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Gedichte: Tragik

2.632 Beiträge, Schlüsselwörter: Gedichte, Lyrik, Poesie, Melancholie, Tragik

Gedichte: Tragik

30.12.2012 um 21:11

Malcolms Mörder

Sie haben des schlummernden Königs Haupt
Gefällt durch tückischen Mord!
Mit dem Golde stürmen sie, das sie geraubt,
Aus dem Schlosse von Glamis fort.

»Dicht wirbelt, vom Winde gefegt, der Schnee;
Verweht ist jegliche Spur;
Durch Nebel und treibende Flocken, weh,
Wie finden den Weg wir nur?«

Ins Antlitz starren sich John und Dick:
»O wär' es nimmer geschehn!
Sahst du, wie zum Himmel den brechenden Blick
Er hob, um Rache zu flehn?

Sie holt uns ein. Als vom Rumpf ich ihm schlug
Das greise Haupt mit dem Schwert,
Starb stumm auf seinen Lippen ein Fluch,
Gott aber hat ihn gehört.«

Die anderen lachen. »Furcht vor Spuk
Hat euch die Glieder gelähmt;
Vom Weine des Königs ein tüchtiger Schluck
Wird Mut euch geben, da nehmt!«

Im Kreise lassen sie gehn den Wein,
Um das starrende Blut zu taun.
»Nun schnell! An der Grenze müssen wir sein,
Eh der Morgen beginnt zu graun.

Grad aus den Weg! nur immer gerad!
Rechts liegt die Gespensterheide;
Links führt auf den Farfarsee der Pfad;
Die müssen wir fliehen beide.«

Im Sturm, der die Stimmen übertäubt,
Nicht hören einander sie mehr;
Sie sehen sich nicht, so wirbelt und stäubt
Der Schnee in den Lüften umher.

Sieh da! was zuckt durch die Finsternis?
Ein Windstoß bricht herein;
Die Wolken zerstäuben; herab durch den Riß
Fällt matt des Mondes Schein.

»Weh, weh, im Kreise sind wir geirrt!
Von Glamis das Schloß ragt dort.
Seht ihr, wie's hell an den Fenstern wird?
Hört ihr die Töne? Fort! fort!«

Klar leuchtet hernieder vom Kirchlein des Turms
Der Altarkerzen Strahl,
Und herüber hallt durch die Pausen des Sturms
Der Totenamtchoral.

Da dröhnt zu den Füßen der Mörder jäh
Ein Krachen wie Donnerrollen;
Sie stehn auf dem Eis; auf reißt sich der See,
Es bersten und knirschen die Schollen.

Durch gähnende Spalten schießt und quillt
Das Wasser mit schäumenden Wellen;
In den Strudel, der hoch und höher schwillt,
Versinken die Mordgesellen.

Adolf Friedrich von Schack



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Gedichte: Tragik

30.12.2012 um 21:12

Das Auge des Blinden

Durch das Marktgedräng von Namur
Stelzt ein armer narbger Krüppel.
"Leute, bringt mich zu Don Juan!,
"Schweigst du wohl! Da ist Don Juan!"

"Schweigst du wohl, blick auf! da ist er!"
In des Volkes Gasse reitet
Ein Gespenst am hellen Tage:
Don Juan der Österreicher -

Don Juan der Österreicher,
Der im Wein das Gift getrunken
König Philipps, seines Bruders,
Und Don Juan weiss den Mörder.

Seinen Mörder kennt Don Juan,
Auch den armen Krüppel kennt er,
Der den Bügel ihm betastet,
Der die Hand ihm deckt mit Küssen -

Der ihm deckt die Hand mit Küssen:
"Bin zerfetzt wie eine Fahne!
Wohne jetzt in Barcelona -
Braves Volk, bei meiner Ehre!

Braves Volk! es speist und tränkt mich:
`Alter, leere dieses Glas mir!’
`Alter, kanntest du Don Juan?’
`Sprich uns immer von Don Juan!’

Immer sprech ich von Don Juan!
In den Schenken, an dem Hafen
Gab ich tausendmal zum besten
Bei Lepanto die Viktorie!

Die Viktorie von Lepanto
Gab ich tausendmal zum besten ...
Hergestelzt bin ich nach Flandern
Zu dem Abgott meines Lebens!

Helle Freude meines Lebens!
Sohn des Kaisers! Kind des Glückes!
Deines Volkes Held und Liebling!
Ruhmgekrönter junger Feldherr!

Junger Feldherr mit dem Lorbeer
In den goldnen Ringelhaaren,
Mit dem Himmel in den Augen,
Sonnig wie ein Engel Gottes!

Eia, schöner Engel Gottes! ..."
Durch die Menge, die des Todes
Bild betrachtet, geht ein Schauder.
Juan, der gespenstig bleiche,

Juan mit des Grabes Antlitz
Sucht erstaunt das Aug des Krüppels -
Ist es trunken? Lohts im Wahnsinn?
Es ist leer. Es ist erloschen!

Ist dem Tageslicht erloschen.
Don Juans zerstörte Jugend
Blüht in eines Blinden Auge
Fort in unversehrter Schönheit.

Conrad Ferdinand Meyer



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Gedichte: Tragik

30.12.2012 um 21:14

An die Überdeutschen

Macht nur nicht so ernste Gesichter,
Am End ist ja viel doch nur Spaß,
Ihr seid nicht Geschworne noch Richter,
Und wärs auch, was hindert uns das?

Seht nur eure Nachbarn, die Franken,
Den Briten, das wandelnde Faß,
Sie richten und streiten und zanken,
Drauf heben sie lustig das Glas.

Wir wissen, ihr seid Philosophen,
Sucht Wahrheit, als gälts Blindekuh,
Doch fragen wir, was ihr getroffen,
Nimmt kaum die Bewunderung zu.

Des Jenseits Maß wär die Hierzeit,
Euch selber macht ihr zum Gott,
Doch ist er nicht klüger, als ihr seid,
Dünkt uns der Allweise nur Spott.

Auch habt ihr die Fremden geschlagen;
Das taten wohl andre vor euch:
Der Franke in stürmischen Tagen,
Der Spanier - Wen nenn ich nur gleich?

Es staken da manche dahinter,
Manch Helfer stand Mann da für Mann.
Der hitzigste war wohl der Winter,
Der schlug, als noch voll der Tyrann.

Euch schmückt ein deutsches Bewußtsein,
Als eins, nicht fältig nur ein-,
Wie sollt auch nicht einig die Brust sein,
Da eins der Zoll im Verein?

Nur, streitet ihr noch um den Glauben,
Fehlt zu Treu und Glauben die Treu,
Auch wißt ihr, hält mancher nur Tauben,
Um andre zu fangen dabei.

Auch seid ihr frei. - Nicht in Worten,
Geschriebne bewacht die Zensur,
In Taten? Noch minder, als dorten,
Wie treff ich die Sache doch nur?

Nun denn: ihr seid frei mit dem Maule.
Nun hab ich den rechten Pfiff;
Wir sitzen auf Hegelschem Gaule,
Ihr seid denn frei: im Begriff.

Und da der Begriff auch das Wahre,
Seid frei ihr in Wirklichkeit.
Man spart so Taten und Jahre,
Ist frei außer Raum und Zeit.

Und so nun mitten im Rechten,
Ziemt alles euch groß und neu,
Laßt Schiller und Goethe den Knechten,
Für euch sind Dichter, die frei.

Sie machen Krieg den Tyrannen
Und rufen Erhebung euch zu;
Ihr leert einstimmig die Kannen,
Und legt um halb eilf euch zur Ruh.

Statt länger mit Griechen zu prahlen
Und anderm veralteten Schnack,
Von Goethen entstammt und Vandalen,
Sei euch auch der Väter Geschmack.

Die Nibe- und Amelungen,
Und Gunther, Gudrun, oder was?
Ists auch etwas knarrend gesungen,
Ein Deutscher! und frägt noch um das?

So viel für die Form. Um die Sache
Braucht ihr zu suchen nicht weit,
Der Stoff eurer holprichten Mache
Sei eben die Wirklichkeit.

Die Helden, die Ruhm sich erworben,
Nur gestern in eurer Näh,
Die für die Freiheit gestorben,
Heißt das in effigie.

Was sonst noch des Fortschritts Bürgschaft:
Zolleinung und Eisenbahn,
Zweikammern-, Dreifelder-Wirtschaft,
Beut sich zum Besingen euch an.

Das Dasein in all seiner Blöße,
Was sonst als Prosa sich gab;
Klatscht dichtend die eigene Größe
Auf graues Löschpapier ab.

Und so, vermengend die Richtung,
Sei, alles in eines gepackt,
Ein Daguerrotyp eure Dichtung,
So ähnlich, als abgeschmackt.

Franz Grillparzer



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Gedichte: Tragik

30.12.2012 um 21:48

Die Beschwörung

Der junge Franziskaner sitzt
Einsam in der Klosterzelle,
Er liest im alten Zauberbuch,
Genannt der Zwang der Hölle.

Und als die Mitternachtsstunde schlug,
Da konntŽ er nicht länger sich halten,
Mit bleichen Lippen ruft er an
Die Unterweltsgewalten.

Ihr Geister! Holt mir aus dem Grab
Die Leiche der schönsten Frauen,
Belebt sie mir für diese Nacht,
Ich will mich daran erbauen.

Er spricht die grause Beschwörungswort,
Da wird sein Wunsch erfüllet,
Die arme verstorbene Schönheit kommt,
In weißen Laken gehüllet.

Ihr Blick ist traurig. Aus kalter Brust
Die schmerzlichen Seufzer steigen.
Die Tote setzt sich zu dem Mönch,
Sie schauen sich an und schweigen.

Heinrich Heine



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Samnang
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Gedichte: Tragik

31.12.2012 um 12:31
So nah du mir...


So nah, so nah du mir,
ach über tausend Brücken ich dich fände-
kommst du vielleicht zu mir ?
So nehm ich zärtlich dein Gesicht
in meine warmen Hände....
und eins wird unser Atem,
fast fühl ich deines Herzens Schlag...
so nah, so nah du mir
und aus der Nacht wir heller Tag.

So nah du mir, doch hinter all der Nähe
ist da ein fernes Weinen,
so groß der Schmerz, dass ich vergehe,
wird jemals Etwas wieder uns vereinen ?
Ach über tausend Brücken liefe ich..
und über dunkle Wege
was sollte schrecken mich
wenn ich in deinen Armen läge ?

So nah, so nah du mir,
möcht mit dir niedersinken..
und zart, ganz zart von deinem Atem trinken.
So nah, so nah, dass nichts unmöglich scheint.
Auf immer liebstes Wesen, auf ewig nun vereint.
(c) SAM 12


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Gedichte: Tragik

01.01.2013 um 12:37

Oedipus.

Habt Nachsicht, Manen des Sophokles,
Vergebt mir, daß ich euch nachgestammelt.

I.

Schon graute der Abend. Rauh und kalt
Durch düsteres Felsthal stürmte der Wind.
Unheimlich war es; mildere Lüfte
Erwartet in Hellas des Nordens Sohn.
Wir kamen von Thebä, hatten die öde
Stätte gesehen, wo Kadmos' Burg stand,
Hatten in Daulis lange gerastet,
Harrend, ob wir im Buschwerk nicht
Philomele's Klage vernähmen,

Aber es täuschte der kühle Maitag.
Wir ritten fest in die Mäntel gehüllt
Und schwiegen. Auf einmal hält
Mein Reisegenosse sein Saumpferd an.
Hier war es, ruft er, hier ist die Triodos,
Der Kreuzweg, wo er's gethan, der Arme!
Erbleicht im Gedächtniß war sie mir,
Die verhängnißvolle felsige Stelle,
Die im herzerschütternden Trauerspiel
Kenntlich der große Dichter zeichnet.
Geborsten in Urzeit ist das Gestein,
Drei enge Gassen blieben dem Wandrer. –
Wir standen und schauten.
Die Rossebesitzer, die Wächter in Waffen,
Der sorgliche Diener begriffen nicht,
Was da zu sehen sei und zu staunen.
Wir hatten Eile. Nach Delphi hinauf
Gieng die Reise, das hohe Gebirgsdorf
Arachowa sollten wir heut noch erreichen,
Um morgen im hellen Sonnenlichte
Zu steh'n, wo Apollon's heiliges Haus
Marmorschimmernd empor einst ragte.
Bedenklich war der nächtliche Ritt,
Grausame Räuber schweiften im Umkreis;
Die Wächter mahnten, wir aber weilten
Und schauten.
Hier ist es geschehen, du Mitleidswerther,
Geschlagner des Schicksals, Oedipus!
Wir wandern die Pfade, die du betratest;
Aufwärts, von wannen herab du zogst,
Führt uns der finstere, wilde Weg.

Hinweg und weiter! Nacht ist's geworden.
Ueber Geröll und Steingesplitter,
Durch Rinnen und Risse zerfallner Straße
Blind mit den Hufen tastend und suchend,
Keuchend klimmen die müden Thiere
Hinauf an der Schlucht, wo dumpfaufrauschend
Der schäumende Pleistos rennt in die Tiefe.
Und durch die Seele gieng mir im Dunkel
Bild um Bild;
Geister schwebten, trübe Begleiter
Mir zur Seite, sahen mit großen,
Traurigen Augen mir in's Auge.
Dann schien mir auf einmal, es theile sich
Der Mantel der Nacht und Tag sei um mich,
Fürchterlich heller, greller Tag.

Es war ein Tag, vor des Kadmos Burg,
Dem Sitze des Königs Oedipus,
Um des Apollon heil'gen Altar
Standen versammelt Greise von Thebä,
Männer und Knaben,
Zweige des Oelbaums in den Händen;
Aufseufzend zu dem verehrten Herrscher
Fragten sie ihn, ob er Rath nicht wisse,
Er, der beste der Menschen.
Mähende Seuche, raffende Fieber,
Ausgekocht in der Lüfte Gluthhauch,
Sind über Thebä's Fluren und Straßen,
Heerden und Menschen hereingebrochen.
Wer das Räthsel der Sphinx gelöst,
Wer so väterlich um uns sorgt,
Wird Abwehr finden auch dieser Noth,
Glauben die guten, vertrauenden Herzen.
Thränen vergießend um all' das Elend
Hat er bereits den Schwäher Kreon,
Seiner Gattin Jokaste Bruder,
Zu des mythischen Gottes erhabnem Haus
In Delphi droben hinaufgesandt
Und hofft und wartet auf lösendes Wort.

Der kommt und berichtet den dunklen Spruch:
Ein Frevler lebt in des Landes Schoß,
Blutschuld lastet auf seinem Haupt,
Gemordet hat er den König Laios,
Verbannet ihn oder tödtet ihn,
Vertilgt den Frevel, und mit der Schuld
Schwindet die Strafe, die gottgesandte. –
Laios, Jokaste's erster Gatte,
War gefallen durch Räuberhand,
Verborgen waren die Thäter geblieben,
Erbleicht in der Menschen Gedächtniß war
Der Gemordete schon vor dem neuen, hellen
Herrschergestirn des Oedipus.

Eifrig, zu folgen dem heil'gen Gebot,
Verkündigt der König: wer von dem Mörder
Weiß, der säume nicht, mir's zu sagen,
Dank empfängt er und reichen Lohn.
Wer da weiß und hehlt, den treffe der Bann,
Ihm verschließe sich jede Thüre,
Der Altäre und Tempel heiliger Dienst
Sei ihm versperrt als einem Befleckten!
Treu dem Gotte will ich als treuer
Mitstreiter wirken, suchen und richten,
Will für den Todten als Rächer stehen,
Als wär' er mein eigener Vater gewesen.
Dem Thäter aber, noch eh' er gefunden,
Fluch' ich, ein Leben voll schnöder Qual
Reibe den schnöden Verbrecher auf!
Und nährt' ich ihn selber ohne mein Wissen
Als Hausgenossen an meinen. Herd,
So treffe mich selber alles Leid,
Das ich dem Schuldigen angewünscht!

Die Suche beginnt.
Den blinden Seher Tiresias
Beruft der König auf Kreon's Rath.
Licht soll er schaffen, der ohne Augen
Geistig schaut in Höhen und Tiefen.
Ungern kommt er, traurig und trüb
Senkt er das Haupt mit den weißen Locken,
Bittet: entlaß mich! Er will nicht reden,
Räth und ermahnt, nicht weiter zu spüren.
Jäh ist des Königs feurig Gemüth,
Argwohn faßt er, mit heftigen Worten
Fährt er ihn an und zeiht ihn verborgner
Mitschuld. Offenes Schreckenswort
Entringt sich des Greises Lippen jetzt,
Des beleidigten, arg verkannten:
Du bist der Mörder und mehr noch künd' ich:
Mit Blindheit geschlagen pflegest du
Naturentheiligend schnöden Bund.
Wie Jener es hört, das Undenkbare,
Empört sich die Galle, verstört sich der Sinn,
Unrecht begeht der Brave, Gerechte:
So am Geist wie am Leibe blind
Schilt er den augenlosen Greis
Und in Einem Athem gibt er ihm Schuld,
Mit Kreon, welcher als Ränkeschmied
Nach der Königskrone die Hand ausstrecke,
Steh' er in schleichendem Diebesbund.

Genug ist's. Jetzo spricht der Seher:
So wisse, weil du mich Blinden gehöhnt:
Ein Blinder, den Weg mit dem Stab vortastend,
Ein Bettler, ein fluchbeladner Verbannter,
Bruder der eigenen Kinder,
Mörder des Vaters wirst du wandern
Hinaus in die Fremde!

Kaum so nur, wie es uns grauen mag,
Wenn wir ein Schreckenswort anhören,
Das einem Andern verkündigt wird,
Graut es dem Oedipus. Rein von Schuld
Weiß er sich ja, der empörten Unschuld
Kochender Ingrimm füllet die Brust.
Kreon erscheint, den häßlichen Argwohn
Sprudelt er drohend gegen ihn aus. –
Wer den bewährten Freund verstößt,
Der thut Gleiches, sagt der Gekränkte,
Als stieß' er das eigene Leben aus;
Zu Grunde geh'n, ein verfluchter Mann,
Soll ich, wenn du mich wahr bezichtigst.
Aus den Gemächern tritt Jokaste,
Mahnt mit dem Volk den erbosten König,
Daß er des Bruders hohe Betheurung
Scheuend in Frieden ihn entlasse.
Er thut es, doch unmild, immer noch zürnend,
Klaget der Gattin, wie ihn der Seher
Auf Kreons Geheiß – so glaubt er noch immer –
Des gräulichen Mordes beschuldigt habe.
Sei sorglos, tröstet sie jetzt des Gatten
Wildaufwogendes Herz; nimm's leicht!
Spruch der Seher bekümmre dich nicht!
Kein sterbliches Wesen schaut in die Zukunft.
Ein Wort entlaste dich aller Angst:
Priester Apollo's irrthumbefangen,
Haben dem Laios einst verkündigt,
Ihm sei blutiger Tod beschieden
Durch des eigenen Sohnes Hand
Zur Strafe für alte Jugendschuld,
Am Freunde verübten Knabenraub.
Dem Kindlein, das ich nach Jahren ihm
Geboren, ließ er die Knöchel durchstechen,
Mit Gerten fesseln und übergab es
Einem Sklaven, im Waldgebirge
Des rauhen Kithäron es auszusetzen.
Durch andere Hand ist Laios gefallen,
Räuber, fremde, noch unerforschte,
Haben ihn überfallen, erschlagen
Am dreigespaltenen Kreuzweg –
Warum erbleichst du? Warum, mein Gatte,
Zuckst du und sinken die Züge dir ein?

»Nenne das Land mir, wo es geschehen.«
Im Phokerland, wo von Daulis her
Nach Delphi gewendet die Straße führt;
Wegen der Sphinx den Gott zu befragen,
Die im Fleische von Thebäs Söhnen
Wüthete, war er dahin gereist.
»Wie war sein Ausseh'n?«
Ergrauende Locken, hohe Gestalt,
Die Züge den deinen ähnlich.
»Seine Begleiter, wie viele waren's?«
Vier und Einer davon entkam.
»Wo ist dieser Eine, lebt er im Haus noch?«
Er weilte bei uns, doch als du kamest,
Als du König von Thebä wurdest,
Ergriff er die Hand mir und bat mich innig,
Zur Hut der Heerden ihn fortzusenden
Ferne vom Anblick dieser Stadt.
»Kann man ihn rufen und schnell?« –
Warum so dringend? – Und Oedipus,
Mit bebenden Lippen erzählt er jetzt,
Was er bis dahin hat verschwiegen,
Was er im Glücke so gern vergessen,
Was ihm am Kreuzweg widerfahren.

Laß mich die Last des Berichts, du armes,
Vom Blitze durchzucktes Menschenkind,
Von der stockenden Zunge dir nehmen!

Ein fröhlicher Knabe wuchs er auf
In des reichen Korinthos' ragender Burg.
König Polybos und seine Gattin
Merope waren ihm Vater und Mutter.
Zum Jüngling geworden muß er ein böses
Wort vernehmen aus Spöttermund,
Zweifel zündend, ob sie es seien,
Die er als Eltern liebte und ehrte.
Da verläßt er die fürstlichen Hallen,
Nach Delphi zum wissenden Gott hinauf
Pilgert er, dumpfen Druck im Herzen,
Und fragt ihn um Licht.
Und es ergehet das grause Wort:
Tödten wirst du den Vater,
Wirst die Mutter zur Gattin haben
Und Kinder zeugen, des eigenen Vaters
Brüder und Schwestern.

Fort und hinaus in die weite Welt,
Zu meiden, was auch zu denken nur
Entsetzlich ist!
Als trieben Gespenster, macht er sich auf,
Wandert und wandert, es senkt sich der Pfad,
Dumpf toset der Pleistos neben ihm,
Ueber die Blöcke zerriss'ner Felsen
Sucht er schäumend, springend und stürzend
Hinunter den dunkeln Weg zum Abgrund.
Tief in Gedanken horchet der Jüngling
Und schreitet abwärts weiter und weiter.
Er ist unten. Er stehet still
Sinnend, wohin er sich wenden solle,
Und schlägt sich linkwärts.
Hat kein warnender Geist dich leise
An der Schulter berührt und rechtwärts
Dir mit winkendem Finger gezeigt,
Wo am Ufer des Pleistos hin
Der Weg dich führte zur hellen Meerbucht,
Hinweg, hinaus in's Offne, in's Weite,
Wo die blaue See in die Ferne lockt?

Gefahren kommt mit Dienergeleite
Ein stolzer Herr von großer Gestalt,
In dunkeln Locken das erste Grau;
Der Lenker der Rosse, wie er den schlichten
Wandrer im engen Felsweg sieht,
Haut mit geschwungener Geißel nach ihm,
Der Jüngling erwidert den rohen Schlag,
Jetzt auf den Scheitel fällt ihm ein Hieb,
Vom Wagen herab mit dem Stachelstabe
Heftig geführt vom Uebermuthe
Des Ungeduldigen, der da gebietet.
Aufbraust im Entehrten der Jugend Zorn,
Aus dem Wagen stößt er den barschen Thäter,
Rücklings stürzt der Getroffne herab,
Rafft sich empor und fällt mit den Dienern
Wüthend über den Fremden her.
Da gilt's Nothwehr.
Heldenmäßig an Gliederbau
Siegt er im wilden Handgemenge,
Erschlägt bis auf Einen, der entflieht,
Den Herrn und die Diener
Und wandert weiter nach Daulis hin.

