nocheinPoet schrieb:Und nein, Nichts hat keine Identität, denn dann wäre es etwas.
Stimme ich zu, muss aber gleich anmerken, dass "Nichts" (großgeschrieben, als Substantiv) bereits eine unzulässige
Reifikation ist. Das fiel mir gleich in deiner ersten Antwort an mich auf, hatte ich aber erst einmal durchgehen lassen:
nocheinPoet schrieb:Genauer, etwas existiert genau dann, wenn es sich vom Nichts unterscheidet
Hatte ich vor allem deshalb durchgehen lassen, weil die Aussage
"etwas existiert genau dann, wenn es sich [von nichts] unterscheidet" natürlich eine gänzlich andere wäre. Sie wäre insbesondere äquivalent zur Aussage
"etwas existiert genau dann, wenn es mit allem identisch ist", was sicherlich noch weniger gemeint war. Bei anderen Leuten findet sich der gleiche Fehler, wie auch
@Neustarter schon angemerkt hatte:
KwithoutPath schrieb:Das Nichts...
Wie auch immer dein Standpunkt ist, aber sobald ich von einem (substantivierten)
Nichts lese, gehe ich eben instinktiv davon aus, dass hier von einem
(bestimmten) Zustand o.ä. bzw. eben doch von
etwas die Rede sein soll, dem dann natürlich auch so etwas wie
Identität, Bestimmung oder Eigenschaften zukommen (ähnlich wie der leeren Menge aus der Mathematik).
nocheinPoet schrieb:Du versuchst mir das Nichts als Objekt zu verdinglichen, aber ich zeige gerade auf, dass das so nicht geht.
Noch einmal: "das Nichts" wird bereits durch Substantivierung zum Gegenstand. Ich gehe nun einmal auf das ein, was ich lese. Und das war:
nocheinPoet schrieb:Genauer, etwas existiert genau dann, wenn es sich vom Nichts unterscheidet...
Ich lese bei dir nachfolgend heraus, dass du eigentlich ebenfalls deutlich machen möchtest, dass nicht von einem Objekt oder einer Entität die Rede sein sollte (Hervorhebung von mir):
nocheinPoet schrieb:Genau das Gegenteil: Das absolute Nichts ist kein Objekt und keine Entität, die man in eine Relation zu etwas anderem setzen könnte.
Gleichzeitig haben wir es hier aber erneut mit einer Substantivierung zu tun, was bereits auf eine Reifikation hindeutet, die auch noch durch attributiven Gebrauch des Adjektivs "absolut" verstärkt wird. Denn das ist, was ein vorangestelltes Adjektiv nun einmal grammatisch tut: Es setzt voraus, dass das Substantiv ein Träger von Eigenschaften sein kann. Und hier, dass es einen Gegenstand "Nichts" gibt, der die Eigenschaft besitzt,
absolut zu sein.
nocheinPoet schrieb:"Unterscheidbar vom Nichts" ist keine zweistellige Relation zwischen zwei existierenden Dingen (wie "größer als" zwischen zwei Zahlen), sondern eine einstellige Eigenschaft: Etwas hat minimale strukturelle Bestimmtheit (Eigenschaften), die das absolute Nichts per Definition nicht hat.
Das Prädikat "vom Nichts unterscheidbar" ist zwar rein formal einstellig, nichtsdestotrotz aber eine
relationale Eigenschaft, d.h. relational in seiner semantischen Struktur, weil sie eben durch eine Relation
zum Nichts (sic) definiert wird. Genauso wie etwa das einstellige Prädikat
"positiv" die relationale Eigenschaft
"größer als 0" ausdrückt (und damit eine Eigenschaft aufgrund seiner Beziehung zu etwas anderem).
nocheinPoet schrieb:Die Frage ist, was genau willst Du?
