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Gedichte aus aller Welt

360 Beiträge, Schlüsselwörter: Literatur, Gedichte, Lyrik, Poesie, Goethe, Homer, Schiller, Belletristik, Epik, Büchner
Birkenschrei
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Gedichte aus aller Welt

23.11.2012 um 07:05
@Jofe
The garden of love... mein Lieblingsgedicht von Blake :lv:


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Gedichte aus aller Welt

23.11.2012 um 20:30

San Martino del Carso

Di queste case
non è rimasto
che qualche
brandello di muro

Di tanti
che mi corrispondevano
non è rimasto
neppure tanto

Ma nel mio cuore
nessuna croce manca

È il mio cuore
il paese più straziato


San Martino del Carso

Von diesen Häusern
ist nichts geblieben
als ein paar
Mauerreste

Von so vielen
die mir nahe standen
ist nicht einmal
das geblieben

Aber in meinem Herzen
fehlt kein einziges Kreuz

Mein Herz ist das Dorf
das am meisten schmerzt

Giuseppe Ungaretti



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Gedichte aus aller Welt

23.11.2012 um 20:32

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveller, long I stood
And looked down one as far as l could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I -
I took the one less travelled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost



Der andere Weg

Ein Weg trennte sich im herbstlichen Wald
In zwei, doch ich war leider allein.
Als zaudernder Wand'rer sah ich kalt
Dem einen nach bis dort, wo er bald
Sich krümmte ins Gehölz hinein;

Dann sah ich den And'ren, genauso fein,
Und hatte vielleicht das bessere Ziel,
Da sein Gras wollte begangen sein;
Obgleich, und das galt für mich allein,
Entweiht hätt' ich beide ebensoviel.

Beide an jenem Morgen gleich lagen
Ohne Spuren, von Blättern belegt.
Oh, ich schenkte den Ersten späteren Tagen!
Weg führt zu Weg, so wollt' ich's wagen,
Auch wenn's mich hierher nie wieder verschlägt.

Ich werde ergriffen Dir davon singen
In fernen Jahrzehnten als mein Lied:
Am Scheideweg nach kurzem Ringen,
Nahm ich den Stilleren unter die Schwingen,
Und das war der große Unterschied.

Robert Frost

Übersetzung von Peter Morisse (2001)



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Gedichte aus aller Welt

23.11.2012 um 20:36

Change of Guard: Tracking Vyasa

The kingdom falls off the summit of heaven,
the flute player warms the wind.

Great behemoths shudder teetering off cliffs
where the white-sun plays with a summer solstice eve.

Another man killed, another pinnacle falls,
dust to dust, this, once the first of sovereigns.

But the flute player plays a straight melody
that every kingdom, born or dying, must recognize.

Even the wide lipped lies, white tipped at the edges,
for none can fail the heartbeat of time, its long reciprocal silence.

The harlequins play to the gallery again, but the wheel
spins to a circle and stops till the eye of empire opens within.


Anuradha Majumdar (Indien)


Wachablösung: in Nachfolge Vyasas

Das Königreich fällt vom Gipfel des Himmels,
der Flötenspieler wärmt den Wind.

Moloche krachen taumelnd Klippen hinab,
auf denen die Weißsonne an einem Sonnwendabend spielt.

Wieder einer getötet, wieder eine Zinne, die fällt,
Staub zu Staub auch dieser, einst erster aller Herrscher.

Doch der Flötenspieler spielt eine klare Melodie,
die jedem Reich, ob neu geboren oder sterbend, ins Ohr dringt.

Selbst die breitlippigen Lügen mit weißen Spitzen in den Ecken
unterstehen dem Herzschlag der Zeit, seiner langen gegenseitigen Stille.

Die Harlekins spielen wieder für die Galerie, doch das Rad
schließt den Kreis und hält an, bis sich das Auge des Reichs im Inneren öffnet.