Hat es den düstern Muth dir gereizt,
Als du die Kunde da vernahmest
Von dem geflügelten Ungeheuer
Im nahen Thebä, wie es die Kühnen,
Die sich verwegen, sein Räthsel zu rathen,
Und es zu lösen nicht vermögen,
Zerreiße mit seinen Löwenklauen
Und als blutigen Zoll verschlinge?
Hast du gedacht: ich wag' es darauf!?
Was ist verloren, wenn ich's verliere,
Dieses gespenstische, schwüle Leben?

Er kommt nach Thebä.
Dort in der alten Burg des Kadmos
An des ermordeten Königs Statt
Waltet Kreon in schweren Sorgen.
Räuber, so hatte der Flüchtling gesagt,
Waren es, die den Laios erschlugen.
Nach der Bande zu forschen, zu fahnden,
Gönnt nicht Athem der Drang der Zeit;
Auf die Ferse dem Schrecken tritt der Schrecken,
Des Kreon eigner geliebter Sohn
Ist Opfer geworden des Ungethüms.
Verkündigt hat er in all der Noth:
Wer sich stellt, das Räthsel zu lösen
Der menschenopferschlingenden Sphinx,
Und es erräth, soll haben zum Lohne
Der Witwe Jokaste fürstliche Hand
Und mit ihr die Krone des todten Königs.
Der Fremdling wagt es.
Hellen Geistes, gedankenschnell
Löset er leicht die dunkle Frage,
In den Abgrund stürzt sich der geisterhafte
Zwitter aus Jungfrau, Vogel und Löwe.
Hochgefeiert wird der Erretter,
In der Hand einen Kranz von Myrthen und Lorbeer,
Tritt ihm entgegen das hohe Weib,
Jener edlen Gestalten eine,
Welche dem herbstlichen Reif der Jahre
Trotzen in Frische gediegener Kraft.
Vom Jauchzen des Volkes hallen die Straßen,
Die Halden der Berge rings um die Stadt;
Die Gespenster weichen ihm von der Seele,
Schnell reift an der Sonne der ernsten Pflicht
Der junge Geist, er herrschet gewaltig,
Mild und strenge, gerecht und weise.
Ebenen Flusses gleitet das Leben
Und ein blühendes Töchterpaar
Und ein kräftiges Paar von Söhnen
Entsprosset dem glücklichen Ehebund. –

Und nun steht er und hat es erfahren,
Und nun weiß er, wer es gewesen,
Der im gekreuzten Felsweg dort
Den König Laios hat erschlagen
Und wer Laios ihm gewesen,
Und weiß auch, wer seine Gattin ist.
Und nun steht er und hat es erzählt,
Was er bis dahin hatte verschwiegen,
Weil es entschlummert war im Geiste,
Eingewiegt von den Tagen des Glücks.

O Hoffnung, aus wie festem Garne
Ist gewunden dein Ankertau!
Ein dünnes Fädchen, es hält noch fest,
Wenn nichts mehr zu halten ist und zu retten.

Sind's Räuber gewesen, und viele, nicht Einer,
Die den Laios erschlugen, so sind zwei Thaten,
Zwei Stellen des Wegs zu unterscheiden;
Einen Andern hat seine Hand getroffen
An andrem Kreuzweg. Gewiß auch ist doch,
So meint Jokaste, daß Laios' Kind
Schon längst verschmachtet ist in der Wildniß.
Eins nur nach des Orakels Spruch
Kann noch drohen: daß er dereinst noch
Polybos, seinen Erzeuger, tödte.
Nach dem Hirten ist ausgeschickt,
Dem Mann, der entfloh'n am Tage des Kampfes.

Ewigkeiten sind die Minuten,

Bis er erscheint, der furchtbare Zeuge.
Die Herzen klopfen. Oedipus ringet,
Sich zu täuschen, als wüßte er nicht,
Was ihm oft schon Gedanken gemacht:
Daß er Narben, bedenkliche Zeichen,
An den Knöcheln der Füße trägt.
Zurück in der Seele dunkeln Schacht
Drängt er gewaltsam die alte Frage,
Woher das seltsame Merkmal stamme.
Auf Jokaste's Busen liegt es schwer,
Daß es so schwer liegt auf des Gatten
Pochender Brust. Mit Kränzen kommt sie,
Am Altare sie aufzuhängen,
Weihrauch-Opfer zündet sie an,
Ob die frommen Geschenke wohl
Versöhnen möchten des Gottes Zorn.
Was versuchst du nicht, armes Erdenkind,
Unter der Wolke des Schicksals bebend! –

Schritte vernimmt man; doch nicht der Hirte,
Ein Anderer ist's, von Korinthos' Hofburg
Kommt ein Bote mit hellem Glückwunsch,
Bringt erlösende, festliche Kunde:
Gestorben ist Polybos, herrschen soll,
Von dem wählenden Volk erkoren,
Oedipus dort im isthmischen Land.

Aufathmen die schwer beklemmten Gemüther.
Wohl mir! o, wohl mir, ich bin frei!
Wahr ist's, sie wissen nichts dort oben
Am pythischen Herde, die wirren Seher!
Zum Hades hinunter hat Polybos
Mit sich des Gottes Fluchwort genommen!
Frohlockt des Königs entlastetes Herz;
Nur ein scheuer Gedanke beschleicht es noch
Und er gesteht ihn dem fragenden Mann:
Die Mutter lebt und ihm ist geweissagt,
Daß er sie werde zur Gattin nehmen.

Jetzt, wo doppelter Königskrone
Goldener Glanz sein Haupt soll schmücken,
Jetzt naht es –
Grundlos besorgst du, beruhigt der Bote,
Nicht des Polybos, nicht der Merope
Sohn bist du, der Zeuge bin ich.
Ich selber hab' in Kythärons Waldschlucht,
Ein Hirte damals, von einem Hirten,
Knecht des Laios, dich empfangen,
Ein wimmerndes Kind mit durchstochnen Füßen;
In die Arme des Königs Polybos,
Des Kinderlosen, legt' ich das Knäblein,
Er nahm dich an's Herz und nannte sein Kind dich.
Dir mögen die Fußgelenke bezeugen,
Daß du der gerettete Findling bist.

Kennt Einer den Mann, der zu jener Zeit
Des Laios Heerden im Waldgebirg
Gehütet hat? So fragt Oedipus.
Derselbe Mann ist's, berichtet das Volk,
Der dem Tod entkam, als Laios fiel,
Der die Stadt verließ, nachdem du erschienen,
Die Sphinx vernichtet, den Thron bestiegen,
Der als Hirte jetzt wieder dient,
Derselbe, den du vorhin beschieden,
Eh' von Korinthos der Bote kam.

Forsche nicht weiter! mahnt mit Beben
Jokaste, mögest du nie erfahren,
Wer du bist!
Und da er beharrt auf seinem Willen,
Eilt sie mit Wehruf über den Armen
Zum Letzten entschlossen in den Palast.

Noch nicht löst sich, gelockert längst,
Der Blindheit Binde vom Aug' des Königs;
Er wähnet und sieht auf das Eine nur hin:
Es komme zu Tag, daß er niedrig geboren,
Daß er der Sohn eines Hirten sei,
Jokaste fürchte sich vor der Schmach,
Und mit dem Muthe des braven Mannes
Will er es auf sich nehmen und tragen.

Man hat ihn gefunden, er kommt, der Hirte,
Ein Greis schon wie der Korinthische Bote.
Der Bote erkennt ihn und er den Boten,
Der neben ihm einst die Heerden geweidet.
Gedenkst du, fragt ihn der alte Nachbar,
Daß du vor Jahren ein neugebornes
Kind im Gebirge mir übergeben?
Der Hirte zögert und zittert.
Oedipus, herrisch noch immer, droht:
Auf den Rücken laß ich die Hände dir schnüren!
Jetzt gesteht er: »Ich hab's gethan.«
»»Und wessen Kindlein ist es gewesen?««
Er stockt. Mit dem Tode droht der König.
»Ich bin daran, zu sprechen ein Schreckenswort.«
»»Und ich, es zu hören, doch hören muß ich's!««
»Es sei! Die Königin selber war's,
Die mir den Knaben übergab,
Hinaus in die Wildniß sollt' ich ihn legen,
Dem Hunger oder dem Wolf zur Beute.«
»»Die eigene Mutter?««
»Erschreckt durch grausigen Götterspruch,
Der Eltern Verderben werde das Kind sein.«
»»Warum dem Greis hier gabst du das Knäblein?««
»Es erbarmte mich.«
»»Warst du dabei, als Laios fiel?««
»Ja.«
»»Sind's Räuber gewesen, die ihn erschlugen?««
»Ich log aus Scham, daß Viele von Einem
Sollten bezwungen sein. Den Besieger
Erkannt' ich in dir, als du kamst nach Thebä.
Warst du das Kind, von dem wir sprechen,
Bist du zum Elend wahrlich gezeugt.«

Heraus ist's, die Binde vor seinen Augen
Fällt.
Was er gethan in jener Stunde,
Als er hinab von Delphi floh,
Dem Netze des Schicksals zu entrinnen,
Das ist es, was ihn hineingeführt.

»»Wehe mir, weh! O Sonnenlicht,
Zum letzten Mal seh' ich heute dich!
Ich stamme von wem ich nicht gesollt,
Ich verkehrte mit wem ich nicht gedurft
Und begieng am Vater den Gräuelmord!««

Er verschwindet in des Palastes Pforte,
Tobt drinnen umher wie vom Wahnsinn gepeitscht,
Schreit nach dem Unweib, fordert ein Schwert,
Die Diener weigern, er reißt aus den Angeln
Die geschlossene Thüre des Schlafgemachs,
Findet erdrosselt von eigener Hand
Die Gattin Mutter, zerrt von der Brust ihr
Die goldene Spange, gräbt sich die Dorne
Bohrend hinein in die Augensterne
Und ruft: seid blind! Ihr habt, als ihr sahet,
Nicht gesehen und was auf der Welt nun
Könntet ihr Süßes je noch sehen!

Man führt ihn heraus, ein Knabe lenkt ihn,
Sein Volk soll ihn schauen, er hat es gewollt.
Ein dunkler Blutstrom schießt aus den Augen,
Die noch soeben helle geleuchtet,
Geistesmächtigen, scharfen Blicks.

Und jetzt stiegen empor zum Himmel
Jammerrufe, Laute des Wehs,
So furchtbaren Tons, so markdurchbohrend,
Worte der Sprache nennen ihn nicht.
Viel Wehklagen, Stöhnen und Seufzer
Vernimmt das eherne Himmelsgewölbe,
Denn viel leiden die verwundbaren Sterblichen.
Hat wohl je auf dem Erdenrund
Jammers Aufschrei, so grundtief
Aus verzweifelnder Seele geholt,
Ausgepreßt von Uebelsgebirgslast
So ganz unerträglicher Art
An die ewige Kuppel gepocht,
Wie dieses Blinden: Wehe! Wehe!
Dieß Wehe, Weh! aus des Volkes Mund?
Parnassosberge, felsige Häupter,
Die ihr umstandet, steinerne Zeugen,
Die Bühne des Jammers, ich wundre mich,
Daß ihr nicht wanktet, daß nicht die Stöße
Des grausen Schalls und des Wiederhalls
Zu Staub zerrieben das Korn des Granits.
Ja Mancher, der dem unsel'gen Mann
Vorrücken gewollt die zornige Wallung
Und zeigen, wie nun unter dem Fluche,
Den er gewälzt auf den dunkeln Thäter,
Erdrückt er selber liege und seufze:
Mancher, der also Hartes gedacht,
Muß nun weinen.

Die Klage wird stiller, zu Red' und Antwort
Sammeln sich die zerrissenen Geister.
»Wohlgethan hast du dennoch nicht,
Besser nicht sein, als lebend blind!«
Milden Tones erhebt den Vorwurf
Im Kreise des Volks ein bedachter Greis.
Nicht also sprich! erwiedert der Arme;
Im Hades selber mit welchen Augen
Hätt' ich den Vater, hätt' ich die Mutter
Nach solchen Thaten noch angeblickt!
Der Kinder Blüthe, die Thürme der Stadt,
Die Straßen, die Tempel, die Götterbilder
Könnt' ich mich sehnen noch einmal zu seh'n,
Dürft' ich mit Augen des Reinen sie seh'n,
Nimmer! Für mich wär's besser, ich könnte
Einen Damm, einen Wall rings um mich zieh'n,
Jeglichen Sinnes Pforte verschließen,
Um einsam zu sein, ganz einsam.
Hinaus mit mir in die Ferne, die Oede!
Stoßt mich hinab in des Meeres Tiefe,
Daß kein Auge mich fürder sehe!

So ruft er, aber noch nicht zu Ende
Sind seine Leiden, bittere Hefe
Ist noch im Kelch.

Kreon erscheint, nicht zürnend mehr,
Willfährig im Einen, doch hart im Andern.
Zwei Bitten noch hat der verlorene Mann:
Flugs banne mich fort aus diesem Land,
In des Kithäron waldige Schluchten
Laß mich führen; die grausame Wiege,
Die mich bewahrt hat, statt mich zu tödten,
Werde mein Sarg. Doch meine Kinder, –
Nicht um die Söhne ist mir bange,
Sie werden sich bahnen ihren Weg –
Die Töchter aber, in deine Hut
Befehle ich sie, o schirme die Theuren!
Und thu' mir die Liebe, bring' sie mir her,
Laß mich noch einmal sie umarmen!

»Es sei dir gewährt.« Er führt sie herbei,
Sie kommen schluchzend, nach ihren Häuptern
Tastet der Vater, zieht an die Brust sie
Und beweinet das Loos der Waisen
Und wünschet, freundlicher möge ihnen
Das Leben werden, als ihm es ward,
Und küßt sie herzlich und läßt sich mit Handschlag
Von Kreon geloben, daß er ein zweiter
Vater wolle den Armen sein.

Nun möcht' er scheiden und muß noch erfahren,
Daß nicht frei ist ein blinder Mann.
Kreon befiehlt: es ist genug!
Auf nun und geh' in's Haus hinein!
Die Gottheit muß ich noch erst befragen,
Was es werden solle mit dir!
Folgen muß er; aber die Töchter,
Bittet der Blinde, möcht' er ihm lassen.
Zu viel nicht wolle! lautet die Antwort,
Vergiß nicht, daß es dir nicht zum Heile
Auf des Lebens Bahnen gedient hat,
Wenn du des Herzens Wunsch erreichtest!

Und wie er zurückwankt in das Haus
Ohne die Töchter und wie sie ihm nachschauen,
Tritt Einer hervor aus der Bürger Reihen,
Ein Mann, nicht jung mehr, die ersten Falten
Hatten sich auf die Stirn geprägt;
Er war von allen geliebt und geehrt,
Weil er gut war und weil er in tiefer
Seele des Lebens Ernst bedachte;
Der spricht: Ihr Bewohner von Thebä, sehet,
Dieß ist Oedipus,
Der das Räthsel der Sphinx entwirrt hat,
Der da geherrscht hat groß und gewaltig,
Den wir Alle selig gepriesen,
Den wir Alle beneidet haben!
Darum der Erdensöhne keinen
Rühme du glücklich, eh' er von schwerem
Wetterschlage des Schicksals frei
Zum letzten Ziele gelangt ist.


II.

Welch' liebliche Flur ist's, die wir betreten?
Graubläulich schimmert des Oelwalds Grün,
Platanen bieten ein schattiges Dach;
Stuten waiden auf saftigem Rasen,
Wiehernde Füllen springen umher,
Ein munteres Flüßchen kommt gezogen,
Plaudernd grüßt es die durstigen Matten,
Schmückt sie mit blitzendem Silberband,
Erquickt sie mit frischen, reinen Wassern
Und nähret Blumen, goldenen Krokos,
Veilchen und Rosen und Anemone's
Purpurkelche und weiß vorglänzend
Persephone's und Demeter's Liebling,
Die Blume Narkissos. Emsige Bienen
Schwärmen umher und suchen und sammeln,
Wie leises Läuten tönt ihr Gesumm.
Aber an Ulmen und jungen Pappeln
Schlingt sich hinaus und senkt die blauen,
Schwellenden Trauben zwischen die breiten,
Schöngeschnittenen Blätter herab
Des Dionysos köstliche Gabe.
Im Dunkel der Myrten und Lorbeerbüsche
Klagt in langgezogenen Tönen
Und vergißt in schmetterndem Jauchzen
Philomele den tiefen Schmerz.
In lichtdurchdrungenem Aether schwimmt
Die selige Welt. Von Weitem schauen
Schlank ansteigende Berge herein,
Warmgoldig leuchtend, fern und ferner
Verschwebend in tiefem, duftigem Blau.

Er sieht sie nicht, die liebliche Flur,
Der Greis, der dort aus des Waldes Schatten
Am Bettelstabe sich herbewegt.
Er ist blind. Eine Jungfrau leitet
Mit zärtlicher Sorge seinen Schritt.
Er ist müd, er ist lang gewandert.
Auf ein Felsstück setzt sie ihn nieder
Und schmiegt sich an ihn und küßt sein Haupt.
Da ruht er nun aus. Ein leichter Wind
Spielt mit den wilden, ungepflegten
Grauen Locken. In Lumpen gehüllt
Ist die gebrochene Heldengestalt.
Ein goldener Thron war einst ihr Sitz.

Ihr kennt ihn. Der Adel seiner Züge
Leuchtet noch jetzt aus den Furchen hervor,
Es sind die Züge des Oedipus.

Bis dahin? Mußt' es bis dahin kommen?
Noch immer nicht, auch damals nicht
Ist ausgetrunken der Leidenskelch?

Als er den jähen Tod sich wünschte,
Niemand that ihm den Liebesdienst.
Und über ihn kam mit breitem Flügel
Die Zeit und langsam sang sie ihm
Das nüchterne, harte Lied in's Ohr:
Im ersten, tobenden Sturm der Seele
Hast du dich allzuschwer bestraft!
Und ihm zählte der schleichende Tag,
Die bleierne Stunde pünktlich auf,
Was Alles befaßt sei in dem Worte:
Blind sein.
Wie ein anderer Sohn des Staubes
Erfährt er im Kleinen des Lebens Noth
Und wäre zufrieden, da er ja doch noch
Lebt, gemächlich leben zu dürfen
In des Hauses wohnlichem Schutz,
Und in der Töchter, von Kreon selbst
Wieder gegönnter sorglicher Pflege,
An der Gewohnheit steter Hand
Zu lernen, wie er sich tragen lasse,
Des zerrissenen Daseins armer Rest.

Das wird ihm nicht. In unserer Mitte
Soll nicht weilen der Fluchbeladne!
Rufen gehässige Angstgemüther,
Werben im Volke, schaffen sich Anhang,
Gewinnen Kreon, gewinnen zuletzt
Die unnatürlichen Söhne selbst,
Und vertrieben wird er, verbannt,
Hinausgestoßen in's Unbekannte,
In die weite und doch verschloss'ne Welt.
Aber treu sind die Töchter geblieben.
Zur blühenden Jungfrau schon erstarkt,
Kraft in den Gliedern, Muth in der Seele,
Schreitet Antigone mit dem Vater
Aus dem schirmenden Heimathhaus.
Auf der Schwelle, in heißen Thränen,
Steht Ismene, die zarte Schwester;
Hoffend, daß sie ihm Tröstliches noch
Erwirken und fernhin melden könne,
Sagt sie mit innigem Tochterkuß
Lebewohl und blickt noch lange
Den Scheidenden nach.

Regenschauer und Sonnenbrand,
In wilden Wäldern Räubergefahr,
Pein der Ermattung, hartes Lager
Hat mit dem Vater das Kind getheilt,
Mit ihm gehungert und für ihn
Gebettelt.

Es glimme, so wollt' es ihr oftmals scheinen,
Ein geheimes Licht in des Greisen Seele,
Welches nach einem Ziel ihn weise,
Nicht deutlich und dennoch Quelle von Trost.
In der Erinnrung war ihr geblieben,
Daß in den Tagen vor dem Scheiden
Ein bejahrter Bürger, ein treubewährter,
Geheimnisvoll zu dem Vater eintrat
Und daß klarer als sonst die Stirne,
Heller die Stimme des Blinden war,
Als er hinweggieng. Jener war es, –
Sie wußte es nicht, – der Mitleidsvolle,
Welcher das Wort vom Menschenschicksal
Dem Volke von Thebä zugerufen
Am schrecklichen Tag, als Oedipus
Trostlos zurück nach der Pforte wankte.
Philophron war der Brave genannt.
Als Bote des Trostes, ahnte sie,
Mußte er nun gekommen sein.

Wo sind wir? fragt auf dem Felsblock sitzend
Der blinde Greis. In der Ferne dort
Ragt eine Burg, Athene's Feste
Glaub' ich zu sehen, spricht die Tochter.

Ein Landmann kommt, der Blinde befragt ihn,
In welchem Gaue des attischen Landes
Er sich befinde. »Bevor ich erwiedre,
Hebe dich weg von diesem Sitz!
Betreten hast du heiligen Boden,
Unnahbar ist er, den furchtbar ernsten
Göttinnen eigen, die unsrem Lande
Gnädig sind, den Eumeniden.«

»»So weich' ich nimmer von dieser Stätte!
Sag' mir, wie heißt der Gau?«« – »Kolonos
Ist er genannt.« – »»Und wer beherrschet
Dieß Land?«« – »Er nennt sich Theseus.« –
»»Thu' mir die Liebe, ruf' ihn herbei,
Ich muß ihn sprechen.«« – Der Mann von Kolonos
Betrachtet gerührt den armen Alten;
Zuerst die heimischen Bürger zu fragen,
Ob der Fremde am heiligen Ort
Verweilen dürfe, geht er hinweg.
Wohl mir! ruft mit erhobenen Armen,
Mit gefalteten Händen Oedipus,
Wohl mir! Wohl mir! es ist erreicht,
Das ersehnte Ziel, hier darf ich sterben.
O grollet mir nicht, ihr hehren, strengen
Nächtlichen Wesen! in eurem Haine
Hat mir Apollons Stimme verheißen
Rettende Zuflucht und des langen,
Schweren Lebens Ende, den Tod.
Zeichen, so hat der Gott gesprochen,
Blitz und Donner, Beben der Erde
Werden vorangehn und bezeugen,
Daß der Höchste sein Jawort gebe,
Zeus, der Herrscher in Himmelshöhen.
Segen und Heil auch ist verkündigt
Dem gastlichen Lande, das dem Müden
Ein Grab in seinen Markungen schenkt.
O gönnet mir bald, den Lichtgott ehrend,
Begnügt mit des Leidens gehäuftem Maß,
Furchtbare Töchter der alten Nacht,
Der Stunden letzte! Und du, gepries'ne
Stadt der Pallas Athene, schaue
Mitleidsvoll auf dieß entstellte
Gebilde, das meinen Namen trägt!

Nicht länger säumet der Vater nun,
Der Tochter auf ihre schweigende Frage
Licht zu geben: es war Philophron,
Ihm verdank' ich die hohe Kunde;
Als man beschloß, mich auszutreiben,
Sammelt er still die Treugebliebnen,
Führt sie vereint hinauf nach Delphi.
Flehend wirft er sich dort zu Füßen
Dem Gott als Sprecher der frommen Wallfahrt,
Und es ergieng der milde Spruch,
Den er geheim wie lindernd Oel
Auf die wunde Seele mir goß.

