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Gedichte aus aller Welt

360 Beiträge, Schlüsselwörter: Literatur, Gedichte, Lyrik, Poesie, Goethe, Homer, Schiller, Belletristik, Epik, Büchner

Gedichte aus aller Welt

05.12.2012 um 01:12
Kühl und hart...

Kühl und hart ist der heutige Tag.
Die Wolken erstarren.
Die Winde sind zerrende Taue.
Die Menschen erstarren.
Die Schritte klingen metallen
Auf erzenen Steinen,
Und die Augen schauen
Weite weiße Seen.

In dem alten Städtchen stehn
Kleine helle Weihnachtshäuschen,
Ihre bunte Scheiben sehn
Auf das schneeverwehte Plätzchen.
Auf dem Mondlichtplatze geht
Still ein Mann im Schnee fürbaß,
Seinen großen Schatten weht
Der Wind die Häuschen hinauf.

Menschen, die über dunkle Brücken gehn,
vorüber an Heiligen
mit matten Lichtlein.

Wolken, die über grauen Himmel ziehn
vorüber an Kirchen
mit verdämmernden Türmen.
Einer, der an der Quaderbrüstung lehnt
und in das Abendwasser schaut,
die Hände auf alten Steinen.

Franz Kafka


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Gedichte aus aller Welt

05.12.2012 um 01:14
Liebeserklärung

Deine Hand ist in meiner,

so lange Du sie dort läßt.


Franz Kafka


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Gedichte aus aller Welt

05.12.2012 um 01:31
Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,

Dieses ist dein Untergang.

Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.



Laß, wenn deine Stirne leise blutet

Uralte Legenden

Und dunkle Deutung des Vogelflugs.



Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,

Die voll purpurner Trauben hängt

Und du regst die Arme schöner im Blau.



Ein Dornenbusch tönt,

Wo deine mondenen Augen sind.

O, wie lange bist, Elis, du verstorben.



Dein Leib ist eine Hyazinthe,

In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,



Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt

Und langsam die schweren Lider senkt.

Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,



Das letzte Gold verfallener Sterne.


Georg Trakl


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Gedichte aus aller Welt

05.12.2012 um 18:50
Da ja nun Nikolaus vor der Tür steht ... dazu passend ...

Nikolaus, ich wart schon lange!

Nikolaus, ich wart schon lange!
Bring mir eine Zuckerstange.
Zuckerstangen schmecken fein!
Bring von Marzipan ein Schwein.
Bring mir eine Spielzeugkuh,
bring mir ein paar neue Schuh,
bring auch eine Eisenbahn,
einen Honigkuchenmann,
Äpfel, Kringel und Korinthen,
Schokolade, Keks und Printen,
einen Teddy, weich und braun,
Christbaumschmuck, hübsch anzuschaun,
eine Puppe, die was spricht.
Aber eine Rute nicht!



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Gedichte aus aller Welt

05.12.2012 um 18:51
... und noch eines ...

Der Nikolaus

Der Nikolaus, der Nikolaus,
wo kommt der Nikolaus her?
Aus Afrika, Amerika,
vielleicht vom Roten Meer?

Er ist, weiß Gott, kein Dummerjahn,
er kennt ein jedes Kind,
und wenn er an die Türe pocht,
dann mach ihm auf geschwind!

Und öffnet er dann seinen Sack
und schenkt dir dies und das,
so ist das wohl, mein liebes Kind,
für dich ein Heidenspaß.

Und stürmt er dann zum Haus hinaus
mit Prusten und Gestöhn,
so ruf ihm schnell noch hinterdrein:
"Hallo, ich dank auch schön!"

(Gustav Sichelschmidt)



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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 18:58

