Teil 9Müssen eigentlich alle späteren Völker mit einer dieser (zwei oder drei?) größeren Migrationswellen Afrika verlassen haben und nach Asien und in andere Erdteile gewandert sein? Ist es nicht denkbar, dass es zwischendurch immer mal wieder kleinere Gruppen gab, die auf eigene Faust einfach loszogen und ohne es zu wissen Ahnherren späterer großer Völker wurden, wie man das z.B. von den Vorfahren der Aborigines annehmen kann? Müssen die Vorfahren der Sumerer einer dieser großen Migrationswellen zwischen 80.000 (65.000) und 50.000 vor heute angehört haben? Können sie nicht auch ganz allein raus aus Afrika gegangen sein in die große weite Welt?
Hier noch ein paar Zeilen aus der frei erfundenen Geschichte, wie es sich vielleicht einst zugetragen hat:
Es geschah am Rand der Wüste, am großen Wasser, da wo das Ufer ins Meer hineinzuwachsen scheint, ein Küstenvorsprung, eine sich ins Meer hinein reckende Wüstenzunge, als wollte sie versuchen, mit einem Riesensprung die in der Hitze flimmernden Andeutungen hoher Berge, die man an einem jener seltenen Tage, an denen irgendwo weit oben im Norden eine Kaltfront durchgezogen ist, die glasklare Luft herangeschaufelt hat, zu erkennen glaubt, aber nicht weiß, ob einem der Geist in dieser sengenden Glut nur eine Fata Morgana vorspiegelt, jenseits des großen Wassers zu erreichen Natürlich konnten sie nicht ahnen, dass es sich bei dieser Landzunge um Ras Siyan handelte, und bei dem Meer, das in weiter Ferne Land, hohe Berge vorgaukelte, um den Bab el Mandeb, jene 25 Kilometer schmale bzw. breite, extrem breite, wenn man versucht, sie zu überqueren, Meerenge, die das Rote Meer vom Golf von Aden trennt und gleichzeitig das nordostafrikanische Dschibuti vom arabischen Südjemen. Aber immer mal wieder an klaren Tagen hatten sie dieses blaue Land mit den, wie es scheinen wollte, Bergen auf der anderen Seite des Meeres gesehen, und zwar immer scheinbar an der gleichen Stelle. Dennoch meinten einige, das sei bloß Einbildung, man könne nicht beweisen, dass sie immer wirklich an derselben Stelle stünden.
Da kam einem von ihnen ein Einfall. Denn er hatte ebenso wie die anderen bemerkt, dass heute wieder einer dieser seltenen glasklaren Tage war. Er sah noch mal zu diesem kleinen, spitzen Felsen, der mitten am Strand einen Meter in die Luft ragte, rannte dann landeinwärts zum Ende des Strands, wo ein paar verkrüppelte Bäume standen, blieb dann stehen, schaute abwechselnd zu den Bäumen und zum Meer, ging zu einem der kleinen Bäume, peilte irgendwas an, stellte sich dann hinter einen Baum, peilte wieder, ging dann zum nächsten und wiederholte die gleiche Prozedur. Plötzlich grinste er, pfiff und winkte den anderen, mal rüber zu kommen. Gleichzeitig schälte er mit seiner Steinaxt einen breiten Streifen Rinde von dem Baum ab. Als die anderen ihn fragend anschauten, erklärte er ihnen. Seht ihr den kleinen Felsen dort am Strand? Na klar, und? Schaut mal was hinter dem Felsen ist. Sie sahen ihn dumm an, wussten nicht was das sollte. Ein Stück Strand, und dann Wasser. Und weiter? Wie weiter? Hinter dem Wasser. Jetzt schien bei dem einen und anderen der Groschen zu fallen. Das Land auf der anderen Seite. Ja, schon, aber bitte etwas präziser. Wieder sahen sie ihn fragend an. Vor dem Land dort hinten ist noch was anderes, was Helleres, das in der Sonne glänzt. Sieht aus wie ne Insel, etwas gelb. Ja, das sahen sie auch. So, und jetzt schaut hier diesen Baum. Wenn ihr genau hinter diesem Baum steht und auf diese Insel schaut, so dass der Baum die Insel verdeckt, dann steht genau dazwischen, ebenfalls vom Baum verdeckt, der kleine Felsen am Strand. Wenn ihr so wie ich jetzt in die Hocke geht, sieht es aus, als würde die Insel draußen auf dem Meer genau auf der Spitze des Felsens am Strand stehen. Und die Insel steht kurz vor dem Land auf der anderen Seite vom Meer. Wenn also das Land und die Insel wirklich da sind und wir uns das nicht nur einbilden, dann müsste morgen von hier aus alles genauso aussehen wie jetzt. Deshalb hab ich den Baum hier markiert, damit wir morgen die Stelle schnell wieder finden.-
Jetzt waren es die anderen, die durch die Zähne pfiffen, denn sie hatten kapiert. Sie hatten Glück, am nächsten Morgen war die Sicht wieder klar, und sie hatten nichts Eiligeres zu tun, als sofort zu dem markierten Baum zu eilen. Und richtig, die Insel schien immer noch auf der Spitze des Felsens am Strand zu schweben – sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sie war ebenso real wie das Bergmassiv des Küstengebirges dahinter. Und sie hatten fest vor, ihre Idee in die Tat umzusetzen.
