DubiaDenkspur schrieb:Auf mich wirkt in diesem Fall auffällig, wie stark die Bewertung der Angeklagten von geschlechtsspezifischen Vorstellungen über Beziehung, Sexualität, Mutterschaft, Emotionalität und angemessenes weibliches Verhalten geprägt ist. Ich sehe dabei die Gefahr, dass solche Deutungen in einem Indizienprozess mit Beweisen für die Tat vermischt werden.
Der Fall zieht ein großes Medieninteresse auch aus dem Boulevard und wie man auch hier sieht viele zum Teil emotional geführte Diskussionen mit sich. Dass es das auch ins Privatleben geht, die Angeklagte vielleicht auch nicht immer ausgewogen und fair betrachtet wird und eher holzschnittartige und zum Teil misogyne Persönlichkeitsbilder gezeichnet werden, ist sicher so. Es geht eben um einen besonders grausamen Tatvorwurf, sie tut durch ihre Aussagen (z.B. Fabian war ganz schön fett, es wird zu viel Gewese um seinen Tod gemacht), ihr egozentrischer Verhalten auch im Gerichtssaal ihr Übriges und der simple Fakt, dass ungewöhnlicherweise eine Frau die Angeklagte einer solchen Tat ist, verstärkt das Interesse noch. Natürlich steht sie auch viel mehr im Fokus als Matthias als anderer Teil der toxisch-unheilvollen Beziehung. Sie ist aber eben auch wegen Mordes angeklagt, Matthias nicht. Gleichwohl war das Echo auf Matthias' Zeugenauftritt sowie seine weitere Rolle im Umfeld des Prozesses ja nun in keiner Weise milde.
Man kann den "Zirkus" drum herum durchaus kritisieren, das hat aber eher mit der Öffentlichkeit als mit dem Verfahren selbst und der Wahrheitsfindung oder Schuldfrage zu tun. Hier gab es ja eben als Teil der Beweisaufnahme auch fundierte Auswertungen ihres Kommunikationsverhaltens und ein Sachverständigengutachten eines forensisch-psychiatrischen Gutachters und die entsprechenden Befunde und Analysen gingen schon deutlich über eine bloße Kritik an zu viel Emotionalität oder Männergeschichten hinaus. Kritisch ist ja u.a. eher die völlig fehlende Empathie, die gnadenlose Ich-Bezogenheit sowie das notorische Lügen zum eigenen Vorteil, das hat meines Erachtens wenig mit tradierten Geschlechterrollen zu tun.
Und so oder so hat die Kammer um den erfahrenen Vorsitzenden zu keinem Zeitpunkt des Verfahrens irgendeinen Anlass zu der Befürchtung geboten, dass man sich von dem Boulevardgeheul oder Geschlechterklischees irgendwie beeinflussen lässt oder einer Entwürdigung von Gina Vorschub leistet. Im Gegenteil, man hat ersteres mit Stirnrunzeln oder offener Kritik kommentiert und Zeugen wie Angeklagte empathisch im Ton, aber natürlich auch klar und zielgerichtet in der Sache behandelt. Ihre Verurteilung wird auf Basis einer geduldig und akribisch durchgeführten Beweisaufnahme und der enormen Vielzahl belastender Indizien erfolgen, die in der Gesamtschau keinen Zweifel daran lassen, dass Gina (und nur Gina) die Täterin war. Mit dem Patriarchat oder Methoden mittelalterlicher Hexenverfolgung wird es hingegen nichts zu tun haben.