Die beiden Ratten

In jener alten Zeit, wo noch die Thiere sprachen,
wo noch manch Mädchen fleißig spann,
hat sich die folgende Geschichte zugetragen,
die man auf's Wort nicht glauben kann. –
Ein junges Bäckerweibchen machte
des Abends ihren Teig – es hüpft ein Floh herbei,
der blutbegier'ge Bös'wicht brachte
ihr einen Stich an jenem Orte bei,
aus dem – wie Bruder Lucas wollte,
und wie er es dem Mädchen auch versprach –
ein Papst zum Vorschein kommen sollte. –
Die Bäckerin, nicht faul, ließ eh'r nicht nach –
bis sie ih fand, und – knicks den Hals ihm brach.
Sie legte sich zu Bett, doch von dem Teige,
der an den Händen kleben blieb,
war an dem Rand des Orts, den ich verschweige,
als sie den Floh daraus vertrieb,
die Spur geblieben, und zwei Ratten
mit feinen Näschen, die dies herrliche Gericht
von weitem schon gerochen hatten,
versäumten diese Mahlzeit nicht.
Sie schlichen sich in's Bett und jede hielte
sich brav dazu. – Der Mann der Bäckerin,
der seinen Teig jetzt aufgegangen fühlte,
macht sich bereit, um in den Ofen ihn
zu schieben. – Als die beiden Ratten hörten,
daß er sich regt, stürzt eine, ganz betäubt
von Furcht, zuerst hinein; die andre bleibt
nur noch dabei – und Angst und Schrecken mehrten
sich jeden Augenblick. – Nach dem, was er gethan,
legt sich der Mann nun wieder auf die Seite. –
Zu der Gefangnen großen Freude,
die, als sie sich in Freiheit sahn,
sogleich hin auf den Boden eilten,
der eigentlich ihr Wohnsitz war –
wo sie, entgangen der Gefahr,
von jedem Umstand Nachricht sich ertheilten. –
Mir ist's gar sonderbar ergangen, – sagte
die erste dann – durch eine Oeffnung kroch
ich wo hinein, – ich weiß nicht, welch ein Loch
das war, – versteckte mich und dachte
mich sicher da – doch der verdammte Kerl
von Bäcker stieß ganz über alle Maßen –
wer weiß womit – es war ein dicker Querl –
auf mich hinein, und war so ausgelassen,
daß, wenn er mir ein wenig Raum jetzt ließ,
ihm zu entfliehen und ich's wagte,
er desto härter auf mich stieß,
und mir gewalt'ge Schmerzen machte;
mein armes Näschen fühlt's mehr als zu sehr –
der Narr ward endlich doch der Possen müde,
das lange Ding zog ab und ließ mir Friede,
doch dies geschah nicht eh'r, bis es vorher
verächtlich in's Gesicht mir spuckte;
ich ward fast blind, doch nun entwischt' auch ich. –
Ich, sprach die andre dann, war ganz bestürzt und duckte
im Winkel eines Schenkels mich.
Ich hielt mich da ganz stll, und sah dem tollen Spiele,
von dem du sagst, sehr ungeduldig zu,
denn während er mit seinem langen Stiele
dich so zermalmt', hatt' ich auch keine Ruh'.
Zwei Kugeln hatt' er dicht am Hintern,
die wackelten stets hin und her,
zerstießen mir – ich konnt' es nicht verhindern –
mein Näschen auch nicht weniger.

Autor unbekannt



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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 18:59

Die Ratten im Tempel

Ein dummes Volk, ich weiß nicht, wie es hieß,
Verehrt' in seinem Tempel ein Idol,
Mehr als man einen Tänzer in Paris
Verehrt. — Der Gott von Holz war aber hohl;
In seinem großen Bauche hatten
Sich einlogiret viele Ratten,
Und wenn der Gläub'gen andachtsvolle Schar,
Nachdem ihr Opfer sie gestellt auf den Altar,
Dann aus dem Tempel fortgegangen war,
So fiel das langgeschwänzte Heer
Schnell über Honig, Milch und Brot
Und über Alles, was der fromme Pöbel bot,
Und delektirte d'ran sich sehr. —
Der Gott sah lange zu, — mit einem Mal'
Macht' er doch zu dem Spiele böse Miene,
Er ärgerte sich über den Skandal,
Und gab den Ratten eine derbe Lehre:
Es sei abscheulich, daß man sicherkühne,
Zu fressen, was man bringt zu Gottes Ehre.
Die Ratten aber lachten seiner Wuth:
"Seht doch den aufgeblas'nen Gliedermann,"

(So fing ihr Cicero zu sprechen an):
"Ich weiß nicht, wie er sich beklagen kann,
Da man ihm doch nur Gutes thut.
Weißt du, warum so reich dein Tempel ist,
Warum die Menschen dir so viel bescheren?
Weil man gar frömmig glaubt, dein Mund genießt
All' Jenes, was nur wir für dich verzehren.
Im Feuer lägest du schon lange Zeit,
So wie ein andrer Kloß, wenn wir nicht wären,
Drum dulde unsere Gefräßigkeit,
Sie brachte deine Gottheit ja zu Ehren."

So Mancher, der dem Volke gilt als Gott,
Muß insgeheim erdulden Schimpf und Spott;
Und mancher Große bliebe ungekannt,
Und Niemand würd' ihn zu den Sternen heben,
Wär' er durch jene Gaukler nicht bekannt,
Die da auf seine Kosten leben.

