paxito schrieb:Die Letten, Esten und Litauer haben in der singenden Revolution über Jahre für ihre Freiheit gekämpft. In der Endphase - ich glaube 90/91 - versuchte die UdSSR dann die Proteste mit militärischer Gewalt niederzuschlagen. Es gab einige Tote und Verletzte.
Gewaltloser Widerstand heißt nicht, das es kein Risiko gibt, keine Toten gibt, gerade bei einem aggressiven Gegenspieler wie Russland. Die gibt es. Die gibt es aber natürlich auch beim militärischen Widerstand.
1. Das war der Blutsonntag von Vilnius.
2. Obwohl die Sowjetunion näher an einer Status Quo Macht war (anders als das heutige Russland), galt auch für die Sowjetunion: Die singenden Menschen im Baltikum spielten für den Kreml ebenso wenig eine Rolle wie die sog. Montagsdemonstration in der ehemaligen DDR. Das ist mittlerweile aus den Akten des Kremls bekannt. Wer daran glaubt (dass die Montagsdemonstrationen eine Rolle spielten) hat von Geschichte keine Ahnung. Wer den Untergang des sowjetischen Imperiums studieren will, kann dies tun. Geht aber nicht in Kurzform.
3. Noch zu Anlass von Gorbatschows Tod wurde in Deutschland dahingehend geschichtsgeklittert.
40 Prozent, man muss sich das einmal vorstellen, die Deutschen streiten um zwei Prozent – 40 Prozent ihres Bruttosozialprodukts gab die Sowjetunion Mitte der achtziger Jahre für Verteidigung aus. Damit lebte sie meilenweit über ihre Verhältnisse. Was insbesondere ein Mann erkannte – und gnadenlos ausnutzte.
Gorbatschows großer Gegenspieler war der amerikanische Präsident. Ronald Reagan, in Deutschland als „ehemaliger Schauspieler“ bespöttelt, von der Friedensbewegung, aus der die Grünen hervorgingen, als Militarist verunglimpft, hielt dagegen:
Quelle:
https://www.focus.de/panorama/welt/kommentar-steinmeiers-und-baerbocks-nachrufe-auf-gorbatschow-grenzen-an-geschichtsklitterung_id_138178340.html4. Eine solche Haltung ist zudem hochnäsig und arrogant gegenüber Ostmitteleuropa. Nachhilfe zu Deutschlands "Verstelltem Blick" gibts von Thomas Urban.
Als Russland die Ukraine angriff, war das politische Berlin überrascht und „enttäuscht“, während man sich in vielen osteuropäischen Hauptstädten in der eigenen Skepsis bestätigt sah: Die Bundesrepublik agierte in einer Mischung aus naiver Gesundbeterei und arroganter Missachtung all jener Warnzeichen, die es seit langem gegeben hatte.
Währenddessen wurde hierzulande ein „Offener Brief“ veröffentlicht, der hauptsächlich gegen den Westen polemisierte und von „Russlands Sicherheitsbedürfnis“ raunte – unterschrieben hatten unter anderem Antje Vollmer, Gerhard Schröder, Erhard Eppler, Otto Schily und Roman Herzog, Zustimmung kam sowohl von der Linkspartei wie von der AfD (...)
Thomas Urban, Jahrgang 1954 und langjähriger Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Warschau, Moskau und Kiew, lässt nun in seinem Buch „Verstellter Blick. Die deutsche Ostpolitik“ die Geschichte dieses verhängnisvollen Versagens noch einmal im Detail Revue passieren. Nicht hämisch-besserwisserisch und schon gar nicht – wie die vom jetzigen Bundespräsidenten gern benutzte Selbstexkulpierungsformel lautet – „im Licht der gegenwärtigen Ereignisse“.
Urbans konzises Buch, das besonders auf dem Blick der Osteuropäer auf Deutschland fokussiert, ist nämlich bereits vor Russlands erneutem Überfall auf die Ukraine in Druck gegangen.
Es steht dabei in der Nachfolge von Timothy Garton Ashs 1993 erschienener großer Studie „Im Namen Europas“, die schon ganz frühzeitig auf jene fatale Kontinuität deutscher Ostpolitik aufmerksam gemacht hatte, die sowohl vor wie nach 1989 auf die hehren Vokabeln „Verständigung“, „Versöhnung“, „Friedensprojekt“ und „Willy Brandt“ rekurrierte – all das jedoch über die Köpfe von Millionen Osteuropäern hinweg und nicht selten auch zur Irritation in westeuropäischen Ländern.
Quelle:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/thomas-urban-deutsche-ostpolitik-rezension-100.html5. Wer friedlich demonstrieren will, kann das tun vor der chinesischen Botschaft, da China die russischen Kriegsanstrengungen aktiv unterstützt und da ohne Chinas Unterstützung Russland schon längst hätte kapitulieren müssen.
Sonst, 6., kann ich nur noch mal auf die längere Analyse verweisen. Da wird das alles ganz gut analysiert und erklärt:
https://understandingwar.org/research/defense-of-europe/the-russian-military-campaign-against-europe-current-objectives-and-efforts/Russland verfolgt 4 Großziele.
The Kremlin has long considered itself to be in a protracted conflict with the West and is waging this conflict in support of several longstanding grand strategic aims, which have remained largely the same throughout Putin’s rule.[2] ...
Reestablish Russia as a great power, which requires subjugating Ukraine and Belarus: For all the Kremlin’s varied justifications for its invasion of Ukraine and soft annexation of Belarus, the Kremlin rejects the reality that Belarus and Ukraine are legitimate states and independent peoples, and its efforts proceed from the conviction that Russia will not be whole until Ukraine and Belarus are brought back under Moscow’s control.[3] ...
Regain dominant influence over the former Soviet states, specifically including the Baltics and Moldova: Putin desires dominant influence over the former Soviet states. His aims go beyond suzerainty — the control of the foreign affairs of a vassal state while allowing it sovereign internal authority — and into direct influence over aspects of the internal policies of post-Soviet states, which the Kremlin views as rightful parts of its sphere of influence.[4] ...
Establish a world order in which US influence is diminished, NATO’s unity is broken, and Russia has decisive influence: ...
Preserve Putin’s regime: Putin is an autocrat, and his paramount strategic objective is his own personal survival — and by extension, the survival of his regime. Putin relies on a complex series of narratives to justify his continued rule and to deflect criticism of Russia’s problems onto the West by claiming that the West is waging a coherent, aggressive campaign to keep Russia down, and to argue that Putin himself is the only man who can lead Russia in this conflict.[7]
Dies erklärt dann auch die gegen Europa gerichteten Aktionen.
Russian Objectives Against Europe and Current Lines of Effort
The Kremlin is conducting a series of coordinated, mutually supporting kinetic and cognitive campaigns against Europe in pursuit of its strategic objectives. ISW assesses that the Kremlin is conducting a series of overlapping campaigns to achieve at least two overarching strategic objectives in the Ukrainian and European theaters:
Quelle:
https://understandingwar.org/research/defense-of-europe/the-russian-military-campaign-against-europe-current-objectives-and-efforts/Dies wird dann in der Analyse alles sehr detailliert ausgeführt. Wer es verstehen will, dem wird da ganz gut weitergeholfen.
Wer es kürzer mag. Bei der letzten UN Vollversammlung nahm auch der polnischen Außenminister Sikorski die Haltung und Propaganda Russlands Punkt für Punkt auseinander, und das in nur 6-7 Minuten. Anhörenswert.