@Bone02943 @alhambra @Bluemeanie @SvenLE @Optimist 
Quelle:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/produktivitaet-forderungen-politik-100.htmlIn Deutschland erleben wir ja einen demografischen Wandel. Das heißt, es werden netto Millionen Menschen mehr in Rente gehen, als neue in die Lohnarbeit nachrücken.
Das bedeutet, dass dem Kapital ganz, ganz viele Arbeitsstunden verloren gehen.
Für ein kapitalistisches System ist das aber nicht hinnehmbar, denn ein System, das zwingend auf Wachstum angewiesen ist, kann es nicht akzeptieren, wenn Arbeitskraft und Arbeitsstunden in großem Umfang wegfallen.
Das ist eine handfeste Krise, die sich im Kapitalismus nicht vermeiden lässt.
Dafür gibt es letztlich mehrere Lösungen:
Eine Möglichkeit ist, neue Arbeitskräfte ins Land zu holen, um sie für das Kapital nutzbar zu machen.
Die andere Möglichkeit ist, mehr Kinder zu bekommen.
Das Problem dabei ist, dass ein Kind mindestens 20 Jahre braucht, bis es dann für die Lohnarbeit interessant wird.
Eine weitere Möglichkeit, den Verlust an Arbeitsstunden zu kompensieren, besteht darin, Personen in die Lohnarbeit einzubeziehen, die bisher davon ausgenommen waren - also Kinder, Rentner oder Kranke.
Indem man sie in den Pool der Lohnarbeit integriert, könnte man damit die Arbeitsstunden wieder steigern.
Eine andere Möglichkeit, um die Produktivität zu steigern, wäre, wenn jeder Lohnarbeiter mehr leistet.
Das Problem dabei ist nur, dass in einer Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland viele Produktivitätspotenziale bereits ausgeschöpft sind, denn ein Arzt betreut ja heute schon so viele Patienten wie möglich. Auch bei Psychologen, Pflegekräften etc. gibt es physikalische Grenzen. Also eine Pflegekraft kann nicht statt 15 dann 20 Patienten gleichzeitig pflegen. Da ist dann irgendwann eine natürliche Grenze erreicht.
Für deutliche Produktivitätssteigerungen bleiben also im Grunde nur zwei Möglichkeiten:
Entweder wir holen mehr Menschen ins Land oder wir beziehen bisher von der Lohnarbeit ausgenommene Gruppen - also Kinder, Rentner, Kranke - in den Arbeitsmarkt mit ein.
Das ist etwas, was in einem kapitalistischen System zwingend geschehen muss - daran führt kein Weg vorbei.
Entweder das, oder die deutsche Volkswirtschaft wird langfristig an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen.
Die Produktivität ist der Goldstandard der Arbeitswelt. Steigt sie, können auch Gewinne, Löhne und Steuereinnahmen steigen.
Leider gibt es seit den 80er Jahren eine Entkopplung von Produktivität und Arbeitslöhnen.
Vor 1980 war es ja so: Wenn die Produktivität stieg, stiegen auch die Löhne. Damals hing beides noch zusammen. Da gab es so eine Art Kopplung.
Dann kam der Neoliberalismus - dann kamen Reagan, Margaret Thatcher etc. - und die sagten: „Das ist Bullshit. Das ist schlecht für den Standort. Das hemmt Investitionen.“
Seitdem gehen Produktivität und Lohnentwicklung auseinander. Die Produktivität stieg, während die Lohnentwicklung stagnierte und seitdem ist auch diese ganze Trickle-Down-Erzählung einfach tot.
Also hier tut man so, als wäre mehr Produktivität gut für die Arbeiter. Das stimmt aber nicht. Das ist falsch. Es ist gut für die Kapitalisten, aber dem Arbeiter bringt es nicht besonders viel.
Tatsächlich stagniert die Produktivität in Deutschland seit der Corona-Pandemie. Im Moment ist sie sogar niedriger als 2021.
Die Frage ist nur: „Was will man da jetzt politisch machen, um die Produktivität zu steigern?“
Der Ansatz ist dann immer der, dass ständig gesagt wird: „Bürokratieabbau, Bürokratieabbau, Bürokratieabbau!“
Okay, möglicherweise steigert der Abbau von Bürokratie sogar die Produktivität.
Wenn man zum Beispiel in einem Unternehmen Leitern herstellt und für die Sicherheitsprüfung der Leitern keine Prüfabteilung mehr nötig ist, hat man Bürokratie abgeschafft.
Diese Abteilung ist nicht mehr nötig. Die Leitern müssen nicht mehr geprüft werden, ob die auch sicher sind.
Dann können natürlich pro Arbeitsstunde - da ja die Arbeitsstunden der Prüfer wegfallen - mehr Leitern produziert werden, denn es fallen ja ganz viele Arbeitsstunden der Leute weg, die die Leitern auf Sicherheit prüfen, und dann hat man pro geleistete Arbeitsstunde mehr Leitern - also hat man dadurch eine gesteigerte Produktivität. Das geht natürlich.
Das Problem dabei ist nur, dass das für den Konsumenten jetzt nicht so geil ist, denn der denkt sich: „Wenn deutsche Leitern nicht mehr sicher sind, dann kaufe ich mir halt Leitern aus China oder aus den USA oder woher auch immer.“
Grundsätzlich ist es halt einfach scheiße, wenn man Leitern hat, auf denen man, wenn man hochklettert, möglicherweise einfach stirbt.
In der Union schauen viele auf die Uhr und wollen die Arbeitszeit erhöhen. CSU-Chef Markus Söder sagte im Bericht aus Berlin, dass eine Stunde Mehrarbeit pro Woche nicht zu viel verlangt sei.
