Ich finde das Versteifen auf eine Widerlegung des ursprünglichen Gutachtens ein wenig problematisch.
Zuerst einmal haben wir mittlerweile zwei konkurrierende, d.h. sich widersprechende, Gutachten.
Aktuelle Ermittler(in) und Staatsanwaltschaft räumen dem neuen Gutachten mehr Gewicht ein, untermauert durch ein Meta-Gutachten, das die beiden hinsichtlich Wahrscheinlichkeiten vergleichen soll.
Mein Problem: Weder sind der Öffentlichkeit die beiden konkurrierenden Gutachten noch das Meta-Gutachten zugänglich. Einzig die diesbezüglichen Aussagen einer befassten jungen Kommisarin, die zudem ihren Karriereschub dadurch erhalten hat, wie auch in der Pressedarstellung betont (!), stehen im Raum. Es ist also letztlich ein Verlassen auf die Richtigkeit und Expertise dieser Aussagen und ein Vertrauen in die "moderneren" Methoden, die hier Basis einer grundlegenden Verdammung und Schlechtmachung des Ursprungsgutachtens und der einst damit befassten Personen führen.
Mit persönlich ist die Präsentation der "letzendlichen ultimativen Wahrheit" ein wenig zu reißerisch, zu selbstüberzeugt und modernistisch-progressiv angehaucht. Fehlt ja nur noch, dass KI eingesetzt wurde, um dem Zeitgeist vollends Rechnung zu tragen...
Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass die neue Auswertung nicht mehr auf Asservate zurückgreifen konnte, sondern einzig auf der ursprünglichen Dokumentation fußt. Das bedeutet aber auch, dass mehr oder weniger willkürlich Aspekte daraus hervorgehoben wurden, während andere verworfen werden mussten. Und die Begründungen, warum einzelne Gesichtspunkte weiterhin bestand haben, während ein Großteil angezweifelt und als irrig abgetan wird, wirken oftmals halt sehr "bemüht" und erwecken, zumindest bei mir, den Eindruck, dass hier ein gewünschtes Ergebnis untermauert werden soll und eben keine vorurteilsfreie und neutrale Ermittlung der tatsächlichen Umstände im Vordergrund steht.
Und so werden wir uns hier, mangels Akteneinsicht, noch ewig weiter streiten können.
Wurden denn entsprechende Verletzungsmuster für ein Überrollen bei der Obduktion festgestellt, oder beruht diese Annahme tatsächlich einzig auf der Aussage eines diesbezüglich nicht kompetenten Gutachters, wie uns die Kommisarin glauben machen will?
Warum hat dann aber von den damaligen Ermittlern keiner mit dem Obduzenten Rücksprache gehalten, galt es doch auch evtl. noch vorhandene Spuren am Leichnam zu sichern?! Oder fußte die Aussage des Unfallgutachters auf der Bestätigung des Obduktionsergebnis, indem er die dort festgestellten Überrollspuren als aus seiner Sicht mit dem Schadensbild für vereinbar hielt?!
Auch stehen etliche ungeklärte Details im Raum, die von der Kommisarin auch nicht weiter aufgeklärt werden.
Angefangen bei den Schuhen - wer hat sie im Fahrerbereich wann platziert? Wo befanden sie sich denn ursrpünglich? Ist Stoll nackt, aber mit Schuhen gefahren?
Die Geschwindigkeit scheint auch nicht ganz plausibel. Autobahngeschwindigkeit dürfte 100-120km/h bedeuten. Jetzt ging es aber bis zur Auffindestelle nicht nur eine ziemlich steile Böschung hinauf, sondern noch ein ganzes Stück durchs Unterholz. Das dürfte die Geschwindigkeit, wenn nicht weiter aktiv Gas gegeben wurde, deutlich reduziert haben, wobei die kolportierten >70km/h schon recht unrealistisch wirken, alleine schon aufgrund des Schadensbildes.
Und überhaupt keine nachvollziehbare Begründung gibt es für die Verlagerung Stolls vom Fahrer- auf den Beifahrersitz. Durch den Wagen geschleudert würde neben einem ziemlich klaren Verletzungs- und Spurenbild (Gangschaltung, Handbremse, Mitteltunnel, Sitzkante auf der einen, Beifahrertür, Fenster, Sitzkante auf anderen Seite) auch noch bedingen, dass der Beifahrersitz sich bereits in Liegeposition befand. Da Stoll aber eben nicht mit einem Bein noch im Fahrerbereich, und damit quer über die Sitze, hing, sondern wohl in "gewöhnlicher" Liegeposition auf dem Beifahrersitz, erscheint diese Endposition schwerlich durch ein "Durch den Wagen Schleudern" erklärbar. Auch würde mich da die Rekonstruktion der nötigen quereinwirkenden Fliehkräfte in Zusammenhang mit den Fahr-/Schleuderspuren am Auffindeort interessieren...
