Marzipanferkel schrieb:Und doch blieb er tagelang auf dem Hof.
Marzipanferkel schrieb:Vielleicht sollte man auch fragen: Warum MUSSTE der Täter bleiben?
Ich kann nicht all Deinen Gedankengängen folgen, bin aber bei einigen Aspekten des Falles der Meinung, dass das Hinterfragen des jeweiligen Motivs einer Teilhandlung evtl. zu interessanten Überlegungen und ggf. auch Schlussfolgerungen führen kann. Da gehört z.B. auch die Frage dazu, wer eigentlich ein Interesse gehabt haben könnte, die Reuthaue im Fehlboden zu verstecken - während eine blutbefleckte Hacke im Futtertrog liegen blieb; für wen diese Handlung eher keinen Sinn oder eher sogar ein Risiko darstellte, zumindest eine Zeitverschwendung.
Wenn man sich fragt, warum der Täter bleiben musste, dann ist die vorangestellte Frage, ob der Täter geblieben ist, mit ja beantwortet worden, sonst macht die Frage keinen Sinn. Diese Frage ist aber, wenn mich nicht alles täuscht, nie eindeutig beantwortet worden. Die Meinungen gehen von "das Vieh war unversorgt" bis "der Täter war praktisch daueranwesend bis zur Aufdeckung der Tat". Keine Handlung hätte eine Daueranwesenheit erfordert. Selbst die Besitzer des Hofes hätten nicht daueranwesend im Stall sein müssen.
Also eigentlich eine sehr interessante Frage. Nur meines Erachtens der zweite Schritt vor dem ersten.
Marzipanferkel schrieb:Er ärgerte sich Jahre später sogar noch über die Witterungsbedingungen des Bodens - die haben verhindert, dass der Täter die Leichen vergraben konnte.
Wo ist die Information her, dass er sich darüber "geärgert" haben sollte? Die Anektode, dass er sinnierend in den Ruinen angetroffen worden sein soll und dann geäußert habe, ein Vergraben sei wohl geplant gewesen, ist mir bekannt, nur das "verärgert sein" darüber nicht.
Wer hätte denn ein Interesse haben können, die Leichen ausgerechnet auf dem eigenen Hof, in der Scheune z.B., zu vergraben? Selbst wenn der Boden weich wie Butter gewesen wäre? Nehmen wir an, Schlittenbauer sei der Täter und der Boden sei nicht gefroren gewesen, dann hätte er 6 Menschen dort begraben? Um hinterher dem Dorf was von ihrer Abwesenheit zu erzählen? Dass sie nach Amerika ausgewandert seien, aber ihr Essen noch auf dem Tisch haben stehen lassen? Um dann das ganze Dorf durch das Anwesen zu führen, und keinem von denen, alle erfahren in Bodenbearbeitung, wenn auch nicht Forensik, wäre frisch aufgegrabene Erde in einem Innenbereich aufgefallen? Das erscheint mir wirklich sehr abwegig.
Schlittenbauer war m.E. emotional involviert in den Fall und hätte dafür genug Gründe gehabt - ohne Täter sein zu müssen. Die Wahl der Ich-Sprache überzeugt mit als Indiz überhaupt nicht. Mir scheint es eher eine persönliche Angewohnheit zu sein, ob Menschen eher von "man" oder "ich" sprechen.
Marzipanferkel schrieb:Dem Täter bedeutete die "Ruhe" auf dem Hof alles. Der Schein in Hinterkaifeck musste gewahrt bleiben. Aus forensischer und psychologischer Sicht ist es hoch plausibel, dass der Täter nicht von außen kam. Er stammte aus dem Dorf - und er hatte ein enges und sehr persönliches Beziehungsgeflecht zu den Menschen auf Hinterkaifeck.
Dass es in diese Richtung geht, denke ich auch - aber halt nicht in Richtung Schlittenbauer.
Marzipanferkel schrieb:Solche Faktoren wirken laut empirischer Beziehungsgewaltforschung wie ein Brandbeschleuniger für „familiale Auslöschungstaten“.
Wer sind denn üblicherweise die Täter von "familialen Auslöschungstaten", was hast Du da in der Literatur gefunden? Auf welche Stichproben beziehen sich evtl. Studien und wie wäre das auf die Zeit von 1922 übertragbar?