Ignaz Friedrich Castelli



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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 21:36

Solo de piano

Ya que la vida del hombre no es sino una acción a distancia,
Un poco de espuma que brilla en el interior de un vaso;
Ya que los árboles no son sino muebles que se agitan:
No son sino sillas y mesas en movimiento perpetuo;
Ya que nosotros mismos no somos más que seres
(Como el dios mismo no es otra cosa que dios)
Ya que no hablamos para ser escuchados
Sino para que los demás hablen
Y el eco es anterior a las voces que lo producen;
Ya que ni siquiera tenemos el consuelo de un caos
En el jardín que bosteza y que se llena de aire,
Un rompecabezas que es preciso resolver antes de morir
Para poder resucitar después tranquilamente
Cuando se ha usado en exceso de la mujer;
Ya que también existe un cielo en el infierno,
Dejad que yo también haga algunas cosas:

Yo quiero hacer un ruido con los pies
Y quiero que mi alma encuentre su cuerpo.




Pianosolo

Da das Leben des Menschen nur Handlung in der Ferne ist,
Ein bißchen Schaum, der im Innern eines Glases glänzt;
Da die Bäume nur Möbel sind, die sich bewegen:
Sie sind nur Stühle und Tische in permanenter Bewegung;
Da wir selbst nichts anderes als Wesen sind
(Wie auch Gott selbst nichts anderes ist als Gott),
Da wir nicht reden, um gehört zu werden,
Sondern damit auch die anderen reden,
Und das Echo den Stimmen vorausgeht, die es erzeugen;
Da wir ja nicht einmal die Tröstung eines Chaos haben
In dem gähnenden Garten, der sich mit Luft füllt,
Ein Rätsel, das wir vor dem Tode lösen müssen,
Damit wir später wieder friedlich auferstehen können,
Wenn wir uns der Frau zuviel bedient haben;
Da es auch in der Hölle einen Himmel gibt,
Gestattet auch mir, ein paar Dinge zu tun:

Ich möchte mit meinen Füßen ein Geräusch machen
Und möchte, daß meine Seele ihrem Körper begegnet.

Nicanor Parra



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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 21:38

Me retracto de todo lo dicho

Antes de despedirme
Tengo derecho a un último deseo:
Generoso lector
quema este libro
No representa lo que quise decir
A pesar de que fue escrito con sangre
No representa lo que quise decir.

Mi situación no puede ser más triste
Fui derrotado por mi propia sombra:
Las palabras se vengaron de mí.

Perdóname lector
Amistoso lector
Que no me pueda despedir de ti
Con un abrazo fiel:
Me despido de ti
Con una triste sonrisa forzada.

Puede que yo no sea más que eso
Pero oye mi última palabra:
Me retracto de todo lo dicho.
Con la mayor amargura del mundo
Me retracto de todo lo dicho.



Ich nehme alles Gesagte zurück

Bevor ich mich verabschiede
Habe ich ein Recht auf einen letzten Wunsch:
Großzügiger Leser
verbrenne dieses Buch
Es enthält nicht das was ich sagen wollte
Obwohl es mit Blut geschrieben wurde
Enthält es nicht das was ich sagen wollte.

Meine Lage könnte nicht trauriger sein
Ich wurde von meinem eigenen Schatten besiegt:
Die Worte rächten sich an mir.

Vergib mir Leser
Freundschaftlicher Leser
Daß ich nicht mit einer treuen Umarmung
Von dir Abschied nehmen kann:
Ich verabschiede mich von dir
Mit einem traurigen gezwungenen Lächeln.

Vielleicht bin ich nicht mehr als das
Aber höre dir meine letzten Worte an:
Ich nehme alles Gesagte zurück.
Mit der größten Bitterkeit der Welt
Nehme ich alles Gesagte zurück.

Nicanor Parra



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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 21:42

San Martino del Carso

Di queste case
non è rimasto
che qualche
brandello di muro

Di tanti
che mi corrispondevano
non è rimasto
neppure tanto

Ma nel mio cuore
nessuna croce manca

È il mio cuore
il paese più straziato

Giuseppe Ungaretti



San Martino del Carso

Von diesen Häusern
ist nichts geblieben
als ein paar
Mauerreste

Von so vielen
die mir nahe standen
ist nicht einmal
das geblieben

Aber in meinem Herzen
fehlt kein einziges Kreuz

Mein Herz ist das Dorf
das am meisten schmerz

Giuseppe Ungaretti

(Deutsche Übersetzung von © Johannes Beilharz)



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Pancho
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Gedichte aus aller Welt

06.12.2012 um 22:02
Zeit ist zu langsam,für den der wartet.
Zeit ist zu schnell,für den der sich fürchtet.
Zeit ist zu lang,für den der traurig ist.
Zeit ist zu kurz,für den der glücklich ist.
Aber für den der liebt,bedeutet Zeit die Ewigkeit...:)


und ich habe keine Ahnung von wem dat is;)


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Birkenschrei
ehemaliges Mitglied

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Gedichte aus aller Welt

07.12.2012 um 07:20
@Pancho
macht nichts. :) Zeitgedichte sind immer eine besondere Rarität ...


