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Der Glaube an Nichts

218 Beiträge, Schlüsselwörter: Philosophie, Entstehung

Der Glaube an Nichts

31.08.2020 um 02:39
Zitat von Gerlind
Gerlind
schrieb:
Eine scheidente Identität, etwas mit sich selbst identifiziert , ist schon so betrachtet, Differenz.

Identität mit sich selbst ist Differenz.

Eine 1 identifiziert mit ihrer 1. Sind zwei 1en.
Mancher sieht die 1 , wo ein anderer immer schon auch die Differenz in der Identität sieht.

Das ändert dann eine ganze Logik.
Das ist nicht die einzige Möglichkeit zu definieren, wie man eine Identität mit sich selbst herstellen könnte. Johann Gottlieb Fichte, ein Philosoph des deutschen Idealismus, stellte heraus, dass sich das ICH durch Setzung eines NICHT-ICHs selbst setzt.

Nach Fichte definieren wir uns eher durch Abgrenzung von dem, was wir NICHT sind. Hier spielt also wieder das "Nichts" eine gewisse Rolle, aber ist es nicht das "Gar-Nichts", sondern das "Nicht-Ich", wozu das Nichts und alles, was wir nicht sind, gehört.

Ich interpretiere Fichte so, dass wir unsere Identität mit uns selbst durch die Dialektik der Erfahrung all dessen, was wir kennen und das wir als etwas betrachten, das nicht zu unserem ICH gehört, (aber das wir erfahren können), erkennen. Das NICHT-ICH sind also alle anderen Menschen. Und die Außenwelt.

Fichte schreibt, dass es das Ideal ist, in Synthese zu gehen mit dem NICHT-ICH, anhand dessen wir uns durch Differenzierung an ihm zwar unterscheiden zunächst, (und durch die Differenzierung unser eigenes "ICH" setzen), aber ich interpretiere Fichte so, dass wir es internalisieren können und zu unserem ICH werden lassen.

Interessant in der hiesigen Diskussion ist, dass das Nichts auch als das gelten kann, was ICH NICHT bin, was also "außer MIR sei", wie ich es formulieren würde. Was ich aber (noch) NICHT bin, kann ich nach Fichte werden.

Jedenfalls ist eine differentielle Sich-Selbstsetzung durch Dialektik zur eigenen Identität nicht nötig. Es mag so sein, dass eine Identität mit sich selbst eine Differenz mit sich selbst wäre, aber das ist schon längst seit Fichte nicht mehr aktuell, denn er beschrieb ja, dass man identisch mit sich ohne sich selbst in Abgrenzung zum NICHT-ICH, also zu all dem, was man (noch) nicht sei, sein kann, dass es aber aufhebbar sei in der Dialektik und Synthese. Aufhebung der Dialektik in der Synthese ist typisch für Hegel auch und für viele Vertreter des deutschen Idealismus. Bei Fichte ist die Synthese von ICH und NICHT-ICH ein Bildungsideal. Er galt ja auch als "Erzieher" und nicht nur Aufklärer.



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31.08.2020 um 10:33
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Nach Fichte definieren wir uns eher durch Abgrenzung von dem, was wir NICHT sind. Hier spielt also wieder das "Nichts" eine gewisse Rolle, aber ist es nicht das "Gar-Nichts", sondern das "Nicht-Ich", wozu das Nichts und alles, was wir nicht sind, gehört.
Es ist nicht das Nichts, an dem sich die Selbstdefinition - konfrontativ - zusammensetzt, sondern ja gerade ein Etwas, nämlich ein Anderes.
Teilkomponenten des Anderen bilden sich in einem selbst gewissermaßen als Negativ ab. Allerdings sind es auch die Gemeinsamkeiten mit dem Nicht-Ich, die in die eigene Identität miteinfließen.

Debattierbar, ob man sich mehr durch das, was man nicht ist, definiert, oder mehr durch das, was man ist. Ansichtssache. Das Selbst ist Open Source, kann zu jeder Seite hin ergänzt oder auch abgegrenzt werden.