Sie waren Fischer, seit Menschengedenken, aber nur ihr Clan. Sie lebten mit ihren Familien weiter hinten, am Berghang, wo ab und zu etwas Wasser floss und auch etwas Grün gedieh. Die anderen Clans, von denen die meisten in den Bergen wohnten, lebten von den Tieren. Einmal am Tag kam ein Händler und brachte Wasser in einem Tontrog, Früchte und gedörrtes Fleisch im Tausch gegen eine üppige Ration Fische. Aber es war ein karges Leben, und irgendwie hatten sie die Hoffnung, dass das Land hinter dem Meer fruchtbarer war. Auch jetzt wieder sah man dort Wolken, die in den Bergen zu hängen schienen – es musste dort in den Bergen regnen, und Regen war immer gut. Bisher hatten sie immer nur im seichten Meerwasser gefischt und sich beim Manöv-rieren des Boots mit einem langen Holzstab auf dem Meeresgrund abgestoßen; das war recht bequem, aber man konnte eben auch nicht besonders weit aufs Meer fahren. Sie hatten auch ersatzweise Paddel dabei für tieferes Wasser, aber die waren ziemlich anstrengend. Es würde also eine ganze Weile dauern, die Insel und das Land zu erreichen; sie würden wohl einen ganzen Tag dazu brauchen, mindestens.
Ein paar Tage später war es dann soweit. In aller einer Frühe brachen sie von Ras Siyan mit acht Booten auf, es waren auch sechs Mädchen dabei. Sie hatten versprochen, sich nur umzuschauen und gleich am nächsten Tag wieder zurückzukommen, da sie als Fischer gebraucht wurden. Aber sie kamen nicht zurück. Die Überfahrt war schwerer als sie dachten, weil sie immer wieder durch die starke Strömung abgetrieben wurden und gegensteuern mussten. Die Insel wollte einfach nicht näher kommen, aber als sie gegen Mittag zurückschauten, war ihr Land nur noch ein gelber Streifen am Horizont mit graugelben und mattgrünen Bergen im Hintergrund, und die Insel war doch ein Stück näher gekommen, und sie konnten sehen, dass dahinter noch ein Streifen Wasser war. Bei Sonnenuntergang erreichten sie endlich die Insel Perim, stiegen mehr tot als lebendig aus den Booten und schliefen auf der Stelle ein.
Sie erreichten das Festland noch am nächsten Vormittag, aber irgendwie schienen sie ihren Clan vergessen zu haben. Auf jeden Fall fiel kein Wort mehr über eine Rückkehr. Sie taten das, was sie konnten, fischten, gingen in die Berge, fanden Wasser, tranken und jagten Tiere. Sie wussten nicht, wie sie auf die Idee kamen, aber sie hatten alle den Eindruck, dass es ein riesiges, jungfräuliches Land war, das sie an diesem Morgen betreten hatten. Leider auch ein sehr karges. Und dass soeben eine Reise begonnen hatte, deren Ende nicht mal ihre Kinder und Kindeskinder erleben würden.
