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5.268 Beiträge, Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur, Bildung, Romane, Sachbücher

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07.08.2020 um 18:08
Jules Verne - Von der Erde zum mond
Verlag Bärmeier und Nikel
sehr gut, auch die alten Ilustrationen

819Acf0-tBLOriginal anzeigen (0,3 MB)



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07.08.2020 um 23:53
Mirjam Pressler - Nathan und seine Kinder

Pressler

Pressler veröffentlichte 2009 eine Romanadaption von Lessings Nathan der Weise, mit dem sie das Thema einer gegenwärtigen Jugend näherbringen wollte. Die Konzeption ist überschaubar: Jede Figur erzählt aus der Ich-Perspektive, wobei nicht klar ist, wem überhaupt erzählt werden soll. Fast jedes Kapitel beginnt wie ein Steckbrief wie zum Beispiel "Ich, Daja, Erzieherin und Gesellschafterin Rechas". Die meisten Kapitel sind einfach hölzern und bringen einem die Figuren nicht näher.

Und dann wird auch noch aus Dürrenmatts Physiker gestohlen: "Worte, die einmal ausgesprochen sind, lassen sich nicht mehr zurücknehmen." Bei Dürrenmatt heißt es: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden."

Lessings Drama bohrt mit dem Finger in Wunden, die Ringparabel mit den drei falschen Ringen ist ein Affront gegen den Islam und fordert Toleranz in der Gesellschaft, ohne auf den Einzelmenschen einzugehen, der kann Gut, Böse oder irgendwas dazwischen sein. Pressler fordert die Toleranz des Einzelmenschen und kommt süßlich daher, auch wenn es das Böse gibt: Nathan wird auf der Straße erstochen, der Patriarch ist ein unsympathischer Mensch, mit dem erfundenen General Abu Hassan gibt es einen Fundamentalisten, der eher der Al Qaeda nachgebildet ist.

Das Ende franst sich aus, es sind - anders als bei Lessing - nicht alle verwandt, wie es weitergeht, weiß keiner. Der Roman bricht einfach ab. Der Text scheint, was ich so bei Google-Suchen sehe, recht beliebt zu sein, ich halte ihn für eine in den Sand gesetzte Adaption.



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08.08.2020 um 00:07
Christian Morgenstern - Galgenlieder

Galgenlieder

1905 herausgegeben, war dieser Gedichtband Dada, bevor es Dada gegeben hat. Es ist nichts mehr zu sagen in einer absurden Welt, außer Absurdes, und dies mit erfundenen Tieren und anderen Skurrilitäten. Aber zurück zum Dada, das ist wohl nichts anderes:
Das große Lalula

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro - prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo...
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lala la!

Simarat kos malzlpempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!
Viele Gedichte, auch um das Mondkalb, sind wohl bekannt, da möchte ich nicht groß darauf eingehen, auch Morgensterns Sprachspiele mit Wortneuschöpfungen, perfekter Metrik (bis hin zu Fisches Nachtgesang, der nur mehr aus Hebungen und Senkungen in Fischform besteht und damit ein Wegbereiter der visuellen Lyrik ist). Aber Das Knie möchte ich vorstellen, da dieses Gedicht noch vor dem großen Abschlachten im Ersten Weltkrieg einen doch den Atem anhalten lässt.
Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wär’s ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Eine schlichtweg großartige Gedichtsammlung, auf gutenberg.org online.



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08.08.2020 um 00:38
Martin Luther - Die 95 Thesen

luther-thesen

Historisch höchst relevant, sprachlich ein Meisterwerk, inhaltlich wirr. So sehe ich diese als Disputation, als Streitschrift angelegten 95 Thesen Luthers aus dem Jahr 1517. Eigentlich ist es ein fortlaufender Text, der aber jeden Satz mit einer Nummer versieht, so wurden eben die 95 Sätze zu 95 Thesen.

