sallomaeander schrieb:Auch der Verzicht auf das schriftliche Dividieren
Hast Du den Bericht aus Deinem Eiingangspost vergessen? Da steht:
Das heißt: Erst ab Klasse 5 lernen die Mädchen und Jungen, wie sie beispielsweise die Zahl 1236 durch 3 schriftlich teilen.
Es wird sich in der Grundschule mehr Zeit genommen, die Grundlagen zu lernen. Es ist überhaupt kein Nachteil, wenn Kinder die sogenannte große (schriftliche) Division erst in Klasse 5 lernen. Im Gegenteil: Das ist eine bewusste und fachlich gut begründete Entscheidung. Bis zum Ende der 4. Klasse erwerben die Kinder alle wichtigen Grundlagen, die sie zum sicheren Dividieren brauchen – nur eben ohne starres Rechenschema.
In Klasse 4 lernen die Kinder bereits zu dividieren – jedoch mit Denkstrategien statt mit einem festen Algorithmus. Dabei geht es nicht nur um das richtige Ergebnis, sondern vor allem um die Frage: "Warum stimmt das Ergebnis?" Die Lehrkräfte prüfen bewusst zuerst, ob: das Stellenwertsystem sicher verstanden ist udf Rechenwege erklärt werden können Erst wenn das gelingt, ist ein schriftlicher Algorithmus sinnvoll.
n Klasse 5 wird dann das strukturierte schriftliche Dividieren eingeführt. Der entscheidende Vorteil: Die Kinder verstehen bereits, was sie tun.
Die große Division ist für sie dann keine neue, komplizierte Technik mehr, sondern eine praktische Abkürzung für bekannte Denkwege. Kopfrechnen, Überschlagen und das Überprüfen von Ergebnissen bleiben dabei weiterhin wichtig. Das Ziel ist nicht, dass Kinder früh ein Rechenschema auswendig können, sondern dass sie sicher rechnen, Rechenwege verstehen, Fehler erkennen und Mathematik als sinnvoll und nachvollziehbar erleben.
Kinder, die am Ende der 4. Klasse diese Grundlagen sicher beherrschen, lernen komplexere Rechenverfahren in Klasse 5 meist sehr schnell und
nachhaltig.
sallomaeander schrieb:Schon bei der Mengenlehre war der Gedanke bei der Einführung leitend, ein möglichst weit von der Vorstellungswelt der damaligen Elterngeneration befindliches Darstellungsmodell von Mathematik auszurollen, damit Eltern zu Hause nicht "einhelfen" können. Es handelte sich mitnichten um eine neue Mathematik. Es passierte das, womit man nicht gerechnet hatte: Der Teil der Eltern, die selbst gut ausgebildet war, belegte abends Kurse in Mengenlehre an der Volkshochschule - die Mengenlehre vergrößerte die soziale Selektivität, statt sie, wie beabsichtigt, zu verkleinern.
Dein Hinweis auf die Mengenlehre der 1960/70er Jahre ist berechtigt, die "Neue Mathematik" wollte emanzipatorisch wirken. So wie Du sagst entstand sprachliche und methodische Fremdheit, Eltern wurden ausgeschlossen, gut gebildete Eltern konnten sich anpassen (VHS-Kurse), sozial schwächere Familien nicht. Das Ergebnis war eine größere soziale Selektivität, nicht weniger. Didaktische Fremdheit kann soziale Ungleichheit verstärken.
Aber die Mengenlehre scheiterte nicht, weil sie schwierig war, sondern weil sie intransparent und formal entkoppelt von Alltagserfahrung unterrichtet wurde. Sie war damals eine neue formale Sprache mit neuer Symbolik und es gab keine Anschlussfähigkeit an das Alltagsrechnen der Eltern, die Erklärung lautete oft: "Das müssen Sie nicht verstehen."
Wenn man heute die Division strategiebasiert umsetzen will, dann ist Zerlegung, Ausgleichen (ich verändere eine Zahl ein bisschen, damit das Rechnen leichter wird – und gleiche diese Veränderung anschließend wieder aus), Überschlagen, mit dem Zahlenstrahl anschaulich machen", alles Methoden, die die Eltern schon kennen und im Alltag auch (manchmal unbewusst) anwenden. Inhaltlich ist das keine fremde Mathematik, sondern eine Explizitmachung vertrauter Denkwege. Wenn Eltern das erst nicht verstehen, liegt das meist daran, dass es ihnen nicht erklärt wird – nicht daran, dass es unverständlich ist.
sallomaeander schrieb:Ich bin dagegen, dass Schule das Lernen monopolisiert, indem sie den Lehrgegenstand für Eltern unverständlich gestaltet.
Ich stimme dem Argument "Schule darf Lernen nicht monopolisieren!" ausdrücklich zu, das ist der zentrale normativ-pädagogische Punkt. Schule darf den Lerngegenstand nicht absichtlich so gestalten, dass Eltern ausgeschlossen werden. Wenn das geschieht, hat die Schule ihre Vermittlungsaufgabe verfehlt, soziale Ungleichheit aktiv produziert und das Vertrauen untergraben. Didaktische Modernisierung darf niemals soziale Abschottung sein.
Daher ist die die Lösung ist nicht so früh wieder ausschließlich Algorithmen zu lehren, sondern Eltern mitzunehmen. Konkret heißt das klare Elterninformationen: "So rechnen wir – und warum", "Das ist dasselbe wie früher, nur aufgeschrieben", "Es gibt mehrere richtige Wege, Algorithmus ist ein Weg unter mehreren, nicht ein Machtinstrument".