Anuradha Majumdar (Indien)



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Gedichte aus aller Welt

24.11.2012 um 22:08

Junger Hund

Hochgemuter Stummelschwanz,
hemmungsloser Freudentanz,
quitschvergnügtes Hundsgejaul,
handkehrum zum Sterben faul.

Alter Schuh und müdes Blatt,
Mutters warme Lagerstatt,
Milch zu saugen noch und noch,
oh, wie gut das alles roch!

Gute Hand im krausen Fell,
seltsam fremdes Hundgebell.
Nacht wie schwarzer Regen fiel,
Tag voll Balgerei und Spiel.

Böse Hand und spitzes Glas,
warmer Stein und zartes Gras,
Bubenpfiff und Purzelbaum,
erster dunkler Hundetraum.

Wie er täppisch blickt und bellt,
staunt in eine bunte Welt.
Gut und Böse? Sein und Sinn?
Nein, er bellt: Ich bin! Ich bin!

Peter Kilian



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Gedichte aus aller Welt

24.11.2012 um 22:11

Sterne und Träume

Weißt Du noch,
wie ich Dir die Sterne vom Himmel
holen wollte,
um uns einen Traum zu erfüllen?
Aber
Du meintest,
sie hingen viel zu hoch ...!
Gestern
streckte ich mich zufällig
dem Himmel entgegen,
und ein Stern fiel
in meine Hand hinein.
Er war noch warm
und zeigte mir,
daß Träume vielleicht nicht sofort
in Erfüllung gehen;
aber irgendwann ...?!


Markus Bomhard



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Gedichte aus aller Welt

24.11.2012 um 22:17

Verlorene Liebe

Lieder schweigen jetzt und Klagen,
Nun will ich erst fröhlich sein,
All mein Leid will ich zerschlagen
Und Erinnern - gebt mir Wein!
Wie er mir verlockend spiegelt
Sterne und der Erde Lust,
Stillgeschäftig dann entriegelt
All die Teufel in der Brust,
Erst der Knecht und dann der Meister,
Bricht er durch die Nacht herein,
Wildester der Lügengeister,
Ring mit mir, ich lache dein!
Und den Becher voll Entsetzen
Werf ich in des Stromes Grund,
Dass sich nimmer dran soll letzen
Wer noch fröhlich und gesund!

Lauten hör ich ferne klingen,
Lustge Bursche ziehn vom Schmaus,
Ständchen sie den Liebsten bringen,
Und das lockt mich mit hinaus.
Mädchen hinterm blühnden Baume
Winkt und macht das Fenster auf,
Und ich steige wie im Traume
Durch das kleine Haus hinauf.
Schüttle nur die dunklen Locken
Aus dem schönen Angesicht!
Sieh, ich stehe ganz erschrocken:
Das sind ihre Augen licht,

Locken hatte sie wie deine,
Bleiche Wangen, Lippen rot -
Ach, du bist ja doch nicht meine,
Und mein Lieb ist lange tot!
Hättest du nur nicht gesprochen
Und so frech geblickt nach mir,
Das hat ganz den Traum zerbrochen
Und nun grauet mir vor dir.
Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,
Fort und lache nicht so wild!
O ich möchte dich zertrümmern,
Schönes, lügenhaftes Bild!

Spät von dem verlornen Kinde
Kam ich durch die Nacht daher,
Fahnen drehten sich im Winde,
Alle Gassen waren leer.
Oben lag noch meine Laute
Und mein Fenster stand noch auf,
Aus dem stillen Grunde graute
Wunderbar die Stadt herauf.
Draussen aber blitzts vom weiten,
Alter Zeiten ich gedacht',
Schaudernd reiss ich in den Saiten
Und ich sing die halbe Nacht.
Die verschlafnen Nachbarn sprechen,
Dass ich nächtlich trunken sei -
O du mein Gott! und mir brechen
Herz und Saitenspiel entzwei!