Die Kritik am Ablasshandel der römischen Kirche ist wohl allgemein bekannt, aber die Argumentation ist ein Frühwerk. Luther geht von der Frage aus, was diese überhaupt nützt und ob nicht dadurch die innere Buße und das äußere Zeichen der Buße verhindert wird und die Seele trotz alledem im Fegefeuer landet. Andererseits wird diese Frage verworfen, indem er im Tod bereits ausreichend Läuterung der Seele erkennt. 1530 wird er sich seines Widerspruchs bewusst und verwirft die Idee des Fegefeuers komplett.

Das soziale Element greift Luther auch auf. Während die Bibel die Reichen die Letzten seien, die ins Himmelreich kämen (er ergänzt, dass es diejenigen seien, die keine Almosen geben), würden die Ablassbriefe vorgaukeln, dass Reiche sich mit der Geldspende wieder nach vorne schummeln könnten, was aber ohne gute Taten nicht sein könne (ergänzend - typisch Reformation - aber auch, dass der Reichtum auch nicht geizig vergammeln dürfe, sondern auch für sein eigenes Wohlergehen genutzt werden müsse).

Es steckt viel drinnen in diesen 95 Sätzen, und sie sind immer wieder - auch für Nicht-Protestanten wie mich - eine interessante Lektüre.



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08.08.2020 um 15:29
Frederick Backman - Kleine Stadt der großen Träume


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Eine kleine unbedeutende Stadt irgendwo in der Weite Schwedens fiebert dem Halbfinale des Juniorenteams im Eishockey entgegen. Dei meisten allein, weil sie Eishockey verrückt sind, einige zusätzlich, weil sie sich von einem Sieg im Halbfinale (oder gar dem Finalsieg) auch einen wirtschaftlichen Aufschwung für ihre Stadt erwarten. Vor der Abfahrt zum entscheidenden Spiel wird der Star der Mannschaft verhaftet. Er hat die Tochter des Sportdirektors vergewaltigt...
Backmans Stärke sind die vielen stark gezeichneten Figuren. Spannend, realistisch und bewegend, wie er die verschiedenen Interessen, der Menschen in diesem Fall auf einander prallen lässt.



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09.08.2020 um 00:23
Carl Einstein - G. F. R. G. (Gesellschaft für religiöse Gründungen)

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Dies ist die zweite Erzählung von drei aus dem Erzählungsband, den Einstein 1918 veröffentlicht hat. Geschrieben vermutlich zwischen 1913 und 1918.

Die Erzählung beginnt, dass die Mutter von Jakob Häberle in einer verarmten Wohnung stirbt und er raus muss, um Geld für die Beerdigung und die Miete aufzutreiben, da er das Geld seiner Mutter verprasst hat. Das war es dann auch mit dem Realistischen, die Geschichte geht ins Absurde und Groteske, wie es für den Kulturmenschen Einstein, Freund von Picasso und Liebhaber kubistischer, expressionistischer wie auch afrikanischer Kunst, zu erwarten ist.

Häberle zieht durch die nicht näher benannte Stadt, wird nach einem Verkehrsunfall kurze Zeit in ein Irrenhaus gesperrt, von einem Irren belehrt und investiert in eine religiöse Aktiengesellschaft. Damit wird er reich, erhält den Segen des Papstes und holt chinesische Kunst, während er Chinesen versklavt. Damit endet die Erzählung in für mich totalem Schwachsinn. Eine Aussage kann ich nicht mehr finden, alles ist absurd.

Phasenweise bricht Einsteins revolutionärer Sinn durch. Er hat sich als Kriegsfreiwilliger 1914 gemeldet, wurde 1916 verwundet und schloss sich 1918 kurzfristig verschiedenen revolutionären bolschewistischen Bewegungen an. So schreibt er über Investitionsgelder,
die in Bordellen staken, in südamerikanischen Republiken putschten, Arbeiter in Kohlenbergwerken ertrinken ließen
Gleich darauf gleitet der Text wieder in die Absurdität ab:
Die luxuriösen Bordells auf Chios hatte er bereits der internationalen Friedensgesellschaft zur Lösung der Balkanfrage mit gutem Profit verkauft.
Sehr schräg.



