Mordfall Fabian (8), aus Güstrow
gestern um 23:26
Fangen wir von vorne an. Noch vor dem 10. Oktober verschickt Gina H. Sprachnachrichten — sie wolle am liebsten mit Matthias R., Fabians Vater und ihrem Ex, neu anfangen, irgendwo anders, ohne Kinder. Das ist kein beiläufiger Satz. Das ist ein dokumentiertes Motiv. Ein Kind, das im Weg steht. Chatverläufe und Sprachnachrichten beleuchten das Verhältnis der Angeklagten zum Vater des Opfers sowie zum Opfer selbst und deuten auf dieses Motiv hin. Auch Aussagen über den Charakter des Opfers und die Beziehung zwischen beiden wurden von Zeugen geschildert.
Gina H. war finanziell vollständig von Matthias R. abhängig. Er unterstützte sie monatlich mit mehreren hundert Euro, ohne ihn wären ihre Ponys und der Hof nicht zu halten gewesen. Als die Beziehung zerbrach, nahm er seine Traktoren wieder mit. Der Hof war ohne ihn schlicht nicht mehr managebar. Sie hatte also nicht nur ein emotionales Motiv — sie brauchte ihn. Und Fabian, sein Sohn aus einer anderen Beziehung, stand einer Rückkehr im Weg.
Das Fahrzeug der Angeklagten
Ein zentrales Element der Beweiskette ist das Auto der Angeklagten. Laut Sachverständigengutachten befand es sich bereits vor der Tat am Tatort. Am Morgen des 10. Oktober 2025 ist Fabian zuhause, krank, allein — die Mutter auf der Arbeit. Ginas Auto steht neun Minuten in der Schweriner Straße. Fabians Handydisplay deaktiviert sich exakt in diesem Zeitfenster. Ein Zeuge sieht Fabian kurz darauf bei Zehna an einer Bushaltestelle — zusammen mit dem orangefarbenen Ford Ranger.
Kurz vor dem Tatzeitpunkt wurde das Fahrzeug gleich an zwei Stellen registriert: zum einen durch eine Überwachungskamera und eine Zeugin — die Nachbarin des Opfers — in unmittelbarer Nähe von dessen Wohnort, zum anderen auf einem Handy-Foto der Angeklagten, das sie rund 1.600 Meter vom Tatort entfernt aufnahm — um 11:19 Uhr, im Wald mit ihrem Hund. Danach schaltet sie, was sonst bei ihr alles andere als gewöhnlich war, ihr Handy ab oder in den Flugmodus. Zur Tatzeit selbst sahen Zeugen — darunter Steinsammler in der Gegend — das Fahrzeug nahe dem Tatort. Olaf L. und sein 18-jähriger Mitarbeiter sehen ihren Wagen aus drei bis vier Metern Entfernung auf dem Sand- und Feldweg, der direkt vom Tümpel wegführt — der 18-Jährige sieht sie dabei persönlich im Auto. Das ist keine Annäherung an den Tatort. Das ist der Abfahrtsweg vom Tatort. Auch kurz danach wurde das Fahrzeug dort noch gesichtet, diesmal von einer ehemaligen Freundin und einer Erzieherin. Bereits am Tag vor der Tat hatte ein Zeuge namens Franz H. das Auto der Angeklagten in unmittelbarer Nähe der Wohnung des Opfers beobachtet.
Weder die Angeklagte noch ihre Verteidigung haben jemals behauptet, das Fahrzeug sei an dem fraglichen Tag oder in den Tagen zuvor und danach von einer anderen Person genutzt worden. Ebenso wenig wurde je geltend gemacht, bei den zahlreichen Sichtungen könnte es sich um ein baugleiches, fremdes Fahrzeug gehandelt haben.
Spuren am Tatort und im Fahrzeug
Das Sachverständigengutachten belegt mehrere forensische Verbindungen zwischen der Angeklagten, dem Opfer und dem Tatort. Auf Fabians Leiche finden sich zwei Fasern. Eine lila Faser von Ginas Pullover — unter seinem Daumennagel. Eine Faser ihrer Reiterhose am Bündchen seiner Jacke. Beide Kleidungsstücke, beide Fasern, direkter Körperkontakt. Und der letzte dokumentierte Kontakt zwischen den beiden lag mindestens zwei Monate zurück. Fasern unter Fingernägeln halten sich keine zwei Monate. Umgekehrt wurden im Auto der Angeklagten Fasern eines neuen Pullovers des Opfers sichergestellt. Fußspuren des Opfers und der mutmaßlichen Täterin wurden an mehreren Stellen rund um den Tatort gefunden — von verschiedenen Schuhen der Täterin. Digitale Daten aus Handy und Fahrzeug der Angeklagten wurden ebenfalls gutachterlich ausgewertet.
Hinweise auf einen anderen — bekannten oder unbekannten — Täter gibt es hingegen nicht. Es fanden sich keinerlei entsprechende Spuren.
