alhambra schrieb:Naja, die Zeiten haben sich seit dem etwas geändert. Die Leute wollen eben nicht mehr warten.
Es geht nicht ums Wollen: Während Dienstwagen routinemäßig alle 3-4 Jahre ersetzt werden, bevor etwas kaputt geht, werden Privatfahrzeuge z.B. dann ersetzt, wenn sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Dann braucht man aber relativ schnell ein anderes. Wenn es dann Fahrzeuge gibt, die schnell lieferbar sind, und welche, die nicht schnell lieferbar sind, nimmt doch der eine oder andere ein schnell lieferbares Fahrzeug. Da die deutschen Hersteller sich aber dadurch auszeichnen, dass sie besonders viele Konfigurationen anbieten, braucht auch die Produktionsplanung mehr Vorlauf. Da sind Lieferschwierigkeiten und zu kurze Lagerhaltung mit einzelnen Teilen noch gar nicht dabei: das, was Deutsche Hersteller bzgl. Konfigurationsvielfalt machen, wird nie innerhalb von wenigen Wochen lieferbar sein. Nicht, solange dann auch verschiedene Hardware eingebaut wird.
Vor allem bei Elektrofahrzeugen wollen auch weniger Interessenten ein technisch bereits völlig überholtes "junges Gebrauchtes". Nicht umsonst verschwindet fast ein Drittel der Neuzulassungen aus dem Bestand: 2025 wurden in Deutschland 545.142 neue E-Autos zugelassen. Der Bestand ist aber nur von 1.651.643 auf 2.034.260 gewachsen, d.h um 382.617. Es sind also 162.525 verschwunden. Zum Vergleich: im Jahr 2020 wurden 194.163 E-Autos neu zugelassen, im Jahr 2021 waren es 355.961. Normalerweise sollte noch keins davon alt genug zum Export oder zur Außerbetriebsetzung sein. Alle Zahlen stammen aus Tabellen vom KBA.
Also natürlich werden PKW irgendwann verschrottet, in Deutschland werden PKW üblicherweise etwa 20 Jahre alt. Die Anzahl der verschrottungsreifen E-Autos sollte aber nur in etwa den Totalschäden nach einem Unfall entsprechen. Das kommt natürlich vor, aber sicher nicht in dieser Anzahl. Und als wir die erste E-Auto-Förderung hatten, wurden Autos für 6 Monate gehalten, und dann gewinnbringend nach Dänemark verkauft. Da war es kein Wunder, dass die wieder aus der Statistik verschwinden. Derzeit gibt es aber keine solchen Effekte, d.h. die 162.525 verschwundenen E-Autos sind zumindest nicht durch schlecht gemachte Förderprogramme verschwunden. Die sind verschwunden, weil es in Deutschland weniger Nachfrage nach gebrauchten E-Autos gibt als es gebrauchte E-Autos gibt.
alhambra schrieb:Wenn die Leute heute den Schmerz mit den Benzinpreisen haben
Bei einem Verbrauch von 6l/100 km wäre ein Mehrpreis von 0,50€/l also 3€/100km = 0,03€/km. Der ADAC geht inzwischen selbst bei nicht besonders hochklassigen Fahrzeugen von Gesamtkosten von mindestens 0,50€/km aus, wenn man ehrlich rechnet. Selbst ein VW Golf liegt inzwischen darüber.
=> es ist ein Mythos aus der Presse, dass Benzinpreise relevant seien. Allenfalls spielt der Dieselpreis eine Rolle, weil gewerbliche Transportdienstleister eine relativ kleine Marge haben, und die wird durch wenige Prozent Mehrpreis schon aufgefressen. Aber für Privatkunden sind Kraftstoffkosten praktisch nicht relevant.
Trailblazer schrieb:Ich überlege schon eine Weile, ob wir überhaupt noch weiter versuchen sollen, Verbrenner-Fans vom Elektroauto zu überzeugen.
Das ist ein vielschichtiges Thema. Die Kurzfassung ist: Das wird nicht mehr möglich sein, dafür waren die Argumente in der Vergangenheit
zu blöd.
Mit "zu blöd" (als Steigerung zu "nicht richtig durchdacht") meine ich zum Beispiel das Argument, dass 300 km Reichweite (ja, der Wert entspricht keinem heutigen Fahrzeug einer höheren Klasse) ausreichen würden, weil man ja sowieso alle 2 Stunden eine halbe Stunde Pause bräuchte,
und ein Fahrerwechsel nicht möglich sei. Oder: als das AVAS eingeführt wurde, haben sich viele E-Auto-Fahrer furchtbar aufgeregt, weil sie beim nächsten Auto nicht mehr behaupten konnten, geräuschlos zu fahren. Hat man denen dann erklärt, dass geräuschloses Fahren (vor allem geräuschloses Losfahren, wo es noch keine Reifengeräusche gibt) für sehbehinderte Fußgänger überhaupt nicht toll ist, dann hätte man ja erwarten können, dass sie plötzlich verstehen, wozu das AVAS gut ist, und dass sie daran einfach nicht gedacht haben. Man kann ja nicht an alles denken. Nein, die typische Reaktion war ein "ich will aber!". Deren Hauptproblem war wirklich, dass sie geräuschloses Fahren nicht mehr als Vorteil aufzählen konnten. Oder Autoren
wie das hier aus dem Heise-Forum: mit einem E-Auto könne man LKW auf einer kurvigen Landstraße überholen, weil man "in 2 Sekunden vorbei" sei. Im Heise-Forum nennen die das "Fahrspaß". Was soll man da noch dazu sagen? Auch Autoren, die beim Kostenvergleich ein 200 kW E-Auto zwangsläufig mit einem 200 kW-Verbrenner vergleichen müssen, um den Verbrenner teuer zu rechnen, fallen für mich in diese Kategorie. Erklärt man denen dann, dass beide übermotorisiert sind, und dass ein ehrlicherer Vergleich wäre, die jeweils kleinste oder jeweils zweitkleinste Motorisierung zu vergleichen, ist die Antwort: damit kann man aber auf einer Landstraße keine LKW überholen!
Man wollte mir auch im Heise-Forum schon erzählen, dass ein E-Auto für mich ganz toll wäre, weil ich dann im Winter nicht mehr kratzen müsste, und sogar das Auto per App vorheizen könnte: da glauben Leute wirklich, dass bei uns in der Tiefgarage die Scheiben zufrieren, und dass es in dieser Tiefgarage eine Internetverbindung gäbe.... wie verzweifelt muss man sein, um ein so unsiniges Argument zu bringen?
Der nächste Punkt ist, dass Journalisten bei diesem Thema ihre eigene Glaubwürdigkeit zerstört haben. So hatte ich
hier und
hier herausgearbeitet, dass nicht nur auch 2025 mehr Diesel als E-Autos in Deutschland neu zugelassen wurden, sondern vor allem auch, dass in diesem konkreten Fall die falsche Quelle wusste, wie die "anderen" Zahlen zustande kommen, weil sie es selbst 6 Jahre vorher erklärt hatte. Seit nunmehr 6 Jahren bringen Journalisten praktisch durchgängig diese Falschinformation. Man kann sich mal irren, aber nicht 6 Jahre lang.
Ich würde sagen, das Thema ist verdorben.