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Gedichte aus aller Welt

07.12.2012 um 21:05

Der Kampf mit dem Drachen

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,
Und einen Ritter, hoch zu Roß,
Gewahr ich aus dem Menschentroß,
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
Ein Drache scheint es von Gestalt,
Mit weitem Krokodilesrachen,
Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.

Und tausend Stimmen werden laut:
»Das ist der Lindwurm, kommt und schaut!
Der Hirt und Herden uns verschlungen,
Das ist der Held, der ihn bezwungen!
Viel andre zogen vor ihm aus,
Zu wagen den gewaltgen Strauß,
Doch keinen sah man wiederkehren,
Den kühnen Ritter soll man ehren!«
Und nach dem Kloster geht der Zug,
Wo Sankt Johanns des Täufers Orden,
Die Ritter des Spitals, im Flug
Zu Rate sind versammelt worden.

Und vor den edeln Meister tritt
Der Jüngling mit bescheidnem Schritt,
Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen,
Erfüllend des Geländers Stufen.
Und jener nimmt das Wort und spricht:
»Ich hab erfüllt die Ritterpflicht,
Der Drache, der das Land verödet,
Er liegt von meiner Hand getötet,
Frei ist dem Wanderer der Weg,
Der Hirte treibe ins Gefilde,
Froh walle auf dem Felsensteg
Der Pilger zu dem Gnadenbilde.«

Doch strenge blickt der Fürst ihn an
Und spricht: »Du hast als Held getan,
Der Mut ists, der den Ritter ehret,
Du hast den kühnen Geist bewähret.
Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
Des Ritters, der für Christum ficht,
Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?«
Und alle ringsherum erbleichen.
Doch er, mit edelm Anstand, spricht,
Indem er sich errötend neiget:
»Gehorsam ist die erste Pflicht,
Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.«

»Und diese Pflicht, mein Sohn«, versetzt
Der Meister, »hast du frech verletzt,
Den Kampf, den das Gesetz versaget,
Hast du mit frevlem Mut gewaget!« –
»Herr, richte, wenn du alles weißt«,
Spricht jener mit gesetztem Geist,
»Denn des Gesetzes Sinn und Willen
Vermeint ich treulich zu erfüllen,
Nicht unbedachtsam zog ich hin,
Das Ungeheuer zu bekriegen,
Durch List und kluggewandten Sinn
Versucht ichs, in dem Kampf zu siegen.

Fünf unsers Ordens waren schon,
Die Zierden der Religion,
Des kühnen Mutes Opfer worden,
Da wehrtest du den Kampf dem Orden.
Doch an dem Herzen nagte mir
Der Unmut und die Streitbegier,
Ja selbst im Traum der stillen Nächte
Fand ich mich keuchend im Gefechte,
Und wenn der Morgen dämmernd kam
Und Kunde gab von neuen Plagen,
Da faßte mich ein wilder Gram,
Und ich beschloß, es frisch zu wagen.

Und zu mir selber sprach ich dann:
Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann,
Was leisteten die tapfern Helden,
Von denen uns die Lieder melden?
Die zu der Götter Glanz und Ruhm
Erhub das blinde Heidentum?
Sie reinigten von Ungeheuern
Die Welt in kühnen Abenteuern,
Begegneten im Kampf dem Leun
Und rangen mit dem Minotauren,
Die armen Opfer zu befrein,
Und ließen sich das Blut nicht dauren.

Ist nur der Sarazen es wert,
Daß ihn bekämpft des Christen Schwert?
Bekriegt er nur die falschen Götter?
Gesandt ist er der Welt zum Retter,
Von jeder Not und jedem Harm
Befreien muß sein starker Arm,
Doch seinen Mut muß Weisheit leiten,
Und List muß mit der Stärke streiten.
So sprach ich oft und zog allein,
Des Raubtiers Fährte zu erkunden,
Da flößte mir der Geist es ein,
Froh rief ich aus: Ich habs gefunden!

