Liebe Mit-Forianer, ich mache mir um das Thema dieses Threads immer wieder mal Gedanken und habe ja auch schon einige Erinnerungen mit euch geteilt. Ich finde, wenn man sich solche Gedanken macht, kann der entsprechende Thread nicht völlig fehl am Platze sein, und es ist ja auch der hauptsächliche Sinne eines Forums, diese Gedanken mit anderen zu teilen, was ich hiermit tue.
Eure Antworten hatten ja durchaus untersschiedliche Meinungen zum Thema offenbart, was ja auch richtig und wichtig ist, aber meines Erachtens die Existenzberechtigung eines solchen Threads noch unterstreicht. Einige Kommentatoren hatten ja auf ehemalige Konzentrationslager und andere "historische" Gedenkstätten hingewiesen, was sicher nicht der Vorstellung des Thread-Eröffners entsprochen hat, aber sicher auch nicht unter den Tisch fallen darf. Das ehemalige KZ Buchenwald bei Weimar habe ich selbst noch zu DDR-Zeiten besucht, am beeindruckendsten fand ich den Spruch über dem Eingangstor in seiner ganzen Menschenverachtung und seinem Sarkasmus: Jedem das seine. Den hier vor kurzem erwähnten "Spuckstein" für die Giftmörderin Gesche Gottfried vor dem Bremer Dom habe ich vor vielen Jahren auch durch Zufall mal entdeckt, und es gibt diverse weitere Beispiele für historische Gedenkstätten an Hinrichtungs- oder Mordplätzen, mir fällt spontan nur der Gedenkstein für den Begründer des Freistaates Bayern, Kurt Eisner, ein. Die Silhouette seines Körpers ist in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße eingelassen, wo der tödlich getroffene Ministerpräsident nach den Schüssen von Graf Arco Valley niederstürzte. Vielleicht kennt das ja jemand aus der bayerischen Metropole, ich war noch nicht dort.
Ja, alle anderen "Tatorte", wie sie hier wohl in diesem Thread thematisiert werden, kann man sehr grob in zwei Kategorien einteilen (nur nach meiner kaum maßgeblichen Meinung):
1. Tatorte von Verbrechen, die durch Medien wie Aktenzeichen, aber auch durch detaillierte und oft sehr emotionale Kommentierung hier im Form (oder auch in anderen) eine große Popularität gewonnen haben. Ich denke mal, das war die hauptsächliche Intention des TE: Durch die Beschäftigung mit diesen Beiträgen gewinnen True-Crime-Freaks vielerlei Informationen über vermeintliche Tat- und sichere Fundorte, oft sogar auch über Wohnorte und Arbeitsplätze sowohl von Opfern als auch von verdächtigten Tätern. Ich will dazu nur folgendes sagen: Ich kann ein solches Interesse durchaus nachvollziehen und in gewissen Grenzen auch akzeptieren - vor allem dann, wenn man aus anderen Gründen in der entsprechenden Gegend ist weiß, dass hier auch irgendwo ein solcher kriminalistischer "Hot-Spot" in der Nähe sein muss. Ein persönliches Beispiel von mir ist der Waldrand in Litzlwalchen, wo vor 30 Jahren das niederländische Ehepaar Langendonk brutal ermordet wurde. 2020 habe ich das Kunstmuseum "Maximum" in Traunreut besucht, das nur so zwei oder drei Kilometer von dort entfernt ist. Bei der Weiterfahrt zum Chiemsee habe ich "automatisch" auf die Szenerie am Waldrand gestarrt und auch den Waldweg, der von der Hauptstraße dorthin abzweigt, bewußt wahrgenommen. Hineingefahren bin ich allerdings nicht. Ähnlich ging es mir vor Jahren bei Vorbeifahrt an Reckenrot im Taunus (nicht allzu weit meines Wohnortes), wo 1996 der Unternehmer Jakub Fiszmman von seinem Entführer erschlagen wurde. Ich hab da mal angehalten, wusste aber nichts weiterzu machen - es ist einfach nur ein großes Waldgebiet. Solche Geschichten finde ich also sehr gut nachvollziebar und auch akzeptabel - die Grenzen wären für mich allerdings erreicht, wenn man sich etwa mit Metalldetektor auf die Sucche machen oder gar die weiterhin bewohnten Häuser von Opferfamilien beobachten würde.
2. Irgendwie noch interessanter finde ich solche Fälle, die hier auch bereits verschiedentlich geschildert wurden: Man erfährt durch Zufall, dass bestimmte Orte, die man oftmals regelmäßig besucht oder zumindest streift, zum Tatort eines Verbrechens wurden (oder schon in der Vergangeheit geworden waren). Den Mordplatz im Bernewäldchen in der Essener Innenstadt, den ich am Morgen der Tat zufällig aus den Augenwinkeln wahrnahm, habe ich an anderer Stelle schon erwähnt. Eine weitere Parkfläche, den kleinen Floragarten in Düsseldorf-Oberbilk, habe ich in einem anderen Thread im Forum bereits genannt, weil mir meine Brieftasche dort 2009 (wahrscheinlich aus eigener Dämlichkeit) abhanden gekommen war. Ich wusste aber, dass im Jahr zuvor dort ein brutaler Mord im Kreis der dort "beheimateten" Trinkerszene stattgefunden hatte. Mit dem Opfer, Hans-Joachim Will, hatte ich sogar mal ein paar Worte gewechselt (ohne dass ich zu dem Zeitpunkt wusste, wie er heißt etc.), weil ich dort bei schönem Wetter auch gerne mein Pausenbrot verzeht habe (es war die einzige Grünfläche weit und breit - mich haben die Leute dort grundsätzlich auch nicht gestört). Umso entstetzer war ich dann, als von dem entsetzlichen Tatgeschehen mit zwei noch jugendlichen Tätern las.
https://rp-online.de/panorama/jahresrueckblick/das-martyrium-des-professors_aid-9084413Ein drittes Beispiel, das in meine Kindheit/Jugendzeit zurückreicht, betrifft den etwa 150 Meter langen Fußgängertunnel, der das Bochumer "Bermuda-Dreieck" (also das berüchtigte Kneipenviertel) mit den Wohngebieten (und vor allem Parkmöglichkeiten) südlich des Bochumer Hauptbahnhofs verband (der Tunnel führte unter den Gleisen durch - ich denk da gleich an den Liederbachtunnel in Frankfurt-Höchst). Ende der 70er Jahre (glaube ich) wurde dort ein älteres Ehepaar von einem jungen Mann aus der "Punkerszene" (um mal wieder alle Klischees zu bedienen) erschlagen/erstochen?, weil sich dieses über sein Aussehen und sein Verhalten lautstark echauffiert hatte. Die alten Leute waren selbst dort unterwegs, um Pfandflaschen zu suchen und aufzusammeln - vielleciht gab es ja sogar darum Streit? Rund zehn Jahre später bin ich jedenfalls fast regelmäßig freitags und/oder samstags nachts durch diesen Tunnel getrottet, um zum geparkten Auto (meist war es nicht meins) auf der südlichen Seite zurückzukommen. Da dachte ich doch manchmal an diese Geschichte, auch wenn ich mich in "Gruppenbegleitung" sicher fühlen durfte. Naja, hier im Forum liest man nichts von diesen Mordgeschehen, insgesamt wohl nichts im Internet, weil das alles viele Jahre vor der Geburt des www stattgefunden hatte. Ich würde mich jedenfalls freuen, hier auch weiterhin von solchen Geschichten zu lesen, weil mich das, wie unschwer erkennbar ist, doch irgendwie beschäftigt ...
Schönen Abend
Epilog