Mordfall Fabian (8), aus Güstrow
um 11:17Das wirkt erst mal OT, ist es aber doch nicht...
Ich hab mir am Wochenende noch einmal die ARD-Doku zum Eiskeller-Fall in Aschau und den Zeitpodcast dazu (ab Folge 3 hinter einer Bezahlschranke) reingezogen. Kurzkurzversion für die, die den Fall nicht mitbekommen haben: Hanna W. wird nach nächtlichem Discobesuch am Folgetag tot in der hochwasserführenden Prien entdeckt. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus, in Verdacht gerät Sebastian T., der nachts zur justament passenden Zeit joggend von Zeugen gesehen wurde. Eine Freundin von T. offenbart angebliches Täterwissen, die Vernehmungen laufen etwas unrund, last but not least erzählt ein Mithäftling aus der U-Haft von einem Geständnis. Sebastian T. wird nach Jugendstrafrecht zu neun Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung in Tatmehrheit mit Mord in Verdeckungsabsicht verurteilt.
Das Urteil wurde wegen eines Verfahrensfehlers (der Richterin wurde Befangenheit nachgewiesen) aufgehoben und es kam zu einer Neuverhandlung, bei der Sebastian T. freigesprochen wurde.
Der Fall ist nicht zu den Akten gelegt, es laufen Ermittlungen gegen Unbekannt, nicht auszuschließen ist jedoch, dass Hanna W. tragisch verunfallt ist und es in dem Fall überhaupt keinen Täter gäbe.
Der Fall zog damals ziemlich an mir vorüber, ich hab den erst zur Neuverhandlung und zum Freispruch mitbekommen. Hier im Forum ist ein Faden mit vielen Infos, Anschauungen und teils auch hitzigen Diskussionen zu finden. Ich lag seinerzeit ziemlich gelangweilt im Krankenhaus und hatte die Muse, mich da durchzulesen. ;-)
So, warum komme ich jetzt mit dem Eiskellerfall daher?
Weil ich den - bereits länger zurückliegenden - Ablauf automatisch mit dem Prozess im Fall Fabian verglichen habe und an ein paar Sachen hängengeblieben bin.
Erstens: Die Vorverurteilung. Im Nachhinein ist man immer schlauer (der beliebte Rückschaufehler). Mir fiel auf, dass es im Eiskellerfall in der frühen Phase ganz klare Fronten gab. Für nicht wenige war Sebastian T. so was von sicher der "Mörder von Aschau". So wie Gina. H. jetzt die Mörderin von Güstrow ist. Ich weiß für mich selbst nicht, wie ich - wäre ich damals aktuell interessiert und ohne Hindsight Bias gewesen - das für mich eingeordnet hätte und auf welcher Meinungs-Seite ich da gestanden wäre. Mit den verspäteten Infos, die ich habe, und dem potentiellen Rückschaufehler ist T. für mich nach Plausibilität eher unschuldig (wer weiß das schon sicher ;-) ), die Ermittlungen und das erste Verfahren waren allerdings auf jeden Fall unter aller Kanone. Das Gedankenspiel hab ich weitergeführt. Was, wenn Gina H. jetzt genau so wie dem Sebastian T. völlig Unrecht getan wird? Und wir in zwei Jahren in einem zweiten Verfahren lernen, dass sie unschuldig ist? Ich musste für mich selber laut auflachen.
Weil es zweitens Indizien und Spuren und gegebenenfalls sogar ein Alternativszenario gibt. Im Eiskellerfall gibt es null Spuren, die wirklich wenigen Indizien, die zur Verurteilung führten, stellten sich als Falschangaben heraus oder waren so dermaßen schwammig (z. B. wann kann "erhöhter" Pornokonsum als Indiz gewertet werden?), dass da eigentlich nichts an Substanz da war. Sebastian T. hat auch nicht herumgelogen und seine Aussagen nach gusto angepasst und sich in Widersprüche verwickelt - er hat nach den obskuren "Zeugen"anhörungen gar nix mehr gesagt, wozu Anwälte ja in der Regel aus mehreren Gründen raten. Wenn wir schon bei den Bias sind - in den Ermittlungen und Bewertungen der Kammer kann man in dem Fall m. E. auch ganz wunderbar den Confirmation Bias erkennen, ergebnisoffen ist da nix gewesen. Und das Unfallszenario kann nach wie vor nicht ausgeschlossen werden.
Wenn man sich dagegen den Fall Fabian anguckt, dann geht es schon mit dem Unfallszenario los. Nope, kein Unfall. Definitiv nicht. Ein Kind, das Oooopsi am Arsch der Welt sechsmal in ein Messer fällt und sich dann anschließend selbstentzündet? Echt nicht. Spuren, die potentielle Täterin und Opfer zusammenbringen? Ja. Nicht komplett unumstößlich sicher, aber doch recht valide in der Gesamtschau. Fußspuren, Fasern, DNA. Dazu ein denkwürdiges Verhalten am Tattag - m. E. auch schon am Vortag - , Video- und Kamerabelege, Alibibeschaffung etc. pp... Ein unvergleichliches Nachtatverhalten - hier kann man auch viel aufzählen, am denkwürdigsten ist wohl der Tümpeltourismus. Eine Angeklagte, die sich um Kopf und Kragen lügt und sich selber quasi noch ein rosa Schleifchen um die Verurteilung wickelt... Und dazu ein Richter und eine Staatsanwaltschaft, die nach meinem Empfinden einen wirklich guten Job machen (alleine schon dadurch, dass sie Verfahrensfehler vermeiden - aber mit Richter Holger Schütt auch ein unglaublich empathischer und pflichtbewusster Richter agiert, alleine seine stringente Detailgenauigkeit, die er mit perfekter Vorbereitung offenbar immer aus dem Kopf weiß, ist bemerkenswert).
