Faktor12 schrieb:Ein Verbrechen scheint mir nur zu Beginn des Weges im Zuge des Einsteigens in ein Fahrzeug oder am Ende plausibel - dafür gibts aber auch keine konrekten Anhaltspunkte.
Das ist so wahr! (So wie auch der Rest Deines Beitrages). Wenn es ein Verbrechen war, dann kann es eigentlich nur mit dem Einsteigen Scarletts in ein Auto begonnen haben, für das es aber keine Anhaltspunkte gibt - so wie es für keine der populärsten Theorien (Unfall, "Abtauchen", Suizid) irgendwelche Anhaltspunkte gibt.
Bei den Verbrechenstheorie scheint es aber die meisten Schreiber nicht zu stören, dass es keine Anhaltspunkte gibt, bei der Unfalltheorie auch nicht. Nur bei der Suizid-Theorie wird dann plötzlich die "keine-Anzeichen-Keule" herausgeholt. Genau so etwas meine ich, zum Beispiel, wenn ich sage, dass über die Suizid-Theorie tendenziell anders "diskutiert" wird als über die anderen Theorien.
Ein anderes Beispiel: Leute, die die Suizid-Theorie ablehnen, tun das in der Mehrzahl mit folgendem "Argument". Ich paraphrasiere: "Ich kenne Scarlett und weiß, dass sie sich niemals umbrigen würde; sie hat ja auch gar keinen Grund dazu". (Das wird selten so klar hingeschrieben, ist aber gemeint). Und viele Mit-Diskutanten halten das dann für ein valides und vollständiges Argument.
Wenn aber jemand im Zusammenhang mit der Verbrechenstheorie schreibt: "Ich kenne Scarlett, sie würde niemals zu einem Fremden ins Auto steigen; dafür ist sie viel zu intelligent PUNKT" dann wird das eben - richtigerweise - nicht als valides und vollständiges Argument angesehen, sondern es werden seitenlang alle möglichen Ausnahmesituationen diskutiert, in denen Scarlett vielleicht doch versucht gewesen sein könnte, zu einem Fremden ins Auto zu steigen. (Und ich finde es richtig, dass diese Ausnahmesituationen diskutiert werden).
Ganz generell wird nur im Zusammenhang mit der Suizid-Theorie ganz überwiegend mit der Persönlichkeit des Opfers argumentiert, nicht aber mit den uns vorliegenden Daten. Es wird also kaum gefragt: Wie verträgt sich die Suizid-Theorie mit den Telefon-Daten? Oder: Wie verträgt sie sich mit dem Verhalten Scarletts am Verschwindetag? Oder: Wie passt sie zur - bis heute andauernden - Erfolglosigkeit der Suche? Wie zu den Sichtungen und Nicht-Sichtungen Scarletts? Und so weiter. Und so weiter. Warum diskutieren wir diese Dinge im Zusammenhang mit Unfall- und Verbrechenstheorie sehr ausführlich, im Zusammenhang mit Suizid aber kaum.
Genau diese Art von Diskussion fehlt mir: Ich möchte nicht immer über die - uns kaum bekannte - Persönlichkeit Scarletts diskutieren (d. h. spekulieren), sondern ich möchte, dass die Suizid-Theorie genauso sachlich, unvoreingenommen und tiefgründig analysiert wird, wie wir auch die anderen Theorien analysieren. Ich glaube, wir haben da Einiges nachzuholen, quantitativ wie qualitativ.
In den neuesten Beiträge waren ein paar interessante Ideen dieser Art enthalten. Die meisten Beiträge der "Suizid-Ablehner" waren allerdings wieder rein persönlichkeitsbezogen - und entsprechend komplex: "Suizid Scarlett? Abwegig!"
Ich fände es interessant, mal von Euch zu hören, wie hoch Ihr die Wahscheinlichkeit für einen Suizid konkret einschätzt - sofern Ihr nicht zu den (vielen) Leuten gehört, die einen Suizid "kategorisch, absolut, total und von vornherein ausschließen". Ich selber schätze die Wahrscheinlichkeit für einen Suizid zur Zeit auf 60% und demzufolge die Wahrscheinlichkeit aller anderen Theorien zusammen auf 40%. (Die anderen Theorien sind: Unfall, Verbrechen, freiwilliges "Abtauchen" und natürlicher Tod). Diese relativ hohe Zahl basiert NICHT auf einer Einschätzung von Scarletts Persönlichkeit und Lebenssituation, sondern darauf, dass sich 1. die Suizid-Theorie besser mit den vorliegenden Daten verträgt als alle anderen Theorien und 2. darauf, dass Suizide in Scarletts Geschlechts- und Altersgruppe für deutlich mehr Todesopfer verantwortlich sind als Unfälle und - erst recht - Verbrechen.