es dann nicht auf Zustand, Lage, Hygiene, Komfort an, nur darauf nicht bei der Tat beobachtet/gehört/wahrgenommen zu werden und das Opfer dann auch anschließend entsprechend unbeobachtet ablegen und sich selbst unbeobachtet in Sicherheit bringen zu können.
Wenn er allerdings von vorn herein keine knallharte Vergewaltigung plante, sondern einvernehmliches Austauschen von körperlichen Zärtlichkeiten, dann waren weder der Ort (Baustelle), noch das Objekt (Bauwagen od. alternativ ein Rohbau) noch der Zeitpunkt in irgendeiner Weise plausibel gewählt. Das MUSSTE mMn in einer (aus Sicht des "Freundes") kompletten Vollkatastrophe enden.
Das ist der Punkt.
Höhenburg schrieb:Ich mache für die "Den/Die muss man doch finden" Haltung einige Krimiserien verantwortlich, die die Ermittlungsarbeit teils deutlich verzerrt darstellen, gerade auch wenn man nur die Möglichkeiten von damals hatte.
Nicht das hier der falsche Eindruck entsteht: Ich beziehe mein ggf. "gefährliches Halbwissen" dieses kriminalistischen Interesses (Hobbys) ausdrücklich nicht aus amerikanischen Billigserien, Netflix und Co. oder sonstigem Ramsch-TV bzw. Streaming-Angeboten. Ich bevorzuge eigene Einsatzerfahrung, seriöse (Fach-) Literatur und die analytische Auswertung von zugänglichen, seriösen Quellen bzw. Austausch mit Gleichgesinnten und seriösen Dokumentationen. Das ist jetzt nicht als Angeberei gedacht, sondern einfach nur eine Klarstellung, warum ich einige Standpunkte bewusst einnehme und dazu auch stehe.
Die Haltung, dass man diesen "Chris(sy)" hätte finden oder zumindest identifizieren müssen, ist ja von mir nicht unbegründet, einfach so, in den Raum gestellt worden. Chris(sy) wurde -soweit ich weiß- nur von einer Einzigen, möglicherweise auch mehreren Freunden/Freundinnen der Marion Baier (so genau ist das nicht nachvollziehbar) ins Spiel gebracht. Wir wissen nicht, ob er in der Nähe aufgewachsen ist oder wohnte, wir wissen nicht, ob er jemals von der/den Zeugin/Zeugen persönlich angetroffen oder in der Realität zumindest mal beobachtet wurde, wir kennen keinen Zeitraum, in dem diese Person sich mit Marion Baier getroffen haben soll, keinen Ort, keine Absicht, keine gemeinsamen Aktivitäten. Wir wissen nichts.
Was wir haben, ist die Aussage das diese Person existent gewesen sein soll und wir haben eine ziemlich gute Beschreibung. Mehr nicht. Er wurde auch nicht am oder auf dem Fest gesehen und darüber hinaus scheint ihn niemand im Umkreis identifizieren zu können. Schon merkwürdig oder nicht? Also für mich persönlich ist Chris(sy) ein Phantom. Eine romantische Wunschvorstellung/Schwärmerei eines blutjungen Mädels, dass so einen Typen mal irgendwo gesehen hat, beobachten konnte und nun von ihm Träumte. Vielleicht um der/den Freundin(en) vorzugaukeln, dass sie auch schon eine geheime Beziehung hatte oder hat.
Es ist doch so: Chris(sy) oder wie auch immer er heißen mag, hätte doch irgendwo auf Marion treffen müssen. Es hätte gemeinsame Orte geben müssen, wo man sich trifft. Das auch in der Nähe des Wohnortes von Marion. Marion hatte KEIN Festnetz-Telefon, KEIN Mobiltelefon, kein bekanntes Fortbewegungsmittel. Keine Email, kein Social Media Account, kein Internet, kein Chat, kein Messenger. Nichts! Die konnte maximal Postkarten schreiben oder mit ein paar Groschen bewaffnet eine Telefonzelle benutzen oder indianische Rauchzeichen geben. Wie um alles in der Welt soll sie eine geheime Beziehung unterhalten und sich (spontan) verabredet haben???
