Auch wenn ich es nicht so scharf formulieren würde (und mir die Eskalation zwischen
@Sherlock_H und
@XluX eher wie eine Aneinanderreihung von Missverständnissen erscheint) kann ich der Bezeichnung als Hexenjagd schon etwas abgewinnen.
Und zwar insofern als ich den Eindruck habe, dass gerade Aspekte wie "das Zimmer ist vermüllt" "der guckt diese schlimmen Pornos" "der hat sich nicht beider Polizei gemeldet soll allgemein ganz unselbstständig sein" "hat keinen Erfolg bei Frauen", sehr stark die Annahme prägen, dass es sich bei ST um den Täter handelt.
Nun will ich nicht bestreiten, dass das teilweise Indizien für seine Täterschaft sind/sein könnten, doch mir scheint der Beweiswert insgesamt Recht gering, aber zugleich habe ich den Eindruck, dass diese Punkte der Hauptgrund dafür sind, dass Leute ihn noch für schuldig halten. Denn wenn hier überhaupt noch Argumente kommen dann in diese Richtung. Diese Verurteilung über den Charakter erinnert insofern schon an eine Hexenjagd. Ist ja sogar ganz typisch für Hexenjagden: diese Person hat den Charakter einer Hexe und verhielt sich zur Zeit der "Tat" auffällig sind eigentlich die hauptsächlichen Sachargumente bei Hexenjagden. Mit dem Unterschied, dass es bei einer Hexenjagd eben keine Indizien für die Taten selbst geben kann (außer es geht um Giftmord was auch teilweise als Hexerei verurteilt wurde). Aber mit der Gemeinsamkeit, dass über die Charakterurteile hinausgehende Argumente
1 nicht (mehr) vorgebracht werden. Da ich (und ich denke auch
@XluX und
@rabunsel) hier keine entsprechenden validen Argumente sehen und auch keiner welche vorbringt liegt es aus unserer Sicht nahe, dass es keine gibt. Ich würde trotzdem nicht von einer Hexenjagd sprechen, denn da klingt für mich fast schon Selbstjustiz an, aber ich kann
@XluX Sicht hier schon nachvollziehen. Wo keine Argumente vorgebracht werden können sich andere schon die Meinung bilden, dass es keine gibt. Auch das gehört zu Meinungsbildung.
1Ich meine jetzt keine Argumente dafür, dass die Schlussfolgerungen des ersten Urteils für sich genommen irgendwie aufgehen. Die hat
@Origines natürlich immer wieder vorgebracht und betont ja auch keineswegs die Schuld des Angeklagten.
Origines schrieb:Deshalb hast Du auch ignoriert (oder nicht verstehen können), dass für mich die "wahre" Schuld oder Unschuld des Angeklagten weder Maßstab noch Ergebnis meiner Analyse des ersten Urteils war. Sondern erst mal nur auf Grundlage des Textes, ob das Gericht T. verurteilen durfte (!). Mir ging es dabei darum, zu erklären, wie Gerichte arbeiten, denken und Urteile schreiben. Welche Anforderungen an die richterliche Überzeugung zu stellen sind, wie freie richterliche Beweiswürdigung funktioniert. Deshalb durfte oder musste sogar das zweite Gericht T. freisprechen. Die Maßstäbe sind gleich und der Rechtsstaat hat sich selbst korrigiert. Auch das für mich kein Anlass für große emotionale Empörung.
Rigel92 schrieb:Dass das neue Urteil so ganz anders ausgefallen ist, sollte Dir vielleicht auch bzgl. Deiner Ansicht bzgl. des ersten Urteils zu denken geben. Vielleicht ist es Dir auch vollkommen egal, ob nun ein Schuldiger oder Unschuldiger verurteilt wird, wenn nur das rein formale eingehalten wurde.
Das finde ich in
@Origines Ausführungen aber schon recht eindeutig: es ging ihr nie darum, dass das erste Urteil richtig war, sondern dass es eben formal legitim war. Aus meiner Sicht eine deutlich erschütterndere Perspektive auf das erste Urteil, aber es ging glaube ich nie darum, dass ein Freispruch illegitim gewesen wäre oder eine gründliche Beweiswürdigung nicht zwingend zum Freispruch geführt hätte. Sondern nur darum, dass die Beweiswürdigung, die das erste Gericht vornahm, in sich nicht zwingend unmöglich war. Entsprechend führte ja auch das neue Urteil nicht zum Umdenken. Das Oberlehrerhafte, das dich stört, war insofern das Kernanliegen: Leute darüber zu belehren, wie Urteilsfindung funktioniert und dass Urteile auch legitim sein können, wenn sie wenig überzeugend wirken, nicht die Frage wie oder durch wen H zu Tode kam.