Der zweifelnde Landmann kommt zurück
Und bringt Kolonische Bürger herbei.
Wie sehr sie der blinde Greis erbarmt,
Sie heißen ihn weichen vom streng versagten
Heil'gen Bezirk, den ungeweihet
Kein sterblich Wesen betreten darf.
Benachbarten Hügels felsigen Gipfel
Soll er besteigen und dort weilen.
Auf Antigone's Arm gestützt
Seufzend verläßt er die Ruhestätte,
Erklimmt den Hügel und steht dort oben
Den Männern vor Augen; deutlich hebt sich
Von einer silbernen Wolke Grund
An der Jungfrau Seite sein düst'res Bild.
»Wer bist du? Sprich!« Er möchte schweigen,
Sie fragen und fragen, und aus der Seele
Ringt sich, als zöge man unerbittlich
Aus tiefer Wunde ein scharfgezahntes
Rostiges Schwert, das herbe Geständniß.
Grauen und Angst verdrängt das Mitleid
Aus der entsetzten Hörer Seelen.
»Hebe dich fort! Aus unsern Grenzen
Fliehe mit deines Fluches Last!«
Herzlich fleht für den Augenlosen
Die weinende Tochter. Jedoch er selber
Besinnt sich auf sich und nicht mit schwacher
Greisenstimme, mit Manneston
Ruft er: scheuet des Schicksals Macht!
Heilig sollte das Unglück sein!
Fraget euch selbst, ob Jeder nicht
Befahren könnte, was ich befuhr!
Heilig sollten die Häupter sein,
Welche ein Gott hat ausersehen
Und gezeichnet und hingestellt
Hoch als Bilder des Menschenlooses,
Daß man sehe, daß man erkenne,
Was dem Menschen begegnen kann!

Tief in die Herzen dringt sein Wort
Und sie willfahren seiner Bitte,
Daß man warte, bis Theseus kommt,
Er soll ihn vernehmen und soll entscheiden.

Man wartet. Antigone schaut hinaus
In die Ferne und sieht ein Weib sich nah'n
Auf Rosses Rücken, das Haupt bedeckt
Mit breitrandigem Schattenhut.
»Was seh' ich? Darf ich den Augen trau'n?
Ismene, die Theure! schon seh' ich sie lächeln!
Sie ist es, die Schwester, die lang entbehrte!«
Sie kommt und liegt in des Vaters Armen,
In der Schwester Armen und weint vor Freude.
Bescheiden tritt zu den froh Vereinten
Der treue Geleitsmann, der sie geführt,
Philophron. Innig, wie sie ihm danken,
Dankt er den Göttern, daß sie zum Ziele
Gelangt ist, die mühvoll suchende Fahrt.

Kurz ist die Freude. Traurige Botschaft
Hat sie zu bringen. Der ältere Sohn,
Polyneikes, hatte den Thron bestiegen.
Eteokles, der herrschaftgierige Bruder,
Hat ihn verdrängt. Der Beraubte weilt
In Argos drüben und wirbt sich Freunde
Und rüstet Krieg, sein Recht zu erkämpfen,
Bruderkrieg. – Zur Quelle des Lichts
Nach Delphi sandte man Opferboten
Im Drang und Dunkel der schweren Zeit –
»Und, o Vater, der jüngste Spruch
Des hohen Gottes, er hat verheißen:
Segen soll er dem Lande bringen,
Wo er im Tode ruhen darf,
Dein müder Leib. Und jetzo will man
Dich wieder haben und holen will dich
Kreon und will dich heimwärts führen;
Doch an der Grenze nur sollst du wohnen,
Nicht in Kadmos' Burg und Bezirk,
Weil im Leben dich Fluch umgibt.«

Neues, schneidendes Leid gesellt sich
Zu der willkomm'nen Bestätigung
Des tröstlichen Lichtes, dessen Bote
Einst der treue Philophron war.
Verbannt, vertrieben, am Bettelstab,
Und nun gesucht! Im Leben verabscheut
Und dann im Tode der rechte Mann!
Zu des Waldes Thieren hinausgestoßen,
Und nun reißen sie sich um ihn!
Als gefangenen seltenen Vogel
Will man ihn hegen, dessen Gefieder,
Wenn er verendet, Nutzen bringt.
Und dem Sträubenden wird mit Gewalt
Kreon, der schonungslose, drohen!

Der sehnsuchtsvoll erwartete Hort,
Er kommt, er ist da, vor dem Flüchtling steht
Theseus. Könnt' er ihn seh'n, der Blinde,
Schauen würd' er, wie mild und hell
Unter des Helden behelmtem Haupt,
Der die Räuber, die Ungeheuer bezwungen,
Sitte, Gesetz und Recht gegründet,
Die Augen blicken; er würde fühlen:
In diesen Zügen, auf diesen Lippen
Wohnt Menschlichkeit.

Aber die Stimme kann er vernehmen,
Den herzlichen Ton, womit er spricht:
Du bist Laios' Sohn, ich weiß es,
Die dunkeln Höhlen der Augen schon
Bezeugen es mir. Sei unverzagt,
Sage mir frei, um was du bittest;
Es soll dir gewährt sein, vermag ich's irgend,
Was du auch wünschest. Ich hab's erfahren
Im eigenen Leben, was Fremdsein heißt,
Drum keinem Fremdling weigre ich Hilfe,
Ich bin ja Mensch.

»Ich komme zu dir, für diesen Leib,
Den welken, keinem Auge willkommenen,
Um Zuflucht und um ein Grab zu bitten.
Nicht fruchtlos wird die Gewährung sein:
Hoher Lohn ist der guten That,
Dem gastlichen Tugendwerk verheißen,
Heil und Segen bringt sie dem Lande,
Im Kriegskampf rühmlichen Waffensieg.«
»»Das Unglück acht' ich auch ohne Lohn,««
Spricht Theseus, »»doch was dem Lande frommt,
Muß mir heiliger Antrieb sein.
Du hast mein Wort, ich verlasse dich nicht.««
»Ich vertraue dir; eidlichen Schwur
Erbitt' ich nicht.« – »»Du gewännest mehr nicht,
Als mein schlichtes Wort dir sagt.««
»Die Drohung von Thebä macht mich zittern.«
»»Ich fürchte sie nicht, sie wagen es nimmer,
Mein Name allein schon schreckt sie zurück.««

Dießmal zu sicher baut er darauf,
Der gewaltige Theseus. – Opferdienst
Ruft ihn; den Gott Poseidon feiert,
Des feurigen Rosses Schöpfer und Zähmer,
Den Schützer der waidenreichen Flur,
Die Gemeinde Kolonos, hoch ist das Fest,
Der König des Landes darf nicht fehlen,
Er drückt dem besorgten Oedipus
Die Hand und scheidet auf kurze Zeit.

Kaum ist er hinweg, so hört man Schritte
Und der gefürchtete Kreon kommt.
Mit sanften Worten, mit Heuchelrede
Beginnt er, des Mitleids rührende Töne
Bietet er auf; Gesandter sei er
Des tiefbedauernden Volks von Thebä,
Als naher Verwandter auserwählt,
Weil er als solcher besonders innig
Mitfühlen müsse des Königs Loos.
Ueberreden, rathen und bitten:
Dahin laute sein Auftrag nur.
Auch Antigone's Schicksal sei ja
Nur zu beklagen, die Jungfrau sei doch
Starken Entbehrungen und Gefahren
Als weibliches Wesen ausgesetzt;
Um ihretwillen allein schon sei es
Räthlich und Pflicht, der trauten Heimath
Schützendes Obdach wieder zu suchen.

Das alte Feuer, es lodert auf
Im Ungetäuschten, die schönen Worte
Entlarvt er mit der geraden Wahrheit,
Die spätnachhinkende Gleißnergüte
Verschmäht er, die Falle, die schlaugestellte,
Stößt er hinweg und heißt ihn gehen,
Den lockenden Jäger, der sie gestellt.

Kreon erhitzt sich, des Herzens böse
Meinung, sie bricht ihm nackt heraus.
Kein Mitleid wohnet in seiner Brust,
Er verachtet den Alten, den Bettelarmen,
Nicht hat er verziehen die alte Schuld,
Die schwergebüßte, und nie bedacht,
Was über den Menschen kommen kann:
Nicht Unglück nur, nicht wirkliche, klare
Verschuldung blos, nein, geisterhaftes
Zwielicht, daß er sich lebenslang
Entsetzliche Schuld vorrücken muß,
Quelle von unnennbarem Leiden,
Schuld, die zugleich auch nicht Schuld ist,
Zubereitet und hingelegt
Unter die Füße auf den Weg,
Als hätten Dämonen sich verschworen,
Mit höllischem Zauber den leeren Zufall
Zur Schlinge, zum heimlichen Netz zu bilden.
Solches Gespinnst, er versteht es nicht,
Denn er gehört zu den Selbstgerechten,
Die da meinen, weil sie ja selber
Ordentlich immer durchgekommen,
Haben sie Götterlohn verdient;
Er gehört zu den weisen Meistern,
Die nicht weiter, als Schwarz und Weiß
Unterscheiden und kein Helldunkel
Kennen und keine finstern Tiefen,
Worin des forschenden Denkers Senkblei
Den Dienst verweigert, so daß er schweigt
Und Eines beschließt: Verzeihung, Mitleid!
Und er gehört auch zu den Beglückten,
Die mit dem Räthsel sich nie geplagt,
Wie es komme, daß kein Mensch jemals
Schuldlos wandelt und Schuld doch Schuld bleibt.

Unbarmherzig rückt er dem Blinden
Die alten grausen Thaten vor,
Nimmer, so ruft er mit harter Stimme,
Nimmer könne die Stadt Athen,
Wo auf des Ares heiligem Hügel
Zu Gerichte die ernsten Greise sitzen,
In ihrer Nähe die gröbsten Frevler,
Blutschänder und Vatermörder dulden.

Frei und ganz, wie es nie gelungen
In des Elends langen, lähmenden Jahren,
Freier und heller als vorhin noch,
Als er die scheuen Bürger mahnte
An des Unglücks Heiligkeit,
Hebt sich empor aus Zweifels Wirren,
Verstörendem Wirbel des Ja und Nein
Die gefolterte Seele des Oedipus.
»Schuldfrei bin ich, schuldig ist nur,
Wer mit Wissen und Wollen Uebles gethan.
Des Vaters Geist selbst, könnt' er zum Lichte
Wiederkehren, er spräche mich frei.
Wer zum Schritt nur den Fuß erhebt
Und niedersetzt, zertritt auch Leben,
Und wär' es das Leben des Wurmes nur,
Der gerne wie jedes Geschöpf doch lebt.
Handle: du wirst auch schaden und fehlen.
Bin ich schuldig, es trifft mich nur
Die menschliche Schuld, die allgemeine,
Vertheilt an alle Geschlechter und Zeiten,
Die in des Daseins erdiger Wurzel
Den tiefen, dunkeln Grund hat.
Blind ist der Mensch; ist Blindheit Schuld.
So hab' ich sie selbst genug bestraft,
Als ich die Blindheit strafte mit Blendung,
Und habe genug durch euch gelitten,
Selbstsüchtige, mitleidlose Seelen!
Aber ich hoffe, sie sind mir gnädig,
Die strengen Wesen im Schlund der Erde,
Und haben dem Dulden ein Ziel beschlossen
Und werden vor deiner Faust mich hüten.
Dir aber und denen, die dich senden,
Dem Volke von Thebä, das ich beherrscht
Und wie ein Vater geliebet habe,
Den Söhnen, die sich im Bruderkrieg
Zerfleischen wollen, euch allen droht,
Die ihr mich grausam vertrieben habt
Und grausam zurück nun zwingen wollt,
Euch droht, ich fürcht' es, ich wünsch' es nicht,
Von den hehren Rächerinnen der Schuld
Unabsehliches Strafgericht.«

Wir wollen es sehen, ob sie dich schützen,
Ruft der Gereizte und giebt ein Zeichen.
Im Dunkel des Waldes lauert schon
Bewaffnete Mannschaft, stark an Zahl;
Aus Thebä hat er sie mitgeführt
In's nicht gewärtige Nachbarland.
Sie stürzen hervor und reißen die Töchter
Vom Vater hinweg; die erschrocknen Bürger
Wehren mit nackten Armen umsonst;
An Hilfe gebricht's, beim Feste draußen
Weilt der Gemeinde rüstige Männerschaar;
Sie sind Bejahrte, die Kraft versagt,
Und nichts vermag der treue Philophron,
Auch er ein Bejahrter; das Schwert entreißt ihm,
Das rasch gezückte, der starke Feind.
Hilflos wehklagend muß es der Vater
Dulden, daß man die Kinder ihm
Hinwegschleppt, ja der Verlaßne selbst
Fühlt am Arme sich schon gepackt
Und glaubt sich in Thebä schon zu sehen,
Von nickenden Köpfen begrüßt, begafft.

Es brennt die Gefahr, des böotischen Landes
Grenze ist nah, dort werden die Räuber
Die köstliche Beute, des Segens Bürgschaft,
Bald in gesicherter Obhut bergen.

Gelähmt vom Gefühle der Ohnmacht stehen
Die kolonischen Bürger, steht Philophron,
Wehmuthvoll thatlose Betrachter,
Wie man dem Armen das letzte Gut
Der späten Tage, die letzte Stütze
Hinwegrafft und zum schrecklichen Schluß
Die Hand der Gewalt an ihn selber legt,
Und Philophron, müde von so viel
Dunkeln Schlägen des Menschenschicksals,
Haucht in die Lüfte das trübe Wort:

Ist es an dem und steht es also
Um das Leben der Menschenkinder,
Kann man so schuldlos schuldig werden,
Häuft sich für Schuld, die nicht Schuld ist,
So unerträglich des Leidens Maß,
Toben die Stürme, toben die Wogen
So wuthgrimmig von allen Seiten,
So sag' ich: der Wünsche größter ist,
Nicht geboren zu sein
Oder dahinzugehen bald,
Woher du gekommen.
So lange die Jugend grünt und blüht
Leichten, thörichten Sinnes voll,
Wer lebt ohne Bekümmerniß?
Keuchende Hetze der Leidenschaft,
Mord und Hader, Aufruhr, Kriegskampf,
Neid und Haß sind deine Gefährten,
Und am düsteren Ende naht
Das Alter, trostlos öd, an Freunden
Verarmt, der Mitwelt fremd,
Wenn's gut noch geht, leicht aber zuletzt noch
Weh ans Weh zu Bergen gethürmt.

Da klirrt's im Gebüsch, da schimmert ein Helm,
Eine gewaltige Stimme befiehlt
Ruh' und Frieden, und leuchtend tritt,
Als schwebte ein Gott vom Himmel nieder,
Theseus in den geängsteten Kreis.
Ihm hatte mitten im Opferfest
Plötzliche Ahnung gepocht an's Herz,
Es war, als triebe ein Geist ihn fort,
Von fernher hat er den Lärm des Streits,
Die klagenden Rufe schon vernommen.
Er fragt, man berichtet, was da geschehen,
Was noch Wilderes jetzt im Werk ist,
Mit dürftigem Vorwand mühet sich
Kreon, die schlechte That zu begründen.
Eilende Boten sendet der König
Zur Festversammlung, die Männer dort
Sollen im Nu die Rosse besteigen,
Dem Kreon gebeut er: fort mit mir!
Du sollst selber den Weg uns zeigen,
Auf dem sie geflohen, die Mädchenräuber,
Und mit verhängten Zügeln sollen
Die rettenden reisigen Jäger sprengen!
Und den Erbleichten mit sich zwingend
Eilt er den eilenden Boten nach.

Zu Zeus empor, dem Herrscher des Alls,
Zu Pallas Athene, zum hohen, schlanken
Waidmann Phöbos und seiner Schwester,
Der windschnellfüßigen Artemis
Steigen Gebete aus tiefer Brust,
Von bebenden Lippen in der bangen
Zeit des Wartens, deren Minuten
Aeonen gleich der zitternde Vater,
Der Zeugen klopfende Herzen zählen.

Und siehe! Die Jungfrau'n an der Hand,
Mit strahlenden Augen, hochbeglückt
Von dem Glück, das er bringen kann,
Die Wangen geröthet von der Freude,
Als ehrlicher Mann sein Wort zu halten,
Steht Theseus vor dem tiefauf-
Athmenden Greis und legt ihm die Kinder
In die Arme, die sehnlich ausgestreckten.
Innig umschlungen ruhen sie
An seiner Brust. So ganz unselig,
Ruft er, da ich mein Liebstes halte,
Kann mein Ende nun nicht mehr werden,
Und bittet die Götter, daß sie dem Lande,
Das sie noch ehret und edle Milde
Pflegt und Treu' und Wahrhaftigkeit,
Alles schenken, was er ihm wünscht,
Und greift nach des Retters Hand und freut sich,
Daß er sie noch berühren darf,
Und möchte das Haupt ihm dankend küssen
Und waget es kaum, doch Theseus drückt ihm
Herzlich die Hand und nimmt den Helm ab
Und beut ihm das Haupt zum Kusse hin.

Horch! ein mächtiger Donnerschlag!
In Schrecken und Ehrfurcht schweigen Alle,
Aber der Greis spricht hell und fest:
Die Stimme des Donnergottes ruft,
Es ist Zeit, ich bin bereit!
Und er beginnt aus der Töchter Armen
Sanft und langsam sich zu lösen.
Wieder ein Blitz und Donnerschlag,
Die Erde bebet, die Hörer beben.
Ein dritter Schlag, in Gewitternacht
Liegt begraben die Welt umher.

Aber ein inneres Licht geht auf
In Oedipus' Geist. Er schaut die Stelle
Im Dunkel des Eumenidenhains,
Wo zu sterben ihm nun gegönnt ist,
Als hätte er Augen, sie zu sehen.
Für Pilger, die ihn betreten wollen,
Ist ein reinigend Bad bereit
Am Saume des Hains, wohin des Kephissos
Lebendige Wasser geleitet sind;
Bekränzte Krüge zu Opferspenden
Stehen dabei, nicht ungeweiht
Soll irdischer Leib dem Geheimniß nahen.
»Dorthin geht und beschickt mir neues
Gewand und lasset es dort mich finden,«
Sagt er den Töchtern. Sie folgen traurig.

Während er wartet, springt von der Seele
Auch die Binde der Zeit entzwei,
Auch in die Zukunft kann er schauen:
Was sie bezeugen, was sie verbürgen,
Die Blitze, die rollenden Donnerschläge,
Er ahnt es nicht nur, es ist ein Wissen;
Vor dem geöffneten innern Auge
Breitet sich lichthell aufgeschlagen
Das Bild der Blüthe des attischen Landes,
Das ihn beherbergt, das ihn beschützt
Und sein heiliges Grab umhegt.
Auf blutiger Wahlstatt wird gerungen,
Auf schäumenden Wogen drängt sich krachend,
Blitzend von Waffen Kiel an Kiel,
Helden kämpfen für Weib und Kind,
Für der Götter geweihte Stätten,
Barbarischen Feindes Stolz und Pracht
Liegt und schwimmt in Trümmern umher.
Neues Leben entsproßt dem Boden,
Der mit so theurem Blut getränkt ist,
Marmorne Hallen steigen empor,
Göttergebilde von Künstlerhand,
Majestätisch und anmuthvoll,
Schauen hernieder auf ihr Volk,
Am prangenden Fest in heitrem Wettstreit
Tummeln sich um den Siegerkranz
Jünglinge, schön und schlank und gewandt
Wie Hermes selbst, ihr göttliches Vorbild.
Der Lyra melodische Töne tragen
Begeisterter Dichter Hochgesang.
Masken sieht er auf hoher Bühne
Wandeln, des Lebens ernsten Sinn
Spiegeln sie ab vor staunenden Augen,
Tausend und aber tausend Herzen
Klopfen und beben, und ach! sein eignes
Trübes, beweintes Ebenbild
Glaubt er zu schauen wie im Traum.
Aber ein Friede wehet ihn an,
Wie er im Schatten naher Platanen
Stille Gestalten gehen sieht,
Sinnende Männer, tief in Gedanken,
Welche der Weisheit göttlichen Samen
In die empfänglichen, reinen Seelen
Ringsum horchender Jünger streu'n.
Wer ist das Haupt mit der hohen Stirn?
Mit Blicken der Andacht hängen die jungen
Augen an ihm, von hohen Dingen,
Von der Seele Geburt aus himmlischer Lichtwelt
Spricht er, und wie sie ewigen Urbilds,
Das sie geschaut vor aller Zeit,
Mitten im Staubkleid sich erinnre,
Wie sie vom Schein sich lernend befreie
Und mit dem Wesen Eines werde.
Oedipus kennt ihn nicht, doch dünkt ihm,
Er höre den Namen Plato nennen.

Das Bad ist gerüstet; der Greis vernimmt's,
Nickt und dankt mit verklärten Zügen,
Steht auf und schickt zum Gehen sich an.
Man will ihn führen, jegliche Hilfe
Lehnet er ab und bittet freundlich,
Daß sie nach kurzer Zeit ihn suchen,
Zu empfangen sein Lebewohl,
Und schreitet hinweg mit sicheren Tritten
Wie in den Jahren der vollen Kraft,
Als ihm die Augen den Weg noch zeigten.

Schweren, erwartungsvollen Herzens
Haben die Töchter, die Freunde geharrt:
Wie sie sich nähern, steht er vor ihnen
Fest und aufrecht,
Ein weißer Mantel wallt in großen
Falten von seiner Schulter herab,
Hoch und frei auf nervigem Nacken,
Nicht gesenkt mehr trägt er das Haupt,
Die Brust ist gewölbt, nichts Müdes und Schlaffes
Ist an der ganzen Gestalt zu sehen.

Ein Dröhnen tönt aus dem Erdenschoß,
Die Töchter beben, umfassen schluchzend
Des Vaters Kniee, an seine Brust
Hebt er sie auf und die Stimme beherrschend,
Die ihm vor Wehmuth brechen will,
Sagt er: von heut an, arme Kinder,
Habt ihr keinen Vater mehr!
Die Klage verhaucht in tiefen Seufzern,
Das letzte Haben genießen sie stumm
Verflochten, als könnte sie niemand scheiden.

Da hören sie rufen eine Stimme:
Oedipus, komm', nicht länger zögre!
Keine Zunge benennt's, kein Wort besagt es,
Wie wunderbar der Laut erklang,
Wie hocherhaben und doch wie huldreich;
Ruft es von oben? ruft es von unten?
Ruft es von draußen? Von hier? Von dort?
Kein menschliches Ohr kann hören, woher,
Zu eng sind die Sinne für solchen Laut.

Eines hat er auf Erden noch,
Der willige Aufgebotne, zu thun.
Mit andrem Vertrauen, als zur Zeit,
Da er sie Kreon anbefahl,
Uebergiebt er die Töchter nun
Dem treuen Theseus, innig bittend,
Daß er ein zweiter Vater sei
Den Armen, bald nun ganz Verwaisten;
Und Theseus, nicht zu schwören gewohnt,
Dießmal in dieser Schicksalsstunde
Gelobt er Treue mit hohem Eid.
Und Philophron, der alte Freund,
Giebt sich als seines Willens Werkzeug,
Als stetiger Pfleger in seinen Dienst,
Um nimmer die Einsamen zu verlassen.
»Ihr müßt jetzt scheiden, ihr dürft nicht folgen!
Ertraget es, Kinder, mit starkem Sinn!
Du nur, Theseus, Haupt des Landes,
Darin ich für immer ruhen soll,
Du, von den Göttern auserkoren,
Mir die letzte Liebe zu thun,
Darfst des Kommenden Zeuge sein.«

Der letzte Kuß, die letzte Umarmung –
Der Töchter Trost, den treuen Philophron
Noch einmal dankbar an's Herz gedrückt,
Und das schwere Scheiden, es ist vollbracht.

