Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Frage: Wann wurde ACARS deaktiviert?
Vorüberlegung: Wenn man sich die durch Protokolle oder Kameras festgehaltenen Aussagen der malaysischen Behördenvertreter (Regierung, Ministerien, Militär) ansieht, stellt man fest, dass diese von Anfang an konsistent waren, in dem was gesagt, aber auch in dem was nicht gesagt wurde. Die Widersprüche kamen überwiegend durch eine verzerrte Darstellung in der Presse auf (z.B. die Zitierung des Generals durch Berita Harian, MH370 sei um 2:40 vom Radar erfasst worden, halte ich für eine solche). Ich gehe also davon aus, dass es von Anfang an, also dem Morgen des 8.3., Sprachregelungen gab, an denen sich die einzelnen Behördenvertreter auch hielten.
Dann haben wir von offizieller, also malaysischer Seite die folgenden Angaben für die Ursache des Unglücks (Frankreich und Australien haben insofern gar nicht die Autorität Angaben zur Ursache zu machen, andere Länder, einschließlich der USA und Inmarsats, schon gar nicht):
1) MH370 hat Spuren im Primärradar hinterlassen, ist demnach nach dem Verschwinden nach Kotha Baru, Penang und in die Straße von Malakka weitergeflogen
2) Es gibt Satellitensignale, die zeigen, dass MH370 stundenlang weitergeflogen ist.
3) MH370 ist im SIO geendet.
4) Die polizeilichen Ermittungen konzentrieren sich auf Entführung, Sabotage und die persönlichen und psychologischen Probleme der Menschen an Bord. Niemand an Bord wird als möglicher Täter ausgeschlossen. Auch das Bodenpersonal, das mit MH370 zu tun hatte, steht unter Verdacht. Es wird in alle möglichen Richtung hin untersucht.
5) ACARS wurde deaktiviert, bevor der letzte Funkspruch durchging.
Punkt 5) halte ich in der bisherigen Diskussion für den am meisten unterschätzten.
@DearMRHazzard wandte (völlig zurecht) ein, dass für diesen Punkt kein Beleg gebracht wurde.
Hierzu einige weiterführende Überlegungen:
Letztlich muss man sich in einigen Punkten auf die Angaben der Behörden verlassen. Bspw. steht in der FI, dass ACARS melden würde, falls der Transponder durch Systemausfall inaktiv würde, offenkundig war dies nicht der Fall, Beweise wurden aber nicht vorgelegt.
Wir wissen aber aus der FI und den ATSB Berichten
- Wenn der Tranponder ausfällt (oder abgeschaltet wird), meldet ACARS dies.
- Wenn die SDU normal ausgeschaltet wird/herunterfährt, gibt es ein Datenprotokoll, das diesen Logoff belegt.
- Beides gibt es nicht.
Es ist daher eine triviale Schlussfolerung, dass es für das Deaktivieren von ACARS ähnliche Mechanismen gibt, d.h. das Deaktivieren von ACARS würde im Datenprotokoll vermerkt sein. Dies ist im ureigensten Interesse des Betreibers, in einem Fall wie diesem würden erhebliche Regressforderungen auf den Betreiber zukommen, wenn ACARS einfach versagt hätte, ohne dies zu melden. Auch im Fall von AF447 gab es ACARS Meldungen über Systemausfälle, bevor ACARS zuletzt ausfiel. Das System ist also so gespeist, dass es von Systemausfällen relativ zuletzt betroffen wäre.
Deshalb hatten wir hier das folgende Szenario überlegt: 1) Der SDU dem Strom entziehen (ohne regulären Logoff), anschließend ACARS deaktivieren und Transponder ausschalten. Dann würde es kein Datenprotokoll über das Deaktivieren von ACARS geben.
Möglichkeit 2) ACARS deativieren, anschließend entweder Transponder oder SDU (beliebige Reihenfolge). In diesem Fall müsste man davon ausgehen, dass es nachweisbar ist, dass ACARS deaktiviert wurde.
Könnte Möglichkeit 2) zutreffen? - Ich meine, ja!
Und zwar wegen der folgenden Zusatzangabe:
An updated version of the ATSB report was released on 10 December 2015 to clarify that the ‘power loss’ mentioned on page 9 occurring between 17:07:48 and 18:03:41 was referring to the Satellite Data Unit (SDU) only. The SDU did not respond to an automatic interrogation from the Ground Earth System (GES) at 18:03:41 UTC, although it resumed working at 18:25:27.
https://www.atsb.gov.au/mh370-pages/updates/reports.aspx (Nebenbemerkung: daraus wird auch klar, dass die Stromunterbrechung zur SDU mind. 20 Minuten angedauert haben muss).
Denn wenn Möglichkeit 1) zutreffen würde (d.h. es gäbe kein Protokoll darüber, dass ACARS deaktiviert wurde), könnte man den Zeitraum der Stromunterbrechung zur SDU genauer eingerenzen als oben angegben, nämlich auf den Zeitraum zwischen 17:07 und 17:37, da ACARS dann wieder hätte senden müssen. Wenn aber bekannt ist, dass ACARS bereits um 17:07:48 (d.h. mit dem letzten Signalaustausch mit ACARS) deaktiviert war, dann könnte man die Stromunterbrechung zur SDU nicht besser einengen als zwischen 17:07 und 18:03 (dem ersten unbeantworteten Ping).
Warum könnte sich die FI und die ATSB-Berichte darüber ausschweigen? Nun, die erstere macht Angaben zur Flugsicherheit, die letzten Angaben zur Eingrenzung des Suchgebiets. Für diese Fragen spielt es keine Rolle, wann genau ACARS mutmaßlich deaktiviert wurde. Für die Frage der Ursache aber schon, und hierfür sind weiterhin die Presseerklärungen vom 15. und 16.3 relevant.
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Ich möcht nicht präjudizieren, dass es so war, aber man sollte sich den Sachverhalt vor Augen halten. Die Aussage, ACARS wurde vor dem letzten Funkspruch deaktiviert, kam von höchster Stelle und wurde mehrfach wiederholt, und zwar vor laufender Kamera und unter Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Also entweder ist der oben umrissene Sachverhalt richtig, oder es liegt ein extremer Fauxpas vor, bei dem man sich wieder fragen müsste, war das so gewollt? Und wenn ja, warum? Es gab überhaupt keine sachliche Notwendigkeit, dies damals zu behaupten, es hätte absolut gereicht, die Radarsichtungen und die Satellitendaten offiziell zu bestätigen.