Und trat zu dir und sprach dies Wort:
›Mich zieht es nach der Heimat fort.‹
Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten,
Und glücklich war das Meer durchschnitten.
Kaum stieg ich aus am heimschen Strand,
Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand,
Getreu den wohlbemerkten Zügen,
Ein Drachenbild zusammenfügen.
Auf kurzen Füßen wird die Last
Des langen Leibes aufgetürmet,
Ein schuppigt Panzerhemd umfaßt
Den Rücken, den es furchtbar schirmet.

Lang strecket sich der Hals hervor,
Und gräßlich wie ein Höllentor,
Als schnappt' es gierig nach der Beute,
Eröffnet sich des Rachens Weite,
Und aus dem schwarzen Schlunde dräun
Der Zähne stacheligte Reihn,
Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze,
Die kleinen Augen sprühen Blitze,
In einer Schlange endigt sich
Des Rückens ungeheure Länge,
Rollt um sich selber fürchterlich,
Daß es um Mann und Roß sich schlänge.

Und alles bild ich nach genau
Und kleid es in ein scheußlich Grau,
Halb Wurm erschiens, halb Molch und Drache,
Gezeuget in der giftgen Lache.
Und als das Bild vollendet war,
Erwähl ich mir ein Doggenpaar,
Gewaltig, schnell, von flinken Läufen,
Gewohnt, den wilden Ur zu greifen.
Die hetz ich auf den Lindwurm an,
Erhitze sie zu wildem Grimme,
Zu fassen ihn mit scharfem Zahn,
Und lenke sie mit meiner Stimme.

Und wo des Bauches weiches Vlies
Den scharfen Bissen Blöße ließ,
Da reiz ich sie, den Wurm zu packen,
Die spitzen Zähne einzuhacken.
Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß,
Besteige mein arabisch Roß,
Von adeliger Zucht entstammet,
Und als ich seinen Zorn entflammet,
Rasch auf den Drachen spreng ichs los
Und stachl es mit den scharfen Sporen
Und werfe zielend mein Geschoß,
Als wollt ich die Gestalt durchbohren.

Ob auch das Roß sich grauend bäumt
Und knirscht und in den Zügel schäumt,
Und meine Doggen ängstlich stöhnen,
Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen.
So üb ichs aus mit Emsigkeit,
Bis dreimal sich der Mond erneut,
Und als sie jedes recht begriffen,
Führ ich sie her auf schnellen Schiffen.
Der dritte Morgen ist es nun,
Daß mirs gelungen, hier zu landen,
Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn,
Bis ich das große Werk bestanden.

Denn heiß erregte mir das Herz
Des Landes frisch erneuter Schmerz,
Zerissen fand man jüngst die Hirten,
Die nach dem Sumpfe sich verirrten,
Und ich beschließe rasch die Tat,
Nur von dem Herzen nehm ich Rat.
Flugs unterricht ich meine Knappen,
Besteige den versuchten Rappen,
Und von dem edeln Doggenpaar
Begleitet, auf geheimen Wegen,
Wo meiner Tat kein Zeuge war,
Reit ich dem Feinde frisch entgegen.

Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch
Auf eines Felsenberges Joch,
Der weit die Insel überschauet,
Des Meisters kühner Geist erbauet.
Verächtlich scheint es, arm und klein,
Doch ein Mirakel schließt es ein,
Die Mutter mit dem Jesusknaben,
Den die drei Könige begaben.
Auf dreimal dreißig Stufen steigt
Der Pilgrim nach der steilen Höhe,
Doch hat er schwindelnd sie erreicht,
Erquickt ihn seines Heilands Nähe.

Tief in den Fels, auf dem es hängt,
Ist eine Grotte eingesprengt,
Vom Tau des nahen Moors befeuchtet,
Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet,
Hier hausete der Wurm und lag,
Den Raub erspähend, Nacht und Tag.
So hielt er wie der Höllendrache
Am Fuß des Gotteshauses Wache,
Und kam der Pilgrim hergewallt
Und lenkte in die Unglücksstraße,
Hervorbrach aus dem Hinterhalt
Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.

Den Felsen stieg ich jetzt hinan,
Eh ich den schweren Strauß begann,
Hin kniet ich vor dem Christuskinde
Und reinigte mein Herz von Sünde,
Drauf gürt ich mir im Heiligtum
Den blanken Schmuck der Waffen um,
Bewehre mit dem Spieß die Rechte,
Und nieder steig ich zum Gefechte.
Zurücke bleibt der Knappen Troß,
Ich gebe scheidend die Befehle
Und schwinge mich behend aufs Roß,
Und Gott empfehl ich meine Seele.

