sacredheart schrieb:Forcierte Ausreise von Menschen, deren Schutzbedarf nicht mehr besteht
Nett gemeint, aber bei 41,500 unmittelbar ausreisepflichtigen Menschen und ca. 11% Anteil Minderjähriger bei Abschiebungen 2025 wären das rd. 4600 minderjährige, von denen ein Gutteil schon länger in Deutschland leben wird.
Nach Analysen des Mikrozensus lag der Anteil der Minderjährigen, deren Eltern weder einen Hochschulabschluss noch häufig einen Berufsausbildungabschluss haben, bei etwa 17,6 % aller Kinder in Deutschland. Das heißt: von etwa 13,7 Millionen Kindern in Deutschland (unter 18 Jahren) wären das ungefähr 2,4 Millionen Kinder, die aus bildungsfernen Elternhäusern kommen (17,6 %). (13,7 Mio × 0,176 ≈ 2,4 Mio)
Kinder aus bildungsfernen Familien zeigen deutlich niedrigere Teilnahmeraten an frühkindlicher Bildung: nur etwa 17,1 % der unter Dreijährigen aus bildungsfernen Familien besuchen eine Kita im Vergleich zu 29,6 % bei nicht-bildungsfernen Familien.
Bei den 3- bis 5-Jährigen liegt die Quote bei 73,4 % versus 87,5 %.
Kinder aus solchen Familien haben häufig: geringere Chancen Gymnasien zu besuchen, niedrigere Übergangsquoten in höhere Bildungsgänge, größere Risiken für spätere Bildungs- und Einkommensnachteile.
Also gehen bei 2,4 Mio minderjährigen aus bildungsfernen Familien 4.600 oder selbst 46.000 Abzuschiebende im Rauschen unter.
Deutschland hat mehrere strukturelle Probleme:
Sehr frühe Selektion: Aufteilung in Haupt-, Realschule, Gymnasium oft schon mit 10 Jahren, in kaum einem anderen OECD-Land so früh.
Starker Einfluss der Eltern: Kinder aus akademischen Haushalten bekommen häufiger eine Gymnasialempfehlung selbst bei gleichen Leistungen
Unterschiedliche Qualität der Schulen: Starke abhängigkeit vom Wohnort, soziale Segregation zwischen Schulen
Ungleiche frühkindliche Bildung: Kinder aus bildungsfernen Familien besuchen seltener hochwertige Kitas, Defizite entstehen vor Schuleintritt.
Mal ein Vergleich
PISA 2022
Kanada: Mathematik: 497, Lesekompetenz: 507, Naturwissenschaften: 515
Deutschland: Mathematik: 475, Lesekompetenz: 480, Naturwissenschaften: 492
Kanada:
1. Kinder lernen bis ca. 15–16 Jahre gemeinsam, es gibt keine frühe Aufteilung in Schulformen wie Haupt-/Realschule/Gymnasium, Leistungsunterschiede werden innerhalb der Schule ausgeglichen – nicht durch Aussonderung.
-> Kinder aus weniger privilegierten Familien bekommen mehr Zeit, Rückstände aufzuholen.
2. Klassenwiederholungen sind selten. Stattdessen: Förderlehrkräfte, individuelle Lernpläne, kleine Lerngruppen, schulinterne Nachhilfe
-> Schwächen werden früh kompensiert, ohne soziale Stigmatisierung.
3. Einheitlich hohes Schulniveau, kaum große Qualitätsunterschiede zwischen Schulen, Schulen in ärmeren Vierteln erhalten zusätzliche Ressourcen,
Schulfinanzierung gleicht soziale Unterschiede gezielt aus.
-> der Wohnort entscheidet deutlich weniger über Bildungserfolg.
4. Professionelle Lehrkräfteauswahl, sehr selektive Lehrerausbildung, starke Praxisorientierung. Viel Teamarbeit im Kollegium.
-> Besserer Umgang mit heterogenen Klassen und Förderbedarfen.
5. Frühkindliche Bildung ist breit ausgebaut, in vielen Provinzen: kostenloses Ganztags-Kindergartenjahr, Frühzeitige Sprach- und Lernförderung.
-> Soziale Unterschiede entstehen weniger stark vor Schuleintritt.