Joseph von Eichendorff



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Gedichte aus aller Welt

24.11.2012 um 22:19

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man's gut:
ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut -
gleich holt sich's der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast
spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast!
Wir müssen ihn holen."

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
ich will's, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
mein Uwe, mein Uwe!"

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
"Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot und mit Ihm noch sechs:
hohes, hartes Friesengewächs -
schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern!... Nein, es blieb ganz!...
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geisseln peitscht das Meer
wie menschenfressenden Rosse daher;
sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält...
Sie sind es! Sie kommen! -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreit's durch die Hand!
"Sagt Mutter,'s ist Uwe!"

Otto Ernst



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Gedichte aus aller Welt

25.11.2012 um 17:29

Konzert

Die Musik ausgehaucht
die letzten Noten
bäumen sich auf
und fallen
erschöpft zu Boden.
Der Hauch des davoneilenden
Publikums wirbelt sie
durcheinander
und die Musik wird atonal.
Der Beifall will sich
im Raum verstecken
und sucht nach Konservierung.
Seelentropfen hängen
in den Sitzen.
Die Instrumente verpackt
der Applaus gelebt
die Musiker gegangen.
Was bleibt?
Was bleibt ist Harmonie
der Gleichklang
unsere Herzen.

Klaus Gordziel



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Gedichte aus aller Welt

25.11.2012 um 17:30

Betrunken

Ich sitze zwischen Mine und Stine,
Den hellblonden hübschen Friesenmädchen,
Und trinke Grog.
Die Mutter ging schlafen.
Geht Mine hinaus,
Um heißes Wasser zu holen,
Küß ich Stine.
Geht Stine hinaus,
Um ein Brötchen mit aufgelegten kalten Eiern
Und Anchovis zu bringen,
Küß ich Mine.
Nun sitzen wieder beide neben mir.
Meinen rechten Arm halt ich um Stine,
Meinen linken um Mine.
Wir sind lustig und lachen.
Stine häkelt,
Mine blättert
In einem verjährten Modejournal.
Und ich erzähl ihnen Geschichten.
Draußen tobt, höchst ungezogen,
Unser guter Freund,
Der Nordwest.
Die Wellen spritzen,
Es ist Hochflut,
Zuweilen über den nahen Deich
Und sprengen Tropfen
An unsre Fenster.

Ich bin verbannt und ein Gefangener
Auf dieser vermaledeiten,
Einsamen kleinen Insel.
Zwei Panzerfregatten
Und sechs Kreuzer spinnen mich ein.
Auf den Wällen
Wachen die Posten,
Und einer ruft dem andern zu,
Durch die hohle Hand,
Von Viertel- zu Viertelstunde,
In singendem Tone:
Kamerad, lebst du noch?

Wie wohl mir wird.
Alles Leid sinkt, sinkt.
Mine und Stine lehnen sich
An meine Schultern.
Ich ziehe sie dichter und dichter
An mich heran.
Denn im Lande der Hyperboreer,
Wo wir wohnen,
Ist es kalt.

Ich trank das sechste Glas.
Ich stehe draußen
An der Mauer des Hauses,
Barhaupt,
Und schaue in die Sterne:
Der winzige, matt blinkende,
Grad über mir,
Ist der Stern der Gemütlichkeit,
Zugleich der Stern
Der äußersten geistigen Genügsamkeit.
Der nah daneben blitzt,
Der große, feuerfunkelnde,
Ist der Stern des Zorns.
Welten-Rätsel.
Die Welt - das Rätsel der Rätsel.
Wie mir der Wind die heiße Stirn kühlt.
Angenehm, höchst angenehm.

Ich bin wieder im Zimmer.
Ich trinke mein achtes Glas Nordnordgrog.
Kinder, erklärt mir das Rätsel der Welt.
Aber Mine und Stine lachen.
Das Rätsel, bitt ich,
Das Rätsel der Welt.

