Puh, viel Input jetzt, aber durchaus interessant.
blueavian schrieb:Das hat nichts mit dem Kapitalismus zutun. Im Kapitalismus ist man sogar solidarischer als im Sozialismus, zumindest war das in Deutschland so. Und man hatte auch in Deutschland im Kapitalismus mehr Geld für denselben Job, als im Sozialismus also ist es vorzuziehen.
So lange die DDR und ihr "real existierender Sozialismus" (der mit dem historischen auf Demokratie und Grundrechten basierenden Sozialismus des 19. Jh. wie auch mit dem Marxismus wenig zu tun hatte) als autoritäres Machtsystem noch existierten, konnte man diesen schlichten Vergleich noch ziehen.
Nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz hat in den kapitalistischen Gesellschaften die Bereitschaft zu solidarischem Handeln massiv nachgelassen und ist die Ungleichheit massiv gestiegen. Der homo oeconomicus verfolgt seine Interessen, seinen Vorteil, seine Wohlfahrt. "Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht", "Mehr Eigenverantwortung", "Vollkaskomentalität", "Sozialmissbrauch", "Fördern und Fordern". Zudem hat sich die Welt ökonomisch globalisiert. Dem ökonomischen Druck auf Volkswirtschaften und die Individuen, sich anzupassen, kann man sich nicht entziehen.
blueavian schrieb:Wenn du in Stereotypen denkst, heißt es nicht das du Leute deswegen anders behandelst. Da du nicht unbedingt Leute anders behandelst, wenn sie gerne Fahrrad fahren oder joggen. Nur wenn das der Fall ist, ist das Stereotyp diskriminierend. Ansonsten ist es nur ein Stereotyp.
In der Tat. Zwischen Differenz und Diskriminierung ist ein großer Unterschied. Stereotype können positiv wie negativ zur Ungleichbehandlung führen. Aber die Ungleichbehandlung ist nie weit weg, wenn die Stereotype den Blick für das Individuum oder Ungleichheiten verstellt. Noch krasser ist das - aus eigener Erfahrung - wenn die Stereotype auch noch zutrifft ("Junge hochqualifizierte Frauen werden schwanger und gehen in Elternzeit" - ja, das passiert in der Praxis auch relativ häufig, was für eine Organisationseinheit durchaus ein gewaltiges Problem werden kann).
blueavian schrieb:Frauen müssten anfangen, das zu studieren, was bei Firmen gefragt ist. Dann wird es anders aussehen.
Das ist ja der Fall. BWLerinnen, Ingeneurinnen, Physikerinnen, Informatikerinnen gibt es immer mehr. Juristinnen schon seit vielen Jahren mehr als Männer. Mittlerweile auch an den Gerichten. Aber ist das ein Wert an sich?
Tussinelda schrieb:Die Bundesstiftung für Gleichstellung betreibt sexistische Propaganda? Denn die habe ich zitiert. Ich habe also gar nicht argumentiert, sondern Belege geliefert, warum eine Bundeskanzlerin offenbar keine große Bedeutung hat, die Gleichstellung betreffend.
Das konnte ich dem Zitat nicht entnehmen. Natürlich hat eine Bundeskanzlerin hat große Bedeutung (und repräsentiert bereits erfolgte Veränderungen). Der nächste Bundespräsident "muss" eine Bundespräsidentin werden, das ist klar. Und natürlich so begrüßenswert wie ein "schwarzer" Minister oder ein muslimischer Verfassungsschutzpräsident. Unsere Gesellschaft ist vielfältig und natürlich sollte sich das auch Stück weit im politischen Personal widerspiegeln.
Ich weiß noch, als Helmut Kohl ziemlich widerwillig in den 1980er Jahren die erste Frau in seinem Kabinett aufnahm: Rita Süßmuth. Widerwillig, weil sie eine linke CDULerin war und ihm in der Folge das Leben so schwer machte, dass man sie auf den einflussloseren Posten der Bundestagspräsidentin abgeschoben hat, wo sie durchaus auch den parlamentarischen Betrieb mitgeprägt hat (konstruktiv, verbindlich, deeskalierend - anders als ihre Nachfolgerin heute).
Natürlich haben diese Frauen Vorbildfunktion, machen es selbstverständlich, dass Frauen "das" auch können.
Aniara schrieb:Und jetzt wäre es doch mal interessant, zu analysieren, warum das so ist. Können Frauen nicht? Dürfen Frauen nicht? Wollen Frauen nicht? Das sind doch die wichtigen Fragen, die man mal beantworten sollte.
Sie können und dürfen, das unterscheidet sich von einem Großteil des 20. Jahrhunderts. Die Prozentzahlen der MdBs bei den Grünen (60%) und der SPD (40%) zeigen, dass es mit Frauenförderung geht.
Zum einen sind es vor allem strukturelle Benachteiligungen, die sich auf die Teilhabemöglichkeit von Frauen auswirken und sich auf veraltete Rollenbilder des 19. Jahrhunderts zurückführen lassen, in denen Männer für die Politik und Öffentlichkeit zuständig waren und Frauen für das Private und die Familie. Die Folgen dieser Aufteilung haben bis heute Einfluss auf die Studien- und Berufswahl von jungen Frauen und Männern, auf die Zuschreibung der Zuständigkeit von Frauen für die Familie, auf zeitliche und materielle Ressourcen und nicht zuletzt auf die geringe Präsenz von Frauen in Parteien und Parlamenten
Quelle:
https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wissen/themenfelder/repraesentanz-und-teilhabe-von-frauen-in-der-politik/Rollenbilder des 19. Jahrhunderts? Sorry, das geht bis zur Antike zurück. Im Imperium Romanum herrschte der Patriarchalismus wie bei den Ägyptern, den Griechen oder den Juden. Jesus hatte 12 Jünger und die Katholische Kirche hält seit 2000 Jahren daran fest, dass Priester nie Frauen sein dürfen.
Natürlich hat das bis heute Einfluss auf unsere Gesellschaft. Aber wir dürften uns einig sein, dass dieser Einfluss massiv zurückgedrängt wird. Weil die Aufklärung, also die Vernunft, weiter wirken. Es gibt keinen vernünftigen Grund (außer die Tradition), warum Frauen nicht Priesterinnen oder gar Papst sein können. Die evangelische Kirche macht es (erst seit rund 40 Jahren) vor.
40 Jahre im Vergleich zu 2000 Jahren Kirchengeschichte? 50 Jahre Frauen in der Politik gegenüber 2000 Jahre Männerherrschaft?
Evolution statt Revolution.