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31.08.2020 um 11:38
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Gut, aber ich sehe immer noch nicht, wo genau hier Kausalität ins Spiel kommt
Ich schon, denn ohne Masse/Gravitation gebe es auch keine Trägheit. Anders gesagt: B ist die Folge von A, und nicht zufällig auch da.



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31.08.2020 um 12:03
Zitat von off-peak
off-peak
schrieb:
Zitat von off-peak
off-peak
schrieb:
Ich schon, denn ohne Masse/Gravitation gebe es auch keine Trägheit. Anders gesagt: B ist die Folge von A, und nicht zufällig auch da.
Ja, gerne noch einmal:
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Gut, aber ich sehe immer noch nicht, wo genau hier Kausalität ins Spiel kommt. A=>B (bspw. 6|x => 3|x) gibt's bspw. auch in der Mathematik, nur hat "A=>B" erst einmal nix mit Kausalität zu tun.
Auch in meinem Beispiel ist B die Folge von A, und nicht zufällig so.



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31.08.2020 um 15:03
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Es ist nicht das Nichts, an dem sich die Selbstdefinition - konfrontativ - zusammensetzt, sondern ja gerade ein Etwas, nämlich ein Anderes.
Teilkomponenten des Anderen bilden sich in einem selbst gewissermaßen als Negativ ab. Allerdings sind es auch die Gemeinsamkeiten mit dem Nicht-Ich, die in die eigene Identität miteinfließen.

Debattierbar, ob man sich mehr durch das, was man nicht ist, definiert, oder mehr durch das, was man ist. Ansichtssache. Das Selbst ist Open Source, kann zu jeder Seite hin ergänzt oder auch abgegrenzt werden.
Oh, das hast du schön analysiert und kritisiert. Den einzigen Satz, den ich nach Fichte und generell nicht so stehen lassen könnte, wäre Folgender.
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Allerdings sind es auch die Gemeinsamkeiten mit dem Nicht-Ich, die in die eigene Identität miteinfließen.
Das ist so nicht sauber analysiert. Zumindest ist es nicht sauber im Einklang mit Fichtes Denken, wie nun folgt, analysiert, auch wenn darin etwas Wahres steckt, wie man gleich lesen kann. Gemeinsamkeiten mit dem Nicht-Ich sind nach Fichte etwas wie zum Beispiel nach meinen Begriffen Charaktereigenschaften, Meinungen, Glaube etc., das man zwar mit anderen teilen würde, aber das durch Synthese mit diesem Nicht-Ich zum eigenen Ich wurde, wird oder noch nicht wurde und es werden kann. Wenn ich z. B. Positionen mit Mitgliedern der Linkspartei gemeinsam habe, habe ich sie verinnerlicht und bin dadurch selbst ein Mitglied dieser Positionsgruppe geworden. Mein Ich hat gelernt oder wurde erzogen zu einem Linken, selbst wenn ich kein formelles Parteimitglied bin. Insofern würde, in meinem Fall, die formelle Parteimitgliedschaft fehlen und Linksparteimitglied zu sein wäre mein Nicht-Ich, aber da ich die Meinungen vieler Linksparteimitglieder vertreten kann, ist "ein Linker zu sein" zu meinem eigenen Ich geworden. Ferner ist die Synthese nicht schwer. Parteimitglied zu sein ist zwar eine Eigenschaft meines Nicht-ICHs, aber die Synthese wäre nicht schwer. Schwups könnte ich mit einem Mitgliedsantrag Linksparteimitglied werden und über die Synthese mit meinem Nicht-Ich hätte ich mein Ich neu gesetzt oder "definiert".
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Debattierbar, ob man sich mehr durch das, was man nicht ist, definiert, oder mehr durch das, was man ist.
Das ist heutzutage tatsächlich sehr debattierbar, wo es immer darum geht, dass man sich mit anderen vergleicht und inmitten des Wohlstandes man das Gefühl hat, dass das, was man nicht hat, einen mehr definiert als all das, was man schon hat. Was mein Ich nicht hat, ist, was mein Ich haben will.