Im heiligen Oelwald ist ein Schlund,
Dem rauhen Rande hat Menschenkunst
Die Form der ehernen Schwelle gegeben,
Aber zum Eintritt ladet sie nicht,
In unergründliche Tiefen führt
Die nächtliche Kluft, die Schwelle des Hades
Ist die Stufe von Erz benannt.
Dort wohnen in unerforschtem Dunkel
Die ernsten Wesen, die Rächerinnen,
Versöhnt und gnädig dem frommen Volke
Seit dem Tag des Orestesgerichts
Und mild gesonnen, zu furchtbar nicht,
Nicht in's Grenzenlose zu strafen
Entschuldbare und bereute Schuld:
Herrlicher Gaben sind sie mächtig,
Sie können martern, sie können segnen.

Dorthin wendet sich Oedipus.
Noch ist kein Wanken an ihm zu sehen,
Vorwärts geht er mit jenen Schritten,
Wie er als König einst gegangen
An heiligen Tagen, wenn er zum Opfer
Voran dem festlichen Zuge schritt.
Doch hört man die festen Tritte nicht,
Es ist, als schwebt' er, leise wehen
Des weißen Mantels bewegte Falten;
Es ist, als ob er dem Geisterreich,
Dem seligen, jetzt schon angehörte,
Den heiligen Schatten, die nicht leben,
Doch in der Geisterwelt ewigen Hallen
Ewig licht und lebendig sind.

Ihm an der Seite zu bleiben scheut sich
Der Heldenkönig von Attika,
Kürzeren Schrittes folgt er stumm
Der ehrfurchtwerthen Erscheinung nach.

Gehorsam ferne weilen die Drei,
Vom Haine die Häupter abgewendet,
Von unnennbarer Bewegung zitternd,
Bis sie die Zeit gekommen glauben,
Zu nahen und in das dämmernde Dickicht
Durch die verwachs'nen Aeste die scheuen,
Bangen Blicke hineinzusenden.

Vorgebeugt, vorstreckend das Haupt,
Mit den Händen die Augen sich deckend
Sehen sie Theseus stehen, geblendet,
Ueberwältigt von nie geseh'nem,
Fremdem, unaussprechlichem Licht.
Und wie es verblaßt und langsam schwindet,
Sinkt er mit ausgebreiteten Armen
Nieder, als wollt' er den Boden fassen,
Und betet.
Was er gesehen, er hat es keiner
Seele gesagt, und wollt' er es sagen,
Er könnt' es nicht.
Aber die laut wehklagenden Töchter
Tröstet er herzlich. Sünde ja wär' es,
Sprach er, fort und fort zu bejammern
Den Vater, der zu den Schatten stieg
Freudig, dem seligen Ende zu.

Feierlich sinkt die Sonne hinab,
Purpurgluth ist ausgegossen
Ueber die Höhen, über die Flächen,
Ueber die Wasser, über die Lande.
Sie löst sich gemildert in zartes, feines
Rosenroth, die graulichen Wipfel
Des Eumenidenhains erblühen
Wie von warmem himmlischem Gruße
Verklärt; ein sanftes Flüstern geht
Durch das Gezweig, der einzige Laut ist's,
Den man vernimmt. Ein stiller Friede
Breitet sich über Berg und Thal.
In lichtdurchdrungenem Aether schwimmt
Die selige Welt.

Friedrich Theodor Vischer



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Gedichte: Tragik

01.01.2013 um 12:39

Zwölfter Gesang

Turnus erkannte, daß seine Latiner gebrochen, entmutigt,
abgekämpft waren, daß ihre Blicke jetzt Einhaltung seines
Wortes verlangten. Ohnehin drängte er feurig zum Zweikampf,
fühlte noch wachsen den Mut. Wie ein Löwe im Lande der Punier,
schwer von den Jägern bereits in der Brust verwundet, zum Kampfe
nunmehr erst recht sich entschließt voll grimmiger Freude, die Mähne
schüttelt vom kraftvollen Nacken, furchtlos des listigen Schützen
haftenden Jagdspieß zerbricht und aufbrüllt aus blutrotem Rachen,
ebenso fing die Kühnheit des Turnus nur heftiger Feuer.
Ungestüm richtete er an den König folgende Worte:
»Turnus kennt kein Zögern. Kein Anlaß nötigt das feige
Volk des Aeneas zum Widerruf oder zum Bruch der Verträge.
Antreten will ich zum Zweikampf. Opfre denn, Vater, und schließe
gleich den Vertrag! Ich werde den Dardaner, Flüchtling aus Asien,
hier mit der Rechten zum Tartarus schicken – Zuschauer seien
alle Latiner! Ich tilge, allein, die Schande des Volkes,
oder er schalte als Sieger, werde Lavinias Gatte!«

Antwort erteilte, gelassen und ruhig, ihm König Latinus:
»Ausnehmend mutiger Held, je stärker du selber in kühnem
Trotze dich steigerst, desto bedächtiger muß ich zu Rate
gehen mit mir und sorglich jede Entwicklung bedenken.
Untertan ist dir das Reich des Daunus, des Vaters, noch viele
andere Städte gewannst du – Gold habe ich selber und gebe
gerne davon. Es gibt in Laurentum und Latium andre
Mädchen, auch adliger Herkunft. Mir fällt nicht leicht die Eröffnung –
lasse mich ehrlich sie aussprechen, nimm sie dir gründlich zu Herzen:
Keinem der früheren Freier durfte die Tochter ich geben,
sämtliche Götter und Menschen bestätigten diese Verpflichtung.
Aber aus Liebe zu dir, mit Rücksicht auf die Verwandtschaft
meiner Gemahlin und deren Tränen, zerriß ich die Bindung,
nahm ich Aeneas die Braut und ergriff die Waffen, zu Unrecht.
Was ich an Unglück seitdem, an Kriegen erlitten, mein Turnus,
siehst du, auch was du selber vor allen an Mühsalen ausstehst.
Zweimal entscheidend geschlagen, nähren wir kaum in der Hauptstadt
Hoffnungen noch, warm fließt das Wasser des Thybris von unsrem
Blute, auf riesigen Schlachtfeldern bleichen Gebeine von Toten.
Weswegen schwanke ich so oft? Raubt den Verstand mir der Wahnsinn?
Bin ich zum Bündnis bereit nach dem Tode des Turnus, dann sollte
lieber den Kampf ich beenden, solange er aufblickt zur Sonne!
Die uns verwandten Rutuler, ganz Italien – was sagen
sie, wenn ich dich, der du meine Tochter zur Gattin erbittest,
umbringen ließe – möge das Schicksal mein Wort widerlegen!
Schau auf dein sinkendes Kriegsglück, erbarme dich deines betagten
Vaters, der ferne im heimischen Ardea kläglich sich abhärmt!«

Aber der heftige Stolz des Turnus ließ sich nicht beugen,
höher nur lohte das Flammenmeer bei dem Versuch, es zu löschen.
Antwort erteilte der Held, sobald er zu sprechen vermochte:
»Brauchst dich nicht länger so eifrig zu sorgen um mich, mein verehrter
Vater, ich bitte dich, laß mich den Ruhm mit dem Tode bezahlen!
Ich auch, mein Vater, schleudere kraftvolle Speere mit meiner
Rechten, es bluten auch Wunden, die ich dem Gegner geschlagen.
Fernbleiben wird ihm die göttliche Mutter, nicht weibisch sein Fliehen
decken mit Wolkendunst, nicht ihn verbergen in windigem Schatten!«

Aber die Fürstin, entsetzt vom Gedanken des Zweikampfes, wollte
weinend, in Todesängsten, den Eifer des Schwiegersohns hemmen:
»Turnus, bei meinen Tränen, und sollte die Ehre Amatas
innig dich rühren – du bist jetzt die einzige Hoffnung im Alter,
Stätte der Ruhe im Elend; die ruhmreiche Macht des Latinus
stützt sich auf dich, auf dir nur beruht die schon wankende Heimstatt.
Eines erflehe ich: Kämpfe nicht länger gegen die Teukrer!
Jeglicher Schlag, der in diesem Kampf auf dich wartet, er wartet,
Turnus, auf mich auch. Ich scheide mit dir aus dem elenden Leben,
will als Gefangene nicht Aeneas als Schwiegersohn sehen!«

Weinend vernahm Lavinia auch die Klage der Mutter,
netzte mit Tränen die glühenden Wangen. Schamgefühl schürte
heftig die innere Glut ihr und rötete brennend das Antlitz.
Wenn man dem indischen Elfenbein blutrote Purpurglut aufzwingt,
wenn aus tiefroten Rosen weiße Lilien leuchten,
wirkt es so stark wie die Farben damals im Antlitz Lavinias.

Liebe verwirrte den Helden, er blickte gebannt auf das Mädchen.
Hitziger nur erstrebte er noch den Zweikampf und sagte
kurz zu Amata: »Mit Tränen, Mutter, und Worten so bittrer
Vorahnung darfst du mich nicht auf den Weg zum Schlachtfeld geleiten!
Turnus vermag sich nicht einen Aufschub des Todes zu wählen.
Idmon, folgende Botschaft melde dem phrygischen Herrscher,
die ihm doch schwerlich gefällt: Wenn morgen am Himmel Aurora
naht auf dem purpurnen Wagen und rötlich schimmert, dann möge
nicht er die Teukrer gegen die Rutuler führen! Die Waffen beider
sollen jetzt ruhen, wir wollen den Krieg durch Zweikampf entscheiden.
Derart wollen wir nun um die Hand Lavinias werben.«

Darauf begab er sich eilig zur Wohnung und ließ sich die Pferde
vorführen. Freude empfand er beim Anblick der wiehernden Rosse,
die Oreithyia als Prachtgeschenk einst dem Pilumnus verehrte;
Schnee übertrafen an Glanz sie, an Schnelligkeit aber die Winde.
Rührig betreuten die Lenker die Tiere, beklopften mit hohlen
Händen kräftig die Brust und striegelten eifrig die Mähnen.
Seinen von Gold und Messing funkelnden Brustpanzer legte
er sich danach um die Schultern, griff auch zur Probe nach seinem
Schwert, nach dem Schild und den Hörnern des tiefrot leuchtenden Helmbuschs.
Selber hatte der Gott des Feuers die Klinge dem Vater
Daunus geschmiedet, getaucht in die Styx das glühende Eisen.
Anschließend packte er kraftvoll die wuchtige Lanze, die mitten
in dem Gemach an die riesige Säule sich lehnte – er hatte
sie vom Aurunker Aktor erbeutet –, er ließ sie im Schwingen
zittern und rief: »Du, Lanze, die niemals umsonst ich gerufen,
nunmehr naht die entscheidende Stunde! Dich führte Held Aktor,
heute die Rechte des Turnus. Laß mich den phrygischen Zwitter
werfen, mit starker Faust ihm den Panzer entreißen, in Stücke
schlagen die Rüstung, seine mit Brenneisen zierlich gelegten,
weibisch von Myrrhenöl triefenden Haare durch Staubwolken schleifen!«
Wütend rief er die Worte, es schien, als sprühe sein Antlitz
Funken, als loderten Flammen in seinen grimmigen Blicken.
Ebenso brüllt ein Stier vor Beginn des Kampfes entsetzlich,
läßt mit den Hörnern die rasende Wut durch kräftige Stöße
tobend an Baumstämmen aus, sucht stoßend die Winde zu reizen,
wirbelt, noch kurz vor dem Angriff, Sandschwaden hoch in die Lüfte.

Ebenfalls grimmig erprobte Aeneas die Waffen, die seine
Mutter ihm gab, und steigerte sich hinein in die Kampfwut,
froh der Gelegenheit, durch Vertrag den Krieg zu beenden,
tröstete auch die Gefährten und seinen bedrückten Iulus,
wies auf das Walten des Schicksals sie hin. Dem König Latinus
ließ er die Zustimmung und die Vertragsbedingungen melden.

Als dann der kommende Tag sein Licht auf die Bergkämme sprühte,
zu der Stunde, in der die Sonnenrosse aus tiefem
Meeresgrund tauchen und Flammen aus den erhobenen Nüstern
schnauben, da steckten die Rutuler schon und die Teukrer den Kampfplatz
ab vor den Mauern der Hauptstadt, errichteten dann in der Mitte
Rasenaltäre und Feuerbecken für alle von ihnen
angerufenen Götter. Feuer und Quellwasser brachten
Opferdiener im Schurz, bekränzt mit heiligen Kräutern.
Dicht geschart aus den Toren rückte das Heer der Ausonier,
Wurfspieße fest in den Händen. Jedoch auf der anderen Seite
zogen Tyrrhener und Troer heran mit verschiedenen Waffen,
stählern gerüstet, als riefe sie Mars zu grausamem Kampfe.
Unter den Tausenden tummelten sich geschäftig die Fürsten,
zeichneten sich durch Waffenschmuck aus in Gold und in Purpur,
Mnestheus vom Stamm des Assarakos und der tapfre Asilas,
dort Held Messapus, der Rossebändiger, Sohn des Neptunus.
Nach dem Kommando begaben auf ihre Posten sich alle,
stießen die Lanzen ins Erdreich und lehnten die Schilde dagegen.
Nunmehr besetzten schaulustig unbewaffnete Bürger,
Mütter und kraftlose Greise die Türme und Hausdächer. Andre
hatten sich Plätze zum Ausguck gesucht an den ragenden Toren.

Hoch von dem Gipfel, den wir als Albanerberg heute bezeichnen –
namenlos war er noch damals, genoß nicht Ruhm und nicht Ehre –
richtete Juno fernher den Blick auf den Kampfplatz, auf beide
Heere, Laurenter wie Troer, sowie auf die Stadt des Latinus,
wandte sich dann an die Schwester des Turnus, die Göttin an eine
Nymphe, die Seen und rauschenden Flüssen als Herrin gebietet –
Jupiter hatte, der würdige König des Äthers, ihr diese
Stellung gewährt, zum Dank für das Mädchentum, das er ihr raubte –:
»Nymphe, du, Zierde der Ströme, mir teuer vor allen, ganz sicher
weißt du: Von jenen latinischen Frauen, die mit dem erhabnen
Jupiter schliefen, ohne ein Zeichen des Dankes zu ernten,
schätzte ich dich am höchsten, vergönnte den Platz dir im Himmel.
Hör jetzt, Juturna, das Bittre, damit du es mir nicht noch vorwirfst!
Als noch Fortuna, mit ihr auch die Parzen, Latium offen
Vorteile ließen, beschützte ich Turnus, die Stadt auch der Deinen.
Auf überlegene Schicksale sehe den Helden ich heute
stoßen, ihm naht die letzte, die feindliche Stunde der Parzen.
Niemals mitansehen kann ich den Kampf hier, auch nicht den Vertragsschluß.
Willst du für deinen Bruder noch etwas Hiflreiches wagen,
bitte, du darfst es! Das bessert vielleicht noch die Lage der Armen.«
Tränen vergoß Juturna bei diesen Worten der Göttin,
schlug mit den Händen sich dreimal und viermal die reizenden Brüste.
Doch die Saturnierin mahnte: »Die Stunde gestattet kein Weinen.
Schnell jetzt, entreiße, soweit noch möglich, den Bruder dem Tode!
Oder schüre den Kampf und zerstöre den Bund, den man abschloß!
Ich unterstütze das Wagnis.« So mahnte sie, ließ dann Juturna
einsam zurück, noch schwankend, verwirrt vom bitteren Kummer.

Aber jetzt kamen die Fürsten. Die hohe Gestalt des Latinus
rollte auf einem Vierspänner vor; sechs goldene Strahlen
schmückten als Krone ihm funkelnd die Schläfen, ein Wahrzeichen seines
Großvaters Sol. Auf weißem Zweispänner folgte ihm Turnus,
schwang in der Hand zwei Lanzen mit breiter stählerner Spitze.
Vater Aeneas, der Ahnherr der Römer, nahte vom Lager,
sternenhell glänzten sein Schild und seine göttlichen Waffen.
Neben ihm schritt Ascanius, zweite Hoffnung der Weltstadt
Rom. Ein Priester in weißem Gewande brachte ein Ferkel,
Junges der borstigen Sau, und ein Lamm mit vollständigen Zähnen,
trieb zum Altare sie hin, auf dem das Feuer schon brannte.
Ostwärts, zum Licht der steigenden Sonne, blickten die Fürsten,
streuten das Salzschrot, stutzten mit Messern das Stirnhaar der Tiere,
gossen dann auf den Altar den Wein aus Schalen zur Spende.

Darauf begann mit gezogenem Schwert der fromme Aeneas:
»Zeugen meines Gebetes seien die Sonne und dieses
Land hier, um dessentwillen so vieles ich aushalten mußte,
du auch, allmächtiger Vater, und deine Gemahlin – du, Göttin,
schenk mir doch endlich, endlich Gnade! –, auch du, hochberühmter
Mars, der du sämtliche Kriege, Vater, verantwortlich leitest;
Quellen und Flüsse auch rufe ich an und die Heiligkeit dieses
machtvollen Äthers, euch Gottheiten auch des blaugrauen Meeres:
Sollte das Schicksal den Sieg dem Ausonier Turnus verleihen,
ziehen, getreu dem Vertrag, die Besiegten zur Hauptstadt Euanders,
räumt auch Iulus das Feld, ergreifen niemals die Troer
aufsässig Waffen und ziehen gegen das Reich hier zu Felde.
Aber gewährt Victoria uns den glücklichen Ausgang –
wie ich es hoffe und wie auch die Götter es eher versichern –,
will ich den Teukrern niemals Italer untertan machen,
auch nicht selber die Macht erstreben; in Freiheit, mit gleichen
Rechten, so sollen sich beide Völker auf ewig verbünden.
Götter und Kulte gewähre ich. Schwiegervater Latinus
übe die Macht, wie gewohnt, in Frieden und Krieg. Die Trojaner
werden die Hauptstadt mir bauen, den Namen Lavinia ihr geben.«

Dies gelobte Aeneas, als erster. Ihm folgte Latinus,
blickte zum Himmel auf, streckte die Rechte empor zu den Sternen:
»Ich auch, Aeneas, beschwöre das. Erde und Meer und Gestirne
seien mir Zeugen, die Zwillinge Letos, Janus mit seinem
doppelten Antlitz, das Unterweltsreich des grausamen Pluton;
höre der Vater mich auch, der durch Blitzstrahl Bündnisse heiligt.
Hier die Altäre berühre ich, rufe inmitten der Heere
Feuer und Götter: Nie werden Italer den Friedensbund brechen,
was auch geschehe. Keine Gewalt soll meine Entscheidung
ändern, nicht, wenn sie mit furchtbaren Sintfluten unsere Erde
ganz überschwemmte, den Himmel sogar in den Tartarus stürzte,
niemals, so wahr dies Zepter« – er hielt den Stab in den Händen –
»schwerlich noch Laubspitzen treibt und schattiges Buschwerk hervorbringt,
wo es nun einmal, im Walde vom nährenden Baumstamm geschnitten,
wurzellos ist, durch die Schneide das Laub verlor und die Äste;
ehemals war es ein Baum, jetzt umschloß es der Künstler mit schöner
Bronze und gab es zum Zeichen des Amts den latinischen Herrschern.«

Derart beschworen, im Kreis und unter den Augen der Fürsten,
sie miteinander das Bündnis. Dann ließen, nach heiligem Brauche,
Opferblut sie aus den Kehlen ins Feuer verströmen, sie nahmen
aus die noch lebenden Tiere, beluden die Schüsseln des Herdes.

Aber die Rutuler hielten den Zweikampf schon lange für ungleich.
Widerspruchsvolle Gefühle beeinflußten sie um so stärker,
als sie von nahem die unterschiedlichen Kräfte er kannten.
Ihre Befürchtungen nährte noch Turnus, der still zum Altare
trat und ihm flehend, gesenkten Blickes, Ehrfurcht bezeigte,
vollkräftig männlich die Wangen, doch blaß trotz rüstiger Stärke.
Nymphe Juturna bemerkte das Murren der Menge, das ständig
zunahm, bemerkte ihr Zweifeln und Schwanken. Da trat sie, zur Täuschung
in der Gestalt des Camers, unter die Mannschaften – Camers
stammte aus altem Adel, Ruhm folgte der Tüchtigkeit seiner
Ahnen, er selber bewährte sich als ein tatkräftiger Kämpfer –;
wohl sich bewußt der eigenen Mittel, begann sie Gerüchte
auszustreuen, verschiedener Art, in folgendem Sinne:
»Schämt ihr euch, Rutuler, gar nicht, ein einziges Leben anstelle
aller so tapferen Männer zu opfern? Sind wir an Kräften
ihnen und Zahl nicht gewachsen? Da stehen sie sämtlich, Arkader,
Troer, Etrusker dazu, ›nach dem Schicksal‹ die Feinde des Turnus.
Kämpften zur Hälfte wir nur, wir hätten nicht einmal je einen
Gegner. Den Turnus dürfte sein Ruhm zu den Göttern erhöhen,
deren Altären er tapfer sich weiht, und unsterblich ihn machen.
Aber wir leisten, der Heimat verlustig, zwangsweise, stolzen
Herren Gehorsam – und lagern jetzt ohne Handschlag im Felde!«

Derlei Gedanken ließen den Mut der Jungen entflammen,
stärker und stärker grollte das Murren von Heerschar zu Heerschar.
Umgestimmt wurden die meisten Laurenter sogar und Latiner.
Wer sich schon Ruhe vom Kampf und Gedeihen der Heimat erhoffte,
wünschte jetzt Krieg und wollte das Bündnis für nichtig erklären,
spürte auch Mitgefühl für das traurige Schicksal des Turnus.

Wirksamer griff Juturna noch ein: Vom Himmel hernieder
gab sie ein Zeichen, das stärker als jemals ein andres Verwirrung
bei den Italern stiftete, sie wie durch Zauber betörte.
Flog doch am rötlichen Himmel Jupiters braungelber Adler,
scheuchte dabei die Vögel vom Ufer in rauschenden Schwärmen
flatternder Schwingen. Plötzlich stieß er herab auf die Wellen,
packte raubgierig einen stattlichen Schwan mit den Fängen.
Heftige Spannung ergriff die Italer. Sämtliche Vögel
flohen nicht länger, sie kehrten zurück – ein Anblick zum Staunen –,
schreiend, verfinsterten mit den Schwingen den Himmel, bedrängten
hoch in den Lüften, zur Wolke geballt, den Räuber, bis dieser
unter der Überzahl, unter der Last auch, nachgab, aus seinen
Krallen die Beute hinabwarf zum Fluß und im dichten Gewölke
fliehend verschwand.