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10.08.2020 um 20:42
Danke sehr für die interessanten Tipps hier!
Vor allem die „95 Thesen“ interessieren mich, auch da diese in Lateinisch-Deutsch gedruckt sind.
Ich werde sie sicher lesen. Seit ich während des Lockdowns mit meiner Enkelin
Latein skypte, bin ich (nach 55!
Jahren) erneut begeistert von dieser Sprache.
Sie ist ein toller „Gehirnsport“ und eine Freude.

Meine Empfehlung für heute:

Shilpi S.Gowda,
DER GOLDENE SOHN

Ich las das Buch schon 2017 und schaute heute mal wieder meine Kurznotizen dazu an....
Ganz große Erzählkunst. Die indische Gesellschaft wird kontrastiert mit dem Leben in den USA, genauer in Dallas.
Was ist wichtiger, Familientradition oder Selbstverwirklichung?
Natürlich eingebettet in eine love story.....



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10.08.2020 um 20:43
41C0FA44-EA1B-462B-B752-C90324DEF066Original anzeigen (0,5 MB)



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10.08.2020 um 20:44
.....das mit den Fotos muss ich noch üben.....



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11.08.2020 um 01:46
Franz Grillparzer - Ein Bruderzwist in Habsburg

Bruderzwist

Dass Grillparzer 1848 das Stück vollendet hat, ist bedeutender als die Uraufführung 1872. Warum? Hauptfigur ist der in Prag vor Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs residierende Kaiser Rudolf II., dem Handlungsunfähigkeit nachgesagt ist und der in einem schleichenden Putsch durch seinen Bruder Matthias gemeinsam mit weiteren Erzherzögen aus der Familie der Habsburger entmachtet wurde. Ihm blieb bis zu seinem Tod 1612 letztlich nur noch der Kaisertitel, residierte aber im Hradschin ohne jegliche Machtbasis.

Grillparzer nahm den historischen Rudolf als Ausgangspunkt dieser historischen Haupt- und Staatsaktion, um seine eigenen Ideen von Herrschaft und Reich zu präsentieren und eigentlich den österreichischen Kaiser Ferdinand anzusprechen, der schließlich bei der Revolution 1848 abdankte, wodurch der junge Franz Joseph zum Kaiser wurde.

Dabei drehte Grillparzer ordentlich an der historischen Schraube, sein Rudolf starb 1618 während der Aufstände in Prag, die schließlich nach dem Fenstersturz zum Dreißigjährigen Krieg führten. Im fünften Akt lässt er Wallenstein in Wien auch noch einen langen, dreißigjährigen Krieg prophezeien.

Warum tut er das? Rudolf ist zum Teil sicherlich Sprachrohr seiner eigenen Überzeugungen, auch wenn er definitiv nicht als Guter, sondern auch als jähzorniger Herrscher porträtiert ist, der über Leichen geht. So lässt er seinen illegitimen Sohn elendiglich verbluten, weil dieser durch sein eifersüchtiges Handeln (er wurde von der Tochter eines Prager Bürgers abgewiesen) die friedliche Stabilität gefährdet.

Auch ist Rudolf einerseits sehr tolerant gegenüber den Protestanten, andererseits lehnt er einen Friedensschluss mit den Türken ab. Begründung? Ein äußerer Feind ist die beste Abwehr gegen einen Bürgerkrieg, vor dem er zurückschreckt.
RUDOLF: Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken
Als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten.
Wenn die kaiserliche Herrschaft geschwächt wird, dann kommen die Fürsten mit ihrem Ansinnen, unter ihnen die Adeligen und schließlich das nicht adelige Volk, das "Scheusal" genannt wird. Grillparzers Angst vor einer Revolution wird in wenigen Sätzen formuliert.
RUDOLF: Der Reichsfürst will sich lösen von dem Reich,
Dann kommt der Adel und bekämpft die Fürsten;
Bis endlich aus den untersten der Tiefen
Ein Scheusal aufsteigt, gräßlich anzusehn,
Mit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund,
Nach allem lüstern und durch nichts zu füllen.
Sein Bruder Matthias hingegen lässt sich von den Erzherzögen der Familie in einen Waffenstillstand treiben. Rudolf kommentiert dies lakonisch:
Ihr habt gehandelt, wohl! Das Tor geht auf
Und eine grasse Zeit hält ihren Einzug.
Matthias ist als König von Ungarn, König von Böhmen und Erzherzog von Österreich am Ende doch auch nur ein Getriebener von den radikalen antiprotestantischen Erzherzögen Maximilian und Ferdinand, die Matthias machtlos werden ließen, da sie seinen Berater Bischof Klesel davonjagten. Auch diese Geschichte ist schwierig zu lesen, da die Story hinten und vorne chronologisch nicht mit den realen Ereignissen zusammenpasst.