Genauso glaube ich, dass Fichte prinzipiell von der Bildung ausging: das, was ich noch nicht weiß, ist das, was mein Ich noch wissen kann. Ähnlich wie Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß", wie viele wissen, dass dieses Zitat von ihm stammt. Erst die Erkenntnis des Nichts, also dessen, dass ich nichts weiß, ebnete in der Philosophie den Weg zur Neugier auf Wissen. Fichte geht da nicht etwa einen Schritt weiter, sondern wie ich ihn interpretiere ist die Erkenntnis dessen, was man genau nicht weiß, der erste Schritt, es wissen zu können. Während für Sokrates die Erkenntnis, dass es unendlich viel zu wissen gäbe und er nur am Anfang seines Fragens stünde die Philosophen aufruft, zu fragen und nicht nur antworten zu geben, ruft Fichte zum Bewusstsein darüber auf, es genauer zu definieren und abzugrenzen, was man (noch) nicht weiß und wer man (noch) nicht sei. Erst durch die Absteckung des Nichts ist Werden möglich und erst durch die Definition dessen, was man genau nicht weiß, ist Lernen möglich.

Andererseits gibt es diese Menschen, die glauben bereits alles (besser) zu wissen und wie man weiß, sind sie unbelehrbar(er als bescheidenere Menschen). das Nichts findet sich hier bei Fichte als das "Noch"-Nicht und ist aber immer fassbar. Übrigens liegt die Idee nahe, dass man das Nichts als Gegensatz zum "Alles" setzt, so wie das Nicht-Ich zum Ich sich verhält wie ich mich zur Welt, so verhält sich alles Seiende ja zu allem Noch-Nichtseienden und daraus könnte die Welt hervorgegangen sein. Aber hier beginnt die Metaphysik.



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31.08.2020 um 15:22
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
nicht sauber im Einklang mit Fichtes Denken
Eben weil ich hier nicht Fichtes Position vertrete. Mehr eine Synthese.
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Was mein Ich nicht hat, ist, was mein Ich haben will.
Knapp daneben ist auch vorbei. Das stimmt so nicht generell: Ich habe bspw. keine schwerwiegende Krankheit, und ich will auch keine solche haben.

Es geht ja auch nicht um Fichte hier, sondern darum, dass der TE weder an Gott noch an höhere Wesen glaubt, die uns und die Erde erschaffen haben. Und in diesem Punkt bin ich beim TE. Ganz einfach.



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31.08.2020 um 15:27
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Debattierbar, ob man sich mehr durch das, was man nicht ist, definiert, oder mehr durch das, was man ist. Ansichtssache.
Hier müsste man wohl konsequent sein und auch das, was man nicht ist, entsprechend dadurch definieren, was es nicht ist...

Ich bin keine Banane, keine Waschmaschine, kein Käsetoast... und eine Banane ist auch keine Waschmaschine, kein Käsetoast, kein Hundhaufen... während eine Waschmaschine auch kein Käsetoast ist, auch kein Hundehaufen und... naja, lassen wir diesen Unfug lieber! :D
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Nach Fichte definieren wir uns eher durch Abgrenzung von dem, was wir NICHT sind.
Quatsch mit Soße (garniert mit einer Prise Komik).



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31.08.2020 um 15:29
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Was mein Ich nicht hat, ist, was mein Ich haben will.
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Knapp daneben ist auch vorbei. Das stimmt so nicht generell: Ich habe bspw. keine schwerwiegende Krankheit, und ich will auch keine solche haben.
Da gebe ich dir Recht. Das war generell nicht sonderlich erleuchtend. Ich ging von Reichtum aus, du von "negativ konnotierbaren Gütern", also einer Krankheit. Mal davon abgesehen, dass Haben und Sein verschiedene Dinge sind, komme ich auf deinen anderen Punkt zurück:
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Das Selbst ist Open Source, kann zu jeder Seite hin ergänzt oder auch abgegrenzt werden.
Abgrenzung ist das Schlüsselwort. Ich kenne Fichte nicht bis ins letzte i-Tüpfelchen, aber vielleicht fehlt seiner Theorie das, was wir heute wissen, dass man sich auch abgrenzt von Dingen, die man nicht sein will, die man nicht haben will und sogar davon, was man nicht wissen, hören, glauben und sehen will. Fichte verfechtete ein Bildungsideal und das Nichts (bei ihm als "Nicht-Ich") stand dem Gewordenen (bei ihm das "Ich") als Gegensatz gegenüber, um zu WERDEN. Man will aber nicht immer werden, was man nicht ist. Dieser Punkt ist als Fichte-Kritik durchaus interessant! Danke dafür.

Ja, ich rolle das Thema nur auf, weil wenn es das Nichts ist, was die Welt erschaffen habe und nicht Gott oder höhere Wesen, dann wäre ja das NICHTS der Gegensatz zu ALLEM. Das ist aber genauso metaphysisches Denken.



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31.08.2020 um 15:31
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Hier müsste man wohl konsequent sein und auch das, was man nicht ist, entsprechend dadurch definieren, was es nicht ist...

Ich bin keine Banane, keine Waschmaschine, kein Käsetoast... und eine Banane ist auch keine Waschmaschine, kein Käsetoast, kein Hundhaufen... während eine Waschmaschine auch kein Käsetoast ist, auch kein Hundehaufen und...
Müssen wir mal schauen, wie viele Jahre wir Zeit haben, diese Endlosrekursion dann niederzuschreiben. ^^



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31.08.2020 um 15:44
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
wenn es das Nichts ist, was die Welt erschaffen habe
Die Welt wurde nicht aus dem Nichts und schon gar nicht vom (resp. durch das) Nichts erschaffen.

Die Kette, die zu unserer Existenz führt, ist lückenlos zurückverfolgbar:
Beginn des Universums durch den Urknall - Explosion eines massereichen Sterns - Sonnensystementstehung - Erdentstehung - einzellige Mikroorganismen - Bakterien - vielzellige Organismen - Wirbeltiere - Affen - Menschen.



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Der Glaube an Nichts

31.08.2020 um 15:49
Zitat von FlamingO
FlamingO
schrieb:
Die Welt wurde nicht aus dem Nichts und schon gar nicht vom (resp. durch das) Nichts erschaffen.

Die Kette, die zu unserer Existenz führt, ist lückenlos zurückverfolgbar:
Beginn des Universums durch den Urknall - Explosion eines massereichen Sterns - Sonnensystementstehung - Erdentstehung - einzellige Mikroorganismen - Bakterien - vielzellige Organismen - Wirbeltiere - Affen - Mensch.
Ja, es ist die philosophische Frage, warum überhaupt Seiendes ist und nicht vielmehr NICHTS. Ich selbst glaube nicht, dass aus dem Nichts etwas erschaffen wurde. Menschen neigen aber immer wieder dazu, es sich so vorzustellen. Die Alternative ist der Schöpfer (Gott) - in der Religion. Eine andere Alternative ist die Rückverfolgung der Ursachen.

So gesehen ist es begrifflich nicht ganz korrekt: Die Kette, die du benennst ist, IM BESTEN FALL, ein Beleg dafür, dass sich die Ursachen für das Sein bis auf eine erste Ursache zurückverfolgen ließe, aber keine Kette, "die zu Existenz führt". Der Urknall hat nicht das Sein erschaffen, denn er ist selber etwas SEIENDES GEWESEN.
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Quatsch mit Soße (garniert mit einer Prise Komik).
Das war auch kein akkurater wahrer Satz. Wir definieren uns nach Fichte nicht als das, was wir in Abgrenzung sind zu dem, was wir nicht sind, das hatte ich in dem einen isolierten Satz falsch formuliert, denn nach Fichte definieren wir dadurch unser Werden: Ich kann werden, was ich nicht bin. Ich hoffe, dem Satz stimmst du nun zu. Bedenke, da steht: Ich kann werden, was ich nicht bin. Ferner wusste aber Fichte, dass ICH bin, was mein Nicht-Ich nicht ist.



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31.08.2020 um 15:54
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
So gesehen ist es begrifflich nicht ganz korrekt: Die Kette, die du benennst ist, IM BESTEN FALL, ein Beleg dafür, dass sich die Ursachen für das Sein bis auf eine erste Ursache zurückverfolgen ließe, aber keine Kette, "die zu Existenz führt".
Dann nennt man es halt "Schritte", "Etappen" or whatever, aber das ist doch Rabulistik und ändert nichts an der geschilderten Entwicklung.