Mit Triumphgeschrei grüßten die Rutuler dieses
Zeichen, sie machten sich kampfbereit. Augur Tolumnius spornte,
allen voran: »Dies ist es, was oft ich erflehte. Das Omen
nehme ich an, ich erkenne den Götterbeschluß. Zu den Waffen
greifet, ich führe euch Arme, die ruchlos der Fremdling wie schwache
Vögel gewaltsam erschreckt, dabei noch euer Gestade
grausam verheert. Bald wird er entfliehen und segelnd die hohe
See sich gewinnen. Einmütig schließt euch zusammen, verteidigt
den euch entrissenen Herrscher tapfer in offenem Kampfe!«

Vorstürmend schleuderte er die Lanze gegen die Feinde.
Sausend entschwirrte der Kirschenholzschaft und zog durch die Lüfte
sicher die Bahn. Zugleich erhob sich ein gellendes Schreien,
aufgeschreckt wurde die Menge, Erregung durchglühte die Herzen.
Grad gegenüber dem Speerschützen standen neun stattliche Brüder;
dem Arkader Gylippos hatte die treue Gemahlin,
eine Tyrrhenerin, einst sie geboren. Den einen von ihnen
traf in der Mitte des Körpers die Waffe, zwischen den Enden
seines vergoldeten Wehrgehenks, neben der haltenden Schnalle,
einen hervorragend schönen, im Waffenschmuck glänzenden Jüngling,
schoß durch die Rippen und streckte ihn nieder im bräunlichen Sande.
Aber die Brüder, ein mutiger Trupp, entflammt von dem wilden
Schmerz, entrissen den Scheiden die Schwerter oder umkrallten
Spieße und stürzten blindlings vorwärts. Entgegen schon strömte
ihnen das Heer der Laurenter, dem dicht gedrängt die Trojaner,
die Agylliner und, bunt bewaffnet, Arkader sich stellten.
Alle beseelte ein Trieb nur: die Waffen entscheiden zu lassen.
Weggeschleppt ward das Gerät vom Altare, ein Schwall von Geschossen,
wie man sie packte, ergoß sich vom Himmel, ein Regen von Eisen,
jählings erraffte Krüge und flammende Becken. Latinus
floh und wollte nach Bruch des Vertrages die Bilder der Götter
schützen vor Schlägen. Man schirrte die Kampfwagen an, und die Reiter
schwangen sich flink in die Sättel und zückten die Klingen. Messapus,
willens, das Bündnis zunichtezumachen, scheuchte, zu Rosse,
einen tyrrhenischen Fürsten im vollen Ornate, Aulestes,
wild vor sich her. Beim Zurückweichen stieß der Verfolgte zum Unglück
rücklings mit Heftigkeit an den Altar und prallte beim Stürzen
heftig auf Schultern und Haupt. Ihm jagte Messapus trotz seines
innigen Flehens vom Sattel aus wuchtig die Lanze, die einem
Balken ähnelte, tief in den Leib mit den höhnischen Worten:
»Bravo, das sitzt – ein besseres Opfer für mächtige Götter!«
Diesen noch warmen Leichnam plünderten schnell die Italer.
Held Korynaios riß vom Altar ein brennendes Holzscheit,
warf es dem Ebysus, der zum Hiebe schon ausholte, vorher
noch ins Gesicht; der wallende Bart fing Feuer und qualmte
beizend. Dem Wurfgeschoß folgte sogleich Korynaios und packte
fest mit der Linken den halb schon betäubten Gegner am Haarschopf,
beugte ihn unter sein Knie und drückte ihn nieder zur Erde,
stieß ihm den harten Stahl in die Brust. Podaleirios folgte
Alsus, dem Hirten, der durch den Geschoßhagel stürmte im Vorkampf,
schwang schon die Klinge über ihm. Aber schnell wandte sich jener,
spaltete seinem Verfolger Stirne und Kinn mit der Streitaxt;
weithin sprühte der Quell des Blutes über die Rüstung.
Tiefe Erstarrung, ein eherner Schlummer, schloß des Getroffnen
Augen; ihr Leuchten erlosch zu ewig währendem Dunkel.

Waffenlos aber streckte der fromme Aeneas die Rechte,
suchte, entblößten Hauptes, die Seinen zur Ordnung zu rufen:
»Wohin stürmt ihr? Was soll die Feindschaft, die plötzlich hier ausbricht?
Zügelt die Wut! Schon gilt der Vertrag, die Bedingungen alle
wurden vereinbart. Nur ich bin künftig zum Kämpfen berechtigt.
Laßt mich und fürchtet euch nicht! Ich sichre das Bündnis mit meiner
Hand, das vollzogene Opfer verspricht mir den Zweikampf mit Turnus.«

Während der Worte, noch während des Aufrufs zu ernster Besinnung,
schwirrte ein Pfeil befiedert gegen den Helden. Den Schützen
kannte man nicht, nicht den Windstoß, der zügig die Waffe herantrieb,
nicht, wer den Rutulern solchen Ruhmesglanz schenkte, der Zufall
oder ein Gott. Nicht gelöst ward jemals das Rätsel des Vorfalls,
niemand brüstete sich, Aeneas verwundet zu haben.

Turnus sah Aeneas den Kampfplatz verlassen, erkannte
auch die Verwirrung der Feldherrn. Jäh packte ihn glühende Hoffnung.
Rosse und Waffen verlangte er gleich, sprang ohne Bedenken
stolz auf den Streitwagen, griff zu den Zügeln. In rasendem Fahren
riß er zahlreiche tapfere Helden tödlich zu Boden,
ließ sie halbtot sich wälzen, zermalmte feindliche Haufen
oder erlegte Fliehende noch mit hastig errafften
Lanzen. Wie Mars am Ufer des eisigen Hebros in wildem
Vorstürmen blutig gegen den Schutzschild mit Speerstößen donnert,
wütend die Rosse zur Schlacht hetzt, schneller als Notos und Zephyr
über das Blachfeld die Tiere dahinschießen, Thrakien fernhin
unter den dröhnenden Hufschlägen aufstöhnt, Dämonen, der düstre
Schrecken, der Zorn und die Tücke, des Gottes Begleiter, sich tummeln,
ebenso jagte der feurige Turnus die dampfenden Rosse
quer durch das Kampfgewühl, jammernswert über die Leichen der Feinde.
Blutige Tautropfen spritzten unter den hämmernden Hufen,
rot ineinandergestampft ward Blut und sandiger Boden.
Sthenelos, Thámyros, Pholos schon hatte erlegt er, die beiden
letzten im Nahkampf, jenen von weitem; von weitem auch beide
Imbrasossöhne, Glaukos und Lades. Imbrasos hatte
selbst sie erzogen in Lykien, gleichartig auch sie bewaffnet,
wie für den Nahkampf so auch zum Reiten, schneller als Winde.

Anderswo stürmte Eumedes zum Kampfe gegen die Feinde,
schlachtenberühmter Sprößling Dolons, des Helden der Vorzeit,
zeigte des Großvaters Namen, doch Kühnheit und Kampfkraft des Vaters,
der einst zum Lohn für den Kundschaftergang in das Lager der Griechen
selbstbewußt-stolz das Rossegespann des Peliden sich ausbat.
Held Diomedes lohnte ihm freilich die Heldentat anders,
kein Verlangen mehr trägt er nach dem Gespann des Achilles.
Weither erspähte jetzt Turnus im offenen Felde Eumedes,
traf ihn mit leichtem Wurfspeer über die große Entfernung,
hielt dann bei ihm den Zweispänner, sprang von dem Wagen und nahte
sich dem Gestürzten, der schwach noch atmete, setzte ihm seinen
Fuß auf den Nacken, entwand ihm das Schwert und senkte die blanke
Klinge ihm tief in die Kehle, verhöhnte dabei ihn noch grimmig:
»Bitte, im Liegen vermiß jetzt, Trojaner, den Boden Hesperiens,
den du erobern wolltest: Solche Belohnungen erntet,
wer mich verwegen angreift; solche Mauern erbaut er!«
Diesem Erlegten gab zum Geleit er durch Speerwurf Asbytes,
Chloreus, Thersílochos, Dares und Sýbaris mit, dann Thymoites
schließlich, der über den Hals des sich bäumenden Rosses herabglitt.

Wie der edonische Sturmwind Boreas über die tiefen
Fluten des Aigeus braust und die Wogen peitscht ans Gestade,
wie vor der Wucht des Orkans das Gewölk am Himmel dahinjagt,
ebenso kehrten dem stürmenden Turnus die Feinde den Rücken,
stoben von dannen in wilder Flucht. Doch den Angreifer hetzte
vorwärts sein Schwung, im Gegenwind flatterte heftig sein Helmbusch.

Phegeus vermochte nicht länger sein mutwillig tosendes Stürmen
ruhig mitanzusehen. Er warf dem Gespann sich entgegen,
riß an dem Zaumzeug nach rechts die schäumenden, rasenden Pferde;
während die Deichsel ihn mitzog und kurz nur der Deckung beraubte,
traf ihn die Lanze des Turnus, durchbohrte den doppelt geflochtnen
Panzer und streifte den Körper flüchtig. Doch deckte sich Phegeus
gleich mit dem Schilde, wandte sich gegen Turnus und suchte
ihn mit gezücktem Schwert zu erreichen, sich selbst noch zu retten.
Aber ihn packte das Rad, der stürmisch rollende Wagen
streckte ihn seitlich zu Boden. Turnus sprang aus dem Fahrzeug
zu dem Gestürzten und hieb mit dem Schwert ihm den Schädel vom Rumpfe,
zwischen Panzer und Helm, ließ liegen den Leichnam im Sande.

Während der Rutuler siegreich das Schlachtfeld mit Leichen bedeckte,
führten Mnestheus, Ascanius und der treue Achates
den vom Blut überströmten Aeneas ins Lager. Der stützte
mühselig Schritt für Schritt auf den Schaft sich der ragenden Lanze,
suchte voll Wut die Spitze des abgebrochenen Pfeiles
noch aus der Wunde zu reißen, verlangte das kräftigste Mittel:
die nicht mehr sichtbare Spitze herauszuschneiden mit breiter
Klinge, dann ihn sofort auf das Schlachtfeld ziehen zu lassen.
Iapyx, der Sohn des Iasios, war schon zur Stelle. Ihn wollte
Phöbus, der ihn vor allen anderen schätzte, aus tiefer
Liebe in seinen Künsten und Gaben sehr gern unterweisen,
Zukunftsschau, Harfenspiel, Einsatz von Bogen und Pfeil. Doch Iapyx
wünschte, um länger dem siechenden Vater das Leben zu gönnen,
lieber die Kräfte der Kräuter, den Arztberuf kennenzulernen,
still, mit Verzicht auf äußeren Ruhm, sich der Heilkunst zu widmen.
Murrend vor Ärger, stand Aeneas, gestützt auf die lange
Lanze, umdrängt von zahlreichen Männern, der traurige Iulus
unter ihnen, und ließ sich durch Tränen nicht rühren. Iapyx,
rückwärts gegürtet den Mantel nach ärztlichem Brauche, betagt schon,
setzte mit pfleglicher Hand und kräftigen Kräutern des Phöbus
eilfertig, rührig sich ein, doch erfolglos. Erfolglos auch zerrte
er an der Pfeilspitze, wollte sie fest mit der Zange auch packen.
Keinen Fortschritt vergönnte Fortuna, auch Meister Apollo
half nicht. Jedoch auf dem Schlachtfeld steigerte wild sich der Schrecken,
näher stets rückte das Unheil. Staubwolken sah man zum Himmel
wirbeln. Die feindlichen Reiter standen schon dicht vor den Wällen,
mitten ins Lager hagelten Pfeile. Zum Himmel hoch gellten
Klagen der Männer, die kämpften und grausam dem Kriegsgott erlagen.

Venus indes, von den unverdienten Qualen des Sohnes
schmerzlich getroffen, pflückte vom Ida auf Kreta das Heilkraut
Diptam, das fleischig beblätterte Stiele und purpurne Blüten
treibt. Auch die Wildziegen wissen die Heilkraft der Pflanze zu schätzen,
haften in ihrem Rücken befiederte Pfeile von Jägern.
Düster in Wolken verborgen, so brachte die Göttin das Diptam
her vom Gebirge, preßte den Saft in ein schimmerndes Becken
voller Frischwasser, heimlich die Heilkraft zu fördern, und setzte
starke Ambrosia zu und köstlich duftendes Allheil.
Umschläge machte damit der greise Iapyx, noch ohne
Wissen um göttliches Eingreifen. Aber ganz plötzlich versiegte
jeglicher Schmerz, auch strömte nicht länger das Blut aus der Wunde.
Auch das Geschoß gehorchte der Hand, es glitt aus dem Einschnitt,
zwanglos; die Kräfte begannen sich frisch wie früher zu regen.
»Schnell, bringt Waffen dem Helden! Was steht ihr untätig?« Iapyx
rief es und spornte als erster den Mut zum Kampf mit dem Gegner.
»Deine Genesung, Aeneas, verdankst du nicht menschlichem Mühen,
auch nicht der ärztlichen Kunst, nicht meiner Geschicklichkeit. Vielmehr
wirkte ein Gott und befähigt dich wieder zu höherer Leistung!«

Angelegt hatte Aeneas die goldenen Beinschienen, prüfte
sorgsam den Sitz, in Eile, voll Kampflust, erprobte die Lanze.
Als auch der Schutzschild bequem die Seite, der Panzer den Brustkorb
deckte, umschlang der König den Sohn mit gebreiteten Armen,
küßte ihn durch das geschloßne Visier noch einmal und mahnte:
»Lerne, mein Junge, von mir, dich in Mühsal als Mann zu bewähren,
lerne von anderen, Glück zu genießen. Jetzt wird dich noch meine
Rechte vor Kämpfen beschützen, zu glänzendem Lohne dich führen.
Denke daran, sobald du zum Alter des Mannes gereift bist,
halte dir stets die Leistung der Deinen vor Augen, zum Handeln
mögen dich Vater Aeneas und Hektor, dein Onkel, begeistern!«

Nach der Ermahnung durchschritt er das Tor, so stattlich wie immer,
schwang in der Rechten den riesigen Speer. In dichter Kolonne
folgten Aeneas und Mnestheus, strömten hervor aus dem Lager
sämtliche Troer. Staubschwaden hüllten das Schlachtfeld in Dunkel,
unter den Tritten der Kämpfer erzitterte angstvoll die Erde.
Turnus erblickte den Feind, der vom Lagerwall gegen ihn rückte,
alle Ausonier erblickten ihn. Eisige Schauer durchbebten
bis in das Mark sie, Juturna vernahm und erkannte vor allen
andern Latinern den Sturmschritt und floh vor Entsetzen. Aeneas
führte jedoch, wie im Fluge, ins Feld die drohende Heerschar.
Wie sich vom Unwetterstern ein Wirbelsturm losreißt, zum Festland
über das Meer dann dahinzieht, die armen Bauern in banger
Vorahnung schon sich entsetzen – der Sturm wird Bäume entwurzeln,
grausam die Saaten vernichten und weithin alles verwüsten –;
wie schon als Vorboten sausende Böen die Küste erreichen:
Ebenso führte der Fürst von Rhoiteion die Scharen der Seinen
gegen den Feind und ballten die Troer sich wuchtig zum Stoßkeil.
Held Thymbraios erlegte durch Schwerthieb den starken Osiris,
Mnestheus Arcetius. Achates streckte den Epulo nieder,
Gyas den Ufens. Tot stürzte zu Boden der Augur Tolumnius,
der als erster den Wurfspieß schleuderte gegen die Teukrer.
Schreie des Schreckens gellten zum Himmel, die Rutuler wandten
nunmehr sich selber zur Flucht und rannten staubwirbelnd vom Kampfplatz.
Aber Aeneas wollte keinen der Fliehenden töten,
ließ sich weder auf Nahkämpfe ein noch durch Speerwürfe reizen.
Lediglich Turnus suchte im Staubgewühl er zu erspähen,
wollte ihn selber nur fordern zum letzten entscheidenden Kampfe.

Davor gerade bangte die tapfere Nymphe Juturna.
Deswegen stieß sie den Wagenlenker des Turnus, Metiscus,
während der Fahrt vom Lenkerstand, ließ nach dem Absturz ihn seitwärts
liegen und packte statt seiner die lockeren Zügel zum Lenken,
jenem in allem gleichend, an Stimme, Gestalt und Bewaffnung.
Wie die schwärzliche Schwalbe die prächtige Landwohnung eines
reichen Gebieters durchfliegt, die geräumigen Vorhöfe mustert,
Kleinfutter sucht und Bissen für ihre zwitschernde Nestbrut,
bald durch die leeren Hallen, bald rings um die künstlichen Teiche
flattert: entsprechend durchjagte Juturna das Feindesgetümmel,
streifte in rasender Fahrt, wie im Fluge, sämtliche Punkte,
zeigte bald hier und bald dort den Bruder in siegreichem Ansturm,
scheute den Zweikampf jedoch, ging diesem bewußt aus dem Wege.

Ähnlich beschrieb, auf den Spuren des Turnus, Aeneas verschiedne
Kreise und rief ihn, durch das Getümmel sich drängend, mit lauter
Stimme. Sooft er jedoch den Gegner erspähte, im Laufschritt
nachjagen wollte den wie im Fluge enteilenden Rossen,
lenkte Juturna das Fahrzeug in anderer Richtung von dannen.
Was nur, was sollte er tun? Er schwankte in schmerzhaftem Zwiespalt,
widerspruchsvolle Erwägungen riefen ihn hierhin wie dorthin.
Aber da führte Messapus behend gerade in seiner
Linken zwei biegsame Speere mit eiserner Spitze. Den einen
schleuderte er jetzt mit sicherem Wurfe gegen Aeneas.
Dieser verharrte sogleich und duckte mit federnden Knien
hinter den Schild sich. Doch riß ihm der sausende Spieß noch die Röhre
fort von der Helmspitze, fegte ihm damit den Buschen vom Haupte.
Da übermannte den Helden der Zorn. Nach dem tückischen Angriff,
auch überzeugt, das Gespann des Turnus fliehe absichtlich,
flehte er Jupiter und den Altar an als Zeugen des Rechtsbruchs,
stürzte dann endlich sich selbst auf die Feinde. Begünstigt vom Kriegsgott,
metzelte wild und unterschiedslos er die Gegner jetzt nieder,
schreckenerregend, ließ die Erbitterung zügellos wüten.

Wer besingt mir, und sei er ein Gott, das bittre Geschehen,
Morden auf beiden Seiten, das Sterben der Feldherrn, die Turnus
hier und Aeneas dort auf dem Schlachtfelde abwechselnd jagte?
Ließest du, Jupiter, wirklich zwei Völker so wild sich bekämpfen,
die doch gemeinsam leben sollten in ewigem Frieden?

Sucro, der Rutuler, brachte den Angriff der Teukrer als erster
endlich zum Halten, doch kurz nur: Aeneas bohrte ihm seine
grausame Klinge zwischen den Rippen hindurch in den Brustkorb,
dort, wo die Wunde am schnellsten das Leben auslöscht. Und Turnus
warf aus dem Sattel Amykos und dessen Bruder Diores,
traf dann im Fußkampf den einen, der angriff, mit mächtiger Lanze,
doch mit dem Schwerte den andern, enthauptete beide und hängte
beide bluttriefenden Köpfe vor weiterer Fahrt an den Wagen.
Aber Aeneas erlegte in einem Vorstürmen Talus,
Tanais und den tapfren Cethegus, darauf den betrübten
Helden Onites, Enkel Echíons und Sohn Peridías;
Turnus dagegen zwei Brüder aus Lykien, dem Lande Apollos,
weiter den jungen Arkader Menoites, der nunmehr – ganz sinnlos –
Kriege verwünschte; einst trieb er am fischreichen Lerna sein Handwerk,
wohnte in ärmlicher Hütte, fremd den Palästen der Reichen;
nur auf gepachtetem Acker streute sein Vater den Samen.
Wie von zwei Seiten das Feuer, das Landleute legten, die dürre
Waldtrift erfaßt und das Buschwerk mit seinem hellprasselnden Lorbeer,
oder wie hoch von den Bergen in reißendem Absturz die Ströme
gischtsprühend rauschen, das Flachland erreichen und hinter sich eine
Bahn der Verwüstung lassen: ebenso rasten verheerend
beide, Aeneas wie Turnus, über das Schlachtfeld. Entfesselt
tobte die Kampfwut, zu springen drohten die Herzen, die niemals
nachgeben konnten; hemmungslos wurde, nach Kräften, gemordet.

Gegen Murranus, der eines uralten Geschlechtes sich rühmte,
einer nicht endenden Reihe stolzer latinischer Fürsten,
warf jetzt Aeneas ein riesiges Felsstück mit wuchtigem Schwunge,
stieß ihn kopfüber vom Wagen zur Erde; ihn rissen die Räder
unter Riemen und Joch, ihn zerstampften die Rosse, die ihren
Herrn nicht mehr kannten, wild mit den Tritten der wirbelnden Hufe.
Turnus stellte dem Ansturm des grimmig knirschenden Hyllos
sich in den Weg, durchstieß mit dem Speer ihm die goldüberdeckten
Schläfen, und quer durch den Helm stak fest im Gehirn ihm die Waffe.
Kretheus, du tapferster Grieche, dich schützte vor Turnus nicht deine
Rechte – wie auch nicht die eigenen Götter Cupencus beschützten,
als ihn Aeneas angriff; die Klinge durchbohrte die Brust ihm,
keinen Nutzen vermochte der bronzene Schild ihm zu bieten.
Aiolos, dich auch sahen die Fluren der Hauptstadt Laurentum
fallen und weithin mit deinem Rücken den Boden bedecken,
dich, den die griechischen Schlachtreihen nicht überwältigen konnten,
auch nicht der Held, der das Reich des Priamos stürzte, Achilles:
Hier erwartete dich das Ende des Lebens. Am hohen
Ida erhob sich dein Haus, in Lyrnessos, dein Grab bei Laurentum.

Voll aneinandergeraten waren Latiner und Teukrer
nunmehr, Mnestheus, der kühne Serestos, Messapus, der Rosse
meisterhaft bändigte, auch der tapfre Asilas, die Heerschar
der Etrusker, dazu die arkadischen Reiter Euanders.
Jeder der Kämpfenden setzte sich rückhaltlos ein. Kein Verweilen
gab es, kein Ruhen. Man focht in entsetzlich verlustreichem Ringen.

Venus, die Herrliche, brachte den Sohn jetzt auf diesen Gedanken:
schnell mit dem Heere gegen die Mauern Laurentums zu ziehen,
plötzlich durch einen vernichtenden Schlag den Feind zu verwirren.
Während Aeneas im Toben des Kampfes Turnus verfolgte,
spähend nach allen Seiten, erblickte er nämlich die Hauptstadt;
jenseits des Schlachtfeldes lag sie, von keinem gefährdet, ganz ruhig.
Da trat gleich ihm das Bild des entscheidenden Angriffs vor Augen.
Mnestheus berief er, Sergestos, den tapfren Serestos, die Feldherrn,
trat dann auf einen Hügel. Dort strömte die troische Heerschar
gleichfalls zusammen, die Reihen geschlossen, die Schilde und Lanzen
fest in den Händen. Erhöht in der Mitte, erklärte Aeneas:
»Was ich jetzt sage, verträgt kein Zögern. Jupiter hilft uns.
Keiner verhalte sich säumig, weil ich mich so plötzlich entschließe!
Heute zerstöre die Stadt ich, den Kriegsgrund, das Reich des Latinus,
wollen die Feinde den Zügel nicht tragen, des Siegers Befehle
ausführen – mach ich dem Erdboden gleich die qualmenden Bauten!
Soll ich noch warten, bis Turnus geruht, nach einer erneuten
Schlappe sich wieder, besiegt, zum Kampfe zu stellen? Laurentum
bleibt doch der Ursprung, ihr Troer, und Zielpunkt des gottlosen Haders!
Fackeln zur Hand! Erzwingt die Vertragstreue kämpfend, durch Flammen!«

Wetteifernd bildeten gleich die Trojaner einmütig einen
Schlachtkeil zum Angriff und rückten geschlossen gegen die Mauern.
Sturmleitern waren urplötzlich zur Stelle, hell loderten Fackeln.
Bis vor die Tore schon rannte man, schlug die Begegnenden nieder.
Andre verfinsterten schießend mit Speeren und Pfeilen den Himmel.
Unter den ersten reckte Aeneas die Rechte zur Mauer,
zieh mit lautschallender Stimme Latinus des Unrechts. Die Götter
rief er zu Zeugen: Zum zweiten Mal werde zum Kampf er gezwungen,
handelten feindlich Italer, würden Verträge gebrochen!