6. Neu zugewanderte Kinder: sofort regulärer Unterricht, zusätzliche Sprachförderung parallel, Keine dauerhafte Auslagerung in "Vorbereitungsklassen"
-> Geringere Bildungsnachteile bei Kindern aus Migrantenfamilien.
Kanada ist chancengerechter, weil es länger gemeinsam unterrichtet, früh fördert statt früh trennt, Ressourcen nach Bedarf verteilt, Schulen weniger sozial segregiert, Kinder nicht "aussortiert", sondern stützt.
Dies zeigen auch PISA-Studien der OECD:
Kanada: schwacher Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung
Deutschland: starker Zusammenhang
Kinder aus einkommensarmen Familien erreichen in Kanada deutlich häufiger hohe Kompetenzen.
Soziale Herkunft → Leistung (PISA) Quelle: OECD / PISA
Messung: Wie stark erklärt der soziale Status der Eltern die Schülerleistungen?
Anteil der Leistungsunterschiede, der durch Herkunft erklärt wird: Kanada ca. 8–9 %, OECD-Durchschnitt ca. 12 %, Deutschland ca. 16–18 %-
In Deutschland wirkt Herkunft doppelt so stark wie in Kanada. Zwei gleich begabte Kinder haben in Deutschland deutlich unterschiedliche Chancen – je nach Elternhaus.
Aufstiegschancen für Kinder aus unteren Schichten: Wie viele Kinder aus sozial schwachen Familien erreichen ein hohes Leistungsniveau?
Anteil leistungsstarker Schüler aus benachteiligten Haushalten: Kanada ca. 15–17 %, OECD-Durchschnitt ca. 11–12 %, Deutschland ca. 7–8 %
Ein benachteiligtes Kind hat in Kanada etwa doppelt so hohe Chancen, zu den leistungsstarken Schülern zu gehören wie in Deutschland.Schulformen / „Gymnasialquote“
Deutschland: Aufteilung nach Klasse 4 (teils 6), Starke soziale Verzerrung: Kinder aus Akademikerfamilien: >70 % Gymnasium, Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien: ~25–30 %, bei gleichen Leistungen bestehen große Unterschiede.
Kanada: keine getrennten Schulformen, Leistungsdifferenzierung innerhalb der Schule, Hochschulzugang hängt fast ausschließlich von eigenen Leistungen und kaum vom Elternhaus ab.
Deutschland sortiert früh und sozial, Kanada spät und leistungsbezogen.
Was ist davon realistisch übertragbar auf Deutschland?1. Spätere verbindliche Selektion
Abschaffung des Gymnasiums nicht nötig aber: längeres gemeinsames Lernen (z. B. bis Klasse 6 oder 8), flexible Übergänge
-> Sehr hoher Effekt auf Chancengleichheit
2. Förderung statt Sitzenbleiben
Sitzenbleiben hat nachweislich eine geringe pädagogische Wirkung, erzeugt aber hohe soziale Schäden, viele OECD-Länder haben es drastisch reduziert.
->Politisch umsetzbar, finanziell moderat
3. Ressourcen stärker nach Bedarf verteilen
Mehr Personal für Schulen in benachteiligten Lagen
-> Kein Systembruch nötig, Deutschland macht das bereits – aber zu zaghaft
4. Frühkindliche Bildung gezielt stärken
Kita-Qualität wichtiger als Kita-Platz, vor allem Sprachförderung
-> Sehr hoher Nutzen pro investiertem Euro, aber schwerer übertragbar, nötig wäre eine Lehrkräfteausbildung wie in Kanada
5. Reformen
Föderalismus, Beamtenrecht und Kapazitätsgrenzen
-> Langfristig reformierbar, nicht kurzfristig
Starkes Leistungsdenken + frühe Sortierung tief verwurzelt, Angst vor „Niveauverlust“
-> Braucht kulturellen Wandel + Zeit
GesamtfazitKanada ist nicht deshalb gerechter, weil die Kinder dort "anders" sind, sondern weil das System anders organisiert ist.
Deutschland könnte die soziale Abhängigkeit um ein Drittel reduzieren, ohne Leistungsabfall, ohne Abschaffung des Gymnasiums, ohne radikalen Systembruch. Der größte Hebel ist die frühe Sortierung.