Mea schrieb:Denkbar ist auch was ganz Banales wie z. B. über Monate nicht gezahlte Pacht....wenn derjenige, der auf die Pacht wartet, finanziell selbst auf diese angewiesen ist.
Das ist eine gute, lebensnahe Idee! Es muss auch nicht unbedingt die Pacht sein; sie könnte es aber sein. Andere Schulden bei Leuten aus dem Dorf tun es aber auch. Diese "Habgier"-Erklärung schließt auch die anderen hier diskutierten Erklärungen für den Mord nicht aus. Es ist ja oft so, dass es für einen Mord nicht nur ein Motiv gibt, sondern ein ganzes "Motivbündel" (wie die Polizei es nennt). Nicht gezahlte Schulden könnten so etwas wie das Hauptmotiv sein, aber die Lebensstil-Unterschiede und die als störend empfundenen Veranstaltungen auf dem Hof des Opfers könnten den Mordwunsch noch verstärkt haben.
Ein normaler Bürger, der kein Berufsverbrecher ist, einen normalen Lebenslauf ohne Vorstrafen vorweist und über ein einigermaßen intaktes Wertesystem verfügt, muss sich ja irgendwie selbst davon überzeugen, dass die Wahnsinnstat, die er plant, gerechtfertigt ist. Das ist wahrscheinlich ein längerer Prozess, in dem dem späteren Mörder immer mehr Dinge einfallen, die das spätere Opfer "falsch macht" und/oder mit denen er der Gesellschaft "schadet" und so sein Recht auf Leben verwirkt. Man könnte es auch so sagen: Jemand der einen Mord plant, aber noch so etwas wie Gewissen hat, muss seine späteren Opfer erst gedanklich entmenschlichen, um die Tat begehen zu können.
Vielleicht beginnt es mit den Schulden, auf deren Rückzahlung der spätere Mörder dringend angewiesen ist, dann stört man sich, dass das spätere Opfer "nicht richtig arbeitet", dann konstruiert man das Opfer (zurecht oder unrecht) als notorischen Gebietsbefruchter und dann trampeln auch noch die Besucher der Seminare / Workshops "andauernd" über die bestellten Felder und so weiter. Mich erinnert der ganze Fall extrem an den Doppelmord in Babenhausen, den Fall also, bei dem Andreas Darsow zwei einer Nachbarn erschoss und die Tochter dieser beiden Nachbarn schwerstens verletzte. Auch da war es ja wohl ein langer Prozess im Hirn von Darsow, der ihn schließlich dazu brachte, die Wahnsinnstat zu planen und dann auszuführen.
Dabei sah es nur auf den ersten Blick danach aus, dass es ein einziges Motiv gab - die Lärmbelästigung. Wenn man aber das Urteil liest, merkt man, dass andere Faktoren auch eine große Rolle spielten: Darsow hielt sich und seine Familie ganz offenkundig für die besseren Menschen und sah sich über die "Asozialen" im Nachbarhaus erhaben. Dazu kam, dass diese "Asozialen" finanziell besser zurechtzukommen schienen als die Vorzeige-Familie Darsow - obwohl niemand in der Familie Toll "richtig arbeitete", während Dasow neben seiner Vollzeitstelle im Baustoffhandel sogar noch einen Mini-Job hatte. Das wurde als schreiende Ungerechtigkeit empfunden. Auch fühlte sich Darsow von Klaus Toll "hintergangen", weil Toll ihm ein Haus verkauft hatte, ohne darauf hinzuweisen, dass im Nachbarhaus des verkauften Hauses eine Familie lebte, die "Tag und Nacht" Lärm produzierte und deren Tochter oftmals "tierische Laute" (im Sine von tierähnlichen Lauten) von sich gab.
Nachbarschaftsstreitigkeiten mit tödlichem Ausgang sind in Deutschland extrem selten - und die Untergruppe der
geplanten Tötungsdelikte dürfte wohl überhaupt nur alle paar Jahre mal um
einen Fall anwachsen. Mir ist tatsächlich beim Schreiben auch kein anderer Fall eingefallen als der Doppelmord von Babenhausen. Ich will damit sagen, dass wohl schon sehr viel zusammenkommen muss, damit es zu so einer Wahnsinnstat kommt - ein Motivbündel eben; eines das sich möglicherweise um das Hauptmotiv "nicht gezahlte Schulden" gruppiert.