Ich trinke das zehnte Glas.
Tanzt, Kinder, tanzt,
Ich bin der Sultan,
Ihr seid meine Georgierinnen,
Ich liebe euch,
Geht mit mir zu Bett.
Ich kann nicht tanzen mehr?
Wie sagte doch der Sultan
Im Macbeth?
Ich meine Shakespeare:
Trunkenheit reizt zur Liebe,
Aber die Beine,
Oder was sagte er,
Möchten gern, aber sie können nicht.
Mädchens, unterstützt mich,
Hebt mich,
Ich will eine Rede reden:
Die Welt ist das Tal der Küsse,
Die Welt ist der Berg des Kummers,
Die Welt ist das Wasser der Flüssigkeit,
Die Welt ist die Luft des Unsinns.
Was sagte ich?
Ich setze mich.
Noch ein Glas Grog. Vorwärts!
Die Langeweile,
Verzeiht, Mächens,
An eurer Seite,
Schändlich, das zu sagen,
Die Welt ist das Tal, das,
Das Tal der Langenweile.
Jetzt ist Macbeth,
Ich lieb euch, Mächens,
Ich bin der Sultan,
Gebt mir Pantherfelle.
Die Sklaven, die Sklaven her!
Zum Donner, wo bleiben die Schufte!
Auf mein Lager tragt mich.
Ich will schlafen.
So, Macbeth,
Tanzen, tan-zen.
Gu' Nacht,
Ich wer' mü-de,
Gu' Nach...
Wie-e?

Detlev Liliencron



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Gedichte aus aller Welt

25.11.2012 um 21:46

Ein Würstchen-Drama

In einer großen Metzgerei,
inmitten riesiger Girlanden,
entdeckten sich sofort die Zwei
und gleich sich ihre Herzen fanden.
Sie war zu Haus in Frankfurt/Main,
von schlankem Wuchs, wie eine Gerte,
er war aus Regensburg und klein,
was aber sie durchaus nicht störte.

In seiner graden Bayern-Art
erklärte er ihr auf der Stelle:
»I bin total in di vernarrt.«
Ein Schaudern ging ihr durch die Pelle.
Sie hauchte nur: »Ich hab's gewusst
beim ersten Blick, du bist der Rechte.
Cupido traf mich in die Brust,
so dass ich keinen andern möchte.«

Sie liebte sehr die Poesie
und setzte ausgewählt die Worte.
»Bin ich mit Goethe«, sagte sie,
»geboren doch am gleichen Orte.«
»I hob' für sulche Spriach koa Hirn«,
entgegnete er sehr bescheiden.
»Oaber i siach, du bist a saubre Diarn,
do wärs scho richti mit uns Beiden -- «

Doch diesen Tag im Liebes-Mai
zerriss Frau Klempnermeister Krause,
sie kochte grade Erbsenbrei
und hatte keine Wurst im Hause.
Sie sprach: »Zwei Pfund von jenen dort«,
womit sie Regensburger meinte.
Schon nahm das Schicksal wieder fort,
was sie vor kurzem erst vereinte.

Der Metzger warf zusammen ihn
mit seinen Brüdern auf die Waage,
schon sah sie ihn von dannen ziehn,
die Frankfurt-Maid verging vor Klage.
Den letzten Blick auf dem Papier
warf er ihr zu mit einem Zipfel -
mit Messern schnitt's ins Herze ihr,
das Leid erreichte seinen Gipfel.

Stumpfsinnig und verlassen hing
im Laden nun das arme Bräutchen,
wo es bald an zu welken fing
und Runzelchen bekam ihr Häutchen.
Ein Knoblauch-Bengel warb um sie,
ein ordinärer Kerl aus Polen.
Sie sagte angewidert: »Nie!«
Und er: »Soll dich doch Deibel holen!«

Allein nun ihre Stunde schlug,
sie kam zum Pastor Franz Vermehren,
in dessen Küche man sie trug
mit ihrem Herz, dem überschweren.
Bald schmorte sie im Sauerkraut,
die nie gekannt des Herzens Manna.
Sie blieb wie eine reine Braut
wie einst die »Heilige Johanna«!

Die Hitze stieg, sie wurde prall,
was sie als tiefe Schmach empfunden,
dann platzte sie mit leisem Knall ---
nun hatte sie es überwunden!
Beim Mittagsmahl nach dem Gebet,
als der Pastor schon lüstern schmatzte,
rief er: »Verflixt und zugenäht!«
Und schmiss vom Teller die Geplatzte.

Doch wär ihm je was hier passiert,
was diesem Würstchen widerfahren,
so predigte er tief gerührt,
darüber sind wir uns im Klaren.
Was ist der kluge Mensch doch dumm,
indem er richtet, herzlos scheidet.
Und ahnt nicht, welch Martyrium
das kleinste Würstchen auch erleidet!

Robert T. Odemann



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Gedichte aus aller Welt

25.11.2012 um 21:48

Ausfahrt

Vom Lande steigt Rauch auf.
Die kleine Fischerhütte behalt im Aug,
denn die Sonne wird sinken,
ehe du zehn Meilen zurückgelegt hast.

Das dunkle Wasser, tausendäugig,
schlägt die Wimper von weisser Gischt auf,
um dich anzusehen, gross und lang,
dreissig Tage lang.

Auch wenn das Schiff hart stampft,
und einen unsicheren Schritt tut,
steh ruhig auf Deck.

An den Tischen essen sie jetzt
den geräucherten Fisch;
dann werden die Männer hinknien
und die Netze flicken
aber nachts wird geschlafen,
eine Stunde oder zwei Stunden,
und ihre Hände werden weich sein,
frei von Salz und Öl,
weich wie das Brot des Traumes,
von dem sie brechen.

Die erste Welle der Nacht schlägt ans Ufer,
die zweite erreicht schon dich.
Aber wenn du scharf hinüberschaust,
kannst du den Baum noch sehen,
der trotzig den Arm hebt
- einen hat ihm der Wind schon abgeschlagen
- und du denkst: wie lange noch,
wie lange noch
wird das krumme Holz den Wettern standhalten?
Vom Land ist nichts mehr zu sehen.
Du hättest dich mit einer Hand in die Sandbank krallen
oder mit einer Locke an die Klippen heften sollen.

In die Muscheln blasend, gleiten die Ungeheuer des Meers
auf die Rücken der Wellen, sie reiten und schlagen
mit blanken Säbeln die Tage in Stücke, eine rote Spur
bleibt im Wasser, dort legt dich der Schlaf hin,
auf den Rest deiner Stunden,
und dir schwinden die Sinne.

Da ist etwas mit den Tauen geschehen,
man ruft dich, und du bist froh,
dass man dich braucht. Das Beste
ist die Arbeit auf den Schiffen,
die weithin fahren,
das Tauknüpfen, das Wasserschöpfen,
das Wändedichten und das Hüten der Fracht.
Das Beste ist, müde zu sein und am Abend
hinzufallen. Das Beste ist, am Morgen,
mit dem ersten Licht, hell zu werden,
gegen den unverrückbaren Himmel zu stehen,
der ungangbaren Wasser nicht zu achten,
und das Schiff über die Wellen zu heben,
auf das immerwiederkehrende Sonnenufer zu.

Ingeborg Bachmann



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Gedichte aus aller Welt

25.11.2012 um 21:49

Ich habe eine gute Tat getan

Herz frohlocke!
Eine gute Tat habe ich getan.
Nun bin ich nicht mehr einsam.
Ein Mensch lebt,
Es lebt ein Mensch,
Dem die Augen sich feuchten,
Denkt er an mich.
Herz, frohlocke:
Es lebt ein Mensch!
Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
Denn ich habe eine gute Tat getan,
Frohlocke, Herz!

Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.