Grillparzer hat sich da etwas zusammengschustert, das seine doch sehr pessimistische Weltsicht stützt, dass nämlich der Zusammenbruch des Reichs eine göttliche Ordnung zerstöre, wobei diese göttliche Ordnung wiederum einem gewalttätigen Intrigenhaufen zusammengehalten wird. Es ist eine Art Catch 22: Wie auch gehandelt (oder nicht gehandelt) wird, es läuft in Richtung Katstrophe. Rudolf formuliert dies in Bezug auf die böhmischen Protestanten:
Hätt' ich gehört auf das, was dorther tönt,
Wär' längst getilgt die Lehre samt den Schülern
Und in Verbannung geiferte der Trotz.
Ich aber duldete mit Vaterliebe,
Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum.
Verflolgt ward niemand wegen seiner Meinung:
Ich bin so gut nicht, als es etwa scheint -
Die anderen nennen's schwach, ich nenn es gut.
Denn was Enschlossenheit den Männern heißt des Staats
Ist meistenfalls Gewissenlosigkeit,
Hochmut und Leichtsinn, der allein nur sich
Und nicht das Schicksal hat im Aug' der andern;
Indes der gute Mann auf hoher Stelle
Erzittert vor den Folgen seiner Tat,
Die als die Wirkung eines Federstrichs
Glück oder Unglück forterbt späten Enkeln.
Das ist nicht Rudolf. Das ist Grillparzer. Der düstere Prophet des Kommenden.

Als Theaterstück und auch durch die Geschichtsklitterungen wohl kein großer Wurf, die Idee jedoch, die dahintersteckt und phasenweise formuliert wird, die lässt erschaudern. Ein Stück am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs, der ein Viertel der Bevölkerung dahinraffte, als Vorausschau auf Kommendes.



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11.08.2020 um 03:11
Doron Rabinovici - Alles kann passieren

Rabinovici-Alles

Der Wiener Historiker und Schriftsteller Rabinovici hat 2018 für ein Theaterprojekt am Wiener Akademietheater (Ableger des Burgtheaters) Ausschnitte aus Reden rechtspopulistischer Politiker (keine Frauen, Marine LePen kommt nicht vor) zusammengestellt. Ziel war, wie der Journalist Florian Klenk im Nachwort schreibt, Denkweise und Ideenwelten komprimiert zusammenzustellen, "den illiberalen Kräften beim Sprechen zuzuhören ist Gebot der Stunde", vor allem da es "verführerische Worte, verlockend, betörend sogar, mitunter humorvoll" seien. Die Texte sind nicht bearbeitet, bis auf kurze Ausschnitte aus Texten von Victor Klemperer, Hannah Arendt und Erich Kästner sind sie auch nicht kommentiert.

Nicht unbedingt die hellsten Kerzen auf der rechten Seite des Kuchens sind die Österreicher Strache, Hofer und vor allem Kickl, aber auch Jarosław Kaczyński. Salvini fällt schon mehr auf, vor allem durch ein hohes Aggressionspotenzial, vor allem gegen Roma (vom Plattmachen der Roma-Lager über legales Verprügeln und dem Bedauern, dass Roma mit italienischer Staatsbürgerschaft nicht ausgewiesen werden können), aber auch als Redner im Europäischen Parlament ("Ich sage doch nur, dass ihr meiner Meinung nicht normal seid, mit vollem Respekt").