Dazu kommt, dass niemand jemals diesen Chris(sy) gekannt haben will bzw. identifizieren konnte. Niemand. Kine Verwandten (also Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Großeltern usw.), keine Nachbarn, keine Lehrer, keine Mitschüler, keine Freunde/bekannte, kein Tankwart wo er sein Moped betankte. Einfach niemand! Und das obschon er quasi -um Marion überhaupt kennengelernt zu haben und sich treffen zu können aus der ungefähren Gegend stammte??? Nein, das erschließt sich mir gerade nicht.
Höhenburg schrieb:Man darf den Faktor "unterschiedliche Bekanntenkreise" selbst heute nicht unterschätzen, damals war das noch viel bedeutsamer.
Ich unterschätze sowas nicht. Doch es ist nach meinem persönlichen Empfinden ziemlich unrealistisch, dass da ein recht auffälliger, junger Mann mit einprägsamen Merkmalen ein normales Leben führt und ihn trotzdem niemand kennt und identifizieren kann. Zumal in einer Gegend und zu einer Zeit, wo sowas durchaus auch von außen beachtet und wahrgenommen wurde. Ich kann mir deshalb nicht wirklich vorstellen, dass jener Chris(sy) tatsächlich Umgang mit Marion pflegte und an jenem schicksalshaften Abend zugegen war.
Höhenburg schrieb:Du wirst dich wahrscheinlich daran erinnern, daß schon mehrfach vermutet habe, daß Marion sein erster Mord war, ich habe nichts von erster Tat gesagt! Ich vermute, daß "Chris", falls das überhaupt sein echter Name ist, sein Lispeln stärker betont hat als es normalerweise war und der rote Helm üblicherweise irgendwo im Schrank lag.
Das ist mal ein wirklich guter Punkt den du da machst. Du führst dann noch genauer aus:
Höhenburg schrieb:Gib den potenziellen Zeugen etwas das heraussticht, wie zum Beispiel der auffällige Helm, dann achtet man weniger auf andere Sachen.
Das kann ich eindeutig so bestätigen! Je auffälliger ein Merkmal das wahrgenommen wird, jedoch jederzeit abgelegt werden kann und nicht zu dir gehört, desto geringer die Chance, dass ein Zeuge sich an andere Dinge erinnert, die man eben nicht ablegen kann und zu einem gehören. Absolut richtig. Volle Zustimmung.
Allerdings möchte ich dennoch da etwas einschränken. Scheinbar siehst du unseren Mopedcasanova Chris(sy) bereits schon zu dieser Tat als Planvoll, bewusst vorgehenden Serientäter, welcher bewusst vergewaltigen und von seiner tatsächlichen Person durch "Tricksen" mit auffälligen "Accessoires" ablenken möchte. Nun, ich würde da jetzt nicht so weit gehen wollen, dass er sich für diese Tat(en) in eine Art Kunstfigur verwandelte, damit er nicht identifiziert werden kann. Dafür gibt es nämlich einerseits keinerlei Anhaltspunkte und andererseits ist das für einen jungen Mann zw. 14 und 18 schon eine ziemlich harte Nummer sowas durchzuziehen.
Höhenburg schrieb:Es ist genau dieser Gegensatz, die detailverliebte Beschreibung des schlechter wahrnehmbaren Sportwagens und die deutlich hinterherhinkende Qualität was die Leute im erleuchteten(!) Innenraum des 911 angeht. Irgendwas passt nicht.
