Tussinelda schrieb:Geschlechterrollen und Geschlechtsstereotype sind ja nicht verschwunden, nur weil man eine Bundeskanzlerin hatte.
Das habe ich auch nicht behauptet. Sondern nur, dass Frauen heute alles machen können und dürfen, was früher nur Männern vorbehalten war. Damit sind Geschlechterrollen und Geschlechtsstereotype nicht verschwunden, nein. Sie haben sich aber verändert. Nur wären sie verschwunden, wenn überall Frauen zu 50% vertreten sind? Was sagt das aus? Kommen wir dem Ziel damit näher?
Vielleicht. Aber verschwunden ist damit eine Differenz noch lange nicht.
Aniara schrieb:Kann ja sein, aber woran liegt es? Kommen nicht genug Frauen rein? Wollen nicht genug Frauen? Das sollte man korrekt untersuchen und nicht einfach auf "typische Geschlechterrollen" schieben
Wenn ich mir das Leben eines Abgeordneten oder Ministers so ansehe, dann den Politikbetrieb als solchen, schließlich die Prinzipien, die in der Politik herrschen (Macht) und zuletzt das System, in dem diese Gesellschaft agiert (Kapitalismus), dann ist das schon ein ganz schöner Jahrmarkt der Eitelkeiten, der Gockelhuberei, der Ranküne und Intrigen, der Macht- und Mediengeilheit und Aufmerksamkeitsneurosen.
Das will nicht jeder mitmachen. Und dass es Frauen nicht mitmachen wollen, das kann ich gut verstehen. Ich hätte da auch keinen Bock darauf, gerade weil es zu meinem Beruf gehört, das zu beobachten. Und so hat sich der Politikbetrieb nicht sehr gewandelt, als wir eine Kanzlerin hatten. Beherrschend blieben die typischen Machtmenschen, mit markigen Sprüchen und allen Attributen des Testosterons.
Besonders rabiat hat sich das auf der rechten Seite entwickelt, wo Frauen dann mit den dicken Männern mitmachen dürfen, wenn sie genauso rüpelhaft, zynisch, kämpferisch und radikal sind. Manche meinen ja, das sei eine Folge der ganzen "Verweiblichung". Ich teile das nicht, die AfD kam nicht wegen der Gendersternchen, sondern wegen einer fundamentalen Enttäuschung der (vermeintlichen) Verlierer der gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte.
Meine Beobachtung: Will eine Frau erfolgreich sein, egal ob in der Politik, den Medien, der Wirtschaft, der Wissenschaft oder sonstigen Machtpositionen, muss sie sehr wie ein Mann agieren. Oder darf die Blase der Frauensolidarität nicht verlassen, was ebenfalls die Bereitschaft zur Machtpolitik und zu Intrigen voraussetzt.
Kurz und gut: Mehr Frauen machen die Welt nicht weiblicher. Die Welt und unsere Gesellschaft sind vielmehr in den letzten Jahrzehnten immer ungerechter geworden. Einkommen, Vermögen, Chancen, Optimismus und Sicherheit sind ungleich verteilt. Und immer ungleicher verteilt. Und da hängt eben nicht nur am Geschlecht, sondern auch und vor allem an der Herkunft, an der Bildung, am Habitus, am Erbe.
Für mich ist der ganze Geschlechterkampf ein Kampf um Ressourcen in einer Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft. Und die ändert sich nicht mit 60% MdB oder 60% der Vorstandsmitglieder von Dax-Konzernen. Vom Kuchen gibt es ein Stück mehr ab, ja, aber von der Emanzipationsbewegung der 1960/70er Jahre, die die Emanzipation des Individuums - also auch der Frau - in den Mittelpunkt stellen, haben sich heutige Diskussionen weit entfernt. Entweder geht es um den eigenen Vorteil oder um die Betonierung der Geschlechter in der Sprache.