Die hellste Kerze ist definitiv der ehemalige Elitestudent und Soros-Stipendiat Viktor Orbán, der seit Jahren immer und immer wieder die Gefahr des Untergangs der ungarischen Nation heraufbeschwört. Da ist einerseits die demographische Entwicklung, die ja nicht nur Ungarn betrifft. Hier 2017:
In der Welt bleiben nur jene Gemeinschaften erhalten, die zumindest im biologischen Sinne in der Lage sind, sich selbst zu erhalten. Und Hand aufs Herz: Ungarn ist heute noch kein solches Land.
Auf Basis dieses Bedrohungsszenarios lehnt Orbán eine Immigrationspolitik ab, da eine solche die ungarische Nation und ungarische Kultur noch mehr gefährde. Auch sehe er sich nicht dazu verpflichtet (2018):
Wir kennen kein einziges Dokument, in dem stünde: "Wenn du der Europäischen Union beitrittst, musst du zu einem Einwanderungsland werden." Als wir beitraten, haben wir uns zu nichts dergleichen verpflichtet.
Auch sieht Orbán den Grenzschutz als Grundbedingung der inneren Freiheit, und Ungarn würde dieser Verpflichtung für den Schengenraum nachkommen (2018):
Die Außengrenze muss verteidigt werden, dies ist die Vorbedingung für den freien Verkehr im Inneren.
Bis jetzt eigentlich nicht über den "Standard" hinausgehend, aber was er bei dem von ihm regelmäßig besuchten Sommeruniversitätskurs im rumänischen Baile Tusnad 2017 äußerte, lässt mich dann doch aufhorchen:
Es gibt keine kulturelle Identität ohne eine stabile ethnische Zusammensetzung. Die ethnische Zusammensetzung eines Landes zu verändern ist identisch mit der Veränderung der kulturellen Identität. Ein starkes Land kann sich so etwas niemals erlauben, besonders wenn es nicht durch irgendeine Weltkatastrophe dazu gezwungen wird.

In unserem Fall gibt es keine starke ungarische Gemeinschaft, und es gibt keinen starken ungarischen Staat, wenn es uns nicht gelingt, das Weltungarntum in einer Gemeinschaft zu vereinen.

Die kommenden Jahrzehnte werden eine Hauptfrage in Europa besitzen, und diese lautet, ob Europa das Europa der Europäer bleiben wird. Sie lautet, ob Ungarn das Land der Ungarn bleiben wird. Ob Deutschland das Land der Deutschen sein wird. Ob Frankreich das Land der Franzosen sein wird. Ob Italien das Land der Italiener sein wird oder nicht. Wer wird in Europa leben? Dies ist die historische Frage, der wir heute ins Auge blicken müssen.
Auch im Hinblick auf die ethnische Vielfalt in Ungarn und die Magyarisierungspolitik ab dem Ende des 19. Jahrhunderts frage ich mich: Meint der das, was er da sagt? Welche Folgen hat das, wenn Politik auf Basis dieser Prämisse durchgezogen wird? Kurzfristig hatte ja auch die Kurz-Strache-Regierung mal den Südtirolern österreichische Pässe angeboten gehabt. Da war das Salvini-Italien etwas verschnupft.

Zum Autor:

Doron Rabinovici ist als Dreijähriger mit seinen Eltern 1964 aus Tel Aviv nach Wien gekommen und hat über den Wiener Judenrat von 1938 bis 1945 promoviert. Seitdem ist er als Publizist und Schriftsteller tätig. Seiner jüdischen Mutter gelang es, das Ghetto von Wilna/Vilnius zu überleben und konnte 1950 nach Israel emigrieren. Siehe Geschichtewiki Wien

Zum Buch gibt es noch Infos auf orf.at.



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13.08.2020 um 19:19
Armada von Ernest Cline und Tribute von Panem X :)



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13.08.2020 um 20:32
Georg Klein - Roman unserer Kindheit


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Als Klein die Bühne betrat wurde er sofort vom Feuilleton gefeiert. Ich hatte mir dann damals "Barbar Rosa" von ihm besorgt....und konnte nichts damit anfangen. Habe dann in Libidissi rein gelesen und konnte auch damit nichts anfangen.

Hätte ich das vorliegende Buch nicht in sehr gutem Zustand in einem Bücherschrank gefunden, hätte ich das nie gelesen.