Tausend gute Taten will ich tun!
Ich fühle schon,
Wie mich alles liebt,
Weil ich alles liebe!
Hinström ich voll Erkenntniswonne!
Du mein letztes, süßestes,
Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
Wohlwollen! Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung
Wird mir zu teil:
Dankbarkeit!

Dankbarkeit der Welt.
Stille Gegenstände,
Werfen sich mir in die Arme.
Stille Gegenstände,
Die ich in einer erfüllten Stunde
Wie brave Tiere streichelte.

Mein Schreibtisch knarrt,
Ich weiß, er will mich umarmen.
Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
Geheimnisvoll und ungeschickt
Klingen alle Saiten zusammen.
Das Buch, das ich lese,
Blättert von selbst sich auf.

Ich habe eine gute Tat getan!

Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
Da werden mich die Bäume
Und Schlingpflanzen verfolgen,
Die Kräuter und Blumen
Holen mich ein,
Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
Zärtliche Zweige
binden mich fest,
Blätter überrieseln mich,
Sanft wie ein dünner,
Schütterer Wassersturz.

Viele Hände greifen nach mir,
Viele grüne Hände,
Ganz umnistet
Von Liebe und Lieblichkeit
Steh ich gefangen.

Ich habe eine gute Tat getan,
Voll Freude und Wohlwollens bin ich
Und nicht mehr einsam,
Nein, nicht mehr einsam.
Frohlocke, mein Herz!

Franz Werfel



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26.11.2012 um 15:07

Der Schatzgräber

Arm am Beutel, krank am Herzen,
Scheppt' ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!
Und, zu enden meine Schmerzen,
ging ich einen Schatz zu graben.
Meine Seele sollst du haben!
Schrieb ich hin mit eignem Blut.

Und so zog ich Kreis' um Kreise,
Stellte wunderbare Flammen,
Kraut und Knochenwerk zusammen:
Die Beschwörung war vollbracht.
Und auf die gelernte Weise
Grub ich nach dem alten Schatze
Auf dem angezeigten Platze;
Schwarz und stürmisch war die Nacht.

Und ich sah ein Licht von weiten,
Und es kam, gleich einem Sterne,
Hinten aus der fernsten Ferne,
eben als es zwölfe schlug.
Und da galt kein Vorbereiten.
Heller ward's mit einem Male
Von dem Glanz der vollen Schale,
Die ein schöner Knabe trug.

Holde Augen sah ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze;
In des Trankes Himmelsglanze
Trat er in den Kreis herein
. Und er hieß mich freundlich trinken;
Und ich dacht': es kann der Knabe
Mit der schönen lichten Gabe
Wahrlich nicht der Böse sein.

Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung,
Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,
Nicht zurück an diesen Ort.
Grabe hier nicht mehr vergebens.
Tages Arbeit! Abends Gäste!
Saure Wochen! Frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.

Johann Wolfgang von Goethe



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26.11.2012 um 15:17

Unter Schwarzkünstlern

Eines Mittags las man:
,Pfiffe zu mieten gesucht!
Hundertweis, zu jedem Preis!
Victor Emanuel Wasmann!'

Um sechs Uhr kam der erste Pfiff
von einem alten Kohlenschiff.
Um acht Uhr waren's tausend schon.
Um neun Uhr eine halbe Million.

Victor Emanuel Wasmann schlug
die Türe zu: Nun ist's genug!
Hört zu, ihr Pfiffe!
Ich habe einen Feind (hört! hört!),
der mir des nachts die Ruhe stört, -
auf den sollt ihr maschieren!

Er hat Gelächter angestellt,
die schickt er nachts mir an mein Bett,
da hocken sie auf der Decke,
mit Flügeln weiß und Flügeln rot,
und krähn und flattern mich zu Tod. -
Doch alles hat sein Ende.

Die Pfiffe pfiffen wie ein Mann;
empfingen ihren Sold sodann.
(Ein Schusterjungenpfiff sogar
bot Wasmann sich als Bravo dar.)