Ja, das ist leicht beantwortet. Ich möchte gerne eine Antwort auf die berühmte Frage:
Warum existiert überhaupt etwas, warum existiert nicht einfach nichts?Gemeint ist vor allem "existieren" im realen, physikalischen Sinne, denn es ist - zumindest für mich - undenkbar, dass beispielsweise keine abstrakten Konzepte (bspw. mathematischer Natur) existieren. Die Frage lautet daher im engeren Sinne:
Warum existieren bestimmte Naturgesetze, Sterne, Galaxien, Elementarteilchen und Dergleichen, warum nicht einfach nichts?Und wenn mir jemand eine (scheinbare) Antwort auf diese Frage bietet, möchte ich das - zweitens - möglichst kritisch hinterfragen und auf argumentativ-logische Schwachstellen hinweisen (dürfen).
nocheinPoet schrieb:Willst Du zeigen, ich habe Unrecht?
Willst Du zeigen, Nichts könnte als Möglichkeit existieren?
Nein, Letzteres ist ja eine offene Frage (auch für mich). Und die allermeisten Menschen (u.a. auch ich) gehen davon aus, dass es etwas gibt, das mit
Notwendigkeit existiert (zuweilen auch gerne mal mit "Gott" identifiziert) und der Grund dafür ist, warum es bestimmte Naturgesetze, Sterne, Galaxien, Elementarteilchen und Dergleichen gibt. Siehe etwa auch der Kontingenzbeweis des Thomas von Aquin...
nocheinPoet schrieb:Ein einfaches Beispiel: Wenn ich sage "Dieses Glas ist nicht leer", setze ich damit keine existierende Entität namens "Leere" voraus. "Leer" ist hier ein kontrafaktischer Grenzbegriff – eine Beschreibung dessen, was fehlt.
Das setzt aber begrifflich die Möglichkeit einer Entität "leeres Glas" sowie die Eigenschaft "leer" voraus. Aber ja, ich stimme zu: "nichts" ist lediglich ein kontrafaktischer Grenzbegriff, um deine Worte zu nutzen (ich hätte eher "quantifizierende Negation" gesagt oder so). "nichts" ist in erster Linie auch ein Indefinitivpronomen, so wie "jedes/jeder", "kein/keiner", "niemand", "etwas", "einige", "manche" uvm. - auch bei den anderen genannten Beispielen haben wir es ja nicht mit irgendwelchen Objekten zu tun, welche Identität oder Eigenschaften besitzen würden. Es gibt bspw. kein
"absoluter Niemand", der dann vielleicht auch noch Eigenschaften wie Körpergröße, Körpergewicht o.ä. hätte - das ist natürlich kompletter Irrsinn. "nichts" steht schlichtweg für
"keine Elemente einer potenziell möglichen Menge".
Die Bedeutung von Begriffen ergibt sich ferner auch aus dem Sprachgebrauch. Und Beispiele, wo der Begriff "nichts" auftaucht und die Bedeutung unmissverständlich ist, gibt es ja zu Hauf:
Ich habe heute nichts gegessen.
Sie hat nichts gekauft.
Er hat nichts gefunden.
Wir haben nichts gesehen.
Er hat nichts verstanden.
Du hast nichts vergessen.
Sie hat nichts gesagt.
Ich habe nichts gemacht.
Er hat nichts gelernt.
Wir haben nichts gehört.
Sie erinnert sich an nichts.
Es konnte nichts feststellt werden.
Es gibt nichts zu beanstanden.Und jetzt fragen wir:
Warum existiert überhaupt etwas (im physikalischen Sinne), warum existiert nicht einfach nichts?Diese Frage ist nach den vorangegangenen Beispielen unmissverständlich und macht auch deutlich, wie absurd es wäre, von einem "absoluten Nichts" zu fabulieren. Dazu schauen wir uns auch gerne noch folgende Beispielsätze an:
Ich habe heute ein absolutes Nichts gegessen.
Sie hat ein absolutes Nichts gekauft.
Er hat ein absolutes Nichts gefunden.
Wir haben ein absolutes Nichts gesehen.
Er hat ein absolutes Nichts verstanden.
Du hast ein absolutes Nichts vergessen.
Sie hat ein absolutes Nichts gesagt.
Ich habe ein absolutes Nichts gemacht.
Er hat ein absolutes Nichts gelernt.
Wir haben ein absolutes Nichts gehört.
Sie erinnert sich an ein absolutes Nichts.
Es konnte ein absolutes Nichts feststellt werden.
Es gibt ein absolutes Nichts zu beanstanden.Vor allem der erste Satz amüsiert mich (fast) zu Tode. Ich bin da insofern also eigentlich voll bei dir...
nocheinPoet schrieb:Genauso ist "Nichts" der Grenzbegriff vollständiger Bestimmtheitslosigkeit. Er muss nicht existieren, um als Kontrast zu funktionieren. Er muss nur kohärent als Grenze gedacht werden können.
Ja, richtig, aber nicht nur das. Es braucht streng genommen den Begriff "nichts" nicht einmal, um die berühmte Frage zu formulieren:
Warum existiert überhaupt irgendetwas real und physikalisch?Oder:
Warum ist es nicht der Fall, dass keine realen und physikalischen Dinge existieren?Deshalb bin ich es auch mehr als leid, wenn Antworten auf diese Frage sich an Dingen wie "das (absolute) Nichts" o.ä. abarbeiten - ist 'ne ganz allgemeine Kritik in Richtung Philosophie, Metaphysik und Ontologie. Das ist ungefähr so, als würde man permanent über "den (absoluten) Niemand" referieren. Kompletter Irrsinn.
nocheinPoet schrieb:Deshalb ist "Nichts" keine echte Alternative zur Existenz.
Stimmt. Die echte Alternative zu Existenz ist Nichtexistenz. Etwas existiert (Alternative A), oder existiert nicht (Alternative B). Und wir fragen daher (erneut):
Warum ist es nicht der Fall, dass irgendwelche realen und physikalischen Dinge einfach nicht existieren?Du musst zeigen:
Die Negation aller physikalischen Existenz ist inkohärent.Du willst aber scheinbar die ganze Zeit zeigen, dass "nichts" irgendwie inkohärent sei, deshalb sei es unmöglich, dass
nichts existiert. Dein Argument scheint dabei irgendwie zu sein, dass "nichts" nicht existieren kann, so wie "nichts" keine Eigenschaften haben kann. Und dabei unterläuft dir eben ein semantischer Fehler. Das Problem ist, dass etwa der Ausdruck
"nichts existiert" und der Ausdruck
"das Nichts existiert nicht" zwar ähnlich aussehen, aber nicht dieselbe logische Struktur und semantische Bedeutung haben. Ein Beispiel:
"Es gibt kein Einhorn im Garten."In dieser Aussage wird nun aber nicht behauptet, dass es irgendwie etwas namens "kein Einhorn" gäbe.
Analog bedeutet
"nichts existiert" schlicht und ergreifend (vereinfacht):
"Es gibt kein Ding, das existiert."Es bedeutet insbesondere also nicht:
"Es existiert kein nichts."Aber korrigiere mich da gerne, falls ich deinen Standpunkt falsch auslege.
nocheinPoet schrieb:Der Vergleich mit Anselms ontologischem Gottesbeweis hinkt ziemlich stark.
Anselm versucht, aus der Definition eines vollkommensten Wesens dessen Existenz abzuleiten. Das ist ein positiver Existenzbeweis aus reiner Begrifflichkeit.
Ich mache genau das Gegenteil: Ich zeige, dass der Begriff des absoluten Nichts inkohärent ist und kollabiert, sobald man versucht, ihn sinnvoll zu denken oder auszusagen. Ich beweise nicht die Existenz von „Nichts“ – ich bestreite, dass „Nichts“ als echte Alternative oder Möglichkeit kohärent gedacht werden kann.