Wie der Titel schon verrät geht es um eine Kindheit (hier in den 50er Jahren...oder sind es die 60er? Müsste ich glatt nochmal nachschauen, aber egal). Solche Romane gibt es mittlerweile ja viele und Kleins unterscheidet sich von denen inhaltlich kaum. Wer sowas gern liest, der ist hier sicher gut aufgehoben, auch wenn es inhaltlich keine besonders auffälligen Unterschiede zu anderen Vertretern diese Sub-Genres gibt.
Aber sprachlich sticht dieser Roman doch aus der Masse raus.
Der erste Roman von Klein, mit dem ich etwas anfangen kann. Inhaltlich leicht zugänglich (wenn auch nicht besonders originell) und sprachlich hervorragend.



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17.08.2020 um 23:57
Christoph Martin Wieland - Geschichte der Abderiten

Wieland-Abderiten

Auch wenn Wieland mit Schubart, Goethe, Schiller und Herder befreundet war und in seinem langen Leben mit dem Sturm und Drang und der Weimarer Klassik in Kontakt stand, zählt dieser fünfbändige Roman von 1777 bis 1780 zu den Höhepunkten der Literatur der Aufklärung.

Wieland wählte für sein Werk die antike griechische Stadt Abdera, die bereits in der Antike berühmt für ihre Narrheit war (unter allen möglichen Entscheidungen entschließen sie sich für die schlechteste), eine Art antikes Schilda. Für Wieland repräsentiert sie eine durchaus liebenswerte Provinzialität, der er ein weltgewandtes und vernünftiges Kosmopolitentum gegenüberstellt.

In den ersten drei Büchern werden den lauten, naiven Bürgern von Abdera drei Geistesgrößen gegenübergestellt. Der materialistische Philosoph Demokrit, der wirklich aus Abdera stammte, weit gereist war und dort lebte, macht sich über die ihn belästigenden Bürger lustig, die unter anderem nicht erkennen können, dass Schwarzafrikaner ein anderes Schönheitsideal haben können und demgemäß auch schwarze Menschen als schön empfinden können, dem Arzt Hippokrates unterstellen sie Geisteskrankheit (wobei er ihnen Nieswurz - eigentlich ein Gift, aber in der Volksmedizin ein Mittel gegen Narrheit - verschrieb) und der athenische Tragödienschrifteller Euripides, der mit seinem Ensemble auf Durchreise ist, bringt sie nach Aufführung eines seiner Stücke zum Schweigen, nachdem er zuvor dasselbe Stück in der polternden abderitischen Aufführung kritisiert hat.

Das vierte Buch ändert die Struktur, den Abderiten wird keine Berühmtheit mehr gegenübergestellt, sondern es wird deren Rechtswesen persifliert. Es geht um den nichtigen Streit zwischen einem Eseltreiber und einem Zahnarzt. Der Zahnarzt mietet einen Esel, und der Eseltreiber will eine zusätzliche Gebühr, weil der Zahnarzt den Esel während einer Reitpause als Schattenspender genutzt hat. Den Schatten habe er nicht vermietet. In erster Instanz wird dem Eseltreiber nicht recht gegeben, in der zweiten Instanz halten die beiden Sykophanten (Anwälte) großartige Plädoyers (ein Höhepunkt des Romans), doch löst sich der Streit, als der Esel von einer Menschenmenge am Marktplatz in einem Anfall von Wahnsinn getötet und in seine Einzelteile zerrissen wird. Der Eseltreiber erhält aus der Stadtkasse drei neue Esel, der Rechtsfall ist gelöst.

Das fünfte Buch ist vielleicht das bekannteste. In Abdera gibt es einen Latona-Kult. Die Göttin Latona hat vor Ewigkeiten milinische Bauern in Frösche verwandelt, da diese ihr Labung verweigert haben, als sie selbst an Durst gelitten hat. In Abdera gibt es daher einen Froschgraben, doch mit der Zeit haben sich die Frösche so sehr vermehrt, dass immer mehr Froschgräben angelegt werden müssten. Als nun eine Mäuse- und Rattenplage die Stadt heimsucht, sind die Abderiten von Fröschen, Mäusen und Ratten so weit bedrängt, dass für sie selbst kein Lebensraum mehr bleibt. Der Philosoph der Akademie schlägt daher vor, nur einen Froschgraben zu belassen und die Frösche zu verspeisen, da sie sowieso keine verwandelten Bauern mehr sein können. Der Oberpriester der Latona lehnt dies ab, und da keine Einigung erzielt werden kann, wandern die Abderiten nach Makedonien aus, dessen König sie unter seinen Schutz stellt.

