Die SPD und die Sicherheitspolitik, es wäre wirklich schön, wenn die Partei ihre Zerrissenheit da mal angehen und klären könnte.
2019 und das 2-Prozent-Ziel, Jan Behrends, Osteuropa-Historiker und selbst SPD-Mitglied, kam da nicht mehr mit:
Die strategisch versierte geschäftsführende Parteispitze sieht das freilich anders. Sie witterte nach AKKs zwei Prozent-Forderung sogleich die Chance, die CDU-Chefin als loyale Vasallin des kriegslüsternen amerikanischen Präsidenten darzustellen. Laut Generalsekretär Lars Klingbeil werde es mit der SPD an der Regierung keine „Aufrüstung nach den Wünschen von US-Präsident Trump geben“. So weit, so falsch. Zwar kritisiert der amerikanische Präsident in den vergangenen Jahren immer wieder das mangelnde Engagement Deutschlands für das Bündnis, doch das zwei Prozent-Ziel stammt bereits aus dem Jahr 2014, lange Zeit vor den populistischen Attacken aus dem Weißen Haus. Es handelte sich um eine konzertierte Reaktion des Westens auf den russischen Einmarsch in die Ukraine und die Annexion der Krim.
Nun könnte es ja sein, dass die europäische Sicherheitslage sich seit 2014 signifikant entspannt hat, so dass diese NATO-Ziele längst obsolet sind. Doch das würde vermutlich noch nicht einmal die gegenwärtige SPD-Spitze behaupten. Doch Klingbeil, Schäfer-Gümbel & Co. ignorieren gern die Wirklichkeit außerhalb Deutschlands – das haben sie ja schon in der Causa von der Leyen bewiesen. Ihnen ist die rhetorische Spitze gegen Trump wichtiger als das Wohl Europas. Wenn es der SPD-Spitze tatsächlich um Unabhängigkeit von Donald Trump ginge, dann müsste sie, paradoxerweise, der Verteidigungsministerin den Rücken stärken, um Deutschlands Gewicht im Bündnis zu erhöhen. Denn ohne funktionsfähige Streitkräfte wird eine sicherheitspolitische Emanzipation Europas kaum gelingen – das hat Emmanuel Macron längst verstanden.
Für einen vermeintlichen innenpolitischen Punktgewinn riskiert die SPD-Führung eine Menge Beifall von der falschen Seite. Tatsächlich dürfte ihre Position vor allem in Moskau, Teheran oder Damaskus auf leise Zustimmung treffen. Deutschlands Selbst-Marginalisierung und die Schwächung Europas stärken die Position dieser rogue states. Innenpolitisch ist zumindest fragwürdig, ob dieser Rückfall in den Nationalpazifismus der achtziger Jahre Früchte trägt. Mancher im Willy-Brandt-Haus erinnert sich vielleicht wehmütig an die Blockaden von Mutlangen und die Demos im Bonner Hofgarten. In der hochgerüsteten Welt des Kalten Krieges war der Ruf nach Abrüstung plausibel. Doch taugen die Rezepte von 1981 für unsere Welt? Der Begriff Abrüstung beinhaltet schließlich die Annahme, dass bereits ein beträchtliches Abschreckungspotential vorhanden ist, das es zu reduzieren gilt.
Quelle:
https://www.salonkolumnisten.com/rueckfall-in-den-national-pazifismus/Vor einem Jahr hatte die SPD ihren Debattenkonvent (zur Außenpolitik gab es zwei Veranstaltungen, eine mit Klingbeil, eine mit Mützenich, aber getrennt voneinander, Mützenich raunte mit Angriffen gegen Baerbock usw. usf.) und die Zeit konstatierte:
Die Debatten, die sie vermeiden
Die SPD will sich selbst wieder spüren – und lädt zu einem Debattenkonvent. Doch der Umgang mit Russland wird nur halbherzig diskutiert.
Am Schluss dann der Applaus für Scholz.
Erst ganz am Schluss kommt sie dann doch, eine Zuschauerfrage nach Friedensinitiativen für die Ukraine. Am Ende eines jeden Krieges stehe immer die Diplomatie, antwortet Scholz vage: "Jetzt ist es an dem russischen Präsidenten, einen Zug zu machen, wegzugehen von seiner Idee, einen Diktatfrieden gegen die Ukraine militärisch durchzusetzen." Es wäre doch ein "guter Schritt", sagt der Kanzler, wenn "Putin seine Truppen aus der Ukraine abziehen würde". Dafür gibt es donnernden Applaus. Hier sind die Sozialdemokraten sich ausnahmsweise mal alle einig. Schade nur, dass die Realität von diesem Szenario ziemlich weit entfernt ist.
Quelle:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2022-11/spd-debattenkonvent-olaf-scholz-rolf-muetzenich-friedenspolitik/komplettansichtNa toll.
Und nun? Ist es 2023 und Julius Betschka muss analysieren:
Wieder Friedenspartei statt Kriegsbereitschaft?: In der SPD mehren sich Rufe nach mehr Diplomatie
Boris Pistorius bereitet die Gesellschaft rhetorisch auf Krieg vor. In der SPD kommt das oft nicht gut an. Beim Parteitag schrammte man knapp an einer außenpolitischen Blamage vorbei.
Und es mutet ein bischen so an wie "Vorhang zu und alle Fragen offen".
Die Frage ist, wie lange die Partei noch zuschaut, wie Pistorius Land und Bundeswehr rhetorisch auf Krieg vorbereitet; ob man den beliebten Verteidigungsminister gewähren lässt und es bei Distanzierungen belässt oder ob sich Pistorius bald um seine politische Beinfreiheit Gedanken machen muss.
Die SPD-Linke geht auf Distanz zum Verteidigungsminister. „Unsere sozialdemokratische Richtschnur muss immer sein, Kriege zu verhindern“, sagt deren Co-Sprecher Jan Dieren. „Abstrakte Diskussionen über Rüstungsausgaben und eine Militarisierung der Gesellschaft helfen dabei nicht.“ Im Gegenteil, wenn man sich auf diese Logik einmal einlasse, mache das Krieg wahrscheinlicher. „Dazu sollten wir nicht beitragen“, sagt Dieren. Der nächste SPD-Parteitag steht im Januar an.
Quelle:
https://www.tagesspiegel.de/politik/wieder-friedenspartei-statt-kriegsbereitschaft-in-der-spd-mehren-sich-die-stimmen-nach-mehr-diplomatie-10942333.htmlIst ja schön, dass die SPD um ihre Fragen ringt und ist vielleicht auch alles nicht so einfach (Friedenspartei, Verklärung von Willy Brandts Ostpolitik und noch Einiges mehr), aber es wäre dann doch auch schön, wenn sie es dann mal schaffte, ihre Fragen auszutragen, so dass der Bürger weiß, in welche Richtung es geht. Schließlich ist sie an der Regierung.