Drauf ließ er sie durchs Ofenloch ..
Doch lange stand er brütend noch,
schrieb Zeichen, hob die Hand und schwur,
ein schwarzer Meister der Natur ...

Bald nach diesem ging
ein Herr Axel Ring
kurzerhand
außer Land. -

Wasmann hatte gesiegt.
Christian Morgenstern



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26.11.2012 um 20:54

Chinesisches Loblied

Stehende Heere müssen wir haben,
Stehende Heer' im himmlischen Reich.
Wär' es nicht wahrlich Jammer und Schade,
wenn wir nicht hätten manchmal Parade,
wenn wir nicht hörten den Zapfenstreich?
Stehende Heere müssen wir haben,
stehende Heer' im himmlischen Reich

Stehende Heere müssen wir haben,
weil sie in Umlauf bringen das Geld:
Wo die Soldaten zechen und zehren,
muß sich der Handel und Wandel vermehren,
stehende Heere müssen wir haben,
weil sie in Umlauf bringen das Geld.
Stehende Heere müsen wir haben;
wo sie bestehen, bestehen auch wir.
Wenn wir die stehenden Heere nicht wollten,
wüßten die Junker nicht, was sie sollten,
Ach ! und die meisten verschmachteten schier.
Stehende Heere müssen wir haben;
wo sie bestehen, bestehen auch wir.

Hoffmann von Fallersleben



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26.11.2012 um 21:00

Herr Frost und die Frau Winter

Herr Frost und die Frau Winter,
sind längst ein Liebespaar.
Noch keiner kam dahinter,
seit wann, in welchem Jahr.

Sie scheinen unzertrennlich,
in ihrem Weißgewand.
Und streifen überschwänglich,
vereint durch's ganze Land.

Sie pudern grüne Wipfel
und löschen Farben aus.
Und selbst am höchsten Gipfel,
fühlt sich das Paar zu Haus'.

Nicht jeder kann sie leiden,
die Vögel ziehen schon.
Das lässt sich kaum vermeiden,
das Leben sagt kein Ton.

© Gabriela Bredehorn



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26.11.2012 um 21:02

Weihnachten

So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
- bei Deutschen fruchtet keine Lehre -
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse gröhlt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
uns Deutsche mir der Lammsgeduld?
Die leiden nicht. Die warten bieder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!
Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
O Tannebaum! O Tannebaum!

Kurt Tucholsky



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27.11.2012 um 15:09
Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf;
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben,
Laßt uns Rosen auf ihn streun.
Rosen; denn die Tage sinken
In des Winters Nebelmeer.
Rosen; denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendtat.
Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.
Tage, werdet uns zum Kranze
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt-süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.

Johann Gottfried von Herder

***


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27.11.2012 um 17:06

Die Kindsmörderin

Horch – die Glocken weinen dumpf zusammen,
Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf.
Nun, so seis denn! – Nun, in Gottes Namen!
Grabgefährten, brecht zum Richtplatz auf!
Nimm, o Welt, die letzten Abschiedsküsse,
Diese Tränen nimm, o Welt, noch hin!
Deine Gifte – o sie schmeckten süße!
Wir sind quitt, du Herzvergifterin.

Fahret wohl, ihr Freuden dieser Sonne,
Gegen schwarzen Moder umgetauscht!
Fahre wohl, du Rosenzeit voll Wonne,
Die so oft das Mädchen lustberauscht!
Fahret wohl, ihr goldgewebten Träume,
Paradieseskinder-Phantasien!
Weh! sie starben schon im Morgenkeime,
Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen
Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid,
In der blonden Locken loses Schweifen
Waren junge Rosen eingestreut: –
Wehe! – die Geopferte der Hölle
Schmückt noch itzt das weißlichte Gewand,
Aber ach! – der Rosenschleifen Stelle
Nahm ein schwarzes Totenband.