Alternativ wird uns der Weg durch die Frontscheibe angeboten. Entweder herausgeschleudert oder hinausgeklettert. Ersteres wieder ein eindeutiges Spuren- und Verletzungsbild bedingend, zweiteres angesichts der Unfallschwere auch zweifelhaft. Hier wäre es interessant zu erfahren, ob es denn Laubanhaftungen und oberflächliche Verletzungen an Stolls Fußsohlen gab, oder nicht. (Auch Interessant im Hinblick auf die mögliche Entfernung des Schuhwerks...)
Fast schon bösartig erscheint mir die Demontage der Person Stoll durch die Kommisarin, die jetzt mit (bekannter!) Psychose, Alkoholismus und "Frauenschläger" daherkommt, wofür es bisher in der öffentlichen Diskussion abseits von Geraune keinerlei Hinweis gab, vielmehr jede Spekulation in diese Richtung verpönt bis verboten war... Welche neuen Anhaltspunkte haben sich denn dafür gefunden? Gibt es plötzlich doch psychiatrische Behandlungsakten? Gibt es über die Organschäden hinaus irgendetwas, was mehr als das damals übliche Feierabendbier auf ausgeprägten Alkoholismus hindeutet? Ist das angebliche Verprügeln der Ehefrau tatsächlich mittlerweile beweisbar ermittelt oder Spekulation. Wie wurde dann aber eine Zufügung durch Dritte ausgeschlossen?
Es muss ja im Rahmen der Obduktion ein Tox-Screening, zumindest aber eine Blutalkoholfeststellung gegeben haben, da die Aussage getroffen wurde, dass trotzt des im Papillon zu sich genommenen Schnapses (das Bier wurde ja nicht angerührt) kein Blutalkohol festgestellt werden konnte. Dennoch dürften dem Obduzenten auch damals schon alkoholbedingte Organschäden durchaus aufgefallen sein. Jetzt aber diese hauptsächlich zum Zwecke der Opferdiskreditierung seitens der Ermittler(in) heranzuziehen halte ich für fragwürdiges Verhalten seitens dieser.
Ebenso verhält es sich mit den angeblich zuvor aufgetretenen psychotischen Schüben - bisher stets geleugnet und plötzlich doch wahr... Woher kommt die plötzliche Erkenntnis? Jahrelang nichts und auf einmal - doch wohl nicht aufgrund eines oberflächlichen "Ferngutachtens", wie es ja kurz vorher in der Presse kursierend - haben wir eine schwer gestörte Persönlichkeit, die ja, und so liest sich dieses Basta-Interview der Kommisarin, eigentlich komplett selbst Schuld am eigenen Untergang ist... Von den Angehörigen ist wohl keiner mehr da, der dem wirksam widersprechen könnte und Stoll noch selbst kannte. (Kind damals zu jung, Eltern und Ehefrau mittlerweile verstorben)
Sorry, aber mir ist nun einmal die plötzliche spektakuläre Aufklärung ein wenig dünn und zu sehr auf reinen Aussagen als auf tatsächlich greifbaren Beweisen aufbauend, zu überheblich, was die Verunglimpfung der ursprünglichen Ermittler und Gutachter angeht, zu spekulativ, was den Unfall-/Tathergang betrifft und zu sehr darauf gerichtet, Kritik, Skepsis und Nachfragen mit einer Basta-Mentalität zu unterbinden.
Hätte man kommuniziert, dass die neue Betrachtungsweise andere Schlüsse zulässt, und dabei gleichwertig neben den konkurrierenden bisherigen Ermitllungsergebnissen steht und man nach reichlichem(!) Abwägen der Wahrscheinlichkeiten vorerst(!) der Unfallthese Vorrang einräumt, dies dann auch noch begründet und mit einem schlüssigen Szenario, das auch die jetzt strittigen Details mit erklären kann, und deshalb erstmal die aktive Bearbeitung einstellt, "die Akte schließt", dann wäre die Diskussion deutlich weniger aufgeladen, als jetzt.
So jedoch bleibt ein Gefühl, dass man mit B. Brecht beschreiben kann:
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen