@paxitoDa liegt schon beim Begriff Veganismus ein Missverständnis vor. Veganismus ist eben nicht „erstmal nur die Ernährungsform“.
Leslie Cross von der Vegan Society beschrieb Veganismus 1951 als das Prinzip der Befreiung der Tiere von der Ausbeutung durch den Menschen.
Quelle:
https://understand-veganism.com/lesliecross/de/1951-veganism-definedDie vegane Ernährung ist also nicht die Definition von Veganismus, sondern eine logische Konsequenz daraus. Wer Tiere nicht als Ressourcen betrachtet und ihre Ausbeutung ablehnt, konsumiert folgerichtig weder ihr Fleisch noch ihre Milch oder Eier. Genauso wenig passt es zu diesem Prinzip, Leder, Pelz oder andere Produkte aus Tierausbeutung zu verwenden. Das sind keine zusätzlichen Positionen, die manche Veganer noch obendrauf setzen, sondern folgen aus demselben Grundgedanken.
Und aus der Ablehnung von Tierhaltung zur menschlichen Nutzung folgt selbstverständlich auch keine „Auslöschung aller Nutztiere“. Niemand muss dafür Kühe, Schweine oder Hühner ausrotten. Man hört schlicht damit auf, immer weitere Tiere gezielt in die Welt zu setzen, um sie anschließend für menschliche Zwecke auszubeuten und zu töten. Das ist doch nun wirklich simpel zu verstehen.
Genau da liegt auch der Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrechten, beziehungsweise Welfarismus (Ausbeutungsbedingungen verbessern) und Abolitionismus (Ausbeutung abschaffen) - analog dazu übrigens auch die historische Auseinandersetzung um die Sklaverei im 19. Jahrhundert: bessere Bedingungen innerhalb des bestehenden Systems oder die Abschaffung des Systems selbst.
Auch wenn ein größerer Käfig besser als ein kleinerer ist und weniger Leid besser ist als mehr Leid. Die grundlegende Frage bleibt aber bestehen: Warum sollten wir überhaupt das Recht haben, ein empfindungsfähiges Individuum für unsere Zwecke zu züchten, zu halten und letztlich über seinen Körper und sein Leben zu verfügen, wenn wir darauf nicht angewiesen sind?
Und natürlich braucht es gesellschaftlichen Wandel. Vegan zu leben bedeutet zunächst einmal nur, selbst aufzuhören, dieses Unrecht soweit praktikabel auszuüben bzw. zu unterstützen. Damit ist noch kein gesellschaftlicher Wandel erreicht. Genau deshalb ist veganer Aktivismus so wichtig. Wenn sich gesellschaftliche Normen irgendwann grundlegend verändern sollen, braucht es Menschen, die diese Normen hinterfragen, öffentlich über Tierausbeutung sprechen und andere dazu bewegen, ebenfalls aus diesem System auszusteigen.
Die Gegenüberstellung „Eigenverantwortung im Konsum oder Einsatz für gesellschaftlichen Wandel“ ergibt für mich deshalb überhaupt keinen Sinn. Das eine ist die Konsequenz aus der eigenen ethischen Überzeugung, das andere der Versuch, diese Veränderung auch gesellschaftlich voranzubringen.
Und beim Threadthema sind wir damit tatsächlich wieder angekommen: Für mich bedeutet Tierfreund eben nicht, lediglich dafür einzutreten, dass Tiere etwas angenehmer ausgebeutet werden. Wenn ich ein Tier tatsächlich um seiner selbst willen respektiere, dann stelle ich irgendwann auch die Frage, warum ich es überhaupt für meine Zwecke benutzen sollte.
@emanonDu suchst jetzt seit mehreren Beiträgen mit bemerkenswerter Ausdauer nach irgendwelchen Fällen, in denen auch Veganer nicht vollkommen ohne jede Beeinträchtigung anderer Tiere existieren können, um jedes Mal mit einer unangenehmen Selbstgefälligkeit die "Erkenntnis" preiszugeben, dass es ja letztlich „nur graduelle Unterschiede“ seien.
Nur verstehe ich immer noch nicht, was du damit eigentlich widerlegen möchtest.
Veganismus behauptet nicht, dass man in unserer Gesellschaft plötzlich vollkommen frei von Tierausbeutung leben kann. Natürlich gibt es systemische Probleme. Wenn Medikamente aufgrund gesetzlicher Vorgaben an Tieren getestet werden oder bestimmte tierische Bestandteile verwendet werden, weil unser gesamtes System seit Ewigkeiten auf Tierausbeutung aufgebaut ist und diese Produktionsweisen etabliert und kostengünstiger sind, kann der einzelne Veganer das durch seine persönliche Konsumentscheidung nun mal nicht so einfach ändern.
Genau deshalb ist Veganismus ja auch nicht mit individuellem Konsum erledigt. Solche systemischen Probleme lassen sich letztlich nur gesellschaftlich und politisch verändern. Dafür braucht es aber erstmal genügend Menschen, die Tierausbeutung überhaupt als Problem erkennen und nicht weiterhin für vollkommen normal halten. Eine gesellschaftliche Mehrheit, die Tiere weiterhin selbstverständlich als Ressourcen betrachtet, wird wohl kaum anfangen, ein auf Tierausbeutung beruhendes System grundsätzlich umzubauen.
Das ist aber etwas völlig anderes als die Behauptung, deshalb seien alle Formen der Beteiligung an Tierausbeutung moralisch mehr oder weniger dasselbe.
Wenn jemand auf ein notwendiges Medikament angewiesen ist, das irgendwann an Tieren getestet wurde, ist das für dich also tatsächlich nur ein „gradueller Unterschied“ dazu, ein Tier eigens züchten, mästen und töten zu lassen, weil man gerne sein Fleisch essen möchte?
Und natürlich können Unterschiede graduell sein und trotzdem moralisch gewaltig. Eine Ohrfeige und eine Vergewaltigung unterscheiden sich auch graduell hinsichtlich der Schwere des Übergriffs. Niemand käme deshalb auf die Idee, den Unterschied für moralisch irrelevant zu erklären.
Langsam wirkt das eher wie der ziemlich verzweifelte Versuch, die Schuld immer irgendwo bei den Veganern zu suchen, damit man sich mit der eigenen vermeidbaren Beteiligung an Tierausbeutung nicht beschäftigen muss. Dafür ist mittlerweile offenbar wirklich kein Beispiel zu absurd.
Aber vielleicht kommt ja irgendwann noch die eigentliche Begründung dafür, warum deine „graduellen Unterschiede“ ausgerechnet dort keine Rolle mehr spielen sollen, wo sie für deine Opfer ziemlich gewaltig sind.
:)