Todesstrafe
gestern um 15:28Natürlich lässt die Trauer nach. Bei vielen wird sie nie ganz verschwinden, aber nur noch sehr milde sein, man erinnert sich auch eher an das positive. Das Leben der Angehörigen geht weiter. Sie fahren in den Urlaub, gehen ins Konzert, ins Museum, gehen ins Restaurant zu einem guten Essen oder kochen zusammen mit Freunden zuhause, gehen ins Kino, machen Sport, und und und. Der Häftling hat dies alles nicht. Nichts! Niemals (bei TS oder LWOP).gagitsch schrieb:
Das ist eine gewagte Aussage, auch wenn du ggf Erfahrung hättest, kann diese auch stark von den der Trauernden abweichen.redsherlock schrieb am 04.09.2026:Hardliner bzw. Vertreter retributiver Strafen entgegenen darauf ja meist: 'die Opferangehörigen leiden auch für den Rest ihres Lebens'. Das sehe ich anders. Das Leben geht für die Opferangehörigen weiter, nach 20 Jahren oder so ist die Trauer nicht mehr dieselbe wie zu Anfang.
Ich sehe es so. Wenn man jemand durch Mord, Totschlag, oder Unfall verliert, also meist so, ohne sich verabschieden zu können, traumatisiert das, jeder fasst das sicher unterschiedlich auf, aber verdrängen ist nicht vergessen. Vergessen tut das keiner.
Und selbst wenn die Trauer "weniger" wird, was ich nicht glaube, dann wird für den Todeskandidaten im Knast ja auch der Gedanke an sein Opfer weniger?! Büßt also der TS-Kandidat da weniger?
Das TS-Kandidaten in den zB USA so lange warten müssen bis zur Vollstreckung ist allermeisten an den Tätern und dem Rechtssystem geschuldet und nicht, dass die Täter möglich lange dort sein sollen. Es ist jedem Häftling bis zum letzten Tag möglich Revisionsanträge einzureichen, dass kann und macht die Länge der Haft eben dann zu teilen noch länger als gewollt, sicher beider Seiten.
Wo ich jedem Gegen der TS beipflichte, ist eben, dass keine TS verhängt werden soll, wenn Zweifel im Raum stehen. TS auf Grund einer Fehlurteilung wäre fatal.
Ich selbst habe meine geliebte Lebensgefährtin vor fast zwei Jahrzehnten ganz plötzlich und unerwartet verloren, von einer Sekunde auf die andere. Wir konnten uns nicht verabschieden. Ich weiss sehr wohl, was Trauer ist und wie die sich anfühlt, auch über Jahre. (Und deshalb verstehe ich auch das Leid der Opferangehörigen, bis zu einem gewissen Punkt.) Es war ein Schlag, wie es theoretisch auch ein Verbrechen/Mord hätte bewirken können. Nur dass ich keine Hass auf irgendjemanden richten konnte. Die Trauer wird nach Jahren weniger, nach 20 Jahren bedaure ich es immer noch, habe auch mal den einen oder anderen traurigen Moment, aber ich erinnere mich auch mehr an das Schöne, dass wir hatten. Wenn es Mord gewesen wäre, ich glaube nicht, dass ich mich heutzutage gegen eine Bewährungsfreilassung stellen würde. Hier in Deutschland geht das ja auch gar micht. Im Grunde schützt in Deutschland der Staat (die Justiz) die Opferangehörigen dadurch, dass er alles nach Gesetz entscheidet. Ich müsste mir keine Gedanken darüber machen, ob der Mörder freikommt oder nicht. Ich bin nicht im Entscheidungszwang. Das ist in den USA komplett anders, und ich bin davon überzeugt, zum großen Nachteil für die Opferangehörigen. Der Staat übergibt ihnen Mitverantwortung bei Entscheidungen (wie zu Begnadigungen etc.), es wird immer wieder an ihnen 'rumgezerrt', auch allein schon durch den Hinrichtungstermin etc. Und eine Hinrichtung (nach 20 oder 30 Jahren), was soll die für die Opfer besser machen? Manche beklagen sich ja sogar noch, dass die Hinrichtung zuwenig qualvoll ablief.
Ich meine auch, die Justiz ist nicht für 'Befindlichkeiten' jedes einzelnen da. Es geht um die Gesellschaft. Eine Strafe muss einen 'Nutzen' für die gesamte Gesellschaft haben. Nachgewiesenmaßen ist so ein Nutzen nicht da, bzw. sogar durch hohe Kosten und Leid auch für die Täterangehörigen negativ, zum Beispiel bei einem 50-jährigen Täter, der 30 Jahre in Haft war und (!) sich im Gefängnis nachweislich (!) resozialisiert hat. Das Rückfallrisiko ist extrem gering. Statt ihn 20 weitere Jahre bis zum Tod im Gefängnis lassen bei gegen Ende explodierenden Haftkosten, könnte er der Gesellschaft draußen Nutzen bringen. (Und zwar nach einem Reentry-Plan, der ja von Experten auch als realistisch gesehen wird.) Der einzige Grund, dass dies nicht geschieht, ist der Vergeltungs- (um nicht zu sagen: Rache-) Gedanke. Ich lehne so eine Denke total ab. Wir sollten in unserer Zivilisation deutlich weiter sein.
Ich empfehle gerne noch mal das Buch Anger and Foregiveness von der renommierten US-Philosopie- und Rechtsprofessorin (Uni Chicago) Martha C. Nussbaum. Es gibt das Buch auch in deutscher Übersetzung. Da beschreibt sie all diese Fragen.
Noch zu deiner Aussage von Buße. Findest du nicht, dass 20 oder 30 Jahre im Gefängnis "genug" Buße sind? Wem bringt jeder weitere Tag der Buße im Gefängnis bis zum Tode was?
Man muss sich schon intensiver mit den Lebensbedingungen von Menschen im Gefängnis im Todesstrakt oder bei LWOP auseinandersetzen. Evtl. Insider-Erfahrung haben. Die psychischen Belastungen, Demütigungen, etc. sind tag-täglich. Natürlich nicht jede so schlimm wie die Tat oder das (kurze) Leiden des Opfers. Aber sie ist täglich da, über Jahrzehnte, ohne Aussicht auf eine Ende...gagitsch schrieb:
Keinesfalls unmenschlicher als der Mord oder die Vergewaltigung die selbst an einem Opfer ausgeübt wurde. Oder was meinst du mit unmenschlich?redsherlock schrieb am 04.09.2026:Das kann man über das Leben im Gefängnis nicht behaupten. Die Häftlinge sind jeden Tag der unmenschlichen Behandlung ausgesetzt.



