@JosephConrad Ja, formal gesehen ist eine ausbleibende Gehaltserhöhung natürlich „mein Problem“. Wenn ich 10 % oder mehr möchte, muss ich wechseln oder hart verhandeln. Aber sollte ein Inflationsausgleich wirklich etwas sein, um das man betteln, verhandeln oder argumentieren muss?
Der Staat trägt eine Mitverantwortung für die Inflation, durch seine Fiskal- und Geldpolitik sowie durch politische Fehlentscheidungen. Diese Faktoren beeinflussen unmittelbar meinen Reallohn und gleichzeitig auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Unternehmen. Insofern halte ich es für legitim, über strukturelle Lösungen nachzudenken.
Belgien ist hier ein interessantes Beispiel, dort gibt es eine automatische Lohnindexierung, die zumindest die Kaufkraft sichert. Warum sollte ein solches Prinzip im „freien Markt“ grundsätzlich unmöglich sein, wenn staatliche Eingriffe auf der anderen Seite erheblichen Einfluss auf Inflation, Zinsen und Kostenstrukturen haben?
Wenn ich mir Kennzahlen wie EBIT oder Rohertrag pro Mitarbeitendem anschaue, sehe ich trotz eines angeblich „schlechten Jahres“ teils deutliche Steigerungen. Unternehmen wandern ebenfalls aus, investieren lieber dort wo es Steuervorteile gibt. Gleichzeitig heißt es, für Gehaltsanpassungen sei kein Spielraum vorhanden, das passt für mich nur bedingt zusammen.
Aus meiner Erfahrung in der IT-Branche (und ich bin damit sicher nicht allein) bringt ein Jobwechsel häufig 15–20 % mehr Gehalt, während Loyalität gegenüber einem Arbeitgeber oft kaum honoriert wird. Das wirft die grundsätzliche Frage auf, ob das aktuelle System langfristige Bindung und Leistung überhaupt noch sinnvoll belohnt ...
Mir geht es dabei nicht um mehr Gehalt oder um Luxus. Es geht vor allem um die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und die daraus resultierende abnehmende finanzielle Freiheit. Trotz guter Ausbildung und Vollzeitbeschäftigung bleibt immer weniger Spielraum für Rücklagen, Vorsorge oder langfristige Planung.
Gleichzeitig geht der Staat erhebliche finanzielle Verpflichtungen ein, etwa durch umfangreiche internationale Hilfsprogramme (Ukraine etc.) oder die Zustimmung zu gemeinsamen europäischen Schuldeninstrumenten (Euro-Bonds neuerlich). Unabhängig davon, wie man diese Maßnahmen politisch bewertet, tragen deren finanzielle Folgen letztlich auch (zum Großteil) die Steuerzahler in Deutschland. Für viele arbeitende Menschen entsteht dadurch der Eindruck, dass steigende Belastungen nach unten weitergegeben werden, während ein Ausgleich der eigenen Kaufkraft kaum stattfindet.