Als ich jung und politisch engagiert war, vor 30 Jahren, verwendete ich selbstverständlich das "Binnen-I". "LehrerInnen", "RichterInnen", "ÄrztInnen". Manchmal gab es statt des "I" auch ein "!"
Zu diesen Zeiten waren in meiner Heimat Schulrektoren immer Männer, auch wenn 80% des Kollegiums Lehrerinnen waren. Ärztinnen waren noch die Ausnahme, wenn, dann waren sie zumeist Frauen- und Augenärztinnen. Richterinnen hatten schon Seltenheitscharakter und Professorinnen waren absolut exotisch.
Schrieb man (damals "mensch") von "ProfessorInnen" dann führte das sofort zu einem Ruck: "Professorinnen" - gab es das überhaupt? Der Senat der hiesigen Universität bestand damals - bis auf die Frauenbeauftragte - aus Männern. Meine Professoren: Alle Männer. Obwohl die Zahl der Studentinnen über der Hälfte lag.
Das Binnen-I hatte Appellcharakter, war Provokation, wies auf Missstände hin, forderte mehr weibliche Beteiligung. Vom "Gendern" sprach noch niemand. Das "generisches Maskulinum" war ein Fremdwort. Es gab deshalb auch keine ideologischen Grabenkämpfe. Das "I" kennzeichnete politische Begriffe. Es ging überhaupt nicht darum, in jeder getexteten Personenbezeichnung ein "I" unterzubringen oder die weibliche Form mitzuumfassen. Uns war klar, dass "schwangere Arbeiter" Frauen waren und "weibliche Ärzte" "Ärztinnen".
Entscheidender war, wie diese Personenbezeichnungen in der Vorstellung des Lesers oder Zuhörers wirkten. Ziel war es, dass es das Binnen-I nicht mehr bräuchte, nämlich dann, wenn es kein Missverhältnis mehr gab, vor allem bei den gutverdienenden und mächtigen Berufen. Wenn die Frauen ihr "Stück vom Kuchen" bekommen hatten, wenn das Geschlecht möglichst keine Rolle mehr spielte.
Seitdem hat sich viel geändert. Zum Glück. Und leider.
Das Gendern von heute hat dagegen zur einer absurden Entstellung von Sprache und ihrer Hauptaufgabe, der Weitergabe von Informationen, geführt. Texte dienen nicht mehr dazu, ihren primären Zweck zu erfüllen, sondern sie werden dem Primat der Gleichheit der Geschlechter oder gar der Aufhebung alles Geschlechtlichen unterworfen, verkompliziert, unverständlicher, hohler.
Das führt zu einer grotesken formalisiert-aufgeblähten und inhaltsleeren Sprache, die für eine gesellschaftlich zwar sinnvolle aber hier ungeeignete Aufgabe okkupiert wird. Völlig absurd wird es dann, wenn es gar nicht mehr um Subjekte, um natürliche Personen geht, sondern auch juristische Personen "gegendert" werden müssen. Dabei haben "die Gesellschaft" oder "der Verein" nun mal gar nichts mit realen Geschlechtern zu tun, sondern ist eine rein etymologisch entstandenes linguistisches Geschlecht.
Weil ich häufiger damit zu tun habe, mag § 1 des Lobbyregistergesetzes als Beispiel dienen:
Die Regelungen für die Interessenvertretung gegenüber der Bundesregierung gelten ebenfalls für die Kontakte zu Parlamentarischen Staatssekretärinnen und Parlamentarischen Staatssekretären, Staatssekretärinnen und Staatssekretären, Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleitern, Unterabteilungsleiterinnen und Unterabteilungsleitern sowie Referatsleiterinnen und Referatsleitern.
Quelle:
https://www.gesetze-im-internet.de/lobbyrg/__1.htmlIm Weiteren ist von "Interessenvertreterinnen und Interessenvertretern" die Rede, die zwar auch natürliche Personen sein können, aber überwiegend juristische Personen oder Organisationen sind. Da wird es dann schräg.
Was bringt das? Wem bringt das was?
Müssen auch Gerichte so ihre Urteile schreiben, Behörden ihre Bescheide, Schüler ihre Hausarbeiten, Studenten ihre Klausuren?
In meiner schriftlichen Praxis verwende ich konsequent das tradierte generische Maskulinum. Meine Texte behandeln nicht den Geschlechterkampf, sondern es geht im weitesten Sinne um die Komprimierung von Informationen. Beide Geschlechter erwähne ich, wenn es ganz besonders darauf ankommt, ich natürliche Personen konkret anspreche, wie bei "sehr geehrte Damen und Herren", "liebe Kolleginnen und Kollegen", "liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger".