Bei mir laufen gerade zwei Projekte parallel, die sich teilweise ein wenig überschneiden: Einmal die
digitale Unabhängikeit und dann ein langfristiger digitaler Detox. Bzw. genau genommen ein Smartphone-Detox; vor der Smartphone-Zeit habe ich auch oft stundenlang am PC gesessen und war in Foren wie diesem unterwegs. Aus verschiedenen Gründen finde ich das nicht so problematisch wie das Smartphone.
Ich habe angefangen, möglichst viele Dinge des täglichen Lebens vom Smartphone zu entkoppeln.
Ich nutze wieder eine Armbanduhr.
Ich habe einen Wochenplaner, außerdem immer dabei ein kleines Notizheft und einen Stift.
Ich schreibe meine Einkaufszettel wieder von Hand.
Immer öfter lasse ich das Smartphone direkt zu Hause. Ich nehme es eigentlich nur noch mit, wenn ich einen Termin habe, damit ich im Falle einer Verspätung von unterwegs Bescheid sagen kann.
Ich nutze öffentliche Verkehrsmittel; dafür suche ich mir vorab die nächste Verbindung raus und vielleicht auch schon mal grob die für den Rückweg, falls ich abschätzen kann, wann das ungefähr sein wird.
Ansonsten gucke ich unterwegs auch einfach auf den Haltestellenaushang, wann die nächste passende Verbindung zurück fährt.
Früher habe ich das auch so gemacht und bin klar gekommen.
Und ehrlich, es gefällt mir immer besser. Auf den ersten Blick ist es manchmal etwas weniger bequem, aber ich fühle mich freier, ruhiger und wacher. Dabei habe ich das Smartphone schon vorher unterwegs nur wenig genutzt. Meistens nur, um auf die Uhr zu sehen oder die nächste Verbindung raus zu suchen. Trotzdem ist der Effekt bemerkenswert.
Ich fühle mich auch autarker und mir scheint, dass geistige Fähigkeiten allmählich zurück kommen, die ich verloren geglaubt habe. Ich bin im Laufe der Smartphone-Jahre unglaublich verpeilt und vergesslich geworden. Noch mehr als vorher.
:D In den letzten 1-2 Jahren war das so schlimm, dass ich zeitweise dachte, ich hätte entweder schweres ADHS oder eine früh einsetzende Form von Demenz. Schon ein paar Wochen, in denen ich mich nicht mehr auf das Smartphone verlasse, sondern die Dinge selber und analog regele, und mein Gehirn beginnt wieder zu funktionieren.
Letztens musste ich nach einem Termin länger auf die S-Bahn warten. Ich saß in der Sonne und habe die Zeit genutzt, meine Notizen in meinen Wochenplaner zu übertragen. Als ich damit fertig war, habe ich einfach meinen Blick schweifen gelassen, gegenüber war ein kleiner Park, in dem Leute joggten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Die Bank war voll besetzt, aber ich war die einzige, die nicht mit krummem Hals aufs Smartphone starrte. Ich habe mich so frei gefühlt!
:DIch habe noch ein gutes Stück Weg vor mir, aber ich möchte nie wieder zurück.
Eigentlich wollte ich nie ein Smartphone haben. Als die Dinger aufkamen, hat mich der bloße Anblick schon geärgert. Diese Vorstellung, so einen Minicomputer ständig dabei zu haben und dann auf diesem Bildschirm rum zu wischen fand ich total blöd.
Ungefähr 2016 hab ich dann ein altes aus der Verwandtschaft "geerbt" und weil es für meinen Beruf damals sinnvoll erschien, habe ich es auch genutzt. Ich wollt, ich wäre mir treu geblieben und hätte einfach weiter das gute, alte Nokia benutzt. Dann hätte ich jetzt nicht die ganze Arbeit, mein Leben wieder zu analogisieren.
Probleme, die ich für mich dabei sehe, das Smartphone ganz aufzugeben:
- ich kommuniziere mit der Familie und ein paar Freunden regelmäßig über Signal. Das hab ich inzwischen zwar auch auf dem Desktop, aber ganz so spontan ist das dann halt nicht mehr. Meine Eltern leben weit entfernt und das teilweise tägliche Chatten und Fotos schicken gibt mir ein Stück Nähe, das ich anderfalls nicht hätte.
Und ich bin mir bewusst, dass das nur eine scheinbare Nähe ist. Ich glaube, dass die Möglichkeit regelmäßig spontan mit Leuten in Kontakt zu treten, ein Gefühl von scheinbarer Nähe gibt, wodurch ein Telefonat oder gar Treffen sich mitunter weniger dringlich anfühlt. Weil man den anderen einfach weniger vermisst.
- Onlinebanking. Das ist etwas, das ich am modernen, digitalen Leben wirklich schätze. Wie schon jemand hier angesprochen hat: Ohne Smartphone-App wird das schwierig.
- Navigation. Wenn ich nicht Öffis fahre, dann Fahrrad. Wenn ich eine Strecke noch nicht gut genug kenne, brauche ich mein Navi am Lenker. Ein Fahrrad-Navi müsste ich extra erst kaufen, das Smartphone habe ich schon.
Ein (vielleicht das größte?) Problem an Smartphones ist m.E., dass sie halt so ziemlich sämtliche Tools und Funktionen des täglichen Lebens in sich bündeln, von Nützlichkeit bis Entertainment. Ich glaube, deshalb fällt es vielen so schwer, nur auf einzelne Aspekte zu verzichten. Es ist zu verlockend, dann eben auch mal kurz noch dieses oder jenes zu gucken, machen, tun.
Als mir vor ein paar Jahren mein damaliges Smartphone runter fiel und kaputt ging, hat mich das regelrecht in Panik versetzt, weil "Da drin ist mein ganzes Leben"... Eigentlich beängstigend und so abhängig möchte ich einfach nicht mehr sein.