Iiiiirgendwie sehe ich in Gina H. bei dem Vergleich mit dem Eiskeller zwei komplett verschiedene Welten. Und iiiiirgendwie sehe ich Gina im Falle einer Verurteilung so gar nicht als Justizopfer. Ich fand den Vergleich für mich jetzt nochmal total interessant, weil das auch mal wieder verdeutlicht, wie unglaublich viele Indizien in Fabians Fall eigentlich vorhanden sind und aufgrund wie weniger Indizien man andererseits verurteilt werden kann - auch, wenn es dann eventuell keinen rechtlichen Bestand hat wie im Eiskellerfall.
Noch ein drittens: Auch im Eiskellerfall gab es im ersten Verfahren zwei Pflichtanwälte. Eine Parallele erscheint mir hier tatsächlich die Leidenschaftslosigkeit... Dabei hätten es die Eiskeller-Anwälte mit ihrem Mandaten, dem Inhalt der Anklage und den fehlenden Indizien wahrscheinlich noch leichter gehabt als Löcker und Ohm mit ihrer komunikationsfreudigen Lügenprinzessin. ;-)
Vergleiche sind immer so eine Sache, manchmal taugen sie gar nix. Mich hat der Vergleich aber echt nochmal nachdenken lassen - und meine Meinung bezüglich der Verurteilungswahrscheinlichkeit von Gina und auch der "Gerechtigkeit" einer möglichen Verurteilung bestätigt. Hier wurde von Seiten der Justiz - nach dem, was wir wissen - schon gut gearbeitet. Gina hat allerdings auch auf dem Silbertablett abgeliefert.
Ich hab mir am Wochenende noch einmal die ARD-Doku zum Eiskeller-Fall in Aschau und den Zeitpodcast dazu (ab Folge 3 hinter einer Bezahlschranke) reingezogen. Kurzkurzversion für die, die den Fall nicht mitbekommen haben: Hanna W. wird nach nächtlichem Discobesuch am Folgetag tot in der hochwasserführenden Prien entdeckt. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus, in Verdacht gerät Sebastian T., der nachts zur justament passenden Zeit joggend von Zeugen gesehen wurde. Eine Freundin von T. offenbart angebliches Täterwissen, die Vernehmungen laufen etwas unrund, last but not least erzählt ein Mithäftling aus der U-Haft von einem Geständnis. Sebastian T. wird nach Jugendstrafrecht zu neun Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung in Tatmehrheit mit Mord in Verdeckungsabsicht verurteilt.
Das Urteil wurde wegen eines Verfahrensfehlers (der Richterin wurde Befangenheit nachgewiesen) aufgehoben und es kam zu einer Neuverhandlung, bei der Sebastian T. freigesprochen wurde.
Der Fall ist nicht zu den Akten gelegt, es laufen Ermittlungen gegen Unbekannt, nicht auszuschließen ist jedoch, dass Hanna W. tragisch verunfallt ist und es in dem Fall überhaupt keinen Täter gäbe.
Der Fall zog damals ziemlich an mir vorüber, ich hab den erst zur Neuverhandlung und zum Freispruch mitbekommen. Hier im Forum ist ein Faden mit vielen Infos, Anschauungen und teils auch hitzigen Diskussionen zu finden. Ich lag seinerzeit ziemlich gelangweilt im Krankenhaus und hatte die Muse, mich da durchzulesen. ;-)
So, warum komme ich jetzt mit dem Eiskellerfall daher?
Weil ich den - bereits länger zurückliegenden - Ablauf automatisch mit dem Prozess im Fall Fabian verglichen habe und an ein paar Sachen hängengeblieben bin.
Erstens: Die Vorverurteilung. Im Nachhinein ist man immer schlauer (der beliebte Rückschaufehler). Mir fiel auf, dass es im Eiskellerfall in der frühen Phase ganz klare Fronten gab. Für nicht wenige war Sebastian T. so was von sicher der "Mörder von Aschau". So wie Gina. H. jetzt die Mörderin von Güstrow ist. Ich weiß für mich selbst nicht, wie ich - wäre ich damals aktuell interessiert und ohne Hindsight Bias gewesen - das für mich eingeordnet hätte und auf welcher Meinungs-Seite ich da gestanden wäre. Mit den verspäteten Infos, die ich habe, und dem potentiellen Rückschaufehler ist T. für mich nach Plausibilität eher unschuldig (wer weiß das schon sicher ;-) ), die Ermittlungen und das erste Verfahren waren allerdings auf jeden Fall unter aller Kanone. Das Gedankenspiel hab ich weitergeführt. Was, wenn Gina H. jetzt genau so wie dem Sebastian T. völlig Unrecht getan wird? Und wir in zwei Jahren in einem zweiten Verfahren lernen, dass sie unschuldig ist? Ich musste für mich selber laut auflachen.
Weil es zweitens Indizien und Spuren und gegebenenfalls sogar ein Alternativszenario gibt. Im Eiskellerfall gibt es null Spuren, die wirklich wenigen Indizien, die zur Verurteilung führten, stellten sich als Falschangaben heraus oder waren so dermaßen schwammig (z. B. wann kann "erhöhter" Pornokonsum als Indiz gewertet werden?), dass da eigentlich nichts an Substanz da war. Sebastian T. hat auch nicht herumgelogen und seine Aussagen nach gusto angepasst und sich in Widersprüche verwickelt - er hat nach den obskuren "Zeugen"anhörungen gar nix mehr gesagt, wozu Anwälte ja in der Regel aus mehreren Gründen raten. Wenn wir schon bei den Bias sind - in den Ermittlungen und Bewertungen der Kammer kann man in dem Fall m. E. auch ganz wunderbar den Confