Socialme schrieb:du hattest geschrieben, dass es für Gymnasiasten leicht wäre das schriftliche Dividieren zusätzlich in der 5. Klasse zu erlernen...
Oh, da hast Du den ersten Halbsatz überlesen:
JosephConrad schrieb:Da die Kinder in D dann ein besseres Zahlenverständnis haben
Gerade weil sie in der 4. Klasse mehrt Zeit hatten, ein Zahlenvesrtändnis zu entwickeln, fällt es ihnen in der 5. dann leicher Algorithmen zu verstehen.
Das gilt übrigens dann auch für die Kinder in der Real- oder Hauptschule.
Der entscheidende Denkfehler liegt vielleichr bei Vielen hier: "Das Niveau sinkt, deshalb dürfen wir anspruchsvolle Inhalte nicht später einführen bzw. müssen früh Algorithmen lehren". Das ist aner kein zwingender Schluss, sondern eher ein Kurzschluss. Denn sinkendes Niveau betrifft nicht primär fehlende Algorithmen sondern schwaches Zahlenverständnis, geringe Sprach- und Begriffsbildung, fehlende Selbstkontrolle beim Rechnen. Frühes lernen von Schemata haben diese Probleme nie gelöst. Im Gegenteil, viele der heute beklagten Defizite stammen genau aus einem System, das früh, viel und schematisch gelehrt hat.
Der zentrale Unterschied, der hier möglicherweise übersehen wird: Du sprichst davon, was Kinder können, ich davon wie Können entsteht. Das sind zwei völlig verschiedene Ebenen. Mein Argument lautet ja "Kinder mit gutem Zahl- und Strukturverständnis lernen Algorithmen schnell" und nicht "Früher konnten Kinder Algorithmen früh, also war das System besser." Das verwechselt sichtbare Technik mit tragfähigem Verständnis.
Die Argumerntation "Gymnasiasten werden das zusätzliche Lernen nicht schaffen" ist nur dann plausibel, wenn die Kinder vorher kein solides Fundament haben, sie Rechnen nur als Schema kennen, sie nicht erklären, schätzen oder prüfen können. All das ist aber meine Voraussetzung.
Dass das Lernniveau von Grundschülerinnen und Grundschülern in Deutschland über viele Jahre hinweg nicht gestiegen ist, liegt nicht an einem einzelnen Faktor, sondern an einem Bündel struktureller Ursachen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die zunehmende soziale Ungleichheit. Der Lernerfolg von Kindern hängt heute stärker als früher von der sozialen Herkunft ab. Immer mehr Kinder wachsen unter Bedingungen auf, die das Lernen erschweren, etwa durch sprachliche Hürden, finanzielle Belastungen oder geringe Bildungsressourcen im Elternhaus. Die Schule kann diese Unterschiede nur begrenzt ausgleichen, sodass vor allem der Anteil der Kinder zunimmt, die grundlegende Mindeststandards nicht sicher erreichen.
Hinzu kommt, dass die Lerngruppen in Grundschulen deutlich heterogener geworden sind. In einer Klasse treffen heute sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen aufeinander, etwa im Hinblick auf Sprache, Leistung, Förderbedarf oder Entwicklungsstand. Gleichzeitig sind die personellen und zeitlichen Ressourcen kaum mitgewachsen. Lehrkräfte stehen vor der Aufgabe, individueller zu fördern, haben dafür aber oft weder ausreichend Unterstützung durch weiteres Fachpersonal noch genügend Zeit.
Der anhaltende Lehrkräftemangel verschärft diese Situation zusätzlich. Viele Grundschulen arbeiten mit Vertretungslösungen oder fachfremd erteiltem Unterricht, was zulasten von Kontinuität, Diagnose und gezielter Förderung geht. Gerade im Grundschulalter sind jedoch regelmäßiges Üben, Wiederholen und individuelles Feedback entscheidend für den Kompetenzaufbau. Wenn diese Grundlagen nicht ausreichend gesichert werden, entstehen Lernlücken, die später nur schwer zu schließen sind.
Auch Veränderungen in der Unterrichtskultur spielen eine Rolle. In den vergangenen Jahren wurde häufiger auf offene Lernformen und selbstständiges Arbeiten gesetzt. Solche Konzepte können für einige Kinder gut funktionieren, setzen aber ein hohes Maß an Selbststeuerung und Unterstützung von zu Hause voraus. Kinder, denen diese Voraussetzungen fehlen, profitieren davon deutlich weniger, wodurch sich Leistungsunterschiede weiter vergrößern.
Die zunehmende Nutzung digitaler Medien hat ebenfalls nicht automatisch zu besseren Lernergebnissen geführt. Insbesondere im Grundschulbereich zeigt die Forschung, dass digitale Werkzeuge ohne klare didaktische Konzepte keinen messbaren Lernzuwachs bringen, etwa beim Lesen- oder Schreibenlernen. Die COVID-19-Pandemie hat diese bereits bestehenden Probleme schließlich verstärkt, sie aber nicht verursacht. Lernrückstände traten vor allem dort auf, wo Kinder schon vorher weniger Unterstützung hatten.
Zusätzlich sind die Erwartungen an Grundschulen in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Neben dem klassischen Fachunterricht sollen sie heute verstärkt Sprachförderung, Inklusion, Medienbildung und soziale Aufgaben übernehmen. Diese erweiterten Anforderungen wurden jedoch nicht mit einem entsprechenden Ausbau von Zeit, Personal und Unterstützung begleitet. In der Folge verteilen sich die verfügbaren Ressourcen auf immer mehr Aufgaben.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das stagnierende Lernniveau nicht Ausdruck eines allgemeinen Leistungsabfalls der Kinder ist. Vielmehr spiegeln sich darin wachsende soziale Unterschiede und ein Schulsystem, dessen strukturelle Voraussetzungen mit den gestiegenen Anforderungen nicht Schritt gehalten haben.
Aber letztendlich hatte ich nur ketzerisch auf den Post geantwortet, der ja richtig ist:
flipperonline schrieb:Bin ja schon gut 40 Jahre aus der Schule raus, aber ist es nicht so das ab der 5ten die Trennung der Schulformen stattfindet?
Und da sind wir dann wieder hier:
JosephConrad schrieb:Es ist aber ein Nachteil, so früh zu trennen. Besser wäre da ein Modell wie in Finnland oder Kanada.