LilliVanilli
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Mordfall Fabian (8), aus Güstrow
um 16:42Ich mag mal eine Lanze für den Christian D. brechen.
Ich weiß nicht, ob einer von euch schon jemals direkt in einen Mordfall involviert war und nachvollziehen kann, was Zeugen da so erwartet. Bei mir ist das jetzt gute 25 Jahre her, es lässt mich aber bis heute nicht los. Ich habe damals in einer WG gewohnt und mein Mitbewohner hatte den dicken besten Freund – der sehrsehr oft bei uns war. Wir waren ein gut zusammenpassender Haufen, haben viel zusammen unternommen und der Kumpel wurde für mich mit der Zeit auch zu einem (platonischen!) Freund, er war immer hilfsbereit, hat mir sein Auto geliehen, wenn ich ein Auto mit Anhängerkupplung gebraucht habe, wir sind abends auch mal zusammen auf ein Bier in die Kneipe umme Ecke und er hat mir gerne sein Herz in punkto Frauen ausgeschüttet. Im Folgenden nenne ich ihn Franz, er heißt natürlich anders.
Und dann kam der Tag, an dem mein WG-Mitbewohner total entsetzt heimkam. „X (eine gute Bekannte von uns) hat sich umgebracht, Y hat sie erhängt auf dem Dachboden gefunden.“ Meine allererste Reaktion war – und an die erinnere ich mich immer noch ganz genau, genauso auch daran, dass mein Mitbewohner ein khakifarbenes T-Shirt mit Knopfleiste anhatte und auf welchem Stuhl am Küchentisch er saß (das ist wie eine Fotografie): „NIEMALS, die hat sich nicht umgebracht!“ X war die Ex von Franz – und fortgeschritten schwanger von Franz. In meinem Weltbild brachten sich Schwangere, die sich bewusst für ihr Kind entschieden haben – egal wie viel Ärger mit dem Ex – einfach nicht um. Irgendwas passte nicht, ich hätte damals aber nicht sagen können, was da nicht passt.
Warum ich das hier schreibe? Weil Franz eine Woche später wegen Mordverdachtes verhaftet wurde und die EB ermittelnd auch bei uns in der WG einliefen. Ich war mehrfach zu Zeugenaussagen bei der Polizei. Nun bin ich echt nicht auf der Brennsuppn dahergeschwommen, sozial durchaus kompetent und habe einen akademischen Beruf – aber die Einlassungen bei der Kripo waren echt nicht ohne. Es fällt so schwer, sich an Gespräche von vor drei Monaten zurückzuerinnern. Was hat man wirklich gesagt? Was hat der andere gesagt? Warum war was? Damals war das ja auch nicht per WA, sondern im persönlichen Gespräch… Ja, klar, Franz hatte schon mit mir über die Ex und die Schwangerschaft gesprochen, ich wusste, dass ihn das drückt, er hatte sich gerade um einen Job in den Emiraten beworben (das war im Nachhinein dann natürlich auch nicht ganz unauffällig), aber NEVEREVER hätte ich ihn als jemanden vermutet, der eiskalt den Mord an der Ex plant. Er war doch mein guter, hilfsbereiter Kumpel… Du sitzt da in der Vernehmung, versuchst, deine Erinnerungen möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben und merkst, dass das alleine schon gar nicht so einfach ist. Weil Erinnerungen sehr fragil sind. Und das versuchst du in einem Zustand, in dem du noch begreifen musst, dass jemand, den du meintest, zu kennen, jemand, den du wirklich sehr gemocht hast, einen eiskalt geplanten Mord an seiner schwangeren Ex ausgeführt hat und den als Selbstmord tarnen wollte. Du bist als Normalmensch im absoluten Ausnahmezustand. Es war alles wirklich sehr heftig.
Natürlich hatte ich auch eine Vorladung vor Gericht, da ich aber zum Zeitpunkt der Verhandlung selbst schwanger war, wurde mir nach psychologischem Gutachten gewährt, meine Aussage schriftlich zu machen, ich musste zum Glück nicht persönlich vor Gericht erscheinen, ich hätte auch für keine Seite richtig Wichtiges beibringen können.
Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Christian D. heute durchgemacht hat, und der hatte es viel schlimmer als ich damals. Ich war nicht am Tatort, ich hatte keine Chats und Geplänkel, ich war anno dutt überhaupt nicht digital nachvollziehbar (Franz allerdings schon über Google-Suchen am Rechner, die waren ein ziemlicher Genickbrecher). Selbst, wenn da kein wie auch immer geartetes Geplänkel zwischen Ch. und G. gewesen wäre (an dem sich so viele moralisch hochziehen), wäre es schon schlimm genug. Für mich war Ch. – eben auch und gerade wegen der kleinen Widersprüche – authentisch und nachvollziehbar. Er hat in manchen Situationen anders reagiert als ich es vermutlich getan hätte, aber wir sind nun mal als Mensch eine eigene Persönlichkeit. Wie hat es Frau Habetha formuliert? Er hat sich wacker gewehrt. Ich finde, er hat sich heute auch wacker geschlagen und gibt mir nach Totalamnesien und beer happy echt wieder bisserl den Glauben an Menschen mit Moralempfinden und Rückgrat und einen IQ > Knäckebrot zurück.
Wenn ich mich in Ch.s Situation am Tümpel versetze, hätte ich SOFORT die Polizei gerufen. Trotz potentiellem Ärger mit allem möglichen, meine Priorität wäre ganz klar gewesen. Er hat es nicht getan, aber er ist auch nicht ich. Er geht mit Konfliktsituationen wohl komplett anders um als ich. Trotzdem kann ich ihn deshalb nicht "verurteilen" oder moralisch herunterziehen, er war heute ja vor Gericht im Gegensatz zu anderen Protagonisten wirklich bemüht, möglichst aufklärungshilfreich auszusagen. Er hat einiges über sich ergehen lassen müssen - aber ich finde, er hat doch einiges an Rückgrat gezeigt.
Sorry für so viel Text.
Ich weiß nicht, ob einer von euch schon jemals direkt in einen Mordfall involviert war und nachvollziehen kann, was Zeugen da so erwartet. Bei mir ist das jetzt gute 25 Jahre her, es lässt mich aber bis heute nicht los. Ich habe damals in einer WG gewohnt und mein Mitbewohner hatte den dicken besten Freund – der sehrsehr oft bei uns war. Wir waren ein gut zusammenpassender Haufen, haben viel zusammen unternommen und der Kumpel wurde für mich mit der Zeit auch zu einem (platonischen!) Freund, er war immer hilfsbereit, hat mir sein Auto geliehen, wenn ich ein Auto mit Anhängerkupplung gebraucht habe, wir sind abends auch mal zusammen auf ein Bier in die Kneipe umme Ecke und er hat mir gerne sein Herz in punkto Frauen ausgeschüttet. Im Folgenden nenne ich ihn Franz, er heißt natürlich anders.
Und dann kam der Tag, an dem mein WG-Mitbewohner total entsetzt heimkam. „X (eine gute Bekannte von uns) hat sich umgebracht, Y hat sie erhängt auf dem Dachboden gefunden.“ Meine allererste Reaktion war – und an die erinnere ich mich immer noch ganz genau, genauso auch daran, dass mein Mitbewohner ein khakifarbenes T-Shirt mit Knopfleiste anhatte und auf welchem Stuhl am Küchentisch er saß (das ist wie eine Fotografie): „NIEMALS, die hat sich nicht umgebracht!“ X war die Ex von Franz – und fortgeschritten schwanger von Franz. In meinem Weltbild brachten sich Schwangere, die sich bewusst für ihr Kind entschieden haben – egal wie viel Ärger mit dem Ex – einfach nicht um. Irgendwas passte nicht, ich hätte damals aber nicht sagen können, was da nicht passt.
