@calligraphieund alle anderen.
Dass jetzt über fast ausschließlich über die Täterin und nicht das Opfer berichtet wird, ist sicherlich deswegen gerechtfertigt, weil die Hinrichtung noch nicht vollstreckt ist, kurz bevorsteht, und
noch verhindert werden könnte; das Opfer ist seit über drei Jahrzehnten tot, daran kann man leider nichts mehr ändern.
Noch könnte der Gouverneur von Tennessee ihr Strafe in ein LWOP umwandeln.
Wie du selbst schreibst, werden persönliche "Umstände" heute stärker berücksichtigt als früher. Viele damals zum Tode Verurteilte (und Hingerichtete) würde man wahrscheinlich heute nicht mehr (unbedingt) zum Tode verurteilen. Und ist es nicht schon etwas absurd, dass Tennessee einer der Staaten ist, die sich für die Todesstrafe bei "Child Rape" engagieren, aber gleichzeitig eine Frau hinrichten wollen, die selbst massiv "Child Rape" erfahren hat? Der Staat hat sich damals darum nicht gekümmert, genauso wie es auch im Prozess keine Erwähnung fand. Er hat also auch nie eine Schutzpflicht der (späterin) Täterin gegenüber erfüllt.
Restitution. Weil Todeskandidaten in der Regel nicht arbeiten (dürfen), verdienen sie auch kein (kleines) Geld, wovon sie ihre Schulden abbezahlen könnten. Das wäre bei LWOP (oder LWP) anders. Der Mittäter Tadaryl Shipps wird sicherlich was abbezahlt haben. Die Frage ist dann, ob es an die Opfer ging, oder ob die Gerichtskosten Priorität hatten. Soweit ich weiss, gibt es auch staatliche Funds (Crime Victims Compensation Fund), die Opfer finanziell unterstützen.
Allerdings: von einem Bruchteil des Geldes, dass der Staatsapparat in die Kosten für diee Hinrichtung und das ganze drumherum steckt, hätte nicht nur der Opferfamilie geholfen, sondern könnte sinnvoller in Prävention, Verbesserung der sozialen Bedingungen angelegt werden. Aber das ist völlig unpopulär in den USA.
Ich hatte schonmal geschrieben: ich verstehe das Leid der Opferangehörigen sehr. Das will ich ihnen in keinster Weise absprechen. Und es ist deren gutes Recht, auch nach drei Jahrzehnten noch der Meinung zu sein, dass die Hinrichtung "verdient" ist und ihnen Erleichterung schaffen wird. Es ist eine Meinung, oder deren Empfinden. Aber das allein darf ja kein Argument für oder gegen eine Hinrichtung/Todesstrafe sein. Auch nicht, wenn es tatsächlich so wäre, wenn die Angehörigen danach eine völlige Verbesserung ihres Lebens empfinden würden. (Das wäre ihnen ja durchaus zu wünschen.) Generell gibt es aber Untersuchungen, dass das für einen Großteil aber nicht gilt. Es ist ein Mythos auf dem das ganze System aufgebaut ist. In Deutschland und den meisten anderen westeuropäischen Ländern wären die über 30 Jahre Haft (zudem noch 28 davon in Isolationshaft) mehr als Strafe genug, auch ohne anschließende Hinrichtung. Wird "hier" jemals argumentiert, dass Opferfamilien nicht abschließen konnten? Regt sich hier die Gesellschaft auf, wenn ein Häftling nach 20 Jahren oder so seinen Mord verbüßt hat und entlassen wird? Die Kultursysteme sind hier total unterschiedlich.
Das Problem ist in den USA m. E. systembedingt. Die Justiz räumt den Opferangehörigen
zu viele, oder besser gesagt
zu viele falsche Rechte ein. Und schlimmer: damit indirekt auch Pflichten. Wie du schreibst, die Opferangehörigen sehen sich (psychologisch, gesellschaftlich) in der Pflicht, ihre getöteten Angehörigen bis zuletzt zu "verteidigen". Ein Verzicht darauf, oder ein Zustimmen einer Abmilderung der Strafe, würde subjektiv als Verrat empfunden. Ich schreibe nochmal: der Staat tut den Opferangehörigen keinen Gefallen damit, ihnen diese Mitspracherechte einzuräumen. Ganz im Gegenteil. Er (der Staat) hält das Leid und den Hass weiter aufrecht, in dem Opferangehörige immer wieder einbezogen werden in spätere juristische Prozesse und Entscheidungen. Gleichzeitig wird dies noch deutlich verstärkt, durch viele Opferverbände (nicht alle), die erstens gegen jedwede Milderung von Strafen sind, sogar für härtere kämpfen, und zweitens auch Opferangehörigen suggerieren, dass es ihre Pflicht sei, für ihre Toten alles zu unternehmen.
Und es ist nicht richtig zu sagen, dass Opferangehörige kein Mitspracherecht beim Urteil und bei späteren rechtlichen Entscheidungsprozessen (wie Begnadigungen) haben. In vielen Bundesstaaten gilt z. B. Marsy's Law, das u. a. den Staat dazu verpflichtet, bei relevanten Entscheidungen über den Täter die Opferangehörigen mit einzubinden. Das führt faktisch oft dazu (nicht zwingend legal), dass Opferangehörige quasi ein Veto-Recht haben, wenn es um die Frage von Begnadigungen von Häftlingen mit LWOP geht (als ein Beispiel). Das gilt auch zum Beispiel (teilweise noch "effektiver") in Pennsylvania, das sich Marsy's Law nicht angeschlossen hat. "Kein" Richter traut sich, solche Entscheidungen gegen den Willen der Opfer zu fällen. Ähnlich wissen natürlich auch die Staatsanwälte, was Opferangehörige erwarten, und handeln entsprechend. Denn, in den USA ist das ganze Justizsystem stark politisch. (Gewählte Richer und Staatsanwälte.) Begnadigungen sind rein politische Entscheidungen.
Auch Gouverneur Lee in Tennessee wird die politische Meinung bei der Entscheidung einer Begnadigung (Commutation zu LWOP) von Christa Pike die wesentliche Rolle spielen, und die Einstellung von Frau Martinez wird ihm nicht entgangen sein.
Es gibt aber auch inzwischen einige Ansätze für eine sog. Restorative Justice, und auch gibt es viele Opferangehörige, die vergeben und merken, dass sie damit mehr "Frieden" bekommen.