Volvic schrieb am 25.12.2025:Natürlich steckt hier niemand besonders tief in der Gedankenwelt von Scarlett drin. Aber allein die notwendigen Annahmen nach Ockham‘s Razor würden ja bedeuten, dass Scarlett überhaupt eine Suizidneigung/Wunsch gehabt haben müsste und zusätzlich müsste sie sich „perfekt“ versteckt haben und auch in jahrelanger intensiver Suche nicht gefunden worden sein. Viele Annahmen und die grundsätzliche Frage: warum? Warum sollte es überhaupt so sein und warum sollte es so kompliziert sein?
Mir scheint dieser Erklärungsansatz daher unwahrscheinlicher als andere Theorien.
Ja. Möglich ist Suizid natürlich. Möglich auch ein Verbrechen oder ein Unfall. Bislang ist Scarlett einfach verschwunden, ohne nach dem Steinkreis eine Spur zu hinterlassen. Es gibt bislang
keine Anhaltspunkte, dass sie Opfer eines Verbrechens wurde und es gibt keine Anhaltspunkte, dass sie Suizid begangen hätte.
Es ist aber wesentlich wahrscheinlicher, dass ein Suizid Spuren hinterlässt bzw. Spuren existieren, denn ein Verbrechen. Weil vor einem Suizid immer eine gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema statt gefunden haben muss. Auch Spontansuizide passieren nicht völlig spontan, "aus heiterem Himmel" (so erscheint es nur oberflächlich), sondern der Betroffene hat über einen längeren Zeitraum immer wieder solche Gedanken/Überlegungen gehabt und
nicht in die Tat umgesetzt. Aber es hat für diese Gedanken einen Grund gegeben, es gibt also ein
Motiv. Menschen sind eigentlich von Natur her auf "Überleben" getrimmt, nicht auf sich "schwer verletzen oder umbringen". Diese Selbsttötungshemmung muss überwunden werden, das Motiv für den Tod schwerer wiegen als für das Weiterleben. Erst dann kann eine solche Tat in ihrer konkreten Gestalt spontan passieren. Die Entwicklung einer Suizidalität hat
Ursachen und Anzeichen, die im Nachhinein nicht so leicht zu verbergen sind.
Die häufigsten Ursachen:
1. Eine psychische Erkrankung (nicht nur Depressionen, sondern auch Suchterkrankungen, Psychosen, emotional-instabile Persönlichkeitsstörungen).
2. Extrem belastende Lebensereignisse wie chronische oder tödliche Erkrankungen, Trennung/Scheidung, Arbeitsplatzverlust, familiäre Konflikte.
Zumeist lassen sich
objektive Anhaltspunkte für ein Motiv finden: Eigene Aufzeichnungen, Recherche, besonderes Interesse am Thema, konkrete Lebenskrisen, Äußerungen gegenüber Dritten, Kontakt zu Ärzten und Therapeuten, Medikamente, Sucht, Überschuldung, Versagen, selbstschädigendes Verhalten. Ich gehe davon aus, dass die Polizei wie auch die Familie diese Bereiche abgeklopft hat.
Während also bei einem Verbrechen durch einen Dritten (z.B. Sexualmord) ein Motiv denkbar ist, haben wir keine Anhaltspunkte für ein
Suizid-Motiv. Während bei einem Verbrechen ein Täter darauf einwirken kann, Spuren zu verursachen (z.B. die Leiche an einen weit entfernten Ort verbringen), ist dies bei einem Suizid schon wesentlich schwieriger, da der Betroffene nach seinem Tod keine Einwirkungsmöglichkeiten mehr hat.
Deshalb ist die
Statistik zu Untertauchen, Unfällen, Suiziden und Tötungen vergossene Milch. Es kommt auf den konkreten
Einzelfall an. Und da ist eine Tötung durch einen Dritten durch die Tatsache, dass fünf Jahre lang trotz intensiver Suchen keine Spur von Scarlett gefunden worden ist, halt
immer wahrscheinlicher geworden. Durch die Abwesenheit von Spuren: Weil es keine Leiche gibt, keine Ausrüstungsgegenstände und kein Stäubchen von einem freiwilligen Untertauchen. Die
fehlenden Spuren dafür sind ein gewichtiger tatsächlicher Anhaltspunkt für ein Verbrechen.
Für mich (leider) die wahrscheinlichste Variante.