Mordfall Daniel Emminger Bedernau/Kunzach
um 10:53Ich glaube, Du überschätzt die Intelligenz und die Rationalität von Mördern. Jeder Mord ist an sich ja schon eine hoch irrationale Tat, denn die Aufklärungsquote bei Mord (im engeren Sinne, ohne Totschlag) liegt zwischen 94% und 98%. Es ist also bei jedem Mord praktisch garantiert, dass man als Täter erwischt wird und lebenslänglich bekommt. Wenn man dann noch der einzige Nachbar des Tatopfers ist, und jeder im Dorf weiß, dass man mit dem Opfer im Streit lag, erhöht sich die Chance aufs Geschnapptwerden vermutlich auf 99,85% oder so. Es ist also im konkreten Fall ein FEHLER unglaublichen Ausmaßes, den Mord überhaupt zu begehen.peoplesplace schrieb:Weiterhin wird er kaum so bescheuert gewesen sein, eine Mordwaffe in zeitlichem Zusammenhang mit dem Mord irgendwo zu leihen, zu kaufen oder zu stehlen, das wäre viel zu auffällig.
Und deswegen wüsste ich nicht, warum dieser irrationale Mörder, ansonsten keine Fehler gemacht haben sollte. Im Gegenteil - ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass er auch andere Fehler gemacht hat. Abgesehen davon wissen wir ja aus der Kriminalgeschichte, dass selbst relativ intelligente und nervenstarke Täter, die an Vieles denken, sehr selten an alles denken. Gerne bringe ich hier noch einmal den Fall dess Doppelmörders von Babenhausen, Andreas Darsow, in Erinnerung. Der Fall hat ja erstaunlich viele Parallelen zu unserem Fall hier. Darsow war auch der nächste Nachbar der Tatopfer, und es war auch da weithin bekannt, dass zwischen dem Täter und der Opferfamilie schon länger Konflikte bestanden. Darsow hat den Mord unintelligenterweise trotzdem begangen - und dabei ja auch an Vieles gedacht: Die Tatwaffe, zum Beispiel, ist ja bis heute nicht gefunden worden. Auch hat der Mörder es geschafft, keinerlei DNA zurückzulassen, obwohl er im ganzen Haus herungelaufen sein muss. ABER: Er hat eben den total dämlichen Fehler gemacht, die Bauanleitung für seinen Schalldämpfer von seinem Abeitsplatz-Computer aus herunterzuladen anstatt in ein Internet-Cafe zu gehen oder elektronische Methoden zur Verschleierung seiner Datenspuren anzuwenden. Und genau wegen dieses Fehlers ist er ja dann auch sehr schnell als Hauptverdächtiger identifiziert worden.
Im vorliegenden Fall könnte es gut sein, dass der Tatverdächtige die spätere Waffe eben doch vor der Tat gekauft hat, und zwar, natürlich, nicht in einem Geschäft. sondern "privat". Warum? Vielleicht weil er sich (fälschlicherweise?) sicher war, dass der Verkäufer den Verkauf nicht melden würde. Und warum würde jemand einen solchen Verkauf nicht melden? Zum Beispiel weil er selbst auf illegalem Wege an die Waffe gekommen ist, oder weil sie selbst gar keine Waffe hätten haben dürfen, oder weil es sich um eine Waffe handelt, die in Deutschland gar nicht "zulassungsfähig" wäre. Oder, andere Möglichkeit, weil der Verkäufer ahnt, wofür die Waffe gedacht war, und jetzt Angst hat, dass ihm rechtliche Konsequenzen dafür drohen, dass er sie trotzdem verkauft hat. (Ob er diese Angst berechtigt ist, kann ich nicht beurteilen, aber das spielt letzlich auch keine große Rolle).
Wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass die Waffe gekauft wurde, und eben nicht schon seit Jahrzehnten im Haushalt herumlag, kann man nicht beurteilen. Aber sie ist sicher größer als 0% und auch größer als 10% oder 20%. Allein deswegen darf man die "Kauf-Theorie" nicht gleich als irrelevant darstellen. Die Theorie mit dem alten "Kriegsgerät" ist vermutlich wahrscheinlicher, aber ich möchte zu bedenken geben, dass 70 Jahre nach Kriegsende dann doch nicht mehr so viele alte "Langwaffen" herunliegen, die zusätzlich auch noch sicher funktionsfähig sind, und für die auch noch Munition vorhanden ist bzw. "besorgt" werden kann. Hier wird ja zum Teil so getan, als lägen auf jedem Bauernhof in Deutschland noch immer ein oder mehrere "Langwaffen" herum - obwohl jeder offiziell in Gefangenschaft genommene deutsche Soldat natürlich entwaffnet wurde, und obwohl sich viele deutsche Familien schon vor Kriegsende von ihren Waffen getrennt haben, damit sie sich nicht negativ auffallen, wenn es Razzien durch Besatzungssoldaten gab.
Die Idee, dass "auf dem Land" immer noch viel "Kriegsgerät" herum liegt, passt übrigens gut zu den anderen abenteuerlichen Stereotypen zum ländlichen Raum, die hier von manchen Foristen verbreitet werden. Leute, es ist 2026 und nicht 1826, als Stadt und Land wirklich noch verschiedene Welten waren, zwischen denen es wenig Austausch gab. Heutzutage sind Werte und Normen in Stadt und Land doch sehr ähnlich. Wie sollte es auch anders sein, wenn alle die gleichen Fernsehprogramme sehen, und die gleichen YouTube-Filmchen, wenn alle in der Schule mit den gleichen Lehrplänen ausgebildet werden, und wenn ein großer Teil der Landbevölkerung in der Stadt arbeitet, studiert, kulturisiert und was weiß ich noch alles ...
