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7.712 Beiträge ▪ Schlüsselwörter: Bücher, Lesen, Literatur ▪ Abonnieren: Feed E-Mail

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09.05.2026 um 11:22
@Atalanta89
Großartiges Buch! Großartiger Autor! Paul Auster versteht es, aus jeder Geschichte ein Mysterium zu machen, allerdings habe ich bei vielen seiner Bücher zum Ende hin den Eindruck dass er selbst ein wenig die Lust daran verloren hat.


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09.05.2026 um 11:46
"Unterleuten" von Juli Zeh, da ich nächstes Jahr den Gombrowski spielen darf.


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09.05.2026 um 12:36
@MrCallaghan

Ja, das hab ich mir auch hie und da gedacht :D

Ich fand Austers persönliches Ende ja so tragisch. Der eigene Sohn brachte wohl sein Kind um und - als er aus Untersuchungshaft entlassen wird - sich selbst. Dass er das noch erleben musste..

Werde den Schriftsteller und seine Bücher vermissen.


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09.05.2026 um 17:02
H.C. Artmann - How much, schatzi?

Artmann-Schatzi

1973 hat der österreichische Schriftsteller H.C. Artmann diesen Erzählband veröffentlicht. Er ist eine sprachliche Wucht voll skurriler und absurder Geschichten, deren Protagonisten und Protagonistinnen durchgehend der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die Handlungsorte befinden sich zumeist in Frankreich. Geschrieben in Kleinschreibung wie das Englische.

Ausführlicher in einem Blogbeitrag


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09.05.2026 um 18:55
Dave Eggers - Der Circle

Eggers-Circle

Der 2013 von Dave Eggers veröffentlichte Roman ist eine Dystopie über einen IT-Konzern, der durch totale Transparenz totale Kontrolle über die Menschen haben will. Seine Produkte sind ein Mix aus Hardware und Social Media-Software, und sie sind in ein Konzern-Ökosystem eingebettet.

Beschrieben wird der Konzern aus der Sicht der 24-jährigen Mae Holland, die mittels Protektion durch ihre beste Freundin Annie, die zu den Top-40-Manager:innen des Konzerns gehört, einen Job am Campus der Firma erhält. Zunächst lernen wir also kennen, wie Mae am Campus in der Kundenbetreuung beginnt und wie jeder ihrer Kundenkontakte bewertet wird, wobei sie Höchstwertungen anzustreben hat. Schritt für Schritt werden ihre Aufgaben ausgeweitet, bis sie schließlich an neun Bildschirmen neun unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig zu betreuen hat.

Auch beginnt sie immer öfter in einer der Campus-Wohnungen zu übernachten, da der Konzern von ihr erwartet, auch bei den sozialen Events der Firma außerhalb der Arbeitszeit beteiligt zu sein. Gleichzeitig hat sie ihr Leben via Feeds (Tweets bzw. Zings, wie sie im Roman heißen) zu dokumentieren und auf Zings anderer zu reagieren. Dafür gibt es ein firmeninternes soziales Ranking, und man sollte zu den Top-Zehntausend gehören, um firmeninterne Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen. Mae strebt schließlich Top-Zweitausend an, was aber bedeutet, dass sie außer ihrer Schlafenszeit keine persönliche Freizeit mehr hat, und auch ihre Besuche bei ihren Eltern werden naserümpfend zur Kenntnis genommen. Auch diese stellt sie mehr oder weniger ein. Mae internalisiert immer mehr die Firmenerwartungen und entwickelt einen Ehrgeiz, die Karriereleiter zu erklimmen.

Maes Ex-Freund Mercer, der ein Kunstgewerbe ausübt, wirft ihr vor, nicht in einer Firma, sondern bei einer Sekte zu arbeiten, nachdem sie ihm - ohne Auftrag - zu einem Internet- und Social-Media-Auftritt verholfen hat. Er sieht das bedrohliche Potenzial dieses Konzerns und flieht in den Norden der USA, um ohne Inernetanbindung leben und arbeiten zu können. In einem Brief an Mae schreibt er, als bereits etwa 90 Prozent der Kongressabgeordneten eine Live-Cam um den Hals tragen:
Du und deinesgleichen werden bereitwillig und mit Freuden unter permanenter Überwachung leben, ihr werdet euch ständig gegenseitig beobachten, euch gegenseitig kommentieren, voten und liken und disliken, Smiles und Frowns verteilen und ansonsten nicht viel anderes machen.

Ihr seid längst zu weit gegangen. Stattdessen sollte ich sagen, dass ich auf den Tag warte, an dem eine lautstarke Minderheit endlich aufsteht und sagt, dass ihr zu weit gegangen seid und dass dieses Instrument, das weit tückischer ist als alle bisherigen menschlichen Erfindungen, kontrolliert, reguliert, rückgängig gemacht werden muss und dass wir vor allen Dingen Optionen für den Ausstieg brauchen. Wir leben derzeit in einem Zustand der Tyrannei
Bei einer Demo, dass die soziale Vernetzung des Circle-Publikums Menschen in kürzester Zeit ausfindig machen können, will Mae Mercer finden. Innerhalb einiger Minuten war er in einem Waldgebiet eines kleinen Ortes ausgemacht, ein Mob macht sich auf den Weg, Mercer flieht vor ihm, und als er von Drohnen verfolgt wird, stürzt er sich mit seinem Truck in einen Abgrund.

Der nächste Schritt ist, dass Mae sich eine Kamera um den Hals hängt, um ihr ganzes Leben zu dokumentieren. Auch Politiker:innen beginnen mit dieser Art von Transparenz. Binnen einiger Monate tragen Tausende von Abgeordneten weltweit und 90 Prozent der Kongressabgeordneten in Washington eine Kamera mit Mikro um den Hals, womit ihr Tag dokumentiert wird. Diejenigen, die sich dieser Transparenz-Offensive nicht anschließen, werden als korrupt gebrandmarkt, und wer sie öffentlich anprangert und als Monopolunternehmen aufbrechen will wie früher AT&T, kann damit rechnen, dass sozial nicht erwünschtes Sexualverhalten "aufgedeckt" wird.

Auch das Elternhaus von Mae wird mit Kameras ausgestattet. Dies ist der Preis, dass ihr an Multipler Sklerose leidender Vater in die Firmenkrankenversicherung aufgenommen wird. Seine alte hat ihn rausgeschmissen, als die Krankheit diagnostiziert worden ist.

Mae identifiziert sich nun so weit mit der Firmen-Ideologie der Transparenz allen Wissens und Handelns, dass sie vorschlägt, dass Circle mit dem Abstimmungsprogramm DemoVis die Organisation von staatlichen Wahlen übernehmen soll, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Dies würde bedeuten, dass nur wählen darf, wer einen Circle-Account hat. Dieser Vorschlag wird von der Firmen-Community mit Begeisterung aufgenommen. Die Crux: Es ist auch transparent, wer sich wie entschieden hat. Das Wahlgeheimis ist aufgehoben.

Eggers hat keinen Bildungsroman geschrieben. Im Gegenteil. Mae ist von kritischen Stimmen umgeben, ohne zu einem Nachdenken oder gar Umdenken zu kommen. Von ihrem Ex-Freund Mercer, aber auch von einem mysteriösen Mann auf dem Campus namens Kalden, der Zugang zu geheimste Orte hat und mit dem sie leidenschaftlichen Sex hat. Er will, dass die Verflechtung von Circle und Staat verhindert wird. Kalden stellt sich als Ty (Tyson Gospodinov), einer der drei Gründer von Circle, heraus. Er hatte die Programmideen zum Spaß entwickelt. Die beiden anderen Gründer, Eamon Baily und Tom Stenton (mit Ty bilden sie die "drei Weisen"), sind für Kommerz und politische Verflechtung verantwortlich und haben mittlerweile Ziele, die Ty nicht mehr teilt. Er ist am Campus nur noch geduldet. Mae wendet sich von ihm ab, als er seine Kritik am Circle formuliert:
... es ist ein totalitärer Albtraum ... Im Interesse von Erziehung und Sicherheit wird alles, was sie gemacht haben, aufgezeichnet, getrackt, dokumentiert, analysiert – für immer und ewig. Und dann, wenn sie alt genug sind, um zu wählen, zu partizipieren, ist ihre Mitgliedschaft obligatorisch. Und da schließt sich der Circle. Alle werden getrackt, von der Wiege bis zur Bahre, ohne die Möglichkeit, zu entkommen.