Weinet um mich, die ihr nie gefallen,
Denen noch der Unschuld Lilien blühn,
Denen zu dem weichen Busenwallen
Heldenstärke die Natur verliehn!
Wehe! – menschlich hat dies Herz empfunden! –
Und Empfindung soll mein Richtschwert sein! –
Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden,
Schlief Louisens Tugend ein.

Ach vielleicht umflattert eine andre,
Mein vergessen, dieses Schlangenherz,
Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre,
An dem Putztisch in verliebten Scherz?
Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke?
Schlingt den Kuß, den sie entgegenbringt?
Wenn, verspritzt auf diesem Todesblocke,
Hoch mein Blut vom Rumpfe springt.

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
Folge dir Louisens Totenchor,
Und des Glockenturmes dumpfes Heulen
Schlage schröcklichmahnend an dein Ohr –
Wenn von eines Mädchens weichem Munde
Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,
Bohr es plötzlich eine Höllenwunde
In der Wollust Rosenbild!

Ha Verräter! nicht Louisens Schmerzen?
Nicht des Weibes Schande, harter Mann?
Nicht das Knäblein unter meinem Herzen?
Nicht was Löw und Tiger milden kann?
Seine Segel fliegen stolz vom Lande,
Meine Augen zittern dunkel nach,
Um die Mädchen an der Seine Strande
Winselt er sein falsches Ach! – –

Und das Kindlein – in der Mutter Schoße
Lag es da in süßer, goldner Ruh,
In dem Reiz der jungen Morgenrose
Lachte mir der holde Kleine zu,
Tödlichlieblich sprang aus allen Zügen
Des geliebten Schelmen Konterfei;
Den beklommnen Mutterbusen wiegen
Liebe und – Verräterei.

»Weib, wo ist mein Vater?« lallte
Seiner Unschuld stumme Donnersprach,
»Weib, wo ist dein Gatte?« hallte
Jeder Winkel meines Herzens nach –
Weh, umsonst wirst, Waise, du ihn suchen,
Der vielleicht schon andre Kinder herzt,
Wirst der Stunde unsrer Wollust fluchen,
Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.

Deine Mutter – o im Busen Hölle! –
Einsam sitzt sie in dem All der Welt,
Durstet ewig an der Freudenquelle,
Die dein Anblick fürchterlich vergällt.
Ach, in jedem Laut von dir erwachet
Toter Wonne Qualerinnerung,
Jeder deiner holden Blicke fachet
Die unsterbliche Verzweifelung.

Hölle, Hölle, wo ich dich vermisse,
Hölle, wo mein Auge dich erblickt,
Eumenidenruten deine Küsse,
Die von seinen Lippen mich entzückt!
Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder,
Ewig, ewig würgt sein Meineid fort,
Ewig – hier umstrickte mich die Hyder –
Und vollendet war der Mord –

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
Jage dir der grimme Schatten nach,
Mög mit kalten Armen dich ereilen,
Donnre dich aus Wonneträumen wach,
Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
Dir des Kindes grasser Sterbeblick,
Es begegne dir im blutgen Schmucke,
Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht, da lag es – lag im warmen Blute,
Das noch kurz im Mutterherzen sprang,
Hingemetzelt mit Erinnysmute,
Wie ein Veilchen unter Sensenklang; – –
Schröcklich pocht schon des Gerichtes Bote,
Schröcklicher mein Herz!
Freudig eilt' ich, in dem kalten Tode
Auszulöschen meinen Flammenschmerz.

Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen,
Dir verzeiht die Sünderin.
Meinen Groll will ich der Erde weihen,
Schlage, Flamme, durch den Holzstoß hin –
Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern,
Seine Eide frißt ein siegend Feur,
Seine Küsse! – wie sie hochan flodern! –
Was auf Erden war mir einst so teur?

Trauet nicht den Rosen eurer Jugend,
Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!
Schönheit war die Falle meiner Tugend,
Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie! –
Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?
Schnell die Binde um mein Angesicht!
Henker, kannst du keine Lilie knicken?
Bleicher Henker, zittre nicht! – – –

Friedrich Schiller



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