Weserdampfer schrieb:Der Umstand, dass X Prozent der Asylbewerber keine Identitätspapiere vorlegen, rechtfertigt die Behauptung, dass eben diese X Prozent zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Flucht keine Identitätspapiere besessen hätten, nicht:
Das war lediglich in Entgegnung, dass du mit einer Quelle von 2016 behaupten wolltest, es würde auch jetzt noch nicht statistisch erfasst, wie viele Menschen bei Asylantragstellung in Deutschland einen Pass vorlegen.
Dass viele Menschen schon zu Beginn der Flucht keinen Reisepass hatten, habe ich hingegen bereits in dem Post zuvor belegt, bevor dein - nicht direkt darauf bezogener Beitrag kam:
Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 (Seite 18) (Beitrag von Panaetius)In dem von dir zitierten Text steht:
Manche Geflüchtete besitzen a priori keine Personendokumente. Dies kann etwa für Staatenlose gelten. Deren Zahl wird laut einer 2017 erschienenen Studie von Holger Hoffmann weltweit auf circa 10 Millionen geschätzt. Darunter sind zum Beispiel Kinder, die auf der Flucht geboren wurden.
Der Leiter einer Ausländerbehörde skizzierte im Interview Länder, bei denen Dokumente zum Befragungszeitpunkt kaum zu beschaffen waren:
„X-Land zum Beispiel: Da kriegen Sie keine […] Einreisepapiere. Y-Land: ganz schwierig, ja? Z-Land: ganz schwierig.“
Dass sie keinen Pass haben, beziehungsweise ihre Identität nicht nachgewiesen ist, dürfen die Behörden Menschen aus solchen Herkunftsländern dann nicht ankreiden:
Geflüchtete aus Afghanistan und Äthiopien berichteten zum Beispiel, dass insbesondere in ländlichen Regionen Hausgeburten nach wie vor verbreitet sind. Diese werden staatlicherseits aber oft nicht oder nur verzögert dokumentiert. (Geburts-)Dokumente mit präzisen Angaben liegen daher teils nicht vor.
Hinzu kommt: Tages- und monatsgenaue Angaben etwa zu Geburt und Verheiratung sind zwar in Europa, nicht aber in allen Regionen der Welt selbstverständlich. Solche Angaben haben kulturell nicht überall die gleiche Bedeutung, wie auch Melanie Griffiths in ihrer Studie aus dem Jahr 2012 feststellt. Dort wo Analphabetismus verbreitet ist, erinnern sich die Familien eher an die Jahreszeit einer Geburt („früher Winter“), weniger an den genauen Tag oder Monat, wie Geflüchtete aus Afghanistan und Äthiopien berichteten. Aufgrund der anderen Zeitrechnung könne es insbesondere im Falle von Afghanistan zu Unschärfen bei der Umrechnung von Tages-, Monats- und Jahresdaten in die mitteleuropäische Zeit kommen.
Quelle: s.o.
Der Artikeltext oben ist von 2017 und bezieht sich ebenfalls noch auf die Zeit von 2016 und früher, ist also alles andere als aktuell. Richtig ist natürlich, dass in manchen Fällen Reisedokmente während der Flucht konfisziert oder selbst vernichtet werden, aber das widerpricht nicht der Tatsache, dass viele schnon zu Beginn der Flucht keinen hatten.
Und wie in dem Dokoument, das oben weiter verlinkt ist, nachlesen kann, kann ein Asylverfahren nicht allein wegen eines fehlenden Dokuments pauschal verweigert werden, sondern es muss die Identität im Verfahren überprüft werden:
https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/67660