Dieses Demokratie-Dingsbums, DemoVis oder wie das heißt, großer Gott. Unter dem Vorwand, jeder Stimme Gehör zu schenken, erschaffst du die Herrschaft des Mobs, eine filterlose Gesellschaft, wo Geheimnisse Verbrechen sind.
Auch Alternativwelten wie das auf einem Hausboot lebende alte Paar, das Mae bei einer ihrer Kanu-Fahrten kennenlernt, werden keine Ausstiegsoption. Das Sinnbild des alles auffressenden Tiefseehais in einem Meeresaquarium wird für Mae nicht zum Sinnbild des Circle, der alle Konkurrenten oder interessanten Start-Ups aufkauft. Ty: "Der verdamme Hai, der die Welt frisst."

Der Roman endet, dass ihre alte Freundin und Protektorin Annie in ein Erschöpfungskoma fällt, nachdem ein genealogisches Projekt herausgefunden hat, dass sie nicht nur von Maeflower-Siedlern abstammt, sondern auch von Sklaventreibern, und das Projekt hat stoppen wollen, was von der Top-Ebene aus ideologischen Gründen abgelehnt worden ist. Mae steht am Krankenbett, sieht die EEG-Aufzeichnungen und sinniert, ob es technisch möglich ist, Annies Träume zu rekonstruieren.

Zum Teil bricht durch, dass Eggers sich sehr stark an Orwell orientiert. So unterlegt er der Firma Slogans, die auch mit Großbuchstaben geschrieben sind. Die letzten drei sind von Mae erfunden.

ALLES, WAS PASSIERT, MUSS BEKANNT SEIN
GEHEIMNISSE SIND LÜGEN
TEILEN IST HEILEN
ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL

Dahinter geht es aber um Geld. Bei allen Produkt-Empfehlungen, die Mae über Social Media verbreitet, wird die Conversion Rate ermittelt, also wie viel Käufe ihre Empfehlungen erbracht haben und wie viel Dollar dabei umgesetzt wurden.


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10.05.2026 um 11:17
Politics, Work, and Daily Life in the USSR

Politics-Work-Life-USSR

1987 erschien dieser Band bei der Cambridge University Press, in dem standardisierte Interviews, die mit etwas über 2000 Ende der 1970er, Anfang der 1980er aus der Sowjetunion in die USA exilierten Personen geführt wurden, analysiert wurden. Aufgrund der strikten Auswanderungspolitik der Sowjetunion stammte ein großer Teil der Interviewten aus jüdischen Familien. Nicht ganz 50 Prozent gaben religiöse Gründe als Motivation zur Auswanderung an.

Sehr ausführlich wird die Methodik dargelegt, anschließend sind die Einzelkapitel nach unterschiedlichsten Themen strukturiert. Zu diesem Soviet Interview Project (SIP) gibt es einen kurzen Eintrag in der englischsprachigen Wikipedia

Gleich zu Beginn wird die Frage nach Zufriedenheit mit der Lebensqualität in der Sowjetunion präsentiert, und an letzter Stelle rangiert die Versorgungslage mit Bedarfsgütern. Wobei angemerkt wird, dass Personen aus großen Städten unzufriedener waren als Personen, die in ländlichen Gebieten wohnten, obwohl objektiv die Versorgung in Städten besser und vielfältiger war.

Quality Life

Als Hauptprobleme werden Güterknappheit, sporadische Versorgung, Schlangestehen und schlechte Qualität genannt. Bezüglich Ausbildungsgrad wird festgestellt, dass Personen mit höherer formaler Bildung (Hochschule, Universität) unzufriedener waren als Personen mit niedrigerer formaler Bildung. These ist, dass Städter bzw. höher Gebildete eher noch Informationen hatten, wie die Versorgung von Menschen in Ländern außerhalb der Sowjetunion im Vergleich war.

Mit der Arbeitsplatzsituation, dem Wohnraum und der öffentlichen medizinischen Versorgung waren die Menschen noch eher zufrieden.

Festgestellt wird auch, dass politisches Interesse bzw. politische Aktivität (nicht unbedingt auf die Partei bezogen) in den jüngeren Generationen abgenommen haben.

Verglichen wird die Einkommensverteilung zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten. Öffentliche Zuwendungen bzw. freier Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung wirken zusätzlich egalitär, während Boni und Zugang zu restringierten Produkten für Partei-, Staats- und Wirtschaftseliten in die andere Richtung weisen. Insgesamt sei die Verteilung etwas egalitärer als in den USA, jedoch weniger egalitär als in Wohlfahrtsstaaten mit gemischter Wirtschaft wie zum Beispiel Schweden. Aufgrund des eklatant unterschiedlichen Niveaus des Lebensstandards wird die Frage gestellt, ob das sowjetische Experiment es überhaupt wert und ob der Preis (endemische Armut) nicht zu hoch war.

Bestätigt wird in den Interviews die nach Republiken und Autonomen Regionen strukturierte ethnische Politik und ein russischer Kolonialismus/Imperialismus gegenüber den 14 nicht-russischen Unionsrepubliken. Innerhalb einer Unionsrepublik würden ethnische Russen wie Mitglieder der Titularethnie (z. B. Usbek:innen in Usbekistan) gegenüber anderen Ethnien bevorzugt. Eine Gleichheit unabhängig der ethnischen Zugehörigkeit in der gesamten Sowjetunion wird von kaum einer interviewten Person angegeben. In Belarus und Lettland würden ethnische Russ:innen gegenüber Mitgliedern der Titularnation privilegiert sein (Jobzugang, Karriere, Staats- und Parteifunktionen). In der gesamten Sowjetunion würden Russ:innen bevorzugt in die KPdSU aufgenommen werden.

Party

In der Interpretation wird analysiert, dass die ethnischen Ungleichheiten eher von formal höher Gebildeten betont werden. Dies sei kein sowjetisches Phänomen, sondern zum Beispiel auch unter Französischsprachigen in Kanada ähnlich. Dass diese Daten Ausdruck einer potenziellen Sprengkraft sein könnten, ist in diesem Band nicht angesprochen.

Bezüglich Medienkonsums überrascht nicht, dass bei formal Gebildeten ein höherer Anteil Zeitungen liest und ein geringerer Teil fernsieht. Dass jedoch über 40 Prozent von politischen Führern die illegalen Privatveröffentlichungen (Samizdat) liest und kennt, überrascht dann doch. Ob der Anteil so hoch ist, da es sich bei den Interviewten um Personen handelt, die mit der Auswanderung bereits liebäugelten?

Samizdat

Auch der Anteil derjeniger, die ausländisches Radio hörten, ist sehr hoch.

Radio

Soweit ein kleiner Ausschnitt aus dem Fragen- und Antwortenpool des SIP. Das Typoscript ist als PDF auf einem Pentagon-Server (.mil) online


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10.05.2026 um 15:45
Joseph Roth - Hiob

Roth-Hiob

Dies ist ein märchenhafter Roman von Joseph Roth aus dem Jahr 1930, der noch von unbändigem Optimismus zeugt. Roth, der selbst aus einem ostgalizischen (heute westukrainischen) jüdischen Elternhaus stammt, beschreibt das Schicksal einer in einem russischen Schtetl lebenden armen Lehrerfamilie ab 1900 bis nach dem zweiten Weltkrieg. Mendel Singer ist Toralehrer für die Kinder des Ortes und erhält pro Kind pro Stunde 20 Kopeken (der Google-Umrechner meint, das wären heute umgerechnet etwa 4 Euro). Seine Frau kümmert sich um die Kinder, den Garten, den Haushalt und das bereits etwas schäbige Haus.

Das Ehepaar zieht vier Kinder groß:

Jonas - Er geht zur Armee und wird Kosake
Schemarjah - Er entzieht sich der Armee und exiliert nach New York, baut ein Geschäft auf und heiratet
Mirjam - Sie wird eine schwarzhaarige Schönheit und liebt Männer (vor allem Kosaken)
Menuchim - Nachzügler, verwachsen, kann nur "Mama" sagen

Schemarjah kann in New York mit seinem Partner und Freund Mac ein Geschäft aufbauen. Schließlich hat er ausreichend Geld, um seine Familie in die USA zu holen. Menuchim wird bei einer befreundeten Familie gelassen, welcher das Haus übergeben wird. Auch als Schemarjah, der sich nun Sam nennt, reich geworden ist, bleibt Mendel Singer zum Missfallen seiner Frau in der verkommenen, von Ungeziefern heimgesuchten billigen Wohnung im jüdischen Viertel, da er nicht vom Geld anderer Menschen abhängig sein will. Sein einziger Wunsch ist, so viel Geld zu sparen, um Menuchim in die USA holen zu können.

Während des Ersten Weltkriegs bricht das Unheil über der Familie ein:

  • Sam schließt sich der US-Armee an und fällt in Europa.
  • Jonas ist verschollen und wurde zuletzt bei den Weißen Garden gesichtet.
  • Mirjam wird nach dem Tod Sams verrückt ("degenerative Psychose").
  • Mendels Frau Deborah stirbt nach Erhalt der Todesnachricht von Sam.


Mendel Singer beginnt an Gott zu zweifeln, zieht sich zurück, ein befreundeter Grammophonplattenhändler gibt ihm ein fensterloses Zimmer, als Gegenleistung hilft er beim Geschäft und im Haushalt. Bis ihn eines Tages ein berühmter Konzertpianist aufsucht, der vorgibt, ein Verwandter seiner verstorbenen Frau zu sein. In Wirklichkeit ist es Menuhim.

Menuhim ist in einem Petersburger Sanatorium geheilt worden, seine besondere Begabung für Musik wurde erkannt und gefördert. Eine Londoner Konzertagentur nahm ihn unter Vertrag, seitdem ist er einer der gefragtesten Pianisten weltweit und er sei augenblicklich auf US-Tournee. Er holt seinen Vater zu sich ins Hotel, wo er sich badet und neue Kleidung erhält. Der Sohn werde ihn am Ende der Tournee abholen. Auch zeigt er ihm Fotos vom elterlichen Haus, das er nun gekauft habe, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Mit dieser märchenhaften Wendung endet der Roman.

Sehr gelungen sind die empathische Schreibweise Roths, die Vergleiche zwischen dem industrialisierten Moloch New York und der beinahe unberührten Natur in Westrussland, die Mendel Singer vermisst. Auch ist die Armut nicht idyllisiert, sondern in seiner Härte vorgestellt, sowohl die im korrupten Russland wie auch die im reichen New York. Wie sich Mendel und Deborah Singer sich im Alter entfremden, ist sehr eindringlich geschildert. Und dass Deborah insgeheim hofft, dass ihre Tochter einen Kosaken heiratet und keinen armen Lehrer, überzeugt.

Eigentümlich ist dennoch der Schluss. Dass es Roth um die Darstellung eines Heilungswunders gegangen ist, kann durchaus der Fall sein. Damit kommt das (perspektivische) Glück in Menuhim zu Mendel Singer zurück. Doch ist es fraglich, ob das Wunder des geheilten Menuhim die Opfer (die beiden anderen Söhne, die Tochter, die Frau) ausgleichen kann. Auch ob die Verschmelzung von Reichtum, Anerkennung und ländlicher Idylle im russischen Elternhaus so überhaupt möglich ist, kann aufgrund der Machtübernahme der Bolschewiki angezweifelt werden. Ein dauerhaftes Exil erscheint logischer, nur ist dies nicht angesprochen.

Und dass ein dauerhaftes Exil Menuhim, seine Frau und seine Kinder vor den deutschen Mörderbanden ab 1941 gerettet haben würde, davon jedoch konnte Roth 1930 nichts wissen. Roths Herzblut selbst hing an seinem Galizien, und das Häuschen im fiktiven russischen Dorf mit dem Starmusiker Menuhim Singer könnte durchaus einen Sehnsuchtsort Roths darstellen.


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10.05.2026 um 23:24
@Narrenschiffer

Hast du zufällig schon mal Svetlana Alexievichs Wikipedia: Secondhand Time: The Last of the Soviets gelesen?

Da erzählen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion über den Zusammenbruch. Fand das Buch extrem spannend und aufschlussreich.

Danke für die Vorstellung von Hiob, das Buch habe ich noch nie gelesen.


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10.05.2026 um 23:55
Zitat von Atalanta89Atalanta89 schrieb:Hast du zufällig schon mal Svetlana Alexievichs Wikipedia: Secondhand Time: The Last of the Soviets gelesen?
Ja, habe ich. Aber leider keine Notizen dazu gemacht, habe aber das E-Book bei mir im "Gelesen"-Ordner. Das muss nun gut 10 Jahre her sein.


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11.05.2026 um 11:30
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Gleich zu Beginn wird die Frage nach Zufriedenheit mit der Lebensqualität in der Sowjetunion präsentiert, und an letzter Stelle rangiert die Versorgungslage mit Bedarfsgütern
Um einen untere Mittelklassewagen wie den Moskwitsch in den 80ern in der Sowjetunion zu kaufen, brauchte ein Arzt etwa 3 Jahresgehälter, viele Gebrauchsgüter waren in der Sowjetunion etwa 10 mal so teuer wie im Westen.
Polen und DDR galten für Viele in der Sowjetunion als der goldene Westen. Und in den 90ern hat sich daran zunächst nichts geändert.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Bezüglich Medienkonsums überrascht nicht, dass bei formal Gebildeten ein höherer Anteil Zeitungen liest und ein geringerer Teil fernsieht. Dass jedoch über 40 Prozent von politischen Führern die illegalen Privatveröffentlichungen (Samizdat) liest und kennt, überrascht dann doch. Ob der Anteil so hoch ist, da es sich bei den Interviewten um Personen handelt, die mit der Auswanderung bereits liebäugelten?
Wahrscheinlich waren die, die auswandern wollten, eher oppositionell eingestellt, wenn sie zufrieden wären, bräuchten sie nicht auszuwandern.
Andererseits war die Auswanderung ein Privileg, wer auswandern wollte, musste sich unauffällig verhalten, und das wurde auch von seinem Umfeld erwartet. Wer offen oppositionell war, landete eher im Gefängnis oder wurde seine Arbeitsstelle los, als dass derjenige die Möglichkeit zur Auswanderung bekam.
Andererseits glaube ich, dass verbotene oppositionelle oder westliche Medien damals in der SU weit verbreitet waren; anders als unter Putin, der es geschafft hat oppositionelle Medien in Russland im Laufe der Zeit zu marganalisieren.


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12.05.2026 um 00:09
Tolstoi - Sewastopoler Erzählungen: Ausgabe mit allen drei Teilen

Das Buch lese mir zum x-ten Mal durch, sind nur etwa 100 Seiten, allerdings lese ich mir nur einzelne Teile durch.
Jedesmal gibts was Neues zu entdecken.
Die drei Erzählungen sind über den Krimkrieg, Tolstoi kennt den Krimkrieg aus erster Hand, er war dort Soldat.

Die Erzählungen sind eine Art Rundgänge durch Sewastopol während des Krimkrieges. Realistisch werden sowohl die Kampfhandlungen als auch das ganze Drumherum geschildert. Geschildert werden alle Sinneseindrücke, auch die Akustischen- und Geruchseindrücke.

Tolstoi schwelgt geradezu in morbiden Kriegsbildern.
Besonders eindrücklich ist die Szene, wo Tolstoi die Nahtoderfahrung eines russischen Offiziers während einer Schlacht darstellt, die Erzählperspektive wechselt in dem Moment von einer allwissenden in die Perspektive des Offiziers.
Wikipedia: Sewastopoler Erzählungen


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16.05.2026 um 16:21
Philip Hanson - The Rise and Fall of the Soviet Economy

Hanson-Soviet Economy

Philip Hanson lehrte Ökonomie an der Universität Birmingham und war auf die sowjetische Wirtschaft spezialisiert. Dieser Band aus 2003 (neu aufgelegt 2014) umspannt die Zeit von 1945 bis zum Ende der Sowjetunion im Dezember 1991.

Um mit dem Ende zu beginnen, eine Grafik der Entwicklung des Bruttonationalprodukts der Sowjetunion ab 1940:

BNP-SU

Hanson präsentiert viele Thesen, warum es mit 1989 zum Einbruch kam, aber für ihn ist im Kontext des sowjetischen Wirtschaftssystems nur eine Erklärung plausibel: Die Partei und letztlich Gorbatschow waren nicht mehr in der Lage, die Ziele der zentralen Wirtschaftsplanung umzusetzen. Die Planwirtschaft ist zusammengebrochen, ein alternatives System war nicht vorhanden.

