Capitano schrieb am 12.12.2025:Was ja aus dem bereits erwähnten Podcast auch hervorgeht ist dass der TV bereits vor der Beziehung zu Jenni durch häusliche Gewalt aufgefallen ist, bzw es auch eine Anzeige gab weil er die damalige Freundin körperlich attackiert hat. Und auch jetzt ging dem Geständnis ein weiterer Fall von Gewalt gegen eine Partnerin voran. Das zieht sich quasi durch sein Leben, der lernt es nie. Deshalb allein schon für die Gesellschaft per se jetzt mal wichtig dass so eine tickende Zeitbombe endlich von der Straße runter is, das was Jenni passiert ist hätte ja jederzeit wieder passieren können solange der frei herumläuft.
Das wurde im Podcast tatsächlich nicht erwähnt. Was jedoch vorgekommen ist, dass er in der Beziehung mit Jenni kontrollierendes bzw. übergriffiges Verhalten gezeigt. Besonders belastend ist der Befund zu den versteckten Kameras in der Wohnung, darunter im Schlafzimmer. Diese Kameras waren bereits Monate zuvor beschafft worden, verfügten über Bewegungserkennung und übermittelten Aufnahmen an sein Handy. Es existierten heimliche intime Aufnahmen von Jenni, teilweise nackt, ohne dass ihre Einwilligung dafür belegt ist. Ein erheblicher Teil der Bild- und Videodaten wurde nachträglich gelöscht. Hinzu kommen Internet-Suchabfragen auf seinen Geräten zu KO-Tropfen, Chloroform, „fiese Drogen im Glas“ sowie zu Notrufnummern von Vergiftungszentralen. Jedoch stimmt deine Aussage, es wurde in der Pressekonferenz erwähnt. Ich weiß nicht, ob das vorher bereits öffentlich bekannt war.
Capitano schrieb am 12.12.2025:Kommt ja auch nicht von ungefähr dass hier in Wahrheit von Anfang an offensichtlich war was passiert ist, man kann da auch den Ermittlern keinen großen Vorwurf machen es wurde ja vieles versucht, dass man einen ohne eindeutigen Beweis (Leiche) oder Geständnis nicht einfach verurteilen kann schützt uns ja alle vor falschen Anschuldigungen oä. Ein Indizienprozess wäre hier vielleicht eine Option gewesen aber auch ein großes Risiko.
Ich möchte den ErmittlerInnen grundsätzlich auch keinen Vorwurf machen, aber im Gesamtkontext erlaube ich mir etwas Kritik und persönliche Worte, denn ein „Geschmäckle“ bleibt trotzdem. Laut der Pressekonferenz wurden die Ermittlungen nie eingestellt, O-Ton: „Dieser Fall war niemals eine Cold Case Ermittlung, sondern es sind auch wirklich immer über all die Jahre Ermittlungen geführt worden, das heißt der Fall ist an sich niemals erkaltet im sprichwörtlichen Sinne, sondern wir haben also immer umfangreiche weitere Ermittlungsmaßnahmen durchgeführt“. Das kann so nicht stimmen und ich hoffe, dass das so nicht stimmt, denn das wäre absolut rechtswidrig (die strafrechtlichen Ermittlungen wurden im Frühjahr 2019 eingestellt). Wenn ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingestellt ist, darf gegen diese Person in diesem Verfahren nicht weiter ermittelt werden. Was die Polizei damit eigentlich meint, ist, dass sie jedem Hinweis nachgegangen ist (was sie auch tun muss). Aber es wurde so dargestellt, als haben sie dies von Amtswegen getan, obwohl sie das gar nicht hätten dürfen. Um das Gesicht zu wahren wird auf eine juristisch korrekte und ehrliche Antwort verzichtet, stattdessen wird propagiert: wir waren durchgängig dran inkl. Untermauerung von emotionalen Worten: „Es gibt Fälle, die einen besonders nahe gehen und Fälle, die einen nicht loslassen“. Das klingt wie ein Zitat aus einer Tatortfolge. Dabei kann die eigentlich treibende Kraft, durch die die wenigen Handlungsmaßnahmen ausgelöst wurden, nämlich der Mutter, schön unter den Teppich gekehrt werden. Sowie ja auch die Sprachnachricht, die der Polizei im März 2025 zugespielt wurde. Es wurde nicht erwähnt durch was diese zustande kam und durch wen diese übermittelt wurde.