Für Wieland ist dies kein Märchen aus vergangenen Zeiten, sondern er versucht seiner eigenen Zeit einen Spiegel vorzuhalten, wohin es führt, wenn vernünftigen Menschen bzw. vernünftigen Entscheidungen kein Gehör geschenkt wird. Er schränkt jedoch sein Publikum durch die vielen Bezüge zur antiken Literatur und Philosophie bzw. durch den sehr gehobenen Stil mit vielen griechischen und lateinischen Ausdrücken bzw. einem sehr verschachtelten Satzstil ein. Anders als die Schildbürgergeschichten spricht der Text ausschließlich universitär Gebildete an. So ist dieser Roman zwar heute auch noch eine sehr ansprechende Lektüre, aber man muss sich darauf einlassen, da er eben nicht ein leicht zugänglicher Schenkelklopfer ist.

Online ist dieser Text unter anderem in mehreren Formaten auf zeno.org zugänglich.



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18.08.2020 um 20:14
52392101n

Jonas Jonasson hat einen feinsinnigen Humor. Seinen Blick auf die Welt mit all ihren Facetten, verarbeitet er wieder mit seinem Hundertjährigen Protagonisten Allan Karlsson.

Mehr Inhalt unter:

https://www.buecher.de/shop/humor/der-hundertjaehrige-der-zurueckkam-um-die-welt-zu-retten/jonasson-jonas/products_produ...



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19.08.2020 um 11:43
Josef Kraus - Helikopter-Eltern

Kraus-Helikopter

Josef Kraus war 2013, als er dieses Buch veröffentlichte, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Direktor eines Gymnasiums im bayrischen Vilsbiburg. Es ist nicht das einzige Buch zu Bildungsfragen, das er veröffentlicht hat, und wegen seiner amüsanten und öfters doch polternden Schreibweise, wurden alle zu kleineren Bestsellern.

Kernpunkte seiner Publikationen sind Kritik an den PISA-Testungen und Kritik an Bildungskonzepten der "68er", die er unter Rot-Grün verortet. Politisch ist Kraus der CDU nahestehend, für die hessische CDU stand er beim Wahlkampf 1995 als Schattenbildungsminister zur Verfügung.

Dieses Buch hat zwei Schwerpunkte.

Erstens sind es die überfürsorglichen Eltern, die ihre Kinder einerseits verwöhnen und ihnen jegliche Probleme wie auch Aufgabenstellungen abnehmen, andererseits sie mit Förderprogrammen (eine Milliardenindustrie) überhäufen. Dies führe dazu, dass diese Kinder im Erwachsenenalter dem realen Leben nur schwer gewachsen seien, da dort nicht mehr jegliche Wünsche ohne Anstrengung erfüllt werden können.
Verwöhnte, verschonte, überbehütete Kinder sind vom schnellen Instanterfolg abhängig und können deshalb kein Durchhaltevermögen entwickeln.
Die Auswirkungen beobachtet Kraus anhand vieler Statistiken und Umfragen, und er füllt den Text mit vielen Elternanekdoten, die er vermutlich aus dem Fundus seiner Arbeit als Schuldirektor entnimmt.