Um dies verstehen zu können, streicht Hanson mehrfach das seit dem ersten Fünfjahresplan 1928 implementierte System hervor. Die zentrale Wirtschaftsplanung (Gosplan) gibt sämtliche Ziele für die Betriebe aller Wirtschaftssektoren vor: Outputmengen, Inputmengen, Lieferketten, Preise, Investitionen. Die Manager haben dies umzusetzen und keinerlei Spielraum wie zum Beispiel in Ungarn ab 1968. Produziert wurde, um den Plan leicht überzuerfüllen (das gab Boni, aber keine Plansteigerungen für das nächste Jahr), nicht um Bedürfnisse der Abnehmer (B2B oder Konsumenten) zu erfüllen. Die Rüstungsindustrie war ein eigener Wirtschaftsbereich, der kaum öffentlich dokumentiert wurde.

Aufgrund der Top-Down-Befehlskette lassen sich Schwerpunktsetzungen bei der Planung nach den jeweiligen Generalsekretären der Partei erkennen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde von Stalin der Schwerpunkt auf den raschen Wiederaufbau der Schwerindustrie gelegt. Und wie in den 1930er Jahren ging dies auf Kosten des Konsums und vor allem auf Kosten der Landwirtschaft, die ausgebeutet wurde. Kolchosbauern, die nicht vom Staat bezahlt wurden und erst ab 1975 einen internen Pass erhielten (sie waren bis dahin praktisch Leibeigene der Kolchose), erhielten oft Monate lang keinerlei Gehalt und es gibt Berichte, dass für 500 Arbeitstage der Lohn drei Sack Kartoffeln war.

1946/47 waren wieder Katastrophenjahre. Schlimm traf es wieder die Ukraine. Dürre und extrem hohe Requirierungsforderungen führten wie 1932 zu einer Hungerkatastrophe mit einer Übersterblichkeit von einer bis eineinhalb Millionen Menschen. Sie verhungerten. Hilfslieferungen wurden von Stalin wie 1932 abgelehnt, der Republiks- und Parteichef der Ukraine, Nikita Chrustschow, bekam einen Rüffel, weil er an Stalin vorbei Lieferungen zu lukrieren versuchte, dieser jedoch davon Wind bekam. In seinen Memoiren schrieb Chrustschow, wie verzweifelt die Lage in der Ukraine war:
By now [summer 1946], as I had predicted, famine was on the way. Soon I was receiving letters and official reports about deaths from starvation. Then cannibalism started. I received a report that a human head and the soles of feet had been found under a little bridge near Vasilkovo....
Diese Erfahrung war wohl einer der Beweggründe, warum Chrustschow die Schwerpunkte der Planung anders gewichtete und der Landwirtschaft Priorität zumaß, woran auch Breschnew ab 1964 nichts änderte.

1947 wurde der Kaufkraftüberhang der Bevölkerung abgeschöpft. Sämtliche Bankeinlagen, die 6000 Rubel überstiegen (ca. ein halbes Jahresgehalt), wurden vom Staat konfisziert, sprich: geraubt. Ziel: Einerseits der Abbau einer versteckten Inflation (mehr Geld als Güter im Umflauf), andererseits Liquiditätsreduktion zur Eindämmung des Schwarzmarkts. Schwarzmarkt bedeutete jedoch auch Versorgung mit Medikamenten wie Antibiotika, die im staatlichen Gesundheitswesen nicht erhältlich waren.

Chrustschow änderte nach dem Tod Stalins die Prioritäten. Landwirtschaft, Konsumgüterproduktion und Wohnungsbau waren nun vor der Schwerindustrie gereiht. Sehr zum Unwillen der alten Wirtschaftselite. Die große Wirtschaftskraftsteigerung war aber - wie eigentlich immer in der Sowjetunion - einem extensiven Wachstum und nicht einem intensiven (einer Produktivitätssteigerung) geschuldet. Ausnahmen waren vermutlich schlüsselfertige Industriebetriebe im Bereich der Chemie wie der Automobilproduktion (FIAT). Kooperationen mit Westfirmen brachten neue Technologien ins Land. Ein Erbe, von dem vor allem Breschnew profitieren konnte.

Um die Kaufkraft zu konsolidieren, wurden die Reallöhne angehoben, von 1953 bis 1964 um 44 Prozent. Auch wurde ein Mindestlohn eingeführt, mit 30 Rubeln pro Monat lag dieser jedoch weit unterhalb der Armutsschwelle. Auch wurden die Aufkaufpreise für Produkte bei Kolchosen angehoben, um diesen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Arbeiter irgendwie zu bezahlen (Kolchosbauern waren nicht vom Staat bezahlt).

Ab 1960 knickte das Wachstum ein wie auch die Böden der Neulandgewinnung in Asien ausgelaugt waren. Wachstumssenkung, außenpolitische Abenteuer, eine Missernte 1963 und Herumdoktorei in der Partei- und Planungsstruktur kosteten schließlich Chrustschow sein Amt. Nachfolger wurde Leonid Breschnew.

Breschnew bereitete den Partei- und Staatsstrukturänderungen von Chrustschow ein Ende, sicherte den Eliten in Partei, Staat und Wirtschaft Stabilität zu, änderte jedoch an den Prioritäten Landwirtschaft und Konsum nichts. Die Schießereien bei einem Preisprotest in Novocherkassk 1962 waren wohl immer noch zu präsent. 40 Prozent des Staatshaushalts wurden für die Landwirtschaft bzw. für Preissubventionen aufgewendet.

Erdöl- und Gasfunde sowie die Preissteigerungen bei Hydrokarbonaten 1973 waren mehr oder weniger ein Geschenk an die Sowjetunion. Hanson beklagt jedoch, dass die dadurch (und durch Goldverkäufe in die Schweiz) eingenommen Devisen hauptsächlich für Weizenzukauf aus dem Ausland verwendet worden ist und weniger für Technologieimport im Bereich der Produktion. Letzteren Weg sei zum Beispiel Japan gegangen und habe damit eine Grundlage geschaffen, selbst zu einer Technologie entwickelnden Wirtschaftskraft zu werden. Doch sei bei Breschnew die Angst vor Hungerkatastrophen aber auch Hungeraufständen dominant gewesen. Diese konservative und ängstliche Wirtschaftsführung habe die Grundlage dafür gelegt, dass das Wachstum immer flacher geworden sei und der Abstand zu entwickelten Industrienationen sich erhöht habe.

Aber nicht nur bei der Außenwirtschaft, auch bei der inneren Planung sei Breschnew sehr vorsichtig vorgegangen. So habe der Zehnte Fünfjahresplan (1976-1980) die geringsten Wachstumsparameter für Investitionen aller bisherigen Pläne aufgewiesen, wobei das Wachstum in der Landwirtschaft noch am höchsten gewesen sei. An dieser Strategie wurde im Elften Fünfjahresplan (1981-1985) nichts geändert. Die Folge: Massive Investitionsverschleppung, veraltete Anlagen. Dies führte zu Ideen eines "Gegenplan", sprich: Betriebe konnten sich selbst höhere Jahresziele stecken, wurden bei Erreichen belohnt, aber nicht im nächsten Jahr mit höheren staatlichen Planzielen "bestraft". Funktioniert hat das nicht so richtig, da es ja keinen freien Liefermarkt gab.

Breschnews Nachfolger und Ex-KGB-Chef Juri Andropow versuchte diesem Dilemma des sinkenden Wirtschaftswachstums zunächst mit einer Disziplin-Kampagne zu entkommen. Doch letztlich war diese zum Scheitern verurteilt, da er nicht bereit war, zu stalinistischen Hardcore-Zwangsmaßnahmen zurückzukehren.

1986 knickte die erste Säule der Wirtschaftskraft ein: Der Ölpreis am Weltmarkt sank. Die Abhängigkeit der sowjetischen Wirtschaft von Faktoren, die selbst nicht beeinflusst werden konnten, wurde offenbar. Mikhail Gorbatschow sollte diese Suppe auslöffeln, doch Hanson gibt ihm in Wirtschaftsbelangen ein vernichtendes Zeugnis. Gorbatschow habe nicht verstanden, wie die sowjetische Wirtschaft funktioniere und Methoden versucht anzuwenden, die im Rahmen einer zentral durchgeplanten Wirtschaft nicht möglich waren.