Zwietracht erhob sich unter den ängstlichen Bürgern. Die einen
wollten die Stadt übergeben, weit öffnen die Tore den Troern,
wollten Aeneas selbst in die Festung einziehen lassen.
Andere griffen zur Waffe, verteidigten weiter die Mauern.
Sollte ein Hirt in zerklüftetem Fels ein gründlich verstecktes
Bienennest aufspüren und es ausräuchern: ebenso ängstlich
wimmeln die Tiere umher dann in ihrem wächsernen Lager,
steigern noch ihre Erregung unter dröhnendem Summen;
beizender Rauch durchwirbelt die Gänge, laut hallen vom dumpfen
Brausen die Felshöhlen wider, Qualm kräuselt sich hoch in die Lüfte.

Weiteres Unheil noch traf die vom Kampfe erschöpften Latiner,
das die gesamte Stadt in tiefe Bestürzung versetzte.
Sah doch die Königin vom Palast aus den Angriff der Feinde,
Sturm auf die Mauern, auch Brandsätze, die in die Dächer schon flogen,
aber zur Abwehr kein Rutulerheer, kein Häuflein des Turnus.
Da überkam der Verdacht die Arme, gefallen im Kampfe
sei schon der Held, und in jäher Aufwallung bitteren Schmerzes
gab sie lautklagend sich selber die Hauptschuld am Wüten des Unglücks,
schrie sich vom Herzen die Not, noch im Wahn der tiefen Betrübnis,
riß dann, zum Sterben entschlossen, ihr Purpurkleid selber in Fetzen,
knüpfte zum Schluß sich am Balken die Schlinge zu schimpflichem Tode.
Als die latinischen Frauen erschüttert den Selbstmord bemerkten,
raufte Lavinia sich als erste ihr Blondhaar, zerfleischte
wild sich die rosigen Wangen. Ihr folgten mit rasendem Jammern
sämtliche andern, laut hallten im Schloß die klatschenden Schläge.
Darauf verbreitete sich in der Stadt die entsetzliche Kunde.
Allen entsank der Mut. Latinus, vom Schicksal der Gattin
wie vom Verderben der Hauptstadt bestürzt, zerriß sich die Kleider,
streute, sich selbst zu entstellen, Schmutz über die silbernen Haare,
machte sich bittere Vorwürfe, nicht den Trojaner Aeneas
längst schon empfangen, dem Staat als Verwandten gewonnen zu haben.

Turnus verfolgte inzwischen, im Kampf am Rande des Schlachtfelds,
langsamer schon die Versprengten des feindlichen Heeres, und seine
Zuversicht sank, je stärker die Kraft der Rosse erlahmte.
Fernes Geschrei trug plötzlich der Windhauch ihm zu, als ein Bote
kaum erklärlichen Schreckens, und wirres Lärmen und dumpfes
Tosen, als traure die Festung, ließen ihn angespannt lauschen.
»Wehe mir, was für ein Jammer verwirrt dort so schrecklich die Hauptstadt?
Was für ein Schreien gellt so laut von den Mauern herüber?«
Außer sich war er und brachte sogleich den Wagen zum Stehen.
Aber die Schwester, die immer noch in der Gestalt des Metiscus
Rosse und Zügel und Fahrzeug ihm lenkte, hielt ihm entgegen:
»Weiter noch, Turnus, wollen wir hier die Dardaner jagen,
wo uns Erfolge den Weg zum Siege am ehesten bahnen!
Andere gibt es, bereit zur Verteidigung unserer Mauern.
Auf die Italer stürzt sich Aeneas und schlägt sich mit ihnen,
während wir hier in den Reihen der Troer mörderisch wüten.
Weder an Truppenstärke noch Kampfruhm bist du im Nachteil.«
Turnus erwiderte:
»Schwester, ich habe schon längst dich erkannt, seitdem du so listig
unsern Vertragsabschluß störtest und selbst in die Kämpfe mit eingriffst.
Jetzt auch verleugnest umsonst du die Gottheit. Wer aber entsandte
dich vom Olympus und ließ dich so bittere Mühsal ertragen?
Solltest den grausamen Tod des armen Bruders du sehen?
Denn ich bemühe mich fruchtlos: Wo bietet Fortuna mir Rettung?
Sah ich mit eigenen Augen Murranus doch, der mich noch anrief –
niemanden gibt es, den höher ich schätze –, sah ihn doch fallen,
ihn, den Riesen, das Opfer auch einer riesigen Wunde.
Unglücklich fiel auch Ufens – den Anblick unserer Schande
sich zu ersparen –, die Teukrer erbeuteten Leichnam und Waffen.
Soll ich den Untergang unserer Hauptstadt erleben – nur dieses
letzte noch fehlt mir! –, nicht Drances durch siegreichen Kampf widerlegen?
Niemals erblicke mein Heimatland einen fliehenden Turnus!
Sterben bedeutet kein Unglück für mich. Seid gnädig mir, Manen,
da ja die Götter des Himmels mir ihre Gnade entzogen!
Makellos will ich und ohne Bewußtsein von Schuld mich zu euren
Stätten hinunterbegeben, der großen Vorfahren würdig.«

Während er sprach noch, sprengte, quer durch das Getümmel der Feinde,
Saces auf schäumendem Rosse heran, verwundet durch einen
Pfeilschuß vorn im Gesicht. Laut rief er den König bei Namen:
»Turnus, nur du kannst Rettung noch bringen, erbarm dich der Deinen!
Blitzstrahlen schleudert gewappnet Aeneas und droht schon, er wolle
stürzen Italiens ragende Burgen, sie völlig vernichten!
Brandsätze fliegen schon in die Gebäude. Dich suchen die Blicke
aller Latiner. Unschlüssig zaudert noch König Latinus,
wen er als Schwiegersohn rufen, mit wem er sich einigen solle.
Außerdem legte die Königin, deine sicherste Stütze,
Hand an sich selber, entzog vor Bestürzung dem Licht sich des Lebens.
Nur noch Messapus leistet, mit ihm der tapfre Atinas,
Widerstand vor den Toren. Die feindlichen Heerscharen haben
dicht sie umringt, gleich eisernen Saaten starren die blanken
Klingen. Du aber durchfährst mit dem Wagen verödete Auen!«

Angesichts dieser Fülle sich häufenden Unglücks erstarrte
Turnus bestürzt, stier blickend und stumm. Ihm wühlten im Herzen
gleichzeitig bittere Scham und Wut und schmerzliche Trauer,
leidenschaftliche Liebe, Bewußtsein des eigenen Wertes.
Aber die Schatten verflogen, frisch regte sich Klarheit des Denkens.
Gleich auf die Mauern richtete er die brennenden Augen,
aufgewühlt, ungestüm, blickte vom Wagen zur Hauptstadt hinüber.

Siehe, dort lohte ein Wirbel von Flammen aufwärts zum Himmel,
leckte von Stockwerk zu Stockwerk empor an dem hölzernen Turme,
den er einst selber aus mächtigen Balken gefügt und errichtet,
unten mit Rädern versehen, mit Fallbrücken ausgelegt hatte.
»Schwester, jetzt siegt das Schicksal, jetzt siegt es. Nicht hemme mich länger!
Folgen will ich, wohin mich der Gott und die harte Fortuna
rufen. Ich soll mit Aeneas kämpfen, im Tode noch alles
Bittere auskosten. Länger nicht wirst du mich unrühmlich zögern
sehen. Doch lasse mich, bitte, vorher die Kampfwut noch stillen!«

Derart sprach er und sprang von dem Wagen zur Erde. Durch Feinde,
durch den Geschoßhagel stürzte er vorwärts, verließ die betrübte
Schwester und bahnte in rasendem Lauf sich den Weg durch die Reihen.
Wie von dem Gipfel des Berges ein Felsblock, vom Sturmwind aus seinem
Lager gerissen, jäh abstürzt – mag er vom Platzregen lange
schon unterspült, vom schleichenden Alter allmählich zermürbt sein –,
wuchtig zur Tiefe, schon selbst ein gefährlicher Berg fast, hinabrast,
aufprallt und hochspringt, Bäume und Vieh und Menschen in seine
Jagd mit hineinreißt: so teilte jetzt Turnus die Kämpfer und stürmte
hitzig zur Stadtmauer hin, wo die Erde vom strömenden Blute
triefte, die Luft von fliegenden Pfeilen und Wurfspießen schwirrte,
schwenkte zum Zeichen die Hand und rief mit hallender Stimme:
»Aufhören, Rutuler – länger nicht schießen, Latiner! Wie immer
sich das Geschick auch wendet: Nur mich betrifft es! Ich selber
sühne für euch den Vertragsbruch und suche im Kampf die Entscheidung,
eine gerechtere Lösung!« So rief er, Platz machten ihm alle.

Vater Aeneas hörte den Namen des Turnus und eilte
ohne Verzug von der Mauer herab, von den ragenden Zinnen,
räumte beiseite, was hemmte, und ließ Begonnenes liegen,
jubelte auf vor Freude und rasselte schrecklich mit seinen
Waffen, gewaltig wie Athos, wie Eryx, ja wie Appenninus,
wenn er mit schwankenden Steineichen rauscht und als Vater der Berge
seiner schneeschimmernden Gipfel sich freut und sich reckt in die Lüfte.
Auf ihn wandten die Blicke voll Spannung Rutuler, Troer,
alle Italer – jene auch, die auf den Mauern die Zinnen
hielten wie jene, die unten den Mauerbrecher bedienten –,
legten die Waffen von ihren Schultern. Latinus auch staunte
über die beiden, den Helden Europas wie jenen aus Asien,
die zum entscheidenden Waffengang antraten gegeneinander.
Freigemacht war schon der ebene Kampfplatz, und ohne zu säumen,
schleuderten beide von weitem im Ansturm die Lanzen, begannen
darauf den Nahkampf, dröhnend mit Schilden und ehernen Klingen.
Durchdringend stöhnte die Erde, die Schwerthiebe fielen mit ständig
steigender Wucht, und Zufall und Tüchtigkeit schmolzen zu einem.
Hoch in dem Silagebirge oder am Kamm des Taburnus
prallen so grimmig zwei Stiere zu hitzigem Kampf mit den Stirnen
gegeneinander. Angstvoll ziehen zurück sich die Hirten.
Stumm verharren die Herden aus Furcht, still bangen die Kühe,
wer im Walde die Macht übernimmt, wem künftig die Tiere
alle gehorchen. Die Kämpfer indessen schlagen sich Wunden,
bohren die Hörner sich wild in die Leiber, lassen vom Blute
Nacken und Flanken triefen. Der Wald dröhnt wider vom Brüllen:
Ebenso stießen der Troer Aeneas und Turnus, des Daunus
Sprößling, die Schilde zusammen; zum Himmel hoch hallte das Krachen.

Jupiter selber stellte zwei Waagschalen jetzt mit den Zünglein
gleichhoch und legte darauf die Lebenslose der Helden,
um zu erkunden, wessen Gewicht zum Tode im Zweikampf
ausschlage. Eben jetzt holte Turnus, den Zeitpunkt für günstig
haltend, den Körper hoch aufgereckt, aus zum Hiebe und führte
wuchtig den Schlag. Aufschrien gespannt die Latiner und Troer,
beide in höchster Erregung. Aber die Klinge versagte
treulos, zerbrach im Aufprall, verriet den feurigen Kämpfer.
Flucht nur vermochte Turnus zu retten; vor Augen den fremden
Schwertgriff, die Rechte entwaffnet, lief er, geschwinder als Oststurm,
fort. Dem Gerücht nach soll er, als er den Wagen zum ersten
Kampfe bestieg, das Schwert des Vaters vergessen und eilig
jenes des Wagenlenkers Metiscus aufgerafft haben.
Dieses versah den Dienst, solange die Teukrer sich kampflos
fliehend zerstreuten; beim Kampf mit den Waffen des Gottes Vulcanus
aber zersprang beim Aufprall die Klinge, die Sterbliche schufen,
brüchig wie Eis; es glänzten die Splitter im bräunlichen Sande.
Kopflos enteilte über die Fläche des Kampfplatzes Turnus,
lief bald im Zickzack, dann wieder im Kreise, ohne bestimmte
Richtung. Umschlossen ihn doch in dichtem Kranz die Trojaner,
dann ein gewaltiger Sumpf und jenseits die ragenden Mauern.

Zäh auf den Fersen blieb ihm Aeneas, obwohl ihn der Pfeilschuß
manchmal noch schmerzte am Knie und ihm das Laufen erschwerte,
setzte dem Fliehenden zornglühend nach und in dichtestem Abstand,
wie wenn ein Jagdhund den Hirsch vor sich herhetzt, wenn diesen ein Flußlauf
hemmte oder die Furcht vor den schwankenden purpurnen Federn,
dicht an den Flüchtling sich hängt mit rasendem Bellen, doch jener,
abgeschreckt wie von dem Hochufer so von den tückischen Netzen,
tausendfach ständig die Fluchtrichtung wechselt, der feurige Umbrer
hechelnd ihm folgt, beinahe die Beute erschnappt schon, die Kiefer
aufsperrt und zuklappt, der Biß ins Leere ihn freilich verspottet!
Nunmehr erhebt sich Geschrei, und Ufer und Seen im Umkreis
hallen laut wider, das Himmelsgewölbe erdröhnt von dem Aufruhr.

Laut schalt Turnus beim Fliehen die Rutuler, nannte sie einzeln
flehend bei Namen, verlangte das eigene, allen bekannte
Schwert zu erhalten. Doch drohte Aeneas mit Tod und Verderben,
falls man dem Bittenden nahe, sogar mit Zerstörung der Hauptstadt,
schreckte die Zitternden, jagte, trotz seiner Verwundung, den Gegner
weiter. Noch fünfmal kreisten sie vorwärts und wiederum rückwärts.
Ging es doch hier nicht um Kampfpreise, wie man sie ausgibt zur Kurzweil
oder bei Spielen; es ging um das Blut, um das Leben des Turnus.
Zufällig hatte ein Ölbaum mit bitterem Laub dort gestanden,
heilig dem Faunus, verehrt einst von Seeleuten; waren sie glücklich
heimgekehrt, pflegten dem Gott von Laurentum sie Gaben zu reichen,
hängten Gewänder dort auf, die Gelübde treu zu erfüllen.
Aber jetzt hatten die Teukrer gefällt den heiligen Ölbaum,
ohne Bedenken, um ausreichend Platz zum Kampfe zu haben.
Dorthin war der Speer des Aeneas geflogen und steckte
tief in den Wurzeln, zäh hielten ihn fest die umklammernden Strünke.
Kraftvoll herausreißen wollte Aeneas nunmehr die Spitze,
wollte durch Speerwurf erlegen den Feind, den im Laufen er schwerlich
einholen konnte. Da flehte Turnus, vor Furcht wie von Sinnen:
»Faunus, erbarme dich, bitte, auch du, erhabene Erde,
haltet die Speerspitze fest, wenn ich immer die Ehren euch zollte,
die jetzt der Haufe des Troers Aeneas im Kampfe entweihte!«
Damit erflehte er nicht vergebens die göttliche Hilfe;
konnte doch König Aeneas trotz langen Kampfs mit der zähen
Wurzel nicht unter stärkster Gewalt den Speer aus der Klemme
ziehen. Und während er grimmig aus Leibeskräften sich mühte,
eilte, erneut in Gestalt des Wagenlenkers Metiscus,
Nymphe Juturna herbei und reichte dem Bruder sein Schlachtschwert.
Venus, verärgert darüber, was dreist sich die Nymphe erlaubte,
trat herzu und entriß dem Geflecht der Wurzeln die Lanze.
Wieder bewaffnet und dadurch ermutigt waren jetzt beide,
traten, der eine dem Schwert vertrauend, der andre die Lanze
ungestüm hochgereckt, an, schweratmend, zur letzten Entscheidung.

Aber der Herr des Olympus, der Stätte der Allmacht, befragte
nunmehr Juno, die hoch von schimmernder Wolke dem Zweikampf
zuschaute: »Worauf läuft es hinaus? Was bleibt jetzt noch übrig?
Weißt du doch schon, nach eigenem Zeugnis: Aeneas, als Heros,
ist für den Himmel bestimmt, zu den Sternen erhebt ihn das Schicksal.
Was noch bezweckst, was erhoffst du, daß du in eiskalten Wolken
still dich verbirgst? Darf etwa der Mensch verwunden die Gottheit?
Darf denn ein Turnus – Juturna vermag nichts ohne dein Zutun! –
wiederbekommen sein Schwert, ein Besiegter noch Kräfte gewinnen?
Halte doch endlich Ruhe und füge dich meinem Ersuchen!
Aufreiben soll dich nicht länger solch bitterer Schmerz, auch nicht länger
qualvoller Gram mich aus deinem lieblichen Munde betrüben.
Stehen wir jetzt doch am Ziel! Du konntest zu Land und zu Wasser
hetzen die Troer und einen entsetzlichen Kriegsbrand entfachen,
eine Familie entehren, durch Trauer die Hochzeit vergällen.
Mache jetzt Schluß, ich befehle es dir!«

Auf Jupiters Mahnung
gab, mit niedergeschlagenem Blick, die Saturnierin Antwort:
»Weil mir dein Streben bekannt ist, erhabener Jupiter, mußte,
wider Willen, ich Turnus und seine Heimat verlassen.
Andernfalls sähest du mich nicht im Himmel jetzt sitzen und alle
möglichen Kränkungen hinnehmen, nein, von Flammen umlodert,
stünde ich mitten im Schlachtgewühl, peitschte die Troer zu harten
Kämpfen! Juturna riet ich, jawohl, dem Bruder in seinen
Nöten zu helfen, und billigte, daß sie sein Leben noch stärker
schützte, nicht freilich durch Einsatz von Waffen, durch Schießen mit Pfeilen,
was ich beschwöre beim Strome der Styx, der niemals versöhnten,
die auch für Götter als einzigartige Schwurzeugin waltet!
Abtreten will ich nunmehr, verlasse voll Abscheu den Kampfplatz.
Eins noch gewähre mir, bitte – es wird nicht vom Schicksal verboten –,
so zu Latiums Gunsten wie auch zur Ehre der Deinen:
Schließen sie, meinetwegen, jetzt Frieden bei glücklicher Hochzeit,
gründen die Einheit gemäß den Bedingungen ihres Vertrages,
laß nicht die Landeskinder den uralten Namen ›Latiner‹
wechseln, sie Troer nicht werden, mit Namen gar ›Teukrer‹ noch heißen,
auch nicht die Muttersprache verlieren, die Volkstracht nicht ändern!
Latium lebe, auch Albas Königtum zahllose Jahre,
unverwandt herrsche das Römergeschlecht dank italischer Tatkraft!
Troja sank, so lasse versunken es sein samt dem Namen!«

Lächelnd entgegnete ihr der Schöpfer der Welt und der Menschen:
»Jupiters wirkliche Schwester bist du, ein Kind des Saturnus:
Derart gewaltig vermagst du, ganz unversöhnlich, zu grollen!
Laß jetzt verrauchen die Wut, du hast sie nicht weiterhin nötig;
deine Wünsche erfülle ich, lasse den Sieg dir, freiwillig.
Muttersprache wie Denkart soll den Ausoniern bleiben,
bleiben der Name auch. Nur als ein Teil des latinischen Volkes
sollen die Teukrer sich ansiedeln. Bräuche und Gottesdienst werde
selber ich stiften, der Sprache nach sie zu Latinern nur machen.
Nachkommen dieser Verbindung mit echt ausonischem Blute
wirst du an Pflichtgefühl Menschen wie Götter einst weit übertreffen
sehen; kein anderes Volk wird Ehren dir zollen wie dieses!«

Zustimmend nickte Juno. Befriedigt wurde sie andern
Sinnes, verließ die Wolke, verschwand vom Himmelsgewölbe.

Anderen Plänen widmete jetzt sich der Vater der Götter,
wollte Juturna trennen von ihrem kämpfenden Bruder.
»Gräßliche« heißen zwei furchtbare Zwillingsschwestern; zusammen
mit dem Unterweltsscheusal Megaera hatte die finstre
Nacht sie geboren; sie waren genauso wie jene mit eklen
Knäueln von Schlangen umwunden und trugen auch windschnelle Flügel.
Dienstbereit warten sie stets an Jupiters Thron, in des harten
Herrschers Palast, und steigern die Angst der elenden Menschen,
falls der Beherrscher der Götter Seuchen und schreckliches Sterben
androht, auch Städte zur Strafe heimsucht mit Schrecken des Krieges.
Jupiter schickte jetzt eine der Schwestern geschwind von dem hohen
Himmel herab, der Juturna vor Augen als Botin von Unheil.
Eilig entflog sie und schoß mit wirbelnden Schwingen zur Erde.
Ebenso gleitet, geschnellt von der Sehne, ein Pfeil durch die Wolken,
den ein Parther oder Kydone mit tödlichem Gifte
tränkte, bevor er ihn abschoß zum Schlagen unheilbarer Wunden;
schwirrend durchsaust er, von keinem gesehen, die flüchtigen Schatten:
derartig flog die Tochter der Nacht und erreichte die Erde.

Als sie das troische Heer und die Scharen des Turnus erblickte,
ließ sie geschwind sich zusammenschrumpfen zur Eule, dem Vogel,
der zuweilen auf Grabstätten hockt und verödeten Dächern,
dabei die nächtlichen Schatten durchgellt mit leidigen Schreien.
Turnus vor Augen, schwirrte das Scheusal bald hierhin, bald dorthin,
streifte dabei auch mit seinen flatternden Schwingen den Schutzschild.
Starres Entsetzen lähmte, wie niemals früher, den Helden,
sträubte die Haare vor Schrecken und ließ die Stimme ihm stocken.
Aber Juturna erkannte von fern schon am Schwirren der Flügel
deutlich die Gräßliche, raufte, in schmerzlichem Mitleid, die Haare,
riß mit den Nägeln ihr Antlitz sich blutig und schlug mit den Fäusten
trommelnd die Brüste. »Wie kann dir, mein Turnus, die Schwester noch helfen?
Was bleibt übrig mir noch, der Geschlagenen? Kann ich dein Leben
irgend verlängern? Kämpfen mit einem so schrecklichen Untier?
Aufgeben muß ich den Widerstand. Steigert, ihr greulichen Vögel,
nicht mein Entsetzen! Ich kenne genau das Rauschen der Schwingen,
diesen todbringenden Laut; die grausame Weisung des edlen
Jupiter höre ich. Lohnt er mir so, was ich preisgab als Mädchen?
Wozu verlieh er mir ewiges Leben? Entzog mich dem Zugriff
lindernden Todes? Ich könnte mich sonst ja vom bitteren Kummer
lösen, ins Reich der Schatten den armen Bruder begleiten!
Ich – unsterblich! Vermag mir mein Leben noch Freuden zu bieten
ohne dich, Bruder? Kann nicht das Erdreich zu hilfreichem Abgrund
aufklaffen, mich, die Göttin, hinab zu den Manen entführen?«
Bitterlich weinend verhüllte die Nymphe ihr Haupt mit dem bläulich
schimmernden Schleier und tauchte hinein in die Tiefe des Stromes.