So stellt man sich vielleicht Abraham und die anderen Gründungsväter aus dem Alten Testament vor. Aber so hat es vielleicht tatsächlich begonnen für den Stamm, der später unter dem Namen Sumerer bekannt wurde. Es ist zwar wichtig, es zu erfahren, aber völlig unerheblich, wann dieser zunächst als Tagestrip gedachte Exodus eines Häufchens von gerade mal ein paar Dutzend Jugendlichen aus Afrika nach Südarabien erfolgte, ob vor 50.000 oder vor gerade mal 15.000 Jahren. Möglicherweise war es am Ende der Ältesten Dryas, der letzten extrem kalten Phase der Eiszeit vor 15.000 Jahren, oder vielleicht während eines der milderen Interstadiale der letzten Eiszeit 10.000 Jahre davor. Letztlich ist es unerheblich, denn Entwicklung, die auch nur einen Schritt über das richtungslose, tageszyklische, jahreszyklische tägliche Einerlei des Fischer-, Jäger- und Sammlerdaseins hinausging, begann erst mit der warmen Phase der Zwischeneiszeit namens Bølling Interstadial vor 14.700 Jahren, dem Morgengrauen der Zivilisation.
Wahrscheinlich war es aber auch viel unprosaischer. Nachdem kürzlich mit Y-Chromosom- und mtDNA-Studien der Nachweis eines Exodus vor 65.000 bis 60.000 Jahren über just jenen Bab el Mandeb, also den Expressweg nach Asien, erbracht werden konnte, bediente man gleich die verbalen Superlative und sprach von einer «Massenauswanderung» («massive emigration») aus der Urzeit der Menschheit von Afrika nach Asien. [
25] Also werden es doch wohl ein paar mehr gewesen sein als nur ein Häuflein afrikanischer Kids, die als Stamm der späteren Sumerer irgendwann in der Spätphase des Pleistozäns in ein paar Nussschalen die wagemutige Überfahrt nach Arabien und die Abnabelung vom Mutterkontinent gewagt haben. Zudem soll der Bab el Mandeb in der letzten Eiszeit wesentlich schmäler gewesen sein als heute, so dass sich Insel-Hopping nachgerade aufdrängte. Vielleicht waren es ja auch mehrere Gruppen, die im Abstand von Jahrhunderten diese schnelle Route in die Neue Welt wählten. Und wahrscheinlich war das Land, riesengroß zwar, denn doch nicht so ganz jungfräulich, denn es könnte durchaus sein, dass sie schon auf Leute aus früheren Emigrationswellen stießen, deren Nachfahren sich inzwischen ansehnlich vermehrt hatten, mit denen sie sich mischten. Wie auch immer, die Sumerer waren schon immer anders, keine Jäger und Sammler, sondern in erster Linie Fischer und Feilscher.
Und sie hatten an den langen warmen Abenden sicherlich genug Zeit, sich die Erlebnisse des Tages und den Kindern die Geschichten ihres Clans zu erzählen, dessen Größe sich von Generation zu Generation verdoppelte und immer komplizierter und unübersichtlicher wurde, je weiter sie in die Zukunft der Vergangenheit zurückreichten, bis sie sich im Vagen verloren und zusammengefasst wurden zu der Gründungsgeschichte ihres Volks, das vor vielen, vielen Generationen einst das Land ihrer Mütter verließ. Auch dort, in ihren Fischerdörfern, gab es seltsame Geschichten über ein noch älteres Volk, das Volk ihrer Urahnen, das im Hinterland lebte, in einem großen, grünen Land, in dem es häufig regnete, in dem tausend Bäche quirlten und wo es Bäume gab mit magischen Nüssen, die einem die Arbeit zum Spiel werden ließen, wenn man sie kaute. Das war das Paradies ihrer Vormütter, aus dem sie vertrieben worden waren, ihre Sippe, ausgestoßen vom eigenen Volk, aus Gründen, die niemand verstand. Sie hatten ihre Dörfer verlassen müssen, das angenehme, frische, fruchtbare Bergland, und waren hinunter getrieben worden in die glühend heiße, dürre, unfruchtbare Ebene, gezwungen, für immer und alle Zeit vom Fischfang zu leben und zu hoffen, genügend Abnehmer zu finden, dass sie auch was anderes essen konnten als immer nur Fisch. Auf Dauer war das kein Leben, und hier, im Neuen Land, war es auch nicht viel besser; es war eine Fortsetzung der Wüste, die sie schon von Kindesbeinen an kannten. Wahrscheinlich gab es gar nichts anderes als Wüste, und Geschichten von anderen Ländern waren nur die Märchen, die sie ihnen erzählten, um für die Dauer der Geschichte, solange sie erzählt wurde, das triste Einerlei rundum und die daraus hervor kriechende Verzweiflung zu vergessen.