Eine Trias aus Kontrolle, Überbehütung und Verwöhnung sei das Grundkonzept von Helikopter-Eltern, was jedoch gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes habe. Kraus:
Kontrollierte Kinder kennen kein Dürfen, überbehütete Kinder kennen kein können, verwöhnte Kinder kennen kein Müssen und kein Sollen.
Wie sehr diese Überfürsorglichkeit die Lebenswelt von Kindern begrenzt, zeigt er aus einer Studie im Schwedischen Trollhätten. Dort wurde der Mobilitätsradius von Kindern im 20. Jahrhundert erhoben:

- 1925: 6,5 km
- 1950: 1,5 km
- 1975: 500 m
- 2000: 200 m

Zweitens setzt er sich mit Bildungskonzepten auseinander und ist vehementer Verfechter eines mehrgliedrigen Schulsystems, das in Deutschland und Österreich für ihn eine der Grundfesten ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit im EU-Vergleich sehr niedrig ist. Auch lehnt er moderne Unterrichtskonzepte ab, welche nicht mehr fordern, sondern zur "Motivation" Noten verschenken, wobei er immer wieder Seitenhiebe gegen Berlin austeilt. Kinder, welche nicht lernen, dass in Erfolge Zeit und Arbeit investiert werden müssen, und für jegliches Tun und Nichttun gelobt werden, seien für das Berufsleben nicht vorbereitet. Diese "Erleichterungsattitüde" des Nicht-mehr-Forderns sei verantwortungslos nicht nur den Kindern gegenüber, sondern auch der Gesellschaft gegenüber.
Denn wer das Leistungsprinzip in der Schule untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium "Leistung" vor "Erfolg" und "Aufstieg" gesetzt.
Von den vier Erziehungsstilen (autoritär, laizzes-faire, permissiv und autoritativ) plädiert er für den autoritativen Stil (in der Schule wie im Elternhaus), bei dem einerseits eine offene Kommunikation und Aussprache unter Berücksichtigung der Interessen aller stattfindet, andererseits klargestellt sein muss, wer die letzte Entscheidungsinstanz ist. Erwachsene müssen für Kraus zwei Funktionen erfüllen: eine Rolle als Vorbild und eine Rolle als Autorität, wobei Letztere nicht erzwungen sein kann, sondern sich aus einer authentischen Handlungsweise, die auch Erwachseneninteressen formuliert, von selbst ergebe.

Eine lange und positive Rezension findet sich interessanterweise im eher linksliberalen Wiener Magazin Falter.



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19.08.2020 um 13:38
Gustave Le Bon - Die Psychologie der Massen

Hab es original auf Französisch gelesen. Wollte es mir schon seit Langem zu Gemüte führen.
Bin auf das Buch wieder aufmerksam geworden, als ich neulich einen Artikel las, der so ähnlich hieß wie "How a book from 1895 can help you understand Twitter mobs".
Und tatsächlich lassen sich die Behauptungen des Buches sehr einfach auf heutige Situationen ummünzen. Le Bon hat das Buch im Schatten des aufsteigenden Sozialismus geschrieben, was es etwas verklärt. Dennoch sind die Postulate über Gruppenpsychologie durchaus zutreffend und klingen plausibel. Teilweise bringt er auch Beispiele wie die Französische Revolution (Parteien beschließen ihren eigenen Untergang, legitimisierter Terror), den Erbauer des Panama- und Suezkanals F. de Lesseps (Prestigeverlust zerstört vorher akkumuliertes Prestige), Napoleon (Prestige personnel), "liberté, égalité, fraternité" (Emotionen, Schlagworte als Garant für Erfolg bei der Masse).



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19.08.2020 um 17:48
@Funkystreet

Ah, das hab ich bereits zweimal gelesen. Manches darin mag überkommen sein, vieles aber auch zutreffend.
Le Bons Schrift hatte ja auch Einfluss auf Weber, Freud, Camus ... und trifft einfach den Nerv der Kulturpessimisten.
Die Masse ist ohne Vernunft, und auch der gebildete Einzelne, der sich im Alltag vernünftig zu benehmen weiß, wird, wenn er Teil einer Masse wird, von unbewussten, niederen Instinkten geleitet, denn die Masse stampft das geistige Vermögen einzelner auf das Niedrigste ein.

Man kann im Hinblick auf heutige Massenveranstaltungen (Sport, Kultur, Politik und auch in sozialen Netzwerken) diese Beobachtung immer noch machen. Die Tumpheit der Masse war und ist gesellschaftspolitisch bedrohlich und - wie die Geschichte mit ihren Kriegen, Pogromen, Volksverhetzungen zeigt - oft sogar mörderisch.



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19.08.2020 um 18:20
Mediale Medizin von anthony william



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