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31.08.2020 um 17:05
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
So gesehen ist es begrifflich nicht ganz korrekt: Die Kette, die du benennst ist, IM BESTEN FALL, ein Beleg dafür, dass sich die Ursachen für das Sein bis auf eine erste Ursache zurückverfolgen ließe, aber keine Kette, "die zu Existenz führt". Der Urknall hat nicht das Sein erschaffen, denn er ist selber etwas SEIENDES GEWESEN.
Nur kurz (zumal ich eh nicht sicher bin, ob und inwieweit ich hier alles richtig wiedergebe): Schon in der Scholastik unterschied man zwischen bedingtem und unbedingtem Sein. Das Problem des infiniten Regress bei obiger Kette kannte man auch schon (natürlich - schon Aristoteles war sich ja dieser Problematik bewusst) und postulierte entsprechend einen Anfang in dieser Kette (bei Aristoteles der "Unbewegte Beweger", später in der Scholastik häufig auch als "Erste Ursache" oder "primum movens" bezeichnet), ein(e) Aseität - etwas, das ist, aber nicht vom Gegebensein anderer "Dinge" abhängt (mein Lieblingsbeispiel sind hier logisch-mathematische Zusammenhänge, die offenbar nicht davon abhängen, ob jemand darüber nachdenkt oder ob es ein Universum gibt, wie spät es gerade ist etc. pp.). Im Detail verhält es sich leider etwas komplexer/kniffliger...
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Ich kann werden, was ich nicht bin. Ich hoffe, dem Satz stimmst du nun zu.
Naja, auch damit ist leider wenig Schlaues gesagt bzw. ist's entweder recht banal, oder aber viel zu ungenau, je nachdem... Sicherlich kann ich jemand werden, der ich aktuell nicht bin, allerdings kann ich weder zu einer Katze werden, noch zu Donald Trump... ;)



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31.08.2020 um 19:11
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Interessant in der hiesigen Diskussion ist, dass das Nichts auch als das gelten kann, was ICH NICHT bin, was also "außer MIR sei", wie ich es formulieren würde. Was ich aber (noch) NICHT bin, kann ich nach Fichte werden.
Ja, aber es ist doch nur ein vermeintliches Nichts?
Deine Nicht-Ichs zb., stehen doch für etwas.
Das Ich dürfte nicht existieren, nur das Nicht-Ich.
Was nicht möglich ist.


Oder zum Abgrund:
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Objektiv ist es aber ein / das "Nichts" und wir denken uns nur Werte, hier im Falle des Abgrundes, in das (in "ein") "Nichts" hinein.
Objektiv betrachtet, ist es kein Nichts, denn wir denken uns etwas hinein.^^
Nur wenn man tasächlich das Nichts sehen will, bekommt man ein Problem.
Oder man hat zb keine Moral, dann sieht man zwar immer noch nicht das Nichts, aber immerhin auch keinen Abgrund.^^



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31.08.2020 um 19:15
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Nur dass du offenbar nicht mehr aussagen kannst, als dass dieses "Potential" a) unsere Wirklichkeit enthält und b) darüber hinaus eine Menge an weiteren alternativen Möglichkeiten umfasst, über die sich aber keinerlei Aussagen mehr treffen lässt.

Da du ja ein Freund der Mathematik & Logik zu sein scheinst, auch gerne etwas abstrakter: Es gibt eine Menge an Möglichkeiten M ("Potential"), welche unser Universum U als Element enthält. Dabei gelingt es dir aber scheinbar nicht...

a) die Menge M genauer zu charakterisieren
b) weitere Elemente von M anzugeben
c) eine Klassifikation für Elemente von M anzugeben
d) ein Wahrscheinlichkeitsmaß für die zufällige Auswahl eines Elementes aus M anzugeben
e) die Mächtigkeit von M anzugeben (endlich? unendlich? abzählbar unendlich? überabzählbar unendlich?)