Das ist kein ontologischer Trick zur Existenzbegründung, sondern eine Reductio des Begriffs selbst. Wer hier denselben „Trick“ sieht, hat die Richtung der Argumentation grundlegend missverstanden.
Da hinkt nix, denn es ging ja schließlich darum, dass aus rein begrifflicher Analyse lediglich analytische Wahrheiten folgen, keine metaphysische Einsichten. Du schlussfolgerst von begrifflicher Inkohärenz auf ontologische Unmöglichkeit. Und das ist und bleibt halt
non sequitur, denn begriffliche Inkohärenz zeigt lediglich kognitive und semantische Grenzen auf, nicht metaphysische Unmöglichkeit.
nocheinPoet schrieb:Ich habe nie behauptet, ultimative Weisheiten zu haben.
Nicht direkt, aber du lehnst dich mit deinem OP teilweise schon recht weit aus dem Fenster. Das fiel etwa hier auf:
nocheinPoet schrieb:Der Ontophänomenalismus (OP) stimmt zu — aber er geht einen entscheidenden Schritt weiter.
Eine solche Formulierung ist mindestens grenzwertig, da sie suggeriert, der Ontophänomenalismus wäre quasi eine etablierte Position innerhalb der zeitgenössischen Philosophie. Ist sie aber natürlich nicht, sondern existiert lediglich in deinem eigenen Kopf (und vielleicht in diversen KI-Chats). Ich lasse dir da ja auch deinen Spaß, finde ich ja prinzipiell auch durchaus gut, dass du dir da deine eigene Position erarbeitest, und bist ja auch nicht ganz auf den Kopf gefallen. Hätte ich die Zeit, würde ich vielleicht ebenfalls eine eigene erkenntnistheoretische Position ausarbeiten (und vielleicht kommt das irgendwann im hohen Alter ja auch mal noch, wer weiß das schon...).
nocheinPoet schrieb:Ich habe nie behauptet, ultimative Weisheiten zu haben.
Ja, gut, und ich habe nie behauptet, dass du dies behauptet hättest...
nocheinPoet schrieb:Ich lege eine Position dar, die ich für kohärent halte, und begründe sie.
Ja, und ich kritisiere sie an den Stellen, wo ich sie für schwach oder gar falsch halte. Ich nehme an, dass du u.a. auch aus diesem Grund deine Position in einem öffentlichen Forum darlegst, weil du halt wissen möchtest, was andere darüber denken. Geht uns ja eigentlich allen so.
nocheinPoet schrieb:Konkret, Du gehst hier add hominem, bin echt nicht überrascht, Du stellst Dich hier über andere, der mit der soliden Grundausbildung in Philosophie, der natürlich hier ganz schnell die Schwächen der anderen hier erkennen kann.
Ja, ach komm, wirst es überleben und der Anteil an "ad hominem" macht genau
wie viel meines Beitrages aus? 2%?
nocheinPoet schrieb:Es kann auch sein, dass Dir trotz Deiner soliden Grundausbildung nicht gegeben ist, mir zu folgen.
Sicher. Gegen den Dunning-Kruger-Effekt und andere kognitive Verzerrungen gibt es bis dato halt leider noch keinen Impfstoff, soweit ich weiß.
nocheinPoet schrieb:Zumindest musste ich nicht add hominem gehen, oder mich selbst loben, anderen ihre Qualifikation absprechen, um die eigene Position zu vertreten.
Dafür scheinst du aber irgendwie immer wieder und zuweilen auch recht rasch der Meinung zu sein, Menschen würden dir nicht folgen können:
nocheinPoet schrieb:Glaube Du kannst nicht ganz folgen.
Aber mir persönlich ist das - ehrlich gesagt - relativ wurst. Solange in einem Beitrag nebenbei auch noch genug zur Sache kommt, auf das man eingehen kann, habe ich nix gegen die eine oder andere polemische Bemerkung.