Feuer, Brandbeschleuniger und die Tatwaffe
Am Tatort wurden Feuer und Rauch beobachtet; dies ist durch ein Foto sowie durch Aussagen einer Reiterin und einer Pflegerin belegt. In ihrem Carport findet die Polizei eine geöffnete Flasche Grillanzünder der Marke „JA!". Laut Richter war die Flasche bereits geöffnet — es fehlen darin etwa 500 bis 600 Milliliter Flüssigkeit. Genau jene Menge, mit der die Leiche des kleinen Fabian am Tümpel in Brand gesetzt worden sein soll. Ein vergleichbarer Grillanzünder wurde zudem in ihrem Carport gefunden.
Besonders auffällig: Die Angeklagte äußerte Sorgen über einen möglicherweise verwendeten Brandbeschleuniger — zu einem Zeitpunkt, als noch niemand wusste, dass ein solcher tatsächlich eingesetzt worden war. Ebenso äußerte sie sich besorgt über mögliche Spuren des Opfers auf der Fußmatte ihres Autos — obwohl zu jenem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, dass im Fußraum tatsächlich erhebliche Mengen DNA des Opfers gefunden wurden.
Handy-Daten und digitale Spuren
Zur Tatzeit sowie zu dem Zeitpunkt, als das Auto der Angeklagten in Güstrow war und das Handy des Opfers in den Standby-Modus wechselte, war das Handy der Angeklagten ausgeschaltet oder im Flugmodus. Noch am selben Tag, dem 10. Oktober, googelt sie „Vermisste Personen", „Polizeimeldungen Güstrow" und „Fressen Wildschweine Leichen" — bevor ihr offiziell irgendjemand gesagt hat, dass Fabian verschwunden ist. Der Tatort lag in der Nähe einer Schweinesuhle. Gegenüber einer Person äußert sie, sie verstehe nicht, dass um Fabian so ein Gewese gemacht wird, es würden ja ständig Kinder sterben.
Am Tattag schrieb die Angeklagte um 20:50 Uhr an eine Person namens Christian D., dass das Opfer abends allein zu Hause sei, wenn es krank sei. Telefongespräche am 17. und 18. Oktober deuten auf Wissen über belastende Umstände hin, deren Inhalt jedoch nicht bekannt ist.
Verhalten nach der Tat
Am Tag nach der Tat führte die Angeklagte Gespräche über ein mögliches Alibi — zu einem Zeitpunkt, als außer dem Täter noch niemand wusste, dass das Opfer tot und nicht lediglich vermisst war. Am 13. Oktober führt sie nachts zwei Männer zur Leiche — sie weiß exakt, wo sie liegt, an einem Ort, den laut Nachbarn kein Mensch einfach so anläuft, 13 Kilometer von ihrem Dorf entfernt. Einer der Männer fühlt sich später ausgenutzt. Sie versucht außerdem, Schuhe bei ihm zu deponieren — möglicherweise Schuhe mit Tatortabdrücken, denn Fußspuren des Opfers und der Täterin wurden an mehreren Stellen rund um den Tatort gefunden. Am 14. Oktober führt sie eine Freundin dorthin und inszeniert eine zufällige Entdeckung. Die Freundin besteht auf die Polizei — das nimmt Gina die Kontrolle aus der Hand.
Bei der Auffindung äußerte sie gegenüber Polizisten, dass ihre Spuren am Tatort zu finden sein würden.
Die einzige Gegenstory der Verteidigung
Die einzige Gegenstory der Verteidigung ist, der Jäger Christian D. habe ihr gesagt, am Tümpel liege eine Plastik- oder Sexpuppe — weshalb sie dorthin gefahren sei. Selbst wenn das stimmt, erklärt es nicht eine einzige der oben genannten Spuren. Nicht die neun Minuten in der Schweriner Straße. Nicht das Handy. Nicht den Zeugen bei Zehna. Nicht die Fasern unter dem Daumennagel. Nicht die Googlesuchanfragen vor der offiziellen Vermisstenmeldung. Nicht Olaf L. und seinen Mitarbeiter auf dem Tümpelweg. Und nicht die 500 bis 600 Milliliter, die in ihrer Grillanzünderflasche fehlen.
Fehlende Entlastung
Die Angeklagte hat mehrfach angekündigt oder angedeutet, entlastende Beweise vorlegen zu können — etwa einen „gleichen" Pullover ihres Sohnes, Fahrten für die Großeltern zur Bank oder ein Alibi. Keine dieser Behauptungen wurde je belegt oder entsprechendes Material vorgelegt. Darüber hinaus weisen die Angaben der Angeklagten zahlreiche innere Widersprüche auf. Sie konnte kein Alibi nachweisen. Zeugenaussagen ihres sozialen Umfelds — darunter der Vater und die Großmutter des Opfers — sowie Erkenntnisse zu ihrer psychischen Erkrankung runden das Bild ab.
Ein Alternativtäter ist nicht konstruierbar. Es gibt keine Person auf der Welt, die gleichzeitig Fabians Vertrauen besaß, seinen Aufenthaltsort kannte, diesen abgelegenen Tümpel kannte, ihre Fasern auf ihm hinterlassen hat — und spurlos verschwunden ist.
Die Indizienkette hat keine Lücke mehr. Das Gericht müsste jeden einzelnen Punkt gleichzeitig als Zufall, Irrtum oder Missverständnis werten. Das ist nicht möglich.
Der Prozess ist die formale Bestätigung von dem, was die Beweise seit Monaten sagen.