Gorbatschow knickte selbst die zweite Säule der Wirtschaftskraft: das Saufen. Mit seiner Anti-Wodka-Kampagne entzog er dem Staat eine wichtige Steuereinnahme. Man möge sich vorstellen: Die Stabilität des Staatshaushalts ist davon abhängig, wie viel Alkohol die Bewohner trinken! Denn eigentlich hatte die Sowjetunion ja kaum Steuern (vielleicht so bis zu 10 Prozent auf Einkommen und dann noch die über den Produktions- und Vertriebskosten liegenden Preise bei "Luxus"gütern, Alltagsprodukte waren ja subventioniert). Es blieb also Alkohol als "teure" Massenware zur Mitfinanzierung des Rubelhaushalts und Erdöl für die Devisenbeschaffung. Beides brach weg.

Drittes Problem: Das Verschwinden von Investitionsgütern. Der enge Mitarbeiter von Gorbatschow, Alexander Yakowlew, wird zitiert:
We allocated 12 billion roubles for new technology, which in those days was serious money, and it just disappeared. The system spat it out.
Das wird wohl von entstehenden/entstandenen mafiösen Strukturen gestohlen worden sein.

Also was haben wir zu Beginn von Gorbatschows Herrschaft: sinkende Deviseneinnahmen, einen instabilen Haushalt, verschwundene Investitionsmilliarden. Dass der Zwölfte Fünfjahresplan (1986-1990) erfüllt werden kann, diese Chancen standen schlecht. Hinzu kam, dass Gorbatschow zum ersten Mal seit Chrustschow wieder massive Personalrouchaden durchführte. Aus der "Stabilität der Kader" (Breschnew) wurde wieder eine "Instabilität der Kader". Innerer Widerstand war vorgezeichnet. Und Hanson:
It was Gorbachevian policies, for the most part, that created the problem.
Von einem Marktliberalen wie Hanson ein vernichtendes Urteil.

Was also waren die Maßnahmen?

  • Per Dekret wurden 1987 Joint Ventures mit bis zu 49 Prozent ausländischem Anteil erlaubt. Es frage sich nur, welche ausländische Unternehmen in ein Land investieren würden, in dem nicht die Unternehmen selbst, sondern der Staat über den kompletten Wirtschaftsfluss entscheidet.
  • Das Law on State Enterprise (Gesetz über Staatsunternehmen, 1988) erlaubte Wirtschaftsmanagern von Staatsunternehmen, Produktionsziele, Preise und Löhne selbst festzulegen. Problem: Die zentrale Wirtschaftsplanung blieb weiterhin in Kraft, und die zentrale Planung hatte kaum ein Interesse daran, den Unternehmen freie Kapazitäten zu lassen. So war es auch, das Gesetz zeitigte kaum reformerische Ergebnisse.
  • Das Law on Cooperatives (Gesetz über Kooperative, 1988) erlaubte die Gründung von Kooperativen, sprich: von Privatunternehmen. Auflage: Die Besitzer von Kooperativen müssen selbst in ihnen arbeiten. Doch welche Arbeit dies sein zu habe, ist nirgendwo festgelegt und somit Ermessenssache. Auf Basis dieses Gesetzes wurden die ersten Privatbanken gegründet, und einige deren Gründer zählten in den 1990er Jahren zu den reichsten Russen. 1991 gab es ca. eine Viertel Million Kooperativen mit ca. sechs Millionen Angestellten. Problem: Kooperativen waren sehr oft Ziel einer neu entstandenen Schutzgeldmafia. Auch konnten Kooperativen an Staatsunternehmen angegliedert werden. Diese verkauften Produkte billig mit Staatspreisen an die eigene Kooperative, die das Recht hatte, die Produkte teuer weiterzuverkaufen. Die Profite wurden geteilt.
  • Branchenministerien und Großunternehmen erhielten das Recht, eigenständig Außenhandel zu treiben


Das Ergebnis dieser Reformen: Das Wirtschaftskommandosystem wurde zwar aufgeweicht, jedoch nicht zerschlagen, und das Tabu privaten Eigentums an Produktionsmitteln wurde gebrochen. Doch dieser Mix hatte keinerlei wirtschaftliche Verbesserungen zur Folge. Der Haushalt verschlechterte sich weiterhin, die Gelddruckmaschine wurde angeworfen. 1989 und 1990 wurden die staatlichen Investitionsgelder weiter gekürzt.

Die Versorgungslage wurde kritisch, immer mehr Produkte wurden in immer mehr Regionen rationiert. Der dadurch entstehende, nicht für Konsum verwendbare Geldüberhang mehrte sich und damit die verschleierte Inflation. Es gab zwei Szenarien: Entweder werden Sparguthaben aus dem Verkehr gezogen wie 1947 (da getraute sich niemand darüber) oder man riskiert bei Preisfreigabe eine massive Inflation (so geschah es nach 1991).

1990 und 1991 überschlugen sich die politischen Entwicklungen, indem zwei Machtzentren entstanden: die alte Sowjetunion unter Gorbatschow und das neue Russland unter Jelzin. Gorbatschow ernannte sich selbst im März 1990 zum Präsidenten der Sowjetunion und stellte sich nie einer Wahl. Boris Jelzin wurde im Mai 1990 gegen den Willen von Gorbatschow Vorsitzender des Obersten Sowjet, im Juni 1990 erklärte das russische Parlament die RFSR (Russland) für unabhängig und im Juni 1991 wurde Boris Jelzin bei einer Volkswahl zum Präsidenten Russlands gewählt.

Der Fünfjahresplan ab 1990 sah ein Ende der Preiskontrolle und die Gründung von Privatunternehmen vor. Gorbatschow war diesen Plänen im Gegensatz zu Russland nicht sonderlich zugeneigt. Im Oktober 1990 erkärte das russische Parlament sowjetisches Eigentum auf russischem Boden zu russischem Eigentum (Ausnahme: Besitz des Militärs, des KGB und des Innenministeriums).

Als Moskau 1990 aufgrund der prekären Versorgungslage jeglichen Verkauf von Gütern an Einkaufstouristen von außerhalb untersagte, reagierten die Regionen, aus denen die Versorgungswaren für Moskau extrahiert wurden (es wurde ja weiterhin zwangsverkauft), mit einem Lieferboykott an Moskau, was die Lage nochmal verschärfte. Ähnlich erging es Leningrad und Tscheljabinsk.

Eine Studie des Internationalen Währungsfonds schrieb 1990 darüber, dass das Wirtschaftssystem in der Sowjetunion zusammengebrochen sei:
The old planning system has broken down but has not been dismantled; meanwhile the structures vital to the functioning of a market have yet to be put in place'
Für Januar 1991 ordnete der Vorsitzende des Staatlichen Preiskomitees, Valentin Pawlow, an, dass 40 Prozent der Großhandelspreise (die auf "Luxuswaren") frei seien, die staatlich geregelten Preise angehoben würden und auf jeden Verkauf eine fünfprozentige Mehrwertssteuer zu entrichten sei. Ab April 1991 beträfe dies die Einzelhandelspreise, sozial Bedürftige erhielten Kompensationszahlungen. Dies bedeutete, dass von Januar bis April die Einzelhandelspreise staatlich noch stärker gestützt werden mussten als vorher. Für das Budget suboptimal.

Ab 1991 war der Auslandshandel in Devisen für Unternehmen und Privatpersonen frei.

Im März 1991 wünschte die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung bei einem Referendum die Beibehaltung einer einstaatlichen Sowjetunion, im April 1991 erklärte sich Georgien für unabhängig. Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrags scheiterte durch einen Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991. Im Anschluss daran erklärten sich die baltischen Staaten für unabhängig (ein Militäreingreifen in Litauen noch im Januar war erfolglos), Boris Jelzin verbot die KPdSU in Russland (eine russische KP gab es nie). Gorbatschow war ein Unionspräsident ohne Union. Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten Russland, Belorus und die Ukraine einen neuen Unionsvertrag unabhängiger Staaten. Am 21. Dezember 1991 lösten alle 15 Unionsrepubliken im Vertrag von Alma Ata die Sowjetunion auf.


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17.05.2026 um 12:21
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Um dies verstehen zu können, streicht Hanson mehrfach das seit dem ersten Fünfjahresplan 1928 implementierte System hervor. Die zentrale Wirtschaftsplanung (Gosplan) gibt sämtliche Ziele für die Betriebe aller Wirtschaftssektoren vor: Outputmengen, Inputmengen, Lieferketten, Preise, Investitionen
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Chrustschow änderte nach dem Tod Stalins die Prioritäten. Landwirtschaft, Konsumgüterproduktion und Wohnungsbau waren nun vor der Schwerindustrie gereiht.
Generell ist es bemerkenswert, dass der Ostblock mit seiner Planwirtschaft, den Fantasiepreisen und Fantasielöhnen ohne jeden Wettbewerb
45 Jahre durchgehalten hat.
Die Stalinzeit war natürlich schlimm, die Bauern wurden meistens nicht bezahlt. Das sah dann so aus, während der Arbeitswoche arbeiteten die Bauern unbezahlt in der Kolchose, und am Wochenende arbeiteten die Bauern auf ihrem kleinem Privatacker, den sie behalten durften, und davon haben sie sich dann ernährt. Mit Chruschtschow verbesserte sich die Lage der Bauern schrittweise.

Seltsamerweise blieben die Bauern der einzige Bereich in der Sowjetwirtschaft wo eine Privatwirtschaft teilweise erlaubt war (zumindest war das in den 70ern und 80ern so). Die Versorgung der Großstädte mit frischem Obst und Gemüse und Frischfleisch lief hauptsächlich über Märkte, auf den die Bauern ihre Produkte, die sie auf ihrem Privatacker erwirtschaftet hatten, direkt an die Kunden verkaufen durften. Dort herrschten auch "echte" Preise, die viel höher waren als in staatlichen Läden. Diese Märkte waren ähnlich wie Flohmärkte im Westen organisiert.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Das Ergebnis dieser Reformen: Das Wirtschaftskommandosystem wurde zwar aufgeweicht, jedoch nicht zerschlagen, und das Tabu privaten Eigentums an Produktionsmitteln wurde gebrochen. Doch dieser Mix hatte keinerlei wirtschaftliche Verbesserungen zur Folge. Der Haushalt verschlechterte sich weiterhin, die Gelddruckmaschine wurde angeworfen. 1989 und 1990 wurden die staatlichen Investitionsgelder weiter gekürzt.
China ist in den 80ern die Umstellung von Planwirtschaft auf Privatwirtschaft gelungen, warum auch immer.


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18.05.2026 um 22:15
Jenny Erpenbeck - Aller Tage Abend

Erpenbeck-Abend

2012 hat Jenny Erpenbeck diesen Roman veröffentlicht, in dem ein Leben fünfmal gelebt wird, indem der Todeszeitpunkt nach hinten verschoben wird und immer wieder die Zufälligkeit eines Lebensschicksals hervorgehoben wird. Ohne zu recherchieren, scheint Erpenbeck sehr vom österreichischen Schriftsteller Joseph Roth angetan zu sein.

Die fünf Leben einer 1902 in Brody geborenen Frau (Brody ist auch der Geburtsort Joseph Roths) spiegeln das 20. Jahrhundert in fünf etwa 50-seitigen Kapiteln, die "Buch" genannt werden. Zwischen den Büchern befinden sich Intermezzi, in welchen alternative Zufälligkeiten präsentiert werden, welche das Weiterleben garantieren.

Im ersten Buch erstickt das Mädchen bereits als Säugling. Wir lernen jedoch die Familie kennen. Die Mutter stammt aus einer jüdischen Familie und heiratet einen niedrigen christlichen Eisenbahnbeamten. Der Grund: Deren Mutter will nicht, dass der Mann ihrer Tochter bei einem Pogrom ermordet wird wie ihr eigener. Bei diesem Pogrom dringen ihr zum Teil bekannte polnische Männer in ihr Haus und ermorden ihren Mann auf bestialische Art und Weise.
Sie hat nicht die Kraft von Engeln, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu sich nach oben zu ziehen, ihren Mann am Arm festhaltend bittet sie Andrej, den sie von Kindesbeinen an kennt, um Erbarmen, auch die Männer, die sie nicht kennt, darunter den mit der Axt, um Erbarmen, aber während sie die Hand ihres Mannes noch festhält, wird ihr Mann unter ihr von den Männern, die sie nicht kennt, und von Andrej, den sie von Kindesbeinen an kennt, erst beschimpft, dann geschlagen, Erbarmen, und schließlich unter ihren Augen zerhackt.
Der Vater des erstickten Mädchens kann den Tod seiner Tochter nicht ertragen, verlässt seine Frau und emigriert in die USA, wo er schließlich in Harlem in einer Fabrik arbeitet. Die Selektion der Gesunden nach Ankunft des Emigrantenschiffes stimmt ihn nachdenklich und er reflektiert über die Donaumonarchie, deren Beamter er ja war:
Die österreichisch-ungarische Monarchie versammelte doch beinahe ebensoviele Völkerschaften unter der Krone, wie er sie hier in der Halle sieht. Von Bosnien bis in die entlegenste polnischsprachige Provinz waren die Türen einer Trafik immer mit gelben und schwarzen Streifen versehen, hatte das Kaiserbild einen Ehrenplatz an der Wand, und blieb bei aller Vermischung der verschiedenen Sprachen und Dialekte das Deutsche die Sprache der Ämter. Aber ausgewählt hatte der Kaiser nicht, sondern hatte einfach die Völker im Ganzen dem Reich einverleibt: Melancholie, Wahnsinn und Widergesetzlichkeit waren daheim geblieben, wenn auch daheim plötzlich Österreich oder Ungarn hieß, und es hatte der Monarchie nicht geschadet. ... Hier schickte man die Leute, die man nicht wollte, einfach aufs Wasser zurück, mochten sie doch zu Hause zugrunde gehen, oder einfach draußen auf See, wie überzählige junge Katzen, ersaufen.
Die Mutter verkauft ihr Haus im Ghetto von Brody, geht nach Lemberg und prostituiert sich, um zu überleben.

Im zweiten Buch überlebt das Mädchen, indem ihr Schnee auf die Brust gelegt wird. Die Familie zieht nach Wien, wo der Vater Technik studiert hat, und über Vermittlung eines Freundes erhält er eine Stelle in der Meteorologischen Zentralanstalt und arbeitet in der Abteilung für Erdbebendokumentation. Noch immer in der untersten Gehaltsstufe wie auch in Brody als Eisenbahner. Der Erste Weltkrieg wird zur Belastungsprobe. Der Gehalt reicht gerade mal für eine Woche, die Familie vegetiert am Rande des Verhungerns. Er nimmt alte Aufzeichnungen einer Erdbebenserie in der Steiermark mit nach Hause und exzerpiert sie. Er sinnt darüber, wie ein Ereignis unterschiedlichste Auswirkungen auf Menschen haben kann. Ein Schlüssel zum Roman vermutlich.
Seine Frau fragt nicht danach, warum er sich die »Aufzeichnungen über Erdbeben in der Steiermark« mit nach Hause gebracht hat, warum er Abend für Abend darin liest und sich die wichtigsten Stellen abschreibt, dabei sind dort minutiös eben solche Vorgänge notiert, wie er sie nun mit ganz andern Augen zu sehen vermag: Wie nämlich ein und dieselbe Ursache tausenderlei verschiedene Wirkungen haben kann auf verschiedene Landstriche und Orte. Es ist ihm, als würde von allem, was er sieht und was ihm begegnet, auf einmal die Schicht abbröckeln, die ihn bisher am Verstehen gehindert hat, und er vermöchte nun endlich das, was darunter liegt, zu erkennen. Gemüter hier Landschaft, notiert er zwischen dem einen Zitat und dem andern. Welch ein glücklicher Umstand, dass diese Beobachtungen gerade ihm in die Hände gefallen sind, ihm, der sich vorgenommen hat, so lange seine Kraft noch hinreichen mag, diese Ursprache, wie er sie nennt, zu erforschen. Menschen, die auf festem Boden standen, verspürten ein leichtes Vibrieren der Erde. Nichts anderes hält ihn an diesem elenden Leben, in dem ein Beamter der neunten Klasse zusehen muss, wie seine Familie verhungert.
Angesprochen wird das Pogrom von Lemberg von 21. bis 23. November 1918.
In Lemberg haben erst kürzlich die Polen nach dem Sieg über die Ukrainer auf dem Hauptplatz gefeiert, während zwei Straßen weiter das jüdische Viertel in Brand gesteckt worden ist. Drei Nächte lang gefeiert. Jüdische Kinder, die weglaufen wollten, wurden von den Legionären in die brennenden Häuser hineingeworfen, hinter der Absperrung aber gab es Ziehharmonikamusik. Es vert mir finster in die oygen. In Wien hat sie zwar wenig Gesellschaft, aber sie ist am Leben. Ihre Tochter lebt, und es leben auch die beiden Mädchen.
Die Tochter jedoch durchlebt die üblichen Pubertätswirren, und als sie der Freund ihrer soeben an Spanischer Grippe verstorbenen Freundin in sein Zimmer nimmt und nicht berührt - sie liebt ihn abgöttisch, wird sie schwermütig. Als sie ein ebenso schwermütiger junger Mann auf der Straße anspricht, da er denkt, sie sei eine Käufliche, sie das jedoch klarstellt, kommen sie sich näher und beschließen, gemeinsam in den Tod zu gehen. Er erschießt sie, 17-jährig, mit seiner Mauser und nimmt sich im Anschluss selbst das Leben.