Aber Aeneas schwang schon die wuchtige, baumlange Lanze
drohend dem Feinde entgegen und rief voll wütenden Hasses:
»Warum noch zögerst du? Willst du dem Zweikampf ausweichen, Turnus?
Nicht mehr im Wettlauf, nein, tödlich mit Waffen gilt es zu streiten.
Schlüpf nur in jede Gestalt und raffe alles zusammen,
was du an Mut noch und Kniffen vermagst – wünsch Flügel dir, steige
hoch zu den Sternen oder versteck dich im Schoße des Erdreichs!«
Turnus erwiderte kopfschüttelnd: »Nicht dein hitziges Schimpfen
schreckt mich, du Rohling, nein, göttliches Walten und Jupiters Feindschaft.«
Damit verstummte er, richtete spähend die Blicke auf einen
uralten, riesigen Feldstein, der zur Markierung der Grenze
dort auf der Ackerflur lag, um die Flächen eindeutig zu scheiden.
Mühsam nur hätten zwölf ausgesucht kräftige Männer aus unsrer
Generation den Block auf den Schultern anheben können.
Turnus indessen packte ihn ungestüm, reckte sich höher,
stürmte zum Anlauf vorwärts und schleuderte ihn auf den Gegner.
Aber er kannte sich selbst nicht wieder im Gehen, im Laufen,
auch nicht im Heben und Schwingen des mächtigen Steines. Die Knie
wankten ihm, eiskalt gerann sein Blut in frostigem Schauer.
Darum durchmaß auch der Felsblock im Flug durch die Luft nicht die ganze
Strecke, gelangte zum Ziel nicht, verwundete gar nicht den Gegner.

Wie wir im Traum, wenn uns einschläfernd nächtliche Ruhe die Augen
schloß, uns einbilden, eifrig, doch zwecklos längere Strecken
laufen zu wollen und trotz erhöhter Anstrengung kraftlos
niederzusinken, die Zunge uns stockt, die genau uns bekannten
Kräfte des Körpers versagen, kein Laut uns gelingt, nicht ein Wörtchen:
derart vereitelte jetzt die gräßliche Göttin dem Turnus
jegliche noch so wackre Bemühung. Seine Gedanken
kreuzten sich wirr, er blickte zur Stadt, zu den Rutulern, schwankte
furchtsam, erzitterte vor dem Drohen der Lanze, erspähte
keinerlei Fluchtweg, auch keinerlei Bahn zu kraftvollem Angriff,
sah auch den Kampfwagen nicht, nicht die Schwester, die sicher ihn lenkte.

Aber da hatte Aeneas bereits den günstigen Zielpunkt
scharf im Visier und schleuderte, unter dem Einsatz des ganzen
Körpers, den tödlichen Speer auf den zaudernden Gegner. So schwirrten
niemals die Blöcke des Mauergeschützes, zischten auch niemals
zuckende Blitze. Die Lanze, Trägerin grausamen Unheils,
flog, vergleichbar der finsteren Sturmbö, durchschlug erst den untren
Rand an dem siebenschichtigen Schutzschild, darauf den verstärkten
Saum des gepanzerten Hemdes und bohrte sich tief in den Schenkel.
Turnus, bezwungen vom wuchtigen Aufprall, sank in die Knie.
Aufschreiend fuhren die Rutuler hoch, rings dröhnten die Berge
alle, und weithin hallten vom Hochwald die Wehklagen wider.

Turnus, am Boden, demütigen Blickes, streckte die Rechte
bittend nach vorn: »Ich verdiene mein Los, erflehe nicht Gnade.
Nutze dein Glück! Und vermag dich das Schicksal meines geprüften
Vaters zu rühren, bitte – du hattest ja selber solch einen
Vater, Anchises –: Erbarm dich des alten Daunus, den Meinen
gib mich zurück jetzt oder, sofern du das vorziehst, den toten
Körper. Du siegtest, mich sehen die Völker Italiens die Hände
heben als völlig Geschlagenen. Dein ist Lavinia. Treibe
aber den Haß nicht zu weit!«

Aeneas stand mit gezücktem
Schwerte, erbittert, mit rollenden Augen. Noch hemmte er seine
Rechte, er schwankte. Schon wollten die Worte zur Milde ihn stimmen.
Aber da glänzte zum Unglück, hoch auf des Geschlagenen Schulter,
prächtig das Wehrgehenk mit den goldenen Buckeln, der Schwertgurt
früher des jungen Pallas, den Turnus besiegt und erschlagen
hatte. Jetzt trug er das herrliche Schmuckstück sich selbst zum Verderben.
Starrte Aeneas doch wie gebannt auf die Beute, ein Mahnmal
wütenden Schmerzes. Dann rief er mit schrecklicher Stimme, von wilder
Rachgier entflammt: »Du willst mir entschlüpfen – und trägst noch die Beute,
die du den Meinen entrissest? Pallas erschlägt dich jetzt, Pallas
sühnt jetzt mit deinem Blut die Verbrechen, die du begingest!«
Damit stieß er, glühend vor Zorn, in die Brust ihm die Klinge.
Unter der Kälte des Todes erschlafften die Glieder des Turnus,
unwillig stöhnend entwich sein Geist hinab zu den Schatten.

Vergil



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Gedichte: Tragik

02.01.2013 um 17:07

Der Jüngling

Sie sagten mir, dort, wo die Wälder brausen,
Sollen tief in den Höhlen die Drachen hausen.
Ich habe die Wälder nur hier von weitem gesehn,
Weiß nicht, wie die Drachen im Kampfe stehn.

Sie sagten im Tale, das ich nicht kenne,
Lodre ein Feuer steilauf und brenne,
Das bahne sich brünstig in alle Gassen
Und würde auch mich und mein Schloß erfassen.
Ohne mich steht das Schloß allein.
Ich warte. Ich muß des Schlosses Hüter sein.

Sie sagten, die Frauen, die uns so huldvoll grüßen,
Trügen Krallen an Händen und Füßen,
Hätten keine unsterbliche Seele im Leibe,
Und ein Werwolf säße in jedem Weibe.
Ich sollte mich hüten, mein Herz zu vergeben. --
Mein Herz blieb immer noch mein im Leben.

Und sagten, eh' ich zählte bis drei,
Ständ' ich selber in Hader und Feldgeschrei,
Und sahen mich an und lachten dabei.

Der Frühling liegt mir im Blute. Ich habe die Götter geehrt.
Ich stehe erwartend, gestützt auf mein Schwert.

Carl Bulcke



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Gedichte: Tragik

02.01.2013 um 17:10

Junker Kord

Sing höheren Gesang, o ländlicheKamöne.
Nicht jeder liebt die Flur und sanfte Flötentöne.
Ein Lied, des Junkers wert, ein Lied voll Saft und Mark,
Ein edles Waldhornstück durchschmettere den Park.

Horch! von dem Schindelturm summt schwellend durch die Himmel
Zu Stadt und Dörfern rings ein feierlich Gebimmel.
Horch! zwölffach ruft vom Hof metallner Böller Knall
Und geltendes Juchhein dem fernen Widerhall.
Unruhig fragt das Dorf, was doch der Lärm bedeutet,
Warum so rasch aufs Schloß der Adel fährt und reitet.
Freud über Freud! ertönt’s; der Storch hat diese Nacht
Für unsers Junkers Frau ein Jünkerchen gebracht!

Traur’, armes Waldgeschlecht! Ihr Rehe, Schwein’ und Hirsche,
Trau’rt rudelweis; euch droht die mörderlichsteBirsche!
O Has und Häsin, trau’rt! Ein schrecklich Kind erwuchs!
Vor seinem Rohr entrinnt kein Otter und kein Fuchs!
Umschreit, ihr Vögelschwärm’, und hackt mit Klau und Schnabel
Ihn, der euch Mord gebracht, den Unglücksstorch der Fabel!
Euch schützt vorBeiz undSchuß keinSchluf des Moorsund Walds;
Dich, Trappe, nicht der Flug, dich, Birkhahn, nicht die Balz!

Noch harmlos ruht und fromm der sanftgewiegte Junker:
Sein Wappen ziert die Deck, im Glanz der goldnen Klunker;
Es wehrt demUngetüm derBasen Kreuz und Spruch;
Die Nichten sehn das Bild des Vaters Zug vor Zug.
Der Vettern Waidgelag stößt an mit vollem Glase;
Rheinwein und englisch Bier bepurpert jede Nase.
Windspiel und Dogg undBrack und Dachs-und Hühnerhund
Hüpft wedelnd um die Wieg, und leckt ihm Hand und Mund.
Unsichtbar überschwebt das Dach der wilde Jäger
Auf trübem Nebelgaul, und wird des Kindleins Pfleger.
Bald horcht’s, und lächelt still, auf Hifthorn und Geblaff,
Zielt an der Amme Brust, und lallt: Aport und Paff!
Bald lernt es namentlich der Hunde Trupp zu locken;
Mit hölzernem Gewehr, Wildpret undJägerdocken
Spielt’s Jagd; und selbst der Mund des gütigen Papas
Pfeift ihm dazu ein Stück auf seinem Pulvermaß.
Wohl dir, holdselig Kind! Dir sprießet Gerst und Hopfen
Auf väterlicher Flur, zu braunen Balsamtropfen;
Dir trägt die Biene Met zu starker Morgenkost;
Aus eignem Garten quillt würzhafter Apfelmost!

Wann, als Husar, der Knab ein Steckenpferdchen tummelt,
Den kleinen Tiras schlägt, und auf der Trommel rummelt;
Behaglich hört er dann vom Oheim und Papa
Gar manchen Jugendschwank, und atmet staunend Ah!
Selbst führt der Vater ihn durchs große Tafelzimmer,
Und zeigt rings an der Wand der Wappen bunte Schimmer,
In Stahl und Knebelbart der Ahnenbilder Reih,
Und über jedem Bild ein stattlich Hirschgeweih.
Schau, ruft er, Junker Kord, schau jenen Sechzehnender!
Den schoß ich dir als Bursch für unsern Bratenwender!
Noch seh ich, wie voll Angst durch Heid und Bach er lechzt,
Mit Schweiß die Fährte färbt, und hin sein Leben ächzt!
Als Bursch erlegt’ ich auch, ohn einen Schuß der Büchse,
Mit bloßem Peitschenhieb, den schlauesten der Füchse!
Wie Donnerwetter ging’s! Mir stürzten in den Sand
Drei Klepper: dennoch ward der Bau ihm kurz verrannt!
Wie aber sprang mit mir der Wallach über Hecken
Und Zäun’ und Graben hin! Wie bäumt’ er wild vor Schrecken,
Als ich den Werwolf mit geerbtem Silberschoß,
Und schnell ein altes Weib aus Lumpen Blut vergoß!

Was weinst du, zärtlichste der Mütter? Trotz den Tränchen,
Lernt Schreib- und Lesekunst, vier Stunden tags, dein Söhnchen.
Doch ist sein Kandidat nicht unnütz ganz und gar:
Er tanzt und ficht mit Kord, und kräuselt ihm das Haar.
Auch weiß der Mensch, ein Wustvon Wissenschaften ziere
Nur Bürgervolk zur Not, doch schänd er Kavaliere.
Was macht ein junger Herr mit Griechisch und Latein?
Sollt’ er der klügste Sproß des alten Stammbaums sein?

Eh noch sein flaumig Kinn der Diener eingeseifet,
Wird er ein voller Kerl, im Jägerkrug gereifet,
Spielt deutsches Solo, schnapst,schiebt Kegel, schmaucht Tabak,
Und leert auf einen Zug sein Reifglas Kniesenak.
Beherzt nun schäkert er um Gouvernant und Zofe,
Nicht knabenhaft, und bald um jede Magd im Hofe.
Doch hält ihn Lenens Reiz, hochstämmig, rot von Mund,
Mit derbem Backenpaar, von Brust und Hüfte rund.
Heuboden, Garten, Wald, ihr wißt, warum die Schürze
Sich so zur Ungebühr dem armen Lenchen kürze.
Sei lustig, gutes Ding! Zwar keift die gnäd’ge Frau,
Zwar stehst du büßend bald im Kirchengang zur Schau;
Allein was achtest du des Zischelns und des Hohnes?
Die Herrschaft ingeheim freut sich des wackern Sohnes;
Auch nimmt der Kandidat voll Untertänigkeit
In deiner Schürz einmal die Pfarre hocherfreut.

O Kord, zum zwanzigsten Geburtstag nun erwachsen,
Des jungen Adels Kron im Doppelreich der Sachsen,
Verherrlichst du den Glanz des nahen Hofs, und wirst
Jagdjunker, dreist und keck. Verdienste lohnt der Fürst.
In silberhellem Grün, mit reger Hunde Koppeln,
Trabst du zur Martinsjagd durch Auen, Forst’ und Stoppeln.
Wie hallt Gebell und Horn! wie schnaufen Roß und Mann!
Wie scheucht der Dörfer Volk das Wild bergab bergan!
Doch hebt sein adlich Herz auch mildere Bewegung:
Er schirmt mit List und Mut verrufnes Wildes Hegung,
Wenngleich der Bauer laut zum Landesvater klagt.
Zur Strafe wird dem Schelm sein Brotkornfeld zerjagt.
Ihm huldigten fürwahr Vestalinnen und Nonnen,
Durch liebenswürdige Zudringlichkeit gewonnen.
Zwar Weiber kosten viel, und der Papa ist knapp;
Doch mahne Jud und Christ! er lacht, und handelt ab.
Zur Wette spornt er einst den feurigen Polacken,
Sprengt tollkühn übers Heck, undstürzet. Weh! es knacken
Zwei Rippen ihm morsch ab! Möcht er gerettet sein!
Er ist’s! um bald als Herr sein Völkchen zu erfreun.

Seht da! Frau Lenens Mann, der Ausbund der Pastöre,
Kommt sporenstreichs vom Gut auf der bespritzten Mähre:
»Ihr Vater, Herr Baron!« – Ist endlich abgeschurrt?
»Am Schlag!« – Nun, gute Nacht! So hat er ausgeknurrt.

Leibeigne, jung und alt, mit Jubel und mit Segen
Hüpft eurem Herrn mit Spiel und Sensenklang entgegen!
Der wird voll Eifers sich erbarmen eurer Mühn,
Und eure Kinder fromm und wirtschaftlich erziehn!
Streut Blumen auf den Weg, singt, Mädchen, singet munter,
Und schlagt die Hark im Takt! Er winkt vom Hengst herunter
Euch Küsse! Jäger, blast! Ihr Hund’, erhebt das Maul,
Und grüßt mit festlichem, vielstimmigem Gejaul!

Die ganze Bauerschaft mit aufgeregten Ohren
Schwört Ihm, des gnädigen Barons Hochwohlgeboren,
Erb- und Gerichtesherrn der alten Baronei,
Nach vorgelesner Schrift des Fronvogts, Pflicht und Treu.
Bankett und Ball empfängt die Adlichen der Gegend,
Mit Prunk und Völlerei die groben Sinne pflegend.
Im Kreis der Spötter sitzt der muntre Schwarzrock auch,
Antwortet bibelfest, und sättiget den Bauch.
Jauchzt, froher Ahndung voll, jauchzt, Untertan und Pächter!
Stimmt ins Gekreisch, ins laut aufschallende Gelächter
Der Damen und der Herrn! Vom Jägerchor wird jetzt
Ein matter Fuchs geprellt, ein Marder totgehetzt!

Schon herrscht er ritterlich, uralter Straßenräuber
Unausgeartet Kind, ein stolzer Menschentreiber!
Sein Prachtschloß überschaut nur Hütten rings von Stroh;
In weiter Segensflur ist er, der eine, froh!
Ihm wird durch Fron und Zwang geerntet und gebuttert,
Und, fast dem Zugvieh gleich, sein Menschenvieh gefuttert.
Fällt einst ein Mißjahr ein; er lau’rt, und schüttet auf:
Je dürftiger der Mann, je wuchrischer der Kauf.
Von Brennen und von Braun, von Handwerk und Gewerbe,
Strotzt sein freiherrlich Gut, ob nahrlos auch ersterbe
Die hartbeschatzte Stadt: er schützt in alter Kraft
Freiheit von Zoll und Schoß, als Recht der Ritterschaft.
Der Bau’r und Bürger wird Canaill’ und Pack betitelt,
Und seinem Anwachs früh die Menschheit ausgeknittelt:
Schulmeister, spricht er, macht die Buben nicht zu klug!
Ein wenig Christentum und Lesen ist genug!
Beim Pfeifchen schwatzt mit ihm von Korn- und Pferdeschacher
Sein Pfäfflein, und beseufzt der neuen Büchermacher
Gottlosigkeit. Verdammt zum Galgen und zum Rad
Wird dann durch beider Spruch Freigeist und Demokrat!
Der welken Stadtmamsell abtrünnig, wählt er endlich
Ein Fräulein sich zur Dam’, halb höfisch und halb ländlich.
Bald seht ihr junge Zucht, dem edlen Vater gleich;
Spielt nicht des Kutschers Tück ihm einen Kuckucksstreich. Kamöne, Muse, Göttin der Begeisterung.

Johann Heinrich Voß



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Samnang
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Gedichte: Tragik

02.01.2013 um 17:22
@jofe
ohhhhhhhhhhhh du bist aber sehr fleissig* :)



Mit dem Tode Wand an Wand



Die Nebel fallen in das Land.
Ach, mit dem Tode Wand an Wand
Wohnt jeder, der das Leben fand.


Nur wenn wir uns die Lippen reichen,
Ist das der Nacht ein Feuerzeichen,
Und auch die letzten Nebel weichen.


Max Dauthendey


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Gedichte: Tragik

02.01.2013 um 17:26
@Samnang
Tja ... der alte Mann liest nicht nur gerne Mystery-Threads auf Allmystery ... der hat sogar schon echte Bücher gelesen und ein wenig gespür für Weltliteratur und schöne Gedichte! ^^




Der Hunger und die Liebe

Tunkomar und Teutelinde,
Welch ein zärtlich junges Paar.
Er gemächlich, sie geschwinde,
Furie sie, er Drommedar.
Er pflegmatisch und platonisch:
"Süßes Lindchen, Mündchen her."
Sie, dämonisch, denkt lakonisch:
"Er ermannt sich nimmermehr."

Sonntags: Ausflug. Treubeflissen
Jedes Mal ein leckres Fest.
Er häuft ihr die besten Bissen,
Sich bescheidend mit dem Rest.
Dann nach Hause. Vor der Klause
Küßt er ihr galant die Hand.
Sitzt die arme, kleine Mause
Stets allein vor ihrer Wand.

Hindernisse aller Sorten
Türmen sich der schönen Braut,
Hier die Eltern, Geldschwund dorten,
Und der Bräutgam steht benaut.
Mais la femme: Teutelinden
Wird es glücken klipp und klar,
Sich mit Tunkomarn zu binden,
Wos auch sei, am Traualtar.

Sie beschließen, zu entfliehen,
Nicht zu warten, nein, sogleich!
Und Poseidon sieht sie ziehen
Durch sein großes Wasserreich.
Ihrer Sehnsucht höchste Höhe
Heißt das Land Amerika.
Schicksalswanzen, Fehlschlagsflöhe
Weichen dort, halleluja!

Glatter als des Spiegels Glätte
Breitet sich der Ozean.
Plötzlich fuchtelt durch die Stätte
Ein entsetzlicher Orkan.
Wale wimmern, Aale toben;
Wogenberg und Wogental.
Mast nach unten, Kiel nach oben;
Munter hält der Hai sein Mahl.

Tunkomar und Teutelinde,
Ach, erklettern mühsam nur
Eines Eilands Felsenrinde,
Triefend von der nassen Spur.
Unter einer Sykomoren
Ruhen sie die erste Nacht.
Und sie sehen sich verloren,
Als sie morgens aufgewacht.

Nur Korallen, nur Gerölle -
Selbst der alte Feigenbaum
Zeitigt auf der Inselhölle
Keine Frucht im Blätterraum.
Kaffee wünscht sich Teutelinde,
Und ein Brötchen Tunkomar.
Nirgends wächst ein Obstgebinde,
Gräßlich, auf dem Steinaltar.

Strandschildkröten, Vögel, Eier,
Nichts von Allem kommt hier vor,
Und der Hunger zieht als Freier
Frech ins kahle Siegestor.
Wer wird wohl den Ausgang finden?
Wo macht Stopp des Schicksals Lauf?
Tunkomar küßt Teutelinden,
Aber diese pfeift darauf.

Eilends wird der Hunger stärker,
Immer stärker, ganz enorm,
Endlich wird er Feuerwerker
Und zersprengt die Anstandsform.
Tunkomar springt aus der Tute,
Wird Berserker! Goliath!
Teutelindchen schwimmt im Blute,
Tunkomarchen frißt sich satt.

Detlef von Liliencron



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Samnang
ehemaliges Mitglied

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02.01.2013 um 17:33
@jofe
das will ich doch hoffen....so ist es recht.
Du hast aber auch wirkliche Raritäten und Besonderheiten dabei...schön*





Sehnsucht

Entfernter Freund!
Um den auf immer
Im stillen Zimmer
Mein Auge weint;
Dann, wenn die Sterne
Am Himmel blinken,
Und Liebe winken,
Denk ich der Ferne
In der du, ach!
Jetzt um mich leidest,
Und Freuden meidest,
Mit Tränen nach.
Und wenn mein Freund
Im Strahlenkleide,
Zu meinem Leide
Mitleidig scheint;

Da werf ich mich,
Mit stummen Sehnen
Und tausend Tränen -
Oh! sähst du mich!
An jene Flüsse
Zur Erde nieder,
Die unsre Lieder
Und unsere Küsse
Beim Sternenschein
So oft belauschten,
und sanfter rauschten
Durch diesen Hain -
Ach! keine Lieder
Und keine Küsse,
Ihr - Hain - und Flüsse!
Belauscht ihr wieder -
Und denk an dich,
An jene Zeiten,
So voller Freuden
Für mich und dich;

Dann ruf ich dich
Durch alle Wälder,
Durch Tal und Felder
Als hört'st du mich.
Und wüst und schaurig
Ist Hain - und Trifte,
Wie Totengrüfte,
So bang und traurig.
O! Mond und Sterne,
Blickt tausend Küsse
Und tausend Grüsse
Dem in der Ferne,
Ihr könnt' ihn finden!
So ruf und weine
Ich oft alleine
In öden Gründen.
So lächelt dir
Der Mond oft Küsse
So traurig süße
Mein Freund von mir.


Sophie Albrecht


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02.01.2013 um 21:27

An Karoline

Eilet raschen Flugs dahin,
Eilt, ihr trägen Augenblicke,
Daß mein lieberfüllter Sinn
Meine Lina bald erblicke,
Sie, die meinem Herzen, ach! so nah,
Nie mein schwermutsvolles Auge sah!

Daß ich an ihr klopfend Herz
Traulich-brüderlich mich schmiege,
Süß vergessend jeden Schmerz,
Jede Sorg im Schlummer wiege,
Und versenkt in Himmelsschwärmerei
Nur in Lina lebe, webe, sei!

Ha! wenn dann mich hochentzückt
Sie mit sehnendem Verlangen
An den Schwesterbusen drückt!
Wie wird dann auf meinen Wangen
Süß beglückter Liebe Feuer glühn!
Geist und Sinnen werden vor mir fliehn!

Trunken, meiner unbewußt,
Werd ich denken nur sie können;
Doch, durchglüht von reiner Lust,
Wird mein Blick sie Schwester nennen,
Ausdrucksvoll ihr sagen, was, zu schwach,
Sprache nachzubilden nicht vermag!

Schließe Lina, bald den Bund,
Der an Seele Seele kettet,
Der aus diesem Erdenrund
Uns in beß’re Spären rettet,
Den von seines Thrones Herrlichkeit
Hoch der Vater sieht und benedeit!

Nie zerreißt ein Liebesband,
Von der Tugend selbst geschlungen.
Siehst du nicht im Sternenland,
Wenn wir endlich ausgerungen
Dieses Pilgerleben, ausgeweint
Jedes Leiden, dort uns fest vereint?