Wenn man natürlich jetzt sagt: Eine Stunde mehr pro Woche, und diese Stunde wird nicht bezahlt, also sie ist quasi einfach extra - dann hat man für die Menge an Lohn, die insgesamt gezahlt wird, am Ende mehr produziert. Dann hat man die Produktivität auch gesteigert. Das funktioniert aber nur unter dieser Bedingung, denn wenn man den Arbeiter für diese Zusatzstunde so entlohnt wie für alle anderen Arbeitsstunden, wird die Produktivität nicht gesteigert.
Man müsste entweder einen geringeren Lohn für diese zusätzliche Arbeitsstunde bezahlen oder gar keinen. Erst dann hat man die Produktivität gesteigert.
Kanzler Friedrich Merz (CDU) hätte gerne weniger Krankentage und forderte zuletzt: "Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes so nicht erhalten. Wir müssen mehr arbeiten."
Auch das steigert natürlich die Produktivität. Wenn Leute, die krank sind, keinen Lohn mehr bekommen, dann zahlt der Kapitalist weniger Geld pro geleistete Arbeitsstunde. Denn bei der Lohnfortzahlung fließen ja auch die Arbeitsstunden, in denen nichts geleistet wird, weil man krank ist, in die Produktivitätsberechnung ein.
Wenn der Arbeiter krank ist und keine Lohnfortzahlung erfolgt, werden die Stunden, die in Krankheit verbracht werden, nicht mehr bezahlt. Damit zahlt der Kapitalist weniger Lohn für die tatsächlich geleistete Arbeit, und die Produktivität ist gesteigert worden.
Fragt sich nur: Ist das wirklich erstrebenswert??
Aber grundsätzlich hat F. Merz natürlich recht, wenn er das sagt. Es steigert die Produktivität. Damit hat er recht. Auch Söder hat damit recht.
Die Frage ist nur: Welche Konsequenzen hat das, und was sagt es über die Logik des Systems, in dem wir leben?
Unternehmen und Mitarbeiter sollen selbst über die Arbeitszeit entscheiden können.
Ja, das steigert natürlich auch die Produktivität, wenn der Kapitalist sagen kann: „Ich benötige deine Arbeitskraft diese Woche nur 26 Stunden, dann zahle ich dir natürlich auch nur 26 Stunden. Nächste Woche brauche ich dann 57 Stunden deiner Arbeitskraft, und dann zahle ich dir 57 Stunden“, dann steigert das natürlich die Produktivität.
Denn wenn es immer 40 Stunden wären, würden in der ersten Woche 14 Arbeitsstunden bezahlt werden, in denen gar nicht gearbeitet wird. In der darauffolgenden Woche würden zwar 40 Arbeitsstunden, in denen gearbeitet wird, bezahlt werden, aber es würden Potenziale liegen bleiben.
Das steigert natürlich die Produktivität. Aber will ein Arbeiter in einem System leben, wo er permanent auf Abruf ist und nie weiß, wann und wie viel er arbeiten muss?
Bessere Qualifizierung, also bessere Schulbildung, Studium und Ausbildung würden die Produktivität steigern.
Das sind immer solche Vorschläge, die sehr langfristig gedacht sind...
Man müsste ja zunächst das Bildungspersonal umfassend schulen oder sogar ganz neues Personal ausbilden. Dann wären umfangreiche strukturelle Veränderungen nötig. Das alles würde mindestens zehn Jahre dauern, bis sich überhaupt irgendein Effekt zeigt.
"Mehr und bessere Bildung" ist auch immer so ein liberaler Take, der immer wieder vorgebracht wird, dabei ist Bildung kein einfacher Ein-Aus-Schalter, den man einfach so umlegen kann...
Das Bildungssystem zu verbessern und zu reformieren wurde ja schon oft versucht, dabei ist es aber fast immer nur schlechter geworden - bei jeder einzelnen Reform.
Ein Bildungssystem so zu reformieren, dass es besser wird, würde erstens sehr viel Geld kosten und sehr lange dauern und um die Früchte dieses besseren Systems zu ernten, würde noch mehr Zeit verloren gehen. Also da reden wir wirklich über Jahrzehnte...
Dieser zeitliche Aspekt wird auch immer wieder ausgeblendet, deshalb redet derzeit auch kaum jemand drüber.
Hauptsächlich geht es eher darum, Zuwanderer, kranke Menschen, Rentner und hin und wieder auch Jugendliche oder Arbeitslose durch Druck und Zwang besser für das Kapital nutzbar zu machen.
Außerdem müsse man KI einsetzen, um bestimmte Tätigkeiten zu übernehmen
Der Einsatz von KI widerspricht ja ebenfalls den Interessen der Arbeiter, denn wenn eine KI Arbeitsstunden übernimmt, konkurriert der Arbeiter mit einem Roboter.
Mit einem Roboter zu konkurrieren, der nicht essen, schlafen oder eine Wohnung braucht, ist wirklich beschissen.
Das bedeutet: Wenn ein Arbeiter mit einem Roboter oder KI-System konkurriert, wird sein Leben wahrscheinlich prekärer. Sein Lohn wird sinken und seine Stellung auf dem Arbeitsmarkt wird sich verschlechtern.
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An alle diesen Vorschlägen zur Produktivitätssteigerungen, so wie sie da stehen, sieht man übrigens schön die fundamentalen Widersprüche einer Klassengesellschaft, denn das sind alles Vorschläge, die zu 100% dem deutschen Standortinteresse und dem Interesse der deutschen kapitalistischen Klasse entsprechen und zu 100% im Widerspruch zum Interesse der Arbeiterklasse stehen - objektiv gesehen.