Also wenn mir ein wirklich wahnsinnig seltenes wie schönes Auto wie z.B. ein BMW M1, ein feiner Jaguar XJR oder ein brutaler Lamborghini Countach auf der Straße begegnet, habe ich doch keine Augen mehr für die verdammten Insassen! Da ist doch das Auto der Faktor! Ob sich die Leute im Innenraum kloppen oder miteinander sexuell aktiv sind, für mich die totale Nebensache. Da habe ich nur Augen für das Wesentliche und das ist nicht die Farbe der Bluse von der dort im Innenraum befindlichen Frau. Da schaue ich auf die Details am Fahrzeug!
Der User
@Bundesferkel hat das absolut korrekt zusammengefasst. Das nennt man:
Bundesferkel schrieb:Selektive Wahrnehmung.
So ist es!
Bundesferkel schrieb:Dieser Zeuge im Fall Marion Baier erscheint mir, schon aufgrund eigener Erfahrungen, völlig glaubwürdig.
Mir auch. Ich zweifle bislang kein Stück daran, dass seine Beobachtung der Wahrheit entspricht und denke nicht, dass er sich das -warum auch immer- ausgedacht haben könnte. Das erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich.
sallomaeander schrieb:Deutet diese insgesamt merkwürdig und markant anmutende Szene (Paar streitet sich im Neunelfer) tendenziell eher darauf hin, dass es sich um eine erfundene Aussage handelt, oder spricht dieses exotische Setting gerade dafür, dass der Zeuge eine reale Beobachtung mitteilt?
Nun, natürlich ist ja in der Theorie beides möglich. Doch ist das Eine wahrscheinlicher als das Andere? Das ist wohl die Frage die sich hier mMn eigentlich stellt. Ich persönlich halte seine Aussage für glaubhaft. Einfach schon deshalb, weil man eher dazu tendiert, eher etwas weit verbreitetes als exotisches zu beschreiben. Das sind ja "normale Leute". Man braucht schon eine ziemlich kriminelle und kreative Energie, da quasi "um die Ecke" zu denken und eben ganz bewusst und aus taktischen Gründen etwas exotisches zu beschreiben. Das erscheint mir ziemlich ungewöhnlich.
321meins schrieb:Denkbar wäre ja auch dass Mitarbeiter auf der Baustelle gewohnt haben, sollte das so sei wären diese sicher damals von der Polizei überprüft worden, aber eben ohne des sicheren Nachweis einer DNA-Probe.
Das Mitarbeiter auf Baustellen wohnen, ist mMn eher ein Phänomen der Jahre ungefähr ab der Jahrtausendwende. Das lag an Billiglohnkräften, die aus Osteuropa anreisten, um für Subunternehmer auf den Baustellen für einen günstigen Sklavenlohn zu malochen. Das war aber in den 70ern -soweit ich weiß- noch nicht der Fall und daher wäre es aus meiner Sicht sehr ungewöhnlich, wenn tatsächlich Bauarbeiter, keine Facharbeiter/Bauleiter dort in Bauwagen und nicht in Pensionen/Hotels übernachtet hätten.
321meins schrieb:für mich wäre denkbar dass es bei dem Aufeinandertreffen entweder lediglich um das Anbieten einer Heimfahrt ging, nichts was ein Schäferstündchen war und dann eskalierte sondern einfach das Nutzen einer spontanen Gelegenheit. Der Täter fährt an der Haustür von Marion vorbei und ihm wäre es bei dieser Konstellation völlig egal ob das Baugebiet dreckig, sandig oder unromantisch ist. Trotzdem müsste Marion diese Art von Täter meiner Meinung nach schon zumindest flüchtig gekannt haben.
Ja, ich vermute derzeit auch, dass der Täter Marion aus der Situation heraus, ungeplant und spontan "abgegriffen" hat und die Situation zu seinen Gunsten und Bestrebungen hin nutzte. An eine geplante Tat oder eine spontan eskalierte Beziehungssituation denke ich nicht. Ich stimme überein, dass der Täter Marion Baier mutmaßlich zumindest entfernt gekannt haben könnte oder sogar hat.