Sie, die sich mit heißer Gier
Nach Unsterblichkeiten sehnet,
Diese Seele, die sich hier
Stets an jene Hoffnung lehnet —
Sieh! der ew’ge Vater gab uns sie,
Und er täuschte seine Kinder nie!

Wilhelm von Humboldt



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02.01.2013 um 21:28

Rückkehr zum Licht

Unsre Erde liebt den Äther,
Möchte gern der Sonne nahn.
Starres Eisen ward lebendig,
Als das Licht hernieder kam,
Heil'ges Licht der heil'gen Sonne,
Und uns alles Schöne gab.
Kühne Felsen trieb die Tiefe,
Hohe Lüfte schwebten nah,
Von dem Äther abgesendet
Um die große Braut zu fahn.
Scham macht rot den blauen Schleier,
In den Adern rinnt Metall,
Edelsteine blitzen unten,
Und in Wolken blüht der Strahl.
Süßes Blut durchdringt die Glieder,
Flammen rieseln unsichtbar,
Sehnsucht schwellt die üpp'gen Hügel,
Grüne Fülle quillt im Tal,
Und es spielen bunte Tiere,
Wo den Schoß der Äther traf.
Pflanzen, Tiere und Metall
Atmen nur des Lichtes Kraft;
Andre Wesen leuchten anders,
Mancher Schein von Einem Strahl.
Leichtes Eisen, fester Äther,
Steht der Mensch vollendet da;
In dem Antlitz glänzt die Erde,
Und zur Sonne will die Tat.
Wo die Farben wieder Eins,
Wird das Licht sich selber klar,
Denket mutig auf die Rückkehr,
Wann der Heimat es gewahrt.
Frohe Zeichen schaut das Auge,
Wo das kühne Leben wallt,
Wo die wilde Erdenfülle
Schön vereint ist zum Gesang;
Da erinnert an die Sonne
Uns ihr Abglanz, die Gestalt.
Freier regt sich dann die Liebe
Die so tief verschlossen lag;
Wo die Schönheit angesprochen,
Hatte Liebe schon gefragt.
Wenn das Herz in schöner Liebe
Kühnlich schwebet gleich dem Aar,
Strömet hoch die Fantasie,
Wie die Flamme vom Altar.
Was der Geist so hell gedichtet
Lebet ewig fest und wahr;
Und zur Sonne kehrt das Licht,
Wo das heil'ge rein und klar.

Friedrich Schlegel



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02.01.2013 um 23:28

Die Götter Griechenlands

Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
An der Freude leichtem Gängelband
Glücklichere Menschalter führtet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!

Da der Dichtkunst malerische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! –
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
Und, was nie empfinden wird, empfand.
An der Liebe Busen sie zu drücken,
Gab man höhern Adel der Natur.
Alles wies den eingeweihten Blicken,
Alles eines Gottes Spur.

Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,
Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
Lenkte damals seinen goldnen Wagen
Helios in stiller Majestät.
Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas starb mit jenem Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme Silberschaum.

Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe, 1)
Tantals Tochter 2) schweigt in diesem Stein,
Syrinx' Klage tönt' aus jenem Schilfe,
Philomelens Schmerz in diesem Hain.
Jener Bach empfing Demeters Zähre,
Die sie um Persephonen geweint,
Und von diesem Hügel rief Cythere,
Ach, vergebens! ihrem schönen Freund.

Zu Deukalions Geschlechte stiegen
Damals noch die Himmlischen herab,
Pyrrhas schöne Töchter zu besiegen,
Nahm Hyperion den Hirtenstab.
Zwischen Menschen, Göttern und Heroen
Knüpfte Amor einen schönen Bund.
Sterbliche mit Göttern und Heroen
Huldigten in Amathunt.

Betend an der Grazien Altären
Kniete da die holde Priesterin,
Sandte stille Wünsche an Cytheren
Und Gelübde an die Charitin.
Hoher Stolz, auch droben zu gebieten,
Lehrte sie den göttergleichen Rang,
Und des Reizes heilgen Gürtel hüten,
Der den Donnrer selbst bezwang.

Himmlisch und unsterblich war das Feuer,
Das in Pindars stolzen Hymnen floß,
Niederströmte in Arions Leier,
In den Stein des Phidias sich goß.
Beßre Wesen, edlere Gestalten
Kündigten die hohe Abkunft an.
Götter, die vom Himmel niederwallten,
Sahen hier ihn wieder aufgetan.

Werter war von eines Gottes Güte,
Teurer jede Gabe der Natur.
Unter Iris' schönem Bogen blühte
Reizender die perlenvolle Flur.
Prangender erschien die Morgenröte
In Himerens rosigtem Gewand,
Schmelzender erklang die Flöte
In des Hirtengottes Hand.

Liebenswerter malte sich die Jugend,
Blühender in Ganymedas3 Bild,
Heldenkühner, göttlicher die Tugend
Mit Tritoniens Medusenschild.
Sanfter war, da Hymen es noch knüpfte,
Heiliger der Herzen ewges Band.
Selbst des Lebens zarter Faden schlüpfte
Weicher durch der Parzen Hand.

Das Evoë muntrer Thyrsusschwinger
Und der Panther prächtiges Gespann
Meldeten den großen Freudebringer.
Faun und Satyr taumeln ihm voran,
Um ihn springen rasende Mänaden,
Ihre Tänze loben seinen Wein,
Und die Wangen des Bewirters laden
Lustig zu dem Becher ein.

Höher war der Gabe Wert gestiegen,
Die der Geber freundlich mit genoß,
Näher war der Schöpfer dem Vergnügen,
Das im Busen des Geschöpfes floß.
Nennt der meinige sich dem Verstande?
Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt?
Mühsam späh ich im Ideenlande,
Fruchtlos in der Sinnenwelt.

Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.

Seiner Güter schenkte man das beste,
Seiner Lämmer liebstes gab der Hirt,
Und der Freudetaumel seiner Gäste
Lohnte dem erhabnen Wirt.
Wohin tret ich? Diese traurge Stille
Kündigt sie mir meinen Schöpfer an?
Finster, wie er selbst, ist seine Hülle,
Mein Entsagen – was ihn feiern kann.

Damals trat kein gräßliches Gerippe
Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß
Nahm das letzte Leben von der Lippe,
Still und traurig senkt' ein Genius
Seine Fackel. Schöne, lichte Bilder
Scherzten auch um die Notwendigkeit,
Und das ernste Schicksal blickte milder
Durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.

Nach der Geister schrecklichen Gesetzen
Richtete kein heiliger Barbar,
Dessen Augen Tränen nie benetzen,
Zarte Wesen, die ein Weib gebar.
Selbst des Orkus strenge Richterwaage
Hielt der Enkel einer Sterblichen,
Und des Thrakers seelenvolle Klage
Rührte die Erinnyen.

Seine Freuden traf der frohe Schatten
In Elysiens Hainen wieder an;
Treue Liebe fand den treuen Gatten
Und der Wagenlenker seine Bahn;
Orpheus' Spiel tönt die gewohnten Lieder,
In Alcestens Arme sinkt Admet,
Seinen Freund erkennt Orestes wieder,
Seine Waffen Philoktet.

Aber ohne Wiederkehr verloren
Bleibt, was ich auf dieser Welt verließ,
Jede Wonne hab ich abgeschworen,
Alle Bande, die ich selig pries.
Fremde, nie verstandene Entzücken
Schaudern mich aus jenen Welten an,
Und für Freuden, die mich jetzt beglücken,
Tausch ich neue, die ich missen kann.

Höhre Preise stärkten da den Ringer
Auf der Tugend arbeitvoller Bahn:
Großer Taten herrliche Vollbringer
Klimmten zu den Seligen hinan;
Vor dem Wiederforderer der Toten 3)
Neigte sich der Götter stille Schar.
Durch die Fluten leuchtet dem Piloten
Vom Olymp das Zwillingspaar.

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach! nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine goldne Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach! von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb nur das Gerippe mir zurück.

Alle jenen Blüten sind gefallen
Von des Nordes winterlichem Wehn.
Einen zu bereichern, unter allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen,
Ach! sie widerhallen leer!

Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit,
Nie gewahr des Armes, der sie lenket,
Reicher nie durch meine Dankbarkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur!

Morgen wieder neu sich zu entbinden,
Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,
Und an ewig gleicher Spindel winden
Sich von selbst die Monde auf und ab.
Müßig kehrten zu dem Dichterlande
Heim die Götter, unnütz einer Welt,
Die, entwachsen ihrem Gängelbande,
Sich durch eignes Schweben hält.

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen,
Keiner Göttin, keiner Irdschen Sohn,
Herrscht ein andrer in des Äthers Reichen
Auf Saturnus' umgestürztem Thron.
Selig, eh sich Wesen um ihn freuten,
Selig im entvölkerten Gefild,
Sieht er in dem langen Strom der Zeiten
Ewig nur – sein eignes Bild.

Bürger des Olymps konnt ich erreichen,
Jenem Gotte, den sein Marmor preist,
Konnte einst der hohe Bildner gleichen;
Was ist neben dir der höchste Geist
Derer, welche Sterbliche gebaren?
Nur der Würmer Erster, Edelster.
Da die Götter menschlicher noch waren,
Waren Menschen göttlicher.

Dessen Strahlen mich darnieder schlagen,
Werk und Schöpfer des Verstandes! dir
Nachzuringen, gib mir Flügel, Waagen,
Dich zu wägen – oder nimm von mir,
Nimm die ernste, strenge Göttin wieder,
Die den Spiegel blendend vor mir hält;
Ihre sanftre Schwester sende nieder,
Spare jene für die andre Welt.

Friedrich Schiller



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Gedichte: Tragik

02.01.2013 um 23:31

Leier und Schwert - Auf dem Schlachtfelde v. Aspern

Schlachtfeld, wo der Todesengel würgte,
Wo der Deutsche seine Kraft verbürgte,
Heil’ger Boden, dich grüßt mein Gesang!
Frankreichs stolze Adler sahst du zittern,
Sahst des Wütrichs Eisenkraft zersplittern,
Die sich frech die halbe Welt bezwang.
Euch, ihr Manen der gefallnen Helden,
Deren Blick im Siegesdonner brach,
Ruf’ ich in den Frühling eurer Welten
Meines Herzens ganzen Jubel nach.

Daß ich damals nicht bei euch gestanden!
Daß, wo Brüder Sieg und Freiheit fanden,
Ich, trotz Kraft und Jugend, doch gefehlt!
Glückliche, die ihr den Tag erfochten!
Ew’ge Lorbeern habt ihr euch geflochten,
Zum Triumph des Vaterlands erwählt.
Schwarz und traurig wie auf Grabestrümmern
Wälzt auf Deutschland sich des Schicksals Macht;
Doch begeisternd wie mit Sternesschimmern
Bricht der eine Tag durch unsre Nacht.

Sonnenhauch in düstern Nebeljahren,
Deine Strahlen laß uns treu bewahren
Als Vermächtnis einer stolzen Zeit!
Überall im großen Vaterlande,
Von der Ostsee bis zum Donaustrande,
Macht dein Name alle Herzen weit.
Aspern klingt’s, und Karlklingt’s siegestrunken,
Wo nur deutsch die Lippe lallen kann.
Nein, Germanien ist nicht gesunken,
Hat noch einen Tag und einen Mann.

Und solange deutsche Ströme sausen,
Und solange deutsche Lieder brausen,
Gelten diese Namen ihren Klang.
Was die Tage auch zerschmettert haben,
Karl und Aspern ist ins Herz gegraben,
Karl und Aspern donnert im Gesang.
Mag der Staub gefallner Helden modern,
Die dem großen Tode sich geweiht:
Ihres Ruhmes Flammenzüge lodern
In dem Tempel der Unsterblichkeit.

Aber nicht, wie sie die Nachwelt richte,
Nicht die ew’ge Stimme der Geschichte
Reißt der Mitwelt große Schuld entzwei.
Ihre Todesweihe lebt im Liede;
Doch umsonst such’ ich die Pyramide,
Die der Denkstein ihrer Größe sei.
Auf dem Walplatz heiligten die Ahnen
Ihrer Eichen stolze Riesenpracht,
Und die Irmensäule der Germanen
Sprach von der geschlagnen Römerschlacht.

In dem blut’gen Tal der Thermopylen,
Wo der Griechen freie Scharen fielen,
Grub in Marmor ihrer Brüder Dank:
»Wandrer, sag’s den kinderlosen Eltern,
»Daß fürs Vaterland auf diesen Feldern
»Spartas kühne Heldenjugend sank!«
Und Jahrtausende sind Staub geworden,
Jenes Marmors heil’ge Säule brach;
Doch in triumphierenden Akkorden
Riefen’s die Jahrhunderte sich nach

Und erzählten trotz dem Sturmgetöse
Ihrer Zeit von der Heroen-Größe
Der Gefallnen und von Spartas Dank.
Groß war Griechenland durch seine Helden,
Aber größer noch durch sein Vergelten,
Wenn der Bürger für die Freiheit sank.
Jenseits lohnt ein Gott mit ew’gen Strahlen;
Doch das Leben will auch seinen Glanz.
Nur mit Ird’schem kann die Erde zahlen,
Und der Ölzweig windet sich zum Kranz.

Drum soll es die Nachwelt laut erfahren,
Wie auch deutsche Bürger dankbar waren,
Wie wir der Gefallnen Tat erkannt.
Daß ihr Tod uns Lebende ermutet,
Daß sie für Unwürd’ge nicht geblutet:
Das beweise, deutsches Vaterland!
Deine Sänger laß in Liedern stürmen
Und zum Steine füge kühn den Stein
Und die Pyramide laß sich türmen,
Der gefallnen Brüder wert zu sein!

Nur glaub’ nie, du schmücktest ihre Krone,
Wenn du deine goldnen Pantheone
Über ihre Grabeshügel wölbst!
Stolzes Volk, denkst du mit Marmorhaufen
Deines Dankes Schuldbrief abzukaufen?
Deine Kuppeln ehren nur dich selbst.
Nur das Ew’ge kann das Ew’ge schmücken,
Erdenglanz welkt zur Vergessenheit.
Was die Zeiten brechen und erdrücken,
Ist gemein für die Unsterblichkeit.

Aber, Deutschland, um dich selbst zu ehren,
Nicht den eignen Tempel zu zerstören,
Den die angeerbte Kraft gebaut,
Zeig dich wert der großen Todesweihe,
Dich, Germania, in alter Treue,
Männerstolze, kühne Heldenbraut!
Friedlich Volk, brich aus den kalten Schranken,
Warm und frei, wie dich die Vorwelt kennt!
Auf den Feldern, wo die Adler sanken,
Türme deines Ruhmes Monument!

Sieh umher bei fremden Nationen,
Wie sie dort ein mutig Werk belohnen,
Wie der Marmor in den Tempeln glänzt!
Jeder Steg aus dunkler Wissenssphäre
Drängt sich in das Pantheon der Ehre,
Und der kühne Künstler steht bekränzt.
Aber gibt es einen Preis im Leben,
Wo hinan nicht dieser Kampf gereicht?
Gut und Blut für Volk und Freiheit geben:
Nenn’ die Tat, die sich der Tat vergleicht!

Drum, mein Volk, magst du den Aufruf hören!
Östreich, deine Toten sollst du ehren!
Wer zum deutschen Stamme sich bekennt,
Reiche stolz und freudig seine Gabe,
Und so baue sich auf ihrem Grabe
Ihrer Heldengröße Monument,
Daß es die Jahrhunderte sich sagen,
Wenn die Mitwelt in den Strudel sank:
»Diese Schlacht hat deutsches Volk geschlagen,
Dieser Stein ist deutschen Volkes Dank!«

Karl Theodor Körner



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Gedichte: Tragik

03.01.2013 um 07:37
Stern des Nordens

Im Schatten des Mondlichts sehe ich sie tanzen,
Wolkenfetzen ziehen ihrem Haar gleich am Himmel entlang.

Stern des Nordens.

Klippen unter ihren Füßen, Berührungen kaum wahrnehmbar,
Farbe ihres Kleides gischtgleich, sturmdurchbrauste Nacht.

Stern des Nordens.

Moosbedeckter Boden, Muscheln, die in Fleisch schneiden,
weiße Haut, kalt, ein blutiges Rot ohne Schmerz.

Stern des Nordens.

Gesang, voller Trauer, voller Sehnsucht, voller Liebe,
getragen voll Verlangen, verweht durch den Wind.

Stern des Nordens.

Licht am Horizont, einem Segel gleich, Ruf des Geliebten,
Stimme in ihrem Herz, willig zu folgen.

Stern des Nordens.

Im Schatten des Mondlichts tanzt sie nicht mehr,
Stille, der Sturm hält den Atem an.

Stern des Nordens.

Das Meer schweigt und schließt sich, lauscht dem Klang zweier vereinter Herzen.

Sterne des Nordens.

- UnBekannt -

***


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Gedichte: Tragik

03.01.2013 um 16:59

Die Hexenjagd

»Nun müssen wir reiten durch Nacht und Sturm;
Schon wieder flohn drei aus dem Drudenturm,
Die morgen mir brennen sollten.
Auf, meine Dogge, mein Höllenzwang!
Herbei, ihr Knechte! Denn solch einem Fang,
Dem hat es seit lang nicht gegolten.«
So sprengt aus dem Thore von Lindheim Geiß,
Der grimmige Bauernbedränger;
Ihm folgen die Büttel auf sein Geheiß
Und die Hunde, die Hexenfänger.

Von dannen stürmt er mit wildem Hallo.
Was braut auf dem Moore? Was flackert so loh?
Was huschelt und raunt auf der Wiese?
Dort kauern am Feuer von qualmendem Torf
Die Hanne, der Schrecken vom ganzen Dorf,
Die alte Margret und die Lise;
Sie schaffen am Kessel und rühren geschwind
Das schwarze Gebräu mit der Kelle,
Und schüren die Glut im Wirbelwind:
»Hilf, Teufel! Hilf, Buhlgeselle!«

Da steigt es herauf wie Nebel und Rauch
Und ballt sich und wirbelt um Busch und Strauch
Und kreist und dreht sich in Ringen;
Hier zuckt es empor, dort huscht es im Flug;
Von Hexen wimmelt der ganze Bruch;
Sie hüpfen und lachen und springen.
Mit Besen und Büchse und Zauberknäul
Umtanzen sie Roß und Reiter;
Bald leises Zischeln, bald wüstes Geheul:
»Nur weiter, Herr Geiß, nur weiter!«

Hell wird's auf der Wiese von rötlichem Licht,
Und Holzstoß drängt sich an Holzstoß dicht
Mit leckenden Flammenzungen.
Herr Geiß hält inne; von links und rechts,
Von vorn und von hinten vernimmt er Geächz;
So hat es noch nie ihm geklungen.
Er sieht durch die Glut und den Wirbeldampf
Der aufwärts lodernden Brände
Gesichter, erbleichend im Todeskrampf,
Und jammernd gerungene Hände.

Nur weiter, nur weiter! Auf einmal klafft
Ein Graben vor ihm; er spornt mit Kraft
Den schnaubenden Renner zum Springen.
Da taucht aus der Tiefe im weißen Gewand
Die tolle Gertraud, die er gestern verbrannt;
In die Arme will sie ihn schlingen.
Er starrt; ihn dünkt, als ob himmelan
Zur Riesin sie wüchs' und schwölle.
»Hoho! Hoho! - mein süßer Kumpan!
Auf Wiedersehn in der Hölle!«

Jäh, bäumt sich das Roß; ein Fluch noch gellt
Aus dem Munde des Reiters, und taumelnd fällt
Er häuptlings hinab zu dem Schlunde.
Rings fliegen die Hexen heran vom Moor;
Sie klatschen mit Händen; sie jauchzen im Chor
Und tanzen um ihn in der Runde,
Bis gelb die Nebel der Frühe brau'n
Und es dämmert über dem Graben;
Da huschen sie fort durch das Morgengraun
Und lassen die Leiche den Raben.

Adolf Friedrich von Schack



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03.01.2013 um 17:00

Hexenjagd

Die Obrigkeit macht Hexenjagd,
beschuldigt ist Hein Hinrichs Magd.
Mariechen heißt das schöne Kind,
ihr rotes Haar zerzaust vom Wind.

Viel ist passiert in letzter Zeit,
der Teufel aus der Dunkelheit,
kam in den Ort, so sagt man still,
weil er die Seelen holen will.

Und die ihm Einlass hier gebot,
Mariechen sei´s, die Haare rot
und sicher der Magie vertraut,
wie Hexe, Zaubertränke braut.

Ein Landsknecht fordert scharfen Ritt,
gespenstisch klingt der Pferde Tritt.
Des Sumpfes weiße Nebel steigen,
fünf Reiter sich am Bannwald zeigen.

Da ist sie, hört man Stimmen schrei´n,
nun fängt der Mob Mariechen ein.
Die seufzt und stöhnt mit wirren Blick,
des Landsknechts Hand fasst ihr Genick.

Man schleift sie hin zum Hexenturm,
ein Wind kommt auf und wird zum Sturm.
Man klagt sie an der Hexerei,
die ihre teuflisch´ Sache sei.

Gesteh dein Tun, das schändlich ist,
du Dienerin von Antichrist.
Ein Nachbar, der bezichtigt sie,
dass sie verhext den Hof, das Vieh.

Mariechen leugnet diese Tat,
sie ist zerbrechlich, fein und zart.
Fünf Stunden wird die Magd verhört,
der Nachbar auf den Heiland schwört.

Der Richter ist ein Christensohn,
blickt auf Mariechen voller Hohn.
Bei Folter wird sie schon gesteh´n,
das Volk, ihr wahres Wesen sehn.

Doch weder Rad´, noch Daumenschrauben,
erschüttern ihren wahren Glauben.
Mariechen hat kein Leid verbrochen,
die Pein geht über vierzehn Wochen.

Dann hat man ihr die Kraft genommen,
sie spricht verängstigt und beklommen.
Bin Satans Tochter, Hexenkind
und wieder wird zum Sturm der Wind.

Die Obrigkeit fordert nun Tod
und auch das Volk in seiner Not.
Verbrennt sie auf dem Scheiterhaufen,
hört man manch´ braven Bürger schnaufen.

Mitte November ist´s so weit,
ein Mittwoch und es hat geschneit.
Das Mädchen steht da im Flammenmeer,
ihr Blick zum Himmel ist ganz leer.

Mariechen brennt bald lichterloh,
ist bald erlöst, das Volk scheint froh.
So stirbt sie nun dem Hexenwahn,
wie viele es zuvor getan.

© Hansjürgen Katzer



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Gedichte: Tragik

03.01.2013 um 17:01

An das Gute

Ich will so gerne an dich glauben,
auch wenn das junge Jahr erschüttert.
Ich las vom Tod und Menschentrauben,
Naturgewalten, Macht und „Schrauben,“
was viele Herzen arg verbittert.

Ich las von Lügen und Orkanen,
dem Leichtsinn mit dem neuen Leid.
Dem tausendfachen Schicksalsplanen,
der Hexenjagd und den Schikanen,
im Aufbruch einer neuen Zeit.

Die leisen Stimmen werden lauter,
für Frieden und Gerechtigkeit.
Und du, als Hoffnungspfand, Vertrauter,
die Zukunft wär' bestimmt erbauter,
verharrst du nicht durch Säumigkeit.

Ich will dir herzlich gern vertrauen,
in guten wie in schlechten Zeiten.
Auf deine wahre Stärke bauen,
doch immer auf die Wahrheit schauen,
im Sumpf der vielen Traurigkeiten.

© Gabriela Bredehorn



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