Die Großmutter des Mädchens stürzt von der Treppe und stirbt, der Vater stirbt 1920.

Im dritten Buch nimmt sie einen anderen Weg, es könnte Wien nicht durch Glatteis ungangbar geworden sein, also überlebt sie. Sie will Schriftstellerin werden. 1920 schließt sie sich der kommunistischen Partei an. Und 1933 geht sie über Prag in die Sowjetunion, versucht immer wieder verzweifelt entweder Mitglied der KPdSU zu werden oder die sowjetische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Denn: Wessen Pass abläuft, der oder die wird knallhart an die Deutschen ausgeliefert oder abgeschoben.
Einem deutschen Freund von ihr hat man, als sein deutscher Pass ablief, die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert, ihm aber freigestellt, in die deutsche Botschaft zu gehen und dort seinen Pass erneuern zu lassen. Hat ihm freigestellt, bei den Faschisten vorstellig zu werden, auf deren Listen er stand, ihm freigestellt, sich zu stellen. Gestorben ist er nicht ganz zwei Monate später in einem KZ bei Weimar. Er hat die Prüfung bestanden. Ein anderer Genosse ist in die deutsche Botschaft gegangen und mit einem neuen Pass herausgekommen. Ihn hat der NKWD in Empfang genommen und als Spitzel der deutschen Seite erschossen. Er hat die Prüfung nicht bestanden. Tot sind beide.
Grandios gelungen sind die Passagen, wie sich die Genossinnen und Genossen gegenseitig des Verrats bezichtigen, um der Gulag-Maschine zu entgehen. "Jeder Genosse hat Fehler, wenn jemand kommt und sagt, er habe keine Fehler, so hat er keine Selbstkritik gemacht." Doch wer ist Verräter? Vielleicht derjenige, der sich besonders wachsam gebiert? Vielleicht sind die Hitler-Schergen in obersten Staatsrängen? Diese Fragen werden gestellt.
Nach Radek, Sinowjew, Kamenew, allen diesen Revolutionären der ersten Stunde, bisher sogenannten erprobten Kampfgefährten Lenins, hatte sich nun auch Bucharin öffentlich zu seiner Schuld, zu Verschwörung und Verrat bekannt, war verurteilt und erschossen worden.
Ihr Mann, ein österreichischer Genosse, wird im Oktober 1938 verhaftet und ist verschollen. Auch ihr Pass läuft ab, aber Österreich ist nun Teil des Deutschen Reichs. Auf Basis des NKWD-Befehl Nr. 00439 wird sie ins Bergbaugebiet in 45.61404 Grad nördlicher Breite, 70.75195 Grad östlicher Länge in eine Mine geschickt (das liegt in Kasachstan nahe der Hungersteppe). Dort stirbt sie. Ihr eigenes Grab hat sie noch selbst ausgeschaufelt.

Im vierten Buch wird sie nicht auf Basis des NKWD-Befehls in den Gulag geschickt, da einer der Beamten der Gulag-Maschinerie sich wegen ihrer roten Haare an sie erinnern kann und ihren Akt auf den Stapel legt, der bei Stalin zur Begnadigung eingereicht wird. Genossin H. (zum ersten Mal wird eine Initiale genannt) nimmt ihre schriftstellerische Tätigkeit auf und arbeitet beim sowjetischen Radio in der Abteilung, die nach Deutschland sendet. Eine Liebesnacht mit einem sowjetischen Dichter lässt sie schwanger werden, das Kind ist ein Bub, und sie erzählt ihm, dass sein Vater in Charkow während des Weltkriegs gestorben sei. Nach dem Krieg geht sie in die DDR und wird eine angesehene Schriftstellerin mit vielen Staatspreisen. Sie wird dick und 1960 fällt sie von einer Treppe und bricht sich das Genick. Der Bub bleibt alleine zurück und sein leiblicher Vater sucht ihn nach dem Begräbnis auf. Beide schauen sich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich.

Im fünften Buch stirbt sie nicht an einem Treppensturz, doch Erpenbeck hinterlässt eine große Lücke. Wir sind im Jahr 1992, Frau Hoffmann (nun haben wir ihren Familiennamen) ist in einem Nachwende-Altersheim, feiert ihren 90. Geburtstag und ist geistig schon sehr verwirrt. Wir erfahren, dass sie einige Monate vor dem Zusammenbruch der DDR noch einen Nationalpreis für ihr Lebenswerk erhalten hat. Warum jedoch, erfahren wir nicht. Wohl für ihre Schriftstellerei. Ihr Sohn reist nach Wien, stößt auf Spuren der in den Tod deportierten jüdischen Menschen und auf eine Goethe-Gesamtausgabe in einem blauen Koffer, der seiner Urgroßmutter gehört hat. Er nimmt ihn nicht mit. Seiner Mutter nimmt er ein Bild mit den Kaisern Franz Joseph und Wilhelm II. mit. Sie habe ja auch noch die Uniformknöpfe ihres Vaters aufbewahrt. Kurz nach ihrem Geburtstag stirbt sie friedlich im Schlaf.

Sprachlich ist es ein Genuss, diesen Roman zu lesen. In jedem der fünf Bücher zieht Erpenbeck einen anderen, stimmigen sprachlichen Register. Inhaltlich hingegen flacht er ab. Die ersten drei Bücher sind grandios, mit sehr viel Hintergrund und Finessen im Detail. Die beiden letzten flachen ab. Die DDR lernt man nur aus Trauerreden im Jahr 1960 kennen, zwischen 1960 und 1992 ist eine große Lücke. Auch im Leben der Protagonistin. Wir erfahren nichts. Die Zeit wird übersprungen und man findet sich wieder bei Dementen in einem Altersheim. Und die Reise des Sohns nach Wien käut eigentlich nur Klischees wieder. In Wien verläuft die Zeit langsamer, Monarchie-Nostalgie. Somit hinterlässt der Roman ein zwiespältiges Gefühl, aber die ersten drei Bücher möchte ich nicht missen.


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19.05.2026 um 20:06
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb am 09.05.2026:Dave Eggers - Der Circle
Sollte heutzutage in Schulen gelesen werden


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20.05.2026 um 20:57
22 Bahnen von Caroline Wahl

es geht um die 22-jährige Mathematikstudentin Tilda. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihre jüngere Schwester Ida, um sie vor ihrer alkoholkranken Mutter zu schützen. Halt findet Tilda im Schwimmen und in der Mathematik. Als ihr eine Promotionsstelle in Berlin angeboten wird, muss sie sich zwischen ihrer Familie und einem selbstbestimmten Leben entscheiden


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21.05.2026 um 13:22
Janet G. Chapman - Real Wages in Soviet Russia since 1928

Chapman-Wages

Die Ökonomin Janet G. Chapman veröffentlichte im Jahr 1963 ein akribisch gearbeitetes Werk über Reallöhne in der Sowjetunion. Dabei verwendet sie hauptsächlich öffentlich zugängliche Daten aus der Sowjetunion selbst unter Zuhilfenahme von Informationen, die Reisende ihr übermittelten, die aber eher zur Absicherung der Daten dienen. Ermittelt wurden sämtliche zugängliche Daten der Preiskommission, aber auch Daten über die freien Preise der Kolchosenmärkte aus den Jahren 1928, 1937, 1940, 1944, 1948, 1952 und 1954, wobei das Jahr 1937 als Indexjahr verwendet wird, da in diesem Jahr die Preise zwischen staatlichen Verkauffstellen und Kolchosenmärkten sich kaum unterschieden, was bedeutet, dass gesamtwirtschaftlich in diesem Jahr Angebot und Nachfrage (Geldmenge bei den Käufern) sich in etwa ausglichen. Die Herkunft der Daten für sämtliche Preise sind im Anhang exakt ausgewiesen.