Kaum seh ich mich im ebnen Plan,
Flugs schlagen meine Doggen an,
Und bang beginnt das Roß zu keuchen
Und bäumet sich und will nicht weichen,
Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,
Des Feindes scheußliche Gestalt
Und sonnet sich auf warmem Grunde.
Auf jagen ihn die flinken Hunde,
Doch wenden sie sich pfeilgeschwind,
Als es den Rachen gähnend teilet
Und von sich haucht den giftgen Wind
Und winselnd wie der Schakal heulet.

Doch schnell erfrisch ich ihren Mut,
Sie fassen ihren Feind mit Wut,
Indem ich nach des Tieres Lende
Aus starker Faust den Speer versende,
Doch machtlos wie ein dünner Stab
Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
Und eh ich meinen Wurf erneuet,
Da bäumet sich mein Roß und scheuet
An seinem Basiliskenblick
Und seines Atems giftgen Wehen,
Und mit Entsetzen springts zurück,
Und jetzo wars um mich geschehen –

Da schwing ich mich behend vom Roß,
Schnell ist des Schwertes Schneide bloß,
Doch alle Streiche sind verloren,
Den Felsenharnisch zu durchbohren,
Und wütend mit des Schweifes Kraft
Hat es zur Erde mich gerafft,
Schon seh ich seinen Rachen gähnen,
Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
Als meine Hunde wutentbrannt
An seinen Bauch mit grimmgen Bissen
Sich warfen, daß es heulend stand,
Von ungeheurem Schmerz zerrissen.

Und eh es ihren Bissen sich
Entwindet, rasch erheb ich mich,
Erspähe mir des Feindes Blöße
Und stoße tief ihm ins Gekröse
Nachbohrend bis ans Heft den Stahl,
Schwarzquellend springt des Blutes Strahl,
Hin sinkt es und begräbt im Falle
Mich mit des Leibes Riesenballe,
Daß schnell die Sinne mir vergehn.
Und als ich neugestärkt erwache,
Seh ich die Knappen um mich stehn,
Und tot im Blute liegt der Drache.« –

Des Beifalls lang gehemmte Lust
Befreit jetzt aller Hörer Brust,
Sowie der Ritter dies gesprochen,
Und zehnfach am Gewölb gebrochen
Wälzt der vermischten Stimmen Schall
Sich brausend fort im Widerhall,
Laut fodern selbst des Ordens Söhne,
Daß man die Heldenstirne kröne,
Und dankbar im Triumphgepräng
Will ihn das Volk dem Volke zeigen,
Da faltet seine Stirne streng
Der Meister und gebietet Schweigen.

Und spricht: »Den Drachen, der dies Land
Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand,
Ein Gott bist du dem Volke worden,
Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
Und einen schlimmern Wurm gebar
Dein Herz, als dieser Drache war.
Die Schlange, die das Herz vergiftet,
Die Zwietracht und Verderben stiftet,
Das ist der widerspenstge Geist,
Der gegen Zucht sich frech empöret,
Der Ordnung heilig Band zerreißt,
Denn der ists, der die Welt zerstöret.

Mut zeiget auch der Mameluck,
Gehorsam ist des Christen Schmuck;
Denn wo der Herr in seiner Größe
Gewandelt hat in Knechtes Blöße,
Da stifteten, auf heilgem Grund,
Die Väter dieses Ordens Bund,
Der Pflichten schwerste zu erfüllen:
Zu bändigen den eignen Willen!
Dich hat der eitle Ruhm bewegt,
Drum wende dich aus meinen Blicken,
Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.«

Da bricht die Menge tobend aus,
Gewaltger Sturm bewegt das Haus,
Um Gnade flehen alle Brüder,
Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
Still legt er von sich das Gewand
Und küßt des Meisters strenge Hand
Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,
Dann ruft er liebend ihn zurücke
Und spricht: »Umarme mich, mein Sohn!
Dir ist der härtre Kampf gelungen.
Nimm dieses Kreuz: es ist der Lohn
Der Demut, die sich selbst bezwungen.«

Friedrich Schiller



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Gedichte aus aller Welt

07.12.2012 um 21:06

In Phanta’s Schloß - Andre Zeiten, andre Drachen

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen -:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten -
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh ich eine
goldgeschuppte Schlange kriechen . . .

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
wenn sie nicht grad Flammen speien
oder Ritter fressen mußten -
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
Dame, Knapp und Maultier schmauste -
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg anbot.

Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, - ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer -:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

Christian Morgenstern



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Pancho
ehemaliges Mitglied

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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 13:51
@Birkenschrei
Birkenschrei schrieb:macht nichts. :) Zeitgedichte sind immer eine besondere Rarität ...
Kennst du noch andere?

@all
@Jofe
du bist hier der fleissigste Schreiber

Kennt ihr noch andere Gedichte,welche die Zeit betreffen?




Ich wünsche dir Zeit

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

Elli Michler


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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 18:11
Pancho schrieb:Kennt ihr noch andere Gedichte,welche die Zeit betreffen?
Aber sicher doch ...

Die Zeit

Ein Phänomen ist meine Zeit,
will halten sie und kann es nicht.
Glück und Leid sind Vergangenheit,
doch jeder Tag hat ein Gesicht.

Ich will es freundlich blicken an,
dann blickt es freundlich auch zurück.
Gott geht mit auf meiner Bahn,
will vorwärts seh´n und nicht zurück.

© Irmgard Adomeit



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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 18:12

Was ist Zeit?

Ist Zeit das Kreissegment, das Zeiger klar beschreiben,
Der Lauf der Erde um die Glut im Magmaball?
Der Raum, in dem Gestirne nach Gesetzen treiben,
Des Doppelglases Sand in stetem Rieselfall?

Ein Stein durchstößt des Wassers glatte Haut im Fallen,
Taucht ein und wirbelt Silbertropfen hoch empor.
Im Sonnenlicht zerbirst der Zauber, der im Wallen
Vergeht, der Wirbel ebbt zur Stille wie zuvor.

Ein Augenblick, Sekunden nur des frohen Sehens,
Und doch, für mich ganz fest ein Lebtag eingeprägt.
Ein Blitz, Moment des kurzen Werdens und Vergehens,
Die wahre Zeit, die keinen Wert auf Stunden legt.

© Ingo Baumgartner



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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 18:13

Zeit und Ewigkeit

Zur Stunde düstrer Mitternacht/
Wenn alles schläfft/ mein Auge wacht/
Erweg' ich/ wie die Zeit wegeilt/
Die unser kurtzes Leben theilt.

Ein Tag ist lang/ wenn Schmertz und Noth
Wird unser hartes Wochen-Brod:
Wie schwer die Angst und Arbeit sey/
Geht Woch und Tag doch bald fürbey.

In Monat theilet sich das Jahr/
Doch wird man unverhofft gewahr/
Wie dieser kömmt und jener weicht/
Biß Jahr und Leben mit verstreicht.

Trau/ Seele/ keiner Stunde nicht!
Du weist nicht/ wenn das Leben bricht/
Und nimmst doch durch die kurtze Zeit
Den Weg zur langen Ewigkeit.

Ein Tag hat sein geseztes Ziel/
Das ihm die Sonne gönnen will/
Wer aber mißt den langen Tag
Der keinen Abend finden mag?

Wir schreiben nach des Monden Lauff
Die Zahl der Jahres-Wochen auff;
Wer ist der uns zu rechnen weiß
Der Woch ohn Ende rundten Kreiß?

Jedweder Monat hat den Schluß/
Damit er sich verlieren muß:
Der Monat/ der nicht wechseln kan/
Fängt immerdar von neuem an.

Kein Jahr taurt über seine Frist/
Wenn sich der zwölffte Monden schlüst/
Wenn aber kömmt das Jahr zum Schluß/
Das alle Jahre schlüssen muß?

Es ist der Erden Weite kund/
Man find des Meeres tieffen Grund/
Wer weiß diß zu beschreiben/ rath/
Was weder Ziel noch Anfang hat.

In tieffster Berge finstrer Schoß
Giebt sich Crystall und Silber bloß:
Vernunfft forscht nicht mit Fürwitz aus
Der Ewigkeit veborgnes Hauß.

Trau/ Seele/ dieser Närrin nicht/
Wenn sie dir hier viel Zeit verspricht/
Der Weg ist kurtz durch diese Zeit/
Und führt zur langen Ewigkeit.

Hans Aßmann Freiherr von Abschatz



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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 18:14

Gute Zeit und böse Zeit

St. Peter sprach einst zu dem Herrn:
"Dein Himmelspförtner bin ich gern;
Doch klein ist eben hier der Drang,
Mir wird oft Zeit und Weile lang.
Drum möchtest du mir Urlaub geben
Auf kurze Zeit zurück ins Leben,
Wo ich manch guten Freund verließ,
Da man mich in die Marter stieß;
Hätt mich noch gern mit ihm geletzt:
Geliebt es dir, so thu ichs jetzt."

