paxito schrieb:Naja, warum gilt das nicht für vergleichbare Länder wie England oder Frankreich? Gibt es dort mehr "Leidensdruck" oder warum ist deren Militär im Vergleich deutlich leistungsfähiger - bei vergleichbaren Ausgaben?
Sorry, hier bisschen mehr Text, möchte ausholen.
Stimmt, die Historie je nach Land kommt auch noch mal hinzu. Gerade bei den Alliierten war es ein "no-brainer" (klar): Man hat Militär benötigt um sich zu wehren. In Deutschland hat man es im Weltkrieg benutzt um Schlimmes zu tun bzw. Imperialismus und mehr zu frönen, Feindbilder zu töten, etc. Das hat sich lange markant auf ein Standing von Streitkräften, teils nicht nur deutschen (man denke weiter an gewisse, entsprungene pazifistische Einstellungen), ausgewirkt.
Als Gegenprobe: Viele Argumente in vielen Debatten die eher gegen Militär (in DEU) sprachen und teils noch sprechen haben oft einen historischen Kontext der mitschwingt. In anderen Ländern findet man diesen so nicht oder in anderer Form (ggf. wenn da stärkerer Kolonialismus im Spiel war oder so).
Das ist vereinfacht dargestellt aus meiner Sicht auch noch ein Faktor der irgendwo abstrakt wirkte bzw. gewisse Menschen/Bevölkerungsteile beeinflusst hat. Gleiches auch beim Thema Datenschutz, Nachrichtendienste, etc. Dinge wie ein Trennungsgebot usw. haben vor allem historische Gründe. Woanders (wertfrei feststellend gemeint) findet man solche Konstellationen oder kritische Betrachtung von post-WW Sicherheitsbehörden nicht in der Form und hier meine ich nicht Autokratien sondern vergleichbare westliche/demokratische Staaten.
Ich will aber hier nicht zu sehr darin abschweifen, wollte das hier nur als vergleichbares Beispiel meines Arguments bringen (ehe Moderation meckert^^), wie sich auch eine Historie auf gewisse Dinge auswirken kann. Und hier eben auch teils auf die Bundeswehr, je nach Debatte oder so.
Griffiger Zusammengefasst: Militär galt teils auch als verpönt, was sich abstrakt auch auf Politik auswirkt. Simpler: Wenn was weniger relevant wird und teils schlechtes Standing hat, vernachlässigt man es gerne oder wird in Regierungsverantwortung als Partei X sich da auch weniger für einsetzen, als wenn ein Sinn oder Zweck oder Standing mehr geschätzt oder verstanden wird.
Dass sich so was im gesellschaftlichen Wandel befindet merke ich auf Sozialen Plattformen und Bubbles wie #miltwitter wo sich viele BW-Angehörige und BW-nahe (teils auch MDBs die mit Verteidigungsausschuss usw. zutun haben) befinden. Mein Eindruck ist, dass sich da einiges über die letzten Jahrzehnte gewandelt hat. Vielleicht ist es nur subjektiv, aber wo früher oft das Klischee von eher Konservativen und Rechten das assoziierte Menschenbild war sehe ich viele Sozialdemokraten und Grünem, teils auch Linke, die pro-BW offen mit den Themen umgehen. So was wäre für mich Anfang der 90er oder 2000er in diesem öffentlichen Selbstverständnis noch völlig exotisch oder selten gewesen.
Das bringt mich ergo automatisch zur nächsten Frage.
paxito schrieb:Was ich frage ist ob und wie man das ändern kann? Einfach an die Bürger appellieren bringt es meines Erachtens nicht. Aber gut, ich erwarte hier jetzt auch von keinem eine Antwort auf die Frage.
Appellieren? Kommt halt drauf an. "Bitte bitte" (stumpf gesagt) allein bringt nichts.
Ich finde, vor allem (sicherheits-)politische Bildung muss in den Schulen ein bisschen mehr auf den Lehrplan - und nicht dröge runtergelallt sondern spannend und interaktiv. Modern, greifbar, pädagogisch eben. Wer da mehr sensibilisiert oder gebildet ist, kann viele komplexe Vorhänge besser einordnen als in vollständige Ignoranz oder einseitige (anti-)Haltungen zu verfallen weil man sich mit Ignoranz oder simplen, teils auch populistischen Argumenten hingibt und sich nicht hinterfragen will.
Dazu müssen aber auch die Arbeitsbedingungen in der Truppe optimiert werden. Man muss "wettbewerbsfähiger" werden und strukturelle Missstände nachhaltiger bekämpfen. Das kann mehr Menschen (viel läuft am Ende auch oft über Mundpropaganda oder offene Erfahrungsberichte) in die Truppe bringen - aber auch an sie binden. Bringt ja nix wenn die Abbrecherquote steigt.
Mit der Zeit und anderen Maßnahmen (Extremisten konsequent raushalten/entfernen) kann man so ein Standing weiter verbessern und die BW gesamtgesellschaftlich etwas mehr 'fördern' oder wahrnehmen. Schätzen, vor allem.
Als letzter Zusatz ist mir wichtig, nicht zwingend eine US Veteranenkultur zu wollen so mit sinngemäßem Kniefall und "thank you for your service" (Danke für Ihren Dienst). Das braucht es nicht. Aber das muss es auch nicht sein.
Ein gesundes Selbstverständnis zu seinen demokratischen Streitkräften, das reicht schon. Und eben politisch genug Unterstützung/Ausstattung.