Auch wurde gesagt, dass er immer wieder einvernommen wurde, aber es wurde nicht gesagt, wie oft und in welchem Zeitraum. Erst für 2025 wurden klar benennbare Maßnahmen genannt wie u. a. neuerliche umfassende Einvernahmen. Über weite Strecken der fast acht Jahre gab es offenbar keine dauerhafte, engmaschige Kontrolle, sondern ein „warmes Aktenhalten“ mit punktuellen Ermittlungsmaßnahmen bei neuen Hinweisen. Mir ist klar, dass eine jahrelang Überwachung rechtlich nicht möglich ist, und dass ohne Leiche oder anderweitige Beweise eine Anklage, wie du auch sagst, risikoreich ist. Was ich aber hervorheben möchte, ist die mutmaßliche Anzahl und Intensität der Vernehmungen. Auch ist mir bewusst, dass die Spielräume für Druck bei Beschuldigtenvernehmungen eng sind. In Anbetracht der gesamten Indizienkette (die absolut vernichtend ist) kann ich mir nur schwer vorstellen, dass hier wirklich alles ausgeschöpft wurde. Zudem betonte die Polizei ausdrücklich, dass er bei der kürzlich vorgenommenen förmlichen Mordvernehmung zunächst ohne Geständnis gegangen ist, was ebenfalls eher gegen massiven unmittelbaren Vernehmungsdruck spricht. Er stellte sich erst eine knappe Woche nach dieser Vernehmung selbst, offenbar mit Zutun seiner aktuellen Partnerin.
Meine Vermutung in Bezug darauf stützt sich auf mehrere Merkmale. Auf alle kann ich nicht eingehen, da es den Rahmen sprengen würde, aber ich nenne hier jetzt mal zwei davon, ohne damit eine Gewichtung zu implizieren. Und hierbei muss wirklich in österreichischer Logik gedacht werden. Der Beschuldigte ist autochthoner Österreicher; das Interesse an Verfolgung ist damit geschwächt. Und sein Vater ist/war Polizist (das wusste ich bis vor ein paar Tagen noch gar nicht), aber das Bild wird klarer. Österreich ist klein, vernetzt, und informelle Nähe spielt real eine größere Rolle als in großen föderalen Systemen wie Deutschland. Das ist u. a. ein Grund für massive Korruptionsprobleme in Österreich. Hier haut niemanden einen oder eine KollegIn in die Pfanne, da sich das niemand leisten kann und zeitgleich auch keine Konsequenzen drohen. Ich sage nicht, dass das in Deutschland oder anderen Ländern nicht so ist, aber wir haben in Österreich eine tief verwurzelte Freunderlwirtschaft, dessen Ausmaß für die österreichische Zivilgesellschaft kaum erkennbar und für Außenstehende schwer zu begreifen ist.
So, on top of that kommt noch das Framing dieser Pressekonferenz. Wie oben erwähnt erzählt die Polizei eine Erfolgsgeschichte institutioneller Beharrlichkeit: nie eingestellt, immer dran geblieben, jeder Hinweis verfolgt, kontinuierliche Ermittlungen, letztlich Durchbruch durch jahrelange Arbeit. Diese Erzählung ist wie schon erwähnt kommunikativ logisch, weil sie Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit herstellen soll. Sie blendet aber strukturell aus, was die vielen Ermittlungsmaßnahmen ausgelöst hat (die Mutter), und wodurch letztendlich der entscheidende Impuls tatsächlich kam (nämlich von einer Frau, die ebenfalls Gewalt erfahren hat und die Polizei verständigte, und sogar das vielleicht durch die Mutter begünstigt wurde) und wie diskontinuierlich der reale Ermittlungsdruck offenbar war. Statt zu sagen „das System hat sehr lange nicht gereicht und wurde erst durch externes Zutun und neue Eskalation handlungsfähig“, heißt es sinngemäß „unsere jahrelange Arbeit hat am Ende Früchte getragen“. Hinzu kommt, dass die Pressekonferenz auffällig unpräzise bleibt, wo Präzision Vertrauen schaffen würde (in Bezug auf was tatsächlich seit 2018 gemacht wurde).
Das „Geschmäckle“ entsteht bei mir weniger aus einzelnen Mutmaßungen und Fakten, sondern aus der Zusammenschau des Falles (den ich fairerweise nicht durch vollständig durch Akteneinsicht kenne) und die Verleugnung der Grenzen an einem System, das ohne hartnäckige Angehörige oft nicht bis zur Wahrheit kommt.
Quelle:

Pressekonferenz 09.12.2025 - Jennifer Scharinger
Externer Inhalt
Durch das Abspielen werden Daten an Youtube übermittelt und ggf. Cookies gesetzt.