Zur Ermittlung der Preissteigerungszahlen werden unterschiedliche und übliche Formeln (von Laspeyres und Paasche) verwendet und auch genau ausgewiesen, sodass alle ermittelten Zahlen nachvollziehbar präsentiert werden. Nettolöhne werden mit und ohne Berücksichtigung von kostenlosen Sozialleistungen präsentiert (Sozialversicherungsbeiträge zahlten ausschließlich die Unternehmen, es gab keine Abzüge vom Bruttolohn). Auch werden gewichtete und ungewichtete (sowjetische Berechnungen) Warenkörbe einander gegenübergestellt. Nicht berücksichtigt sind Einkommen von Kolchosbauern, da diese von den Kolchosen bezahlt wurden. Wenn überhaupt.

Von den vielen tabellarischen Datenpräsentationen sind zwei von besonderem Interesse. Die erste beantwortet die Frage nach der Reallohnentwickklung. Basisjahr ist 1937.

Reallohn1

Dies bedeutet, dass in den Jahren seit Beginn der Industrialisierung und der Fünf-Jahres-Pläne 1928 der Reallohn ständig gesunken ist. Die Trendumkehr beginnt letztlich nach Stalins Tod im Jahr 1954.

Auch wurde im Vergleich mit mehreren Staaten die Kaufkraft sowjetischer Einkommen ermittelt. Dieser Vergleich ergab, dass sowjetische Arbeitende zu den Ärmsten der industrialiserten Welt zählten.

Reallohn2

Insgesamt ein hochinteressantes Buch.


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22.05.2026 um 11:21
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Die Ökonomin Janet G. Chapman veröffentlichte im Jahr 1963 ein akribisch gearbeitetes Werk über Reallöhne in der Sowjetunion. Dabei verwendet sie hauptsächlich öffentlich zugängliche Daten aus der Sowjetunion selbst unter Zuhilfenahme von Informationen, die Reisende ihr übermittelten, die aber eher zur Absicherung der Daten dienen. Ermittelt wurden sämtliche zugängliche Daten der Preiskommission, aber auch Daten über die freien Preise der Kolchosenmärkte aus den Jahren 1928, 1937, 1940, 1944, 1948, 1952 und 1954, wobei das Jahr 1937 als Indexjahr verwendet wird, da in diesem Jahr die Preise zwischen staatlichen Verkauffstellen und Kolchosenmärkten sich kaum unterschieden
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Auch wurde im Vergleich mit mehreren Staaten die Kaufkraft sowjetischer Einkommen ermittelt. Dieser Vergleich ergab, dass sowjetische Arbeitende zu den Ärmsten der industrialiserten Welt zählten.
Naja, das Problem mit dem Vergleich zwischen den Preisen der sowjetischen und den westlichen Lebensmittelläden ist, dass die Lebensmittel in den sowjetischen Läden, im Gegensatz zu den westlichen, meistens nicht da waren, was noch ein größeres Problem war als der Preis.

Die Preise, die Frau Chapman für die sowjetischen Läden ermittelt hat, waren vermutlich richtig, nur konnte man die Lebensmittel nicht kaufen.
Also wenn jemand Tomaten oder Fleisch im staatlichen Laden kaufen wollte, dann waren die entweder nicht da oder es gab eine Riesenschlange für vergammelte Tomaten oder Fleisch schlechter Qualität. So war zumindest die Situation in der Sowjetunion in der Nachkriegszeit. In der Vorkriegszeit war die Situation noch viel schlechter, deshalb kann man das nicht mit dem "Warenkorb" in Italien vergleichen.

In den Märkten (Bazaren), wo die Bauern privat verkaufen konnten, war alles da, nur war der Preis ein Vielfaches der staatlichen Preise.
Wenn jemand die Wahl hatte, zwischen vergammelten Tomaten/schönen Tomaten oder kein Schinken/schöner Schinken und in der Schlange stehen und nicht in der Schlange stehen, da war man bereit ein Vielfaches zu zahlen. In den privaten Märkten gab es keine festen Preise, die Preise wurden meist mündlich ausgehandelt, deshalb ist unklar was Chapman mit den Kolchosmärkten meint, denn die Bauern bauten auf ihrem kleinen privaten Grundstück an, was sie privat verkauften.
Der private Verkauf durch Bauern wurde überhaupt nur zugelassen, weil sonst wäre die Lebensmittelversorgung zusammen gebrochen. In den staatlichen Läden konnte man nur Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch, Nudeln, Margarine problemlos kaufen.
Aber selbst Getreide musste die Sowjetunion unter Chruschtschow und Breschnew importieren.
In der Stalinzeit hat man Getreide exportiert - zum Preis von Millionen Toten.

Selbst die vergleichsweise niedrigen offiziellen Preise, die Chapman liefert, zeigen, dass die sowjetische Bevölkerung sich nur wenig leisten konnte, und dass in der Stalinzeit es mit dem Lebensstandart der Bevölkerung deutlich nach unten ging.

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Herge - Flug 714 nach Sydney


tim-und-struppi-flug-714-nach-sydney-tas

Eines der letzten und eines der besten Tim und Struppi Abenteuer.
Tim und seine Kollegen werden in der Südsee entführt. Die ganze Handlung spielt sich nur in etwa anderthalb Tagen ab und ist sehr dicht und auf wenige Orte konzentriert
Wikipedia: Flug 714 nach Sydney


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23.05.2026 um 07:51
Zitat von parabolparabol schrieb:Wenn jemand die Wahl hatte, zwischen vergammelten Tomaten/schönen Tomaten oder kein Schinken/schöner Schinken
Auf die Qualität von Produkten geht Chapman nicht ein, sie bleibt dahingehend ausschließlich bei der Preisgestaltung.
Zitat von parabolparabol schrieb:deshalb ist unklar was Chapman mit den Kolchosmärkten meint, denn die Bauern bauten auf ihrem kleinen privaten Grundstück an, was sie privat verkauften
Das ist vielleicht eher meine ungeschickte Übersetzung. Sie meint genau das, was du schreibst.
Zitat von parabolparabol schrieb:dass in der Stalinzeit es mit dem Lebensstandart der Bevölkerung deutlich nach unten ging
Dies zum Beispiel ist für mich eine neue Information. Ich kannte die Hungerkatastrophen von 1932/33 und 1947 und die Ungeheuerlichkeit des Gulag, aber dass diejenigen, die propagandistisch umjubelt wurden (städtisches Proletariat), auch objektiv in der Stalinzeit an Lebensstandard verloren, war für mich durchaus neue Information, und dass Chapman dies akribisch belegt, hat mich schon beeindruckt beim Lesen.


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23.05.2026 um 22:39
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:Dies zum Beispiel ist für mich eine neue Information. Ich kannte die Hungerkatastrophen von 1932/33 und 1947 und die Ungeheuerlichkeit des Gulag, aber dass diejenigen, die propagandistisch umjubelt wurden (städtisches Proletariat), auch objektiv in der Stalinzeit an Lebensstandard verloren, war für mich durchaus neue Information, und dass Chapman dies akribisch belegt, hat mich schon beeindruckt beim Lesen.
Die Stalinzeit in der Sowjetunion hat fast alle, bis auf eine kleine Elite, zu Bettlern gemacht, und auch danach ist der Lebensstandard (in der Ukraine bis heute) nur langsam gestiegen.
In Russland gings mit Putin und seinen Ölmilliarden bergauf, deshalb war Putin auch lange so beliebt.
Zitat von NarrenschifferNarrenschiffer schrieb:
Zitat von parabolparabol schrieb:deshalb ist unklar was Chapman mit den Kolchosmärkten meint, denn die Bauern bauten auf ihrem kleinen privaten Grundstück an, was sie privat verkauften
Das ist vielleicht eher meine ungeschickte Übersetzung. Sie meint genau das, was du schreibst.
Mit der Vorkriegszeit in der Sowjetunion kenne ich mich nicht so genau aus. Für die Nachkriegszeit habe ich Infos über die sowjetischen Märkte von Bekannten, bzw. deren Eltern oder Großeltern, also aus erster Hand.


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