Und damit handelt es sich um einen klaren Verstoß gegen Occam's Razor bzw. ein Produkt blühender Fantasie (jeder kann sich selbst offenbar selbst zurecht fantasieren, was es mit M auf sich hat). Was spricht bspw. die Möglichkeit der Existenz von fünf, sieben oder elf Fabelwesen, die zufällig aus dem Nichts entstehen und sich anschließend entscheiden, eine komplette Welt zu erschaffen? Oder, oder, oder...? Offenbar sind der Fantasie hier wirklich keinerlei Grenzen gesetzt...
Würde in der Natur der Sache liegen, aber ja.

Erscheint mir aber am logischsten.



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31.08.2020 um 19:32
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Auch in meinem Beispiel ist B die Folge von A, und nicht zufällig so.
Wo liegt Dein Problem? Du hattest nach einem Beispiel fuer Kausalitaet gefragt. Als sich es nannte, tatest Du so, als waer dem nicht so. Und kamst mit aus A folgt B. Mein Beispiel erfuellt allerdings genau diese Bedingung.

Also, wo hapert's denn?



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31.08.2020 um 22:57
Zitat von Yooo
Yooo
schrieb:
Ja, aber es ist doch nur ein vermeintliches Nichts?
Deine Nicht-Ichs zb., stehen doch für etwas.
Das Ich dürfte nicht existieren, nur das Nicht-Ich.
Was nicht möglich ist.
Das ist schon richtig, das Nicht-Ich steht bei Fichte für etwas, aber es steht auch als Gegensatz zum Ich. Ich verstehe nicht, wie du darauf kommst, dass das Ich nicht existieren dürfte, denn wenn dann sehe ich das Nichts als ein Nicht-Ich. Nachdem sich das Ich als Gegensatz zu allem anderen Seienden gesetzt hat, bleibt nur noch, sich als Gegensatz zum Nicht-Seienden zu setzen.

Da beginnt vielleicht ein anderer, ein nicht Nitzsch'cher Abgrund, denn wenn ich mich als Gegensatz zum Nichts setze, könnte ich mich mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontieren und abermals in eine Ficht'sche Synthese gehen, die in einem Existenzialismus à la Sartre & Co. enden könnte, indem ich nämlich erkenne, dass alles auf das Nichts zuläuft und mein Leben im Nichts endet; ich also in Fichtes Dialektik selber mit dem Tod zu Nichts werde.

Das ist aber nur eine Ausdehnung von Fichtes Theorie. Sein Nicht-Ich stellt, wie du es richtig darstellst kein "richtiges" (sondern nur ein vermeintliches) Nichts da, enthält aber das Nichts als Gegensatz zum Ich, das ein Seiendes auch ist. Wenn man mengenlogisch vorgeht, ist das Nichts Teil des Nicht-Ichs, solange man lebt, aber das führt schon zu solchen Fragen, ob es das "Nichts denn gäbe". Da es das Nichts ja nicht gibt, kann es doch eigentlich auch keine Teilmenge von etwas bilden (Hypothese?)... Zumindest "meiner Logik" nach, aber wenn mir jemand der mathematisch bewanderten Menschen hilft, ob das denn stimmt für Mathe, wäre ich dankbar, also in etwa stellt sich mir die Frage, ob die leere Menge jetzt logischerweise nie eine Teilmenge oder logischerweise immer eine Teilmenge jeder Menge in der Mathematik ist. Wenn mir jemand hilft, diese Frage zu beantworten oder die Frage selbst zu korrigieren, weil es vielleicht sich um eine unsinnige Frage von mir handeln könnte, wäre ich dankbar.
Zitat von Noumenon
Noumenon
schrieb:
Das Problem des infiniten Regress bei obiger Kette kannte man auch schon [...] und postulierte entsprechend einen Anfang in dieser Kette [..] - etwas, das ist, aber nicht vom Gegebensein anderer "Dinge" abhängt
Ich weiß nicht, meiner Meinung nach dreht sich die Lösung mit dem Urknall und mit Gott genauso im Kreis. Für den Urknall nimmt man unzählige Ausnahmebedingungen an, durch deren besonderen Verhältnisse spezielle physikalische Gesetze herrschten. Dann soll es eine Inflation und Deflation geben, wodurch das Universum auch implodieren könnte, was bereits schon passiert haben könnte und was zu einem erneuten Urknall führte. Dadurch könnten auch parallele Universen möglich sein. Da ist Gott die elegantere Lösung.
Zitat von Yooo
Yooo
schrieb:
Objektiv betrachtet, ist es kein Nichts, denn wir denken uns etwas hinein.^^
Nur wenn man tasächlich das Nichts sehen will, bekommt man ein Problem.
Oder man hat zb keine Moral, dann sieht man zwar immer noch nicht das Nichts, aber immerhin auch keinen Abgrund
Ich glaube wie gesagt nicht, dass Nietzsche mit jenem Zitat sagen wollte, dass wir das Böse in uns erkennen (würden, sollten, müssten), wenn wir in den Abgrund schauen und er in uns zurückschauen könnte, sondern tatsächlich, dass es da nichts zu erkennen gibt. Der Abgrund ist in der Tat eigentlich nur das Fehlen von Gestein.



