rejkiavik schrieb:Kannste das belegen?
Also auf den Ehrman würde ich auch nicht setzen, der bemerkt ja nicht mal die Absage an die Sippenhaft inOffb2,23. Dennoch, hier hat er richtig kolportiert (wenn auch womöglich, ohne zu begründen, müßte man nachsehen).
Wenige Tage zuvor, als Jesus in die Stadt einzog, riefen die Massen noch "Hosianna Sohn David". Was soll denn zwischenzeitlich so stadtöffentlich passiert sein, daß sie nun den Kerl dem Kreuz überlassen wollen, ggf. sogar die Schuld dafür auf sich nehmen??? Du könntest zwar sagen, es waren halt zwei unterschiedliche Menschenmassen, am Sonntag am Stadttor und nun am Freitag vor Pilatus. Davon aber deutet die Schrift nicht das geringste an, daß alle vom Sonntag nun am Freitag halt zufällig komplett zu Hause geblieben wären. Nein, die Einstellung der Juden zu Jesus ist hier ne andere als die wenige Tage/Textabsätze zuvor.
Hinzu kommt, daß die Darstellung aller Evangelien mehr oder weniger stark eine Art Entlastung des Pilatus bzw. der Römer und eine Belastung jüdischer Autoritäten bzw. des Volkes am Tode Jesu wiedergibt. Dabei ist ganz klar, daß Jesus
* von Römern hingerichtet wurde
* nicht wegen gotteslästerlicher Behauptungen, sondern wegen politischen Hochverrats. Siehe die am Kreuz angebrachte Klageschrift "INRI". Jesus der Nazarener, König der Juden. Die Beanspruchung des Königstitels ist für Rom der Versuch, sich von Rom loszusagen. Dafür wurde Jesus hingerichtet (wie sehr oder wenig dies Jesu Absichten auch entsprochen haben mag). Und dazu paßt mal so gar nicht die Aussage des Pilatus "ich finde keine Schuld an ihm".
* Ohnehin ist Pilatus auf keinen (unbelegten) jüdischen Brauch angewiesen, zu Passah einen freizulassen (und die Entscheidung, wer, dem Volk zu überlassen). Wer für unschuldig befunden wird, wird frei entlassen, fertig. Daß hier was konstruiert wird, um die Verantwortung an Jesu Tod von den Römern auf andere zu verlagern, ist überdeutlich.
rejkiavik schrieb:Zitiere die Stellen aus der Bibel, die deiner Ansicht nach antisemitisch sind
Antisemitismus kommt biblisch nicht vor. Daß manche Stellen, auch diese, Antisemitismus gefördert haben, ist dagegen unbestritten / unbestreitbar.
Aber richtig ist, Offb2,23 sowie jede andere dieser Stellen wurde NICHT "ausgedacht, um den Vorwurf in die Welt zu setzen, Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich". Wie denn auch - der Verfasser des Johannesevangeliums spricht ein sehr einfaches Griechisch mit geringem Vokabelumfang, dafür lassen sich bei ihm viele Hebraismen/Aramaismen erkennen, also Formulierungen und Satzaufbauten, wie sie typisch fürs Hebräische und Aramäische sind. Auch sonst kennt er sich (außer da, wo er sich was ausdenkt wie mit der Passah-Amnestie) gut mit palästinischen Gegebenheiten und jüdischen Bräuchen / Eigenheiten aus.
Das Johannesevangelium aber ist später als die übrigen Evangelien entstanden, deutlich nach dem Jüdischen Krieg. Zuvor gab es noch keine Trennung zwischen den Judenchristen und den nichtchristlichen Juden, auch nicht zwischen Christen und Pharisäern. Nun aber gab es eine deutliche Trennung und auch Feindachaft. Die Christen hielten sich nicht nur aus dem Jüdischn Krieg heraus, was andere Juden ihnen übel genommen haben dürften. Vor allem deuteten die Christen die Zerstörung des Tempels als Strafe Gottes wegen der Kreuzigung Christi. In dieser Zeit konnte auch ein christlicher Jude wie Johannes die nichtchristlichen Juden einfach nur "die Juden" nennen und ihnen massiv Sachen vorwerfen, dennoch ist dies nicht gegen "die Juden generell" gemünzt, also nicht antisemitisch, sondern ein "religiöser Bruderzwist", letztlich noch immer innerhalb des Judentums, auch wenn sich das Christentum allmählich vom Judentum ablöste.
Jedenfalls projiziert der Verfasser diese Situation in die Zeit Jesu zurück, weswegen er bei Jesus gegenüber skeptisch bis feindlich eingestellten Einzelperson oder Gruppen einfach nur von "Juden" spricht.
