socialme schrieb:mich verwundert es eher, dass es noch Menschen gibt, die im Niedriglohnsektor überhaupt arbeiten. Da lohnt sich Arbeit doch kaum noch, wenn man bedenkt, was man im Bürgergeldbezug alles bezahlt bekommt. Ich empfinde dass es eher wenig Anreize gibt um aus dem Bürgergeld zu kommen, als dies tatsächlich als Druckmittel dienen soll um Arbeiternehmer in der Beschäftigung zu halten.
Es gibt Befragungen, warum Leute Stellen nicht annehmen. Der Hauptgrund, warum Leute Stellen nicht annehmen, ist, unterirdisch schlechte Bezahlung und unterirdisch schlechte Arbeitsbedingungen.
Das heißt, das sind Stellen mit Befristung, mit schlechter Bezahlung, mit wenig Regelarbeitszeit und viel Flexibilität drin. Das sind Stellen, wo die Arbeitsbedingungen würdelos sind. Deswegen werden Stellen nicht besetzt
Theoretisch müsste man eine ganz andere Debatte führen, denn die Debatte, die wir jetzt führen, wo wir sagen: "Warum sind diese "faulen" Menschen im Bürgergeld?", ist idiotisch.
Wieso haben wir vergessen, dass wir mal das Ziel hatten, Vollbeschäftigung zu erreichen?
In einem kapitalistischen System, innerhalb der kapitalistischen Logik, müsste ja das Ziel sein, wenn man eine soziale Marktwirtschaft als Ausprägung des kapitalistischen Systems anstrebt, was ja angeblich alle machen, dass jedem Proletarier eine Stelle angeboten wird, die seinen Qualifikation entspricht und die Würde des Menschen bewahrt. Jeder soll so ein Angebot bekommen. Bedeutet: Wir wollen Vollbeschäftigung.
Die Fragen, die wir uns stellen müssen, sind: Wie schaffen wir Vollbeschäftigung? Wieso gibt es immer weniger zu besetzende Stellen? Wieso gibt es immer mehr arbeitslose Arbeiter und warum sind die zu besetzenden Stellen immer schlechter?
Hätten wir Vollbeschäftigung, hätten wir keinen Niedriglohnsektor mehr, Arbeiter wären in einer viel besseren Verhandlungsposition und wir hätten gestärkte Gewerkschaften.
Heutzutage kennt aber kaum noch einer das Wort Vollbeschäftigung. Warum kennt keiner mehr das Wort? Nun ja, weil die herrschende Klasse und neoliberale Politiker keine Vollbeschäftigung wollen, da sie erkannt haben, dass es für die Kapitalisten maximal schlecht ist, wenn jeder einen Job hat.
Denn wenn jeder einen Job hat, dann ist die Verhandlungsposition des Kapitalisten gegenüber dem Arbeiter geschwächt. Der Kapitalist ist natürlich immer noch in der überlegenen Verhandlungsposition, weil er die Produktionsmittel besitzt, aber mit einem großen Heer Arbeitsloser, die möglichst prekär und sanktioniert sind, ist der Kapitalist in einer noch viel besseren Verhandlungsposition. Und diese bessere Verhandlungsposition möchte man auf gar keinen Fall aufgeben.
Das heißt, vom System, auch von den neoliberalen Politikern und auch von den Kapitalisten her, will man arbeitslose Menschen.
Würden die Kapitalisten und neoliberalen Politiker keine Arbeitslosen wollen, würden sie Vollbeschäftigung fordern. Tun sie aber nicht. Sie lügen. Sie heucheln. Die wollen diese Bürgergeldempfänger haben - unbedingt.
Gleichzeitig wollen sie aber auch, dass es dem Bürgergeldempfänger so schlecht geht wie nur irgendwie möglich.
Und wie schafft man es, dass es den Arbeitslosen so schlecht geht wie möglich?
Na ja, indem man die ganze Zeit diese Menschengruppe dämonisiert und sagt, dass Arbeitslose ganz schlimme faule Menschen sind, die der fleissigen arbeitenden Bevölkerung alles wegnehmen wollen. Die sie der Grund dafür sind, dass die sie ihren Job hassen und schlechte Arbeitsbedingungen haben.
Damit schafft man nicht nur ein Druckmittel für Bürgergeldempfänger, sondern auch noch eine Dämonisierung, sollte man irgendwann mal zu dieser Gruppe dazugehören.
Das heißt, der Unternehmer kann einem die beschissensten Arbeitsbedingungen vor die Nase halten, er kann die Gehaltserhöhung lachend ablehnen und einem dann sagen: „Du kannst ja auch ins Bürgergeld gehen. Willst du etwa auch einer von diesen Faulenzern sein, die unsere ganze Gesellschaft kaputt machen?"
Also die herrschende und derzeit politische Klasse ist sehr glücklich mit dem Bürgergeldsystem, so wie es ist und sie will daran auch absolut nichts ändern. Auch ein Friedrich Merz nicht.
Friedrich Merz möchte nur, dass das Druckmittel - der Faustpfand der Bürgergeldempfänger - noch größer wird. Dass die Bürgergeldempfänger noch mehr stigmatisiert werden. Aber etwas verändern möchte er nicht.
Würde er das wollen, würde er Vollbeschäftigung fordern.