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01.09.2020 um 11:53
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Nachdem sich das Ich als Gegensatz zu allem anderen Seienden gesetzt hat, bleibt nur noch, sich als Gegensatz zum Nicht-Seienden zu setzen.
Na, da hast du dich aber nun vertüddelt: Wenn das Ich der Gegensatz zu allem anderen Seienden ist, kann es nicht zugleich auch der Gegensatz zu Nicht-Seiendem sein. Ein zweimaliger Gegensatz wäre etwas Absurdes und würde sich selbst negieren.

Darüber hinaus kann das Nicht-Seiende an und für sich keinen Gegensatz haben, weil es per definitionem ja gerade nicht ist. Null hat keinen Gegenpol. Es gibt nur Seiendes, und die Aussage "es gibt das Nichts" führt ins Groteske.
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Für den Urknall nimmt man unzählige Ausnahmebedingungen an, durch deren besonderen Verhältnisse spezielle physikalische Gesetze herrschten. Dann soll es eine Inflation und Deflation geben, wodurch das Universum auch implodieren könnte, was bereits schon passiert haben könnte und was zu einem erneuten Urknall führte. Dadurch könnten auch parallele Universen möglich sein. Da ist Gott die elegantere Lösung.
Nein.
Ungreifbare, zaubernde Kräfte und Mächte, die von uns nicht wahrnehmbar am Wirken sind, könnte man immer als die (pseudo-) elegantere Lösung konstatieren - eben, weil nicht erklärbar. Wenn jemand am Geburtstagsmorgen überrascht einen vom Partner selbstgebackenen Kuchen auf dem Küchentisch vorfindet, könnte derjenige auch sagen, Simsalabim, Heinzelmännchen did it overnight; böte sich ja als elegantere Erklärung an, als dass einer nachts - völlig untypisch - aufwenig heimlich buk.

Du siehst, solcherlei Denke ist bloß eine Flucht vor der Komplexität unwahrscheinlichen, aber wirklichen Geschehens.
Folgte man solchen Ansichten, könnte man auch behaupten, der Geist Fichtes ginge des nächtens, wenn alles schläft, als Bäcker um.



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01.09.2020 um 12:03
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Für den Urknall nimmt man unzählige Ausnahmebedingungen an, durch deren besonderen Verhältnisse spezielle physikalische Gesetze herrschten.
Dazu solltest du mal etwas ausführlicher Stellung nehmen. Ich denke dann wird sich zeigen, dass du da etwas plakativ vorgegangen bist.
Zitat von Götze
Götze
schrieb:
Da ist Gott die elegantere Lösung
"Magic man done it" ist in meinen Augen was für Menschen, die der Beschäftigung mit komplexerer Materie ausweichen wollen (aus welchem Grund auch immer). Natürlich stösst der Mensch häufig auch an seine Grenzen, kann dieses und jenes noch nicht abschliessend klären.
Mir raubt das nicht den Schlaf aber Einige fühlen sich anscheinend besser, wenn sie in diese Lücke ihren omnipräsenten Erklärbär stopfen können.
God of the gaps.
Zeugt das irgendwie von Eleganz?



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01.09.2020 um 12:11
Mit dem "Urknall" ist ja m.E. eine größere Komplexität nicht weniger ausgeschlossen als mit "Gott".



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