Aber jetzt trafen sie, je weiter nordwärts sie kamen, immer häufiger Fremde, die ihnen dieselben Geschichten erzählten. Und eines Tages, als sie wieder zu einem weiteren Tagesmarsch aufbrachen und am Meer entlang nordwärts gehend sich umschauten, sahen sie, dass ihr Volk bis an den Horizont reichte. Wie viele Generationen waren sie schon unterwegs? Niemand wusste es mehr genau. Die Geschichten, die sie hörten, erzählten von einem Land im Norden, in dem die Luft so sanft und weich ist wie die Berührung eines jungen Mädchens, und in dem Milch und Honig fließen, und in dem die Früchte auf den Bäumen wachsen. Sie konnten es kaum glauben, aber wenn jeder, der ihnen begegnete, das Gleiche erzählte, musste wohl was Wahres dran sein.
Dann, irgendwann, wurde irgendwas anders. Zur Linken wurden die Berge höher, die Luft wurde feuchter, es zeigten sich häufiger Wolken, und dann schien es ihnen, als würde die Küste einen langsamen Bogen nach links beschreiben. Und eines Nachts wurden sie wach, weil ihnen Regentropfen aufs Gesicht fielen. Regen! Sie jauchzten und machten spontan einen Freudentanz. Die meisten von ihnen hatten Regen nie gekannt, aber jeder wusste, was er bedeutet. Und eines Tages sahen sie, dass die Küste wieder einen großen Bogen machte, aber nach rechts, und dass davor, etwa in der Mitte, ein Streifen grünes Land ins Wasser ragte, das irgendwo von links kam, verborgen von den Bergen, die hier immer dichter ans Ufer ragten. Und am nächsten oder übernächsten Tag erkannten sie den Grund, ahnten es aber schon vorher, weil ein Rauschen die Luft erfüllte, das immer lauter wurde, ohne dass einer von ihnen sagen konnte, was es war; sie wussten nur, dass es ein sehr Vertrauen erweckendes Geräusch war.
Am nächsten Tag sahen sie es dann: Zur Linken hatten die Berge einen Spalt, und durch diesen Spalt rauschte ein Strom, ein riesiger Fluss, der sehr schnell floss und viel Getöse machte. Und durch diese Schlucht konnte man hindurchschauen und dahinter sah man hinter einem Regenbogen ein grünes Land, in dem Palmen standen und sich sanft im Wind wogen. Das war in ihrer Sprache Dilmun, das Paradies, von dem ihnen alle erzählt hatten! Es war also wahr. Sie waren angekommen.
Anmerkungen[
25]
http://www.biomedcentral.com/1471-2156/2/13/comments/commentshttp://news.nationalgeographic.com/news/2002/12/1212_021213_journeyofman.htmlhttp://ngm.nationalgeographic.com/ngm/0603/feature2/images/mp_download.2.pdfhttp://hpgl.stanford.edu/publications/Underhill_2004_p487-494.pdfhttp://www.human-evol.cam.ac.uk/Projects/sdispersal/sdispersal.htm (Archiv-Version vom 10.05.2012)http://cambridgedna.com/genealogy-dna-ancient-migrations-slideshow.php?view=step1 (Archiv-Version vom 06.10.2011)http://news.wustl.edu/news/Pages/6349.aspxhttp://news.softpedia.com/news/Both-Aborigines-and-Europeans-Rooted-in-Africa-54225.shtmlNach einer neuen, abweichenden Studie sind wir die Nachkommen einer kleinen Gruppe von Menschen, die bereits vor 100.000 Jahren aus Afrika über die Levante nach Asien zog.
http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/c/a/2008/02/22/MN5RV6L1C.DTL Offenbar hat sich diese Position in der scientific community letztlich (noch) nicht durchgesetzt.