sacredheart schrieb:Diese Studie aus Finnland ist sicherlich recht gut angelegt und hinterfragt genau diese Mechanismen. Deutschland ist da noch auf einem Weg, der aus meiner Sicht nicht evidenzbasiert ist.
Die Studie finde ich durchaus interessant und die Zahlen würde ich auch nicht einfach wegwischen. Ich wäre nur bei der Interpretation etwas vorsichtig.
Sie zeigt eine sehr hohe psychiatrische Belastung bei den Jugendlichen, die eine Genderklinik aufsuchen, und dass diese nach einer medizinischen Transition keineswegs automatisch verschwindet. Das ist für mich durchaus ein relevantes Ergebnis.
Die Frage ist aber, was genau man daraus über die Behandlung ableiten kann. Die Gruppe der medizinisch behandelten Jugendlichen ist ja nicht einfach mit einer gleichartigen Gruppe zu vergleichen, die keine Behandlung bekommen hat. Es gibt bereits vor der Behandlung erhebliche Unterschiede in der psychiatrischen Belastung und vermutlich auch bei anderen Faktoren. Genau deshalb ist die Frage interessant, wie sich eine vergleichbare Gruppe mit ähnlicher Ausgangslage ohne medizinische Transition entwickelt hätte.
Nach Berücksichtigung von Geburtsjahr, Zeitpunkt des Erstkontakts und insbesondere der psychiatrischen Vorbehandlung glichen sich die Unterschiede zwischen den Gruppen mit und ohne medizinische Geschlechtsangleichung laut den Autoren aus.
Auch die frühere finnische Studie von 2023 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Nach Berücksichtigung der psychiatrischen Vorbehandlung hatten diejenigen mit und ohne medizinische Transition ein vergleichbares Risiko für spätere psychiatrische Behandlung.
Deshalb würde ich aus der aktuellen Studie nicht mehr herauslesen als das, was sie tatsächlich zeigt: Die psychischen Probleme dieser Gruppe sind erheblich und verschwinden nach einer Transition keineswegs automatisch. Das stellt durchaus die einfache Aussage infrage, eine medizinische Transition löse diese Probleme. Aber umgekehrt kann man aus diesen Daten eben auch nicht einfach ableiten, dass die Behandlung selbst die Ursache für die weitere psychiatrische Belastung ist.
Und genau deshalb finde ich die Studie interessant – aber die Schlussfolgerung „Deutschland ist nicht evidenzbasiert“ ist für mich nochmal eine ganz andere Aussage, die man nicht aus dieser einen Studie ableiten kann.