Da sprach der Herr: Ich gebe dir
Acht Tage; sei dann wieder hier.
St. Peter nahm den Wanderstab,
Zog fröhlich in die Welt hinab
Und blieb Wohl einen Monat aus.
Doch empfieng ihn als er kam nach Haus
Der Herr ganz Wohl; er frug den Lieben
Jedoch, wo er so lang geblieben?

Ach, Herr, sprach Petrus, gute Zeit
War auf der Erde weit und breit:
Sie hatten Frieden, wenig Steuern
Und alle Speicher voll und Scheuern,
In Stall und Hühnerhöfen Segen.
Daran war mir nicht viel gelegen;
Doch süß gerathen war der Most,
Das war auch Mir ein lieber Trost.
Da ist das Herz mir aufgegangen,
Wir zechten, jubelten und sangen
Und waren fröhlich allzumal:
Da vergaß ich deinen Himmelssaal.

Da sprach der Herr: Das war schon recht;
Doch sage mir, mein lieber Knecht,
Hat man dabei auch Mein gedacht,
Daß ich so gute Zeit gemacht?
Nein, sprach St. Peter, Dein gedachte
Da nur ein altes Weib: das lachte
Man aber waidlich drüber aus.
Weil Ihr verbrannt war Hof und Haus
Schrie sie zu dir aus Leibeskraft;
Das lächert' uns beim Rebensaft.

Das ließ der Herr ihm heute gelten.
Was sollt er seinen Jünger schelten,
Der ihm getreu war früh und spät,
Wenn eben nicht der Hahn gekräht.
Er ließ ihn seines Amtes walten
Bis es im Herbst verdroß den Alten.
Er dachte: Nun ist firn der Wein,
Und kam um Urlaub wieder ein.
Den mocht ihm nicht der Herr versagen;
"Nur sei zurück in dreißig Tagen."

In Freuden fuhr er da hernieder:
Doch kehrt' er dießmal früher wieder,
Der dritte Tag war kaum erschienen,
Verstimmt, mit eßigsauern Mienen.
Darüber, that der Herr erstaunt:
"So bald zurück, und schlecht gelaunt?"

Ach Herr, sprach Petrus, böse Zeit
War auf der Erde weit und breit;
Sie hatten Speicher leer und Scheuern
Und Kriegesnoth und schwere Steuern.
Der Feind war längst hereingebrochen,
Hatte Küh und Kälber abgestochen;
Nun spießten sie das letzte Huhn.
Das mochten sie noch immer thun;
Wen aber sollt es nicht verdrießen,
Daß sie den Zapfen offen ließen
Und den Firnen in den Keller laufen,
Die wüsten, nach dem tollen Saufen?
Der neue könnt uns nicht erquicken,
Denn der war herbe zum Ersticken.
Was Wunder, da es also stand,
Daß ich es nicht behaglich fand?
Es geht doch anders zu hier oben:
Da unten kann ichs gar nicht loben.

Da sprach der Herr: Du hast wohl Recht;
Doch sage mir, mein lieber Knecht,
Gedenken jetzt die Leute mein
Bei solcher Kriegesnoth und Pein?
Ja, sprach St. Peter, Jung und Alt
Drängt sich, zur Kirche mit Gewalt.
Da zerren sie dir an den Füßen
Und rutschen auf den Knien und büßen,
Und barfuß gehen Processionen,
Daß du sie gnädig wollst verschonen
Mit deinem Zorn: das thu in Gnaden:
Mich jammert, lieber Herr, ihr Schaden.

"Da siehst du," sprach der Herr, "nun selber:
"Haben sie Federvieh und Kälber
Und gute Zeit und süßen Wein,
So vergißt man auf der Erden mein.
Muß ich da nicht dazwischen fahren
Mit Kriegesnoth und Hungerjahren
Und Pestilenz und Sterben schicken,
Daß sie bekehrt zum Himmel blicken?

"Doch laß es gut sein: mir ist lieb,
Daß ich nicht ohne Pförtner blieb.
War das Gedränge sonst nicht groß
Hieher in Vater Abrams Schooß,
So kommen sie in hellen Haufen
Bald vor die Himmelsthür gelaufen,
Daß schier zu enge wird das Thor:
Da thut ein Pförtner Noth davor."

Karl Simrock



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Gedichte aus aller Welt

08.12.2012 um 18:15

Zeit

Wie Wellen ziehn die Stunden her,
Wie sie – auf Nimmerwiederkehr!

Karl Maye



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