So sind denn auch die harten Auseinandersetzungen mit den Pharisäern stark aus Zeiten ab / nach dem Jüdischen Krieg geprägt. Als der Hohepriester den Herrenbruder Jakobus, Leiter der Jerusalemer Christengemeinde, mit dem Tode bedrohte, setzten sich die Pharisäer für Jakobus ein, und als dieser dennoch hingerichtet wurde, bewirkten die Pharisäer die Absetzung des Hohenpriesters. Selbst in den Evangelien kommen gelegentlich noch Reste eines freundlicheren Umgangs zwischen Jesus (und seinen Jüngern) und den Pharisäern durch, etwa wenn die Pharisäer Jesus loben, wenn sie ihn vor den Nachstellungen des Herodes warnen... Liest man zahlreiche andere Stellen, ergibt sich ein völlig anderes Bild des Verhältnisses. Ja, Matthäus geht sogar so weit, Jesus von seinen Jüngern nicht mehr "Rabbi" nennen zu lassen - so werden Pharisäer angeredet; auch heute noch gibts im aus dem Pharisäismus hervorgegangenen Judentum die Rabbiner... Bei Matthäus jedenfalls findet sich die Bezeichnung "Rabbi" für Jesus nur noch bei Menschen, die keine Nachfolger sind, vielmehr deutlich ferner stehen - und aus dem Munde von Judas Ischariot.
Nexpert schrieb:Die Stelle mit dem Blut und den Kindern wurde höchstwahrscheinlich erfunden.
Das bezieht sich auf den Jüdischen Krieg, in dem sehr viele Juden getötet wurden. Und zwar zur Zeit "der Kinder" jener Zeitgenossen Jesu.
emanon schrieb:Paulus lässt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher allerdings kein gutes Haar an den Juden.15 Diese haben Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen;[2] 16 sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.
https://www.bibleserver.com/EU/1.Thessalonicher2%2C15
Oder verstehe ich das falsch?
Scheint so. Denn in Philipper3,5 schreibt er von sich
[ich bin] beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern
Auch Paulus spricht nicht von "
den Juden" schlechthin, sondern von denen, die Christus nicht folgen. Es ist ein Glaubenszwist, ein geradezu innerjüdischer.
Und so steht direkt einen Vers vor Deinem Zitat in 1.Thess.
ihr seid Nachahmer der Gemeinden Gottes geworden, die in Judäa sind in Christus Jesus, weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt, wie auch sie von den Juden
Die, die von den Juden drangsaliert werden, sind selbst Juden, so wie die griechischen Christen von (Thes)Saloniki von "den Griechen" = von ihren Landsleuten. So sind auch "die Juden" nicht "das Volk schlechthin", sondern die jüdischen Landsleute der jüdischen Christen in Judäa. Die Parallele ist erkennbar, die Formulierung "suboptimal".
Immerhin sagt Paulus auch "sie haben die Propheten getötet". Meint er das also doch pauschal, gleich generationenübergreifend allumfassend??? Jein! Es geht um die, die sich mit dem Töten der Propheten gegen den Gott Israels wenden. Genau, was für die Christen auch im Falle der Tötung Christi der Fall ist. Gemeint sind - die unter den Juden, die sich gegen ihre Propheten wie gegen Christus wenden.
Solch pauschal klingendes Reden findet sich schon im AT. Also Stellen, in denen Gott über ganz Israel sagt (sagen läßt), es sei widerspenstig, abgefallen, werde verstoßen und komplett getötet. Dennoch sprechen die Propheten trotz dieses "ganz Israel" stets auch von "dem Rest", also von Israeliten, die gerettet werden, die manchmal die Getreuen genannt werden, die Armen oder auch die Gerechten. Das ist typische israelitische / jüdische Redeweise, "die (alle)" zu sagen, aber nur ne bestimmte Gruppe spezifischer Charakteristik zu meinen. Da fallen Johannes und Paulus echt nicht aus der Reihe.
Nexpert schrieb:Aber selbst wenn alle Autoren philosemitisch gewesen wären, die Geschichte war es leider nicht.
Wohl wahr!
KWithoutPath schrieb:Nicht umsonst steht in der Geschichte: "Pilatus aber sprach zu den Hohenpriestern und der Menge: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen."
Wie gesagt: Warum gabs dann keinen Freispruch? Auch die Römer hatten so ne Rechtssprechung, daß ohne Schuldaufweis keine Strafe folgte.
Und wie gesagt, der Schuldspruch war römisch gedacht, das Todesvergehen Jesu nach (laut Evangelien) den jüdischen Autoritäten war ein ganz anderes als "INRI". Selbstverständlich fanden die Römer ein Vergehen dieses Galiläers, selbstverständlich richteten sie ihn deswegen hin, und selbstverständlich war Rom - und auch Pilatus! - nicht für große Rücksichtnahme auf aktuelle Befindlichkeiten und Intrigen der Lokalbevölkerung bekannt.