Warum ich das hier schreibe? Weil Franz eine Woche später wegen Mordverdachtes verhaftet wurde und die EB ermittelnd auch bei uns in der WG einliefen. Ich war mehrfach zu Zeugenaussagen bei der Polizei. Nun bin ich echt nicht auf der Brennsuppn dahergeschwommen, sozial durchaus kompetent und habe einen akademischen Beruf – aber die Einlassungen bei der Kripo waren echt nicht ohne. Es fällt so schwer, sich an Gespräche von vor drei Monaten zurückzuerinnern. Was hat man wirklich gesagt? Was hat der andere gesagt? Warum war was? Damals war das ja auch nicht per WA, sondern im persönlichen Gespräch… Ja, klar, Franz hatte schon mit mir über die Ex und die Schwangerschaft gesprochen, ich wusste, dass ihn das drückt, er hatte sich gerade um einen Job in den Emiraten beworben (das war im Nachhinein dann natürlich auch nicht ganz unauffällig), aber NEVEREVER hätte ich ihn als jemanden vermutet, der eiskalt den Mord an der Ex plant. Er war doch mein guter, hilfsbereiter Kumpel… Du sitzt da in der Vernehmung, versuchst, deine Erinnerungen möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben und merkst, dass das alleine schon gar nicht so einfach ist. Weil Erinnerungen sehr fragil sind. Und das versuchst du in einem Zustand, in dem du noch begreifen musst, dass jemand, den du meintest, zu kennen, jemand, den du wirklich sehr gemocht hast, einen eiskalt geplanten Mord an seiner schwangeren Ex ausgeführt hat und den als Selbstmord tarnen wollte. Du bist als Normalmensch im absoluten Ausnahmezustand. Es war alles wirklich sehr heftig.
Natürlich hatte ich auch eine Vorladung vor Gericht, da ich aber zum Zeitpunkt der Verhandlung selbst schwanger war, wurde mir nach psychologischem Gutachten gewährt, meine Aussage schriftlich zu machen, ich musste zum Glück nicht persönlich vor Gericht erscheinen, ich hätte auch für keine Seite richtig Wichtiges beibringen können.
Ich kann sehr gut nachvollziehen, was Christian D. heute durchgemacht hat, und der hatte es viel schlimmer als ich damals. Ich war nicht am Tatort, ich hatte keine Chats und Geplänkel, ich war anno dutt überhaupt nicht digital nachvollziehbar (Franz allerdings schon über Google-Suchen am Rechner, die waren ein ziemlicher Genickbrecher). Selbst, wenn da kein wie auch immer geartetes Geplänkel zwischen Ch. und G. gewesen wäre (an dem sich so viele moralisch hochziehen), wäre es schon schlimm genug. Für mich war Ch. – eben auch und gerade wegen der kleinen Widersprüche – authentisch und nachvollziehbar. Er hat in manchen Situationen anders reagiert als ich es vermutlich getan hätte, aber wir sind nun mal als Mensch eine eigene Persönlichkeit. Wie hat es Frau Habetha formuliert? Er hat sich wacker gewehrt. Ich finde, er hat sich heute auch wacker geschlagen und gibt mir nach Totalamnesien und beer happy echt wieder bisserl den Glauben an Menschen mit Moralempfinden und Rückgrat und einen IQ > Knäckebrot zurück.
Wenn ich mich in Ch.s Situation am Tümpel versetze, hätte ich SOFORT die Polizei gerufen. Trotz potentiellem Ärger mit allem möglichen, meine Priorität wäre ganz klar gewesen. Er hat es nicht getan, aber er ist auch nicht ich. Er geht mit Konfliktsituationen wohl komplett anders um als ich. Trotzdem kann ich ihn deshalb nicht "verurteilen" oder moralisch herunterziehen, er war heute ja vor Gericht im Gegensatz zu anderen Protagonisten wirklich bemüht, möglichst aufklärungshilfreich auszusagen. Er hat einiges über sich ergehen lassen müssen - aber ich finde, er hat doch einiges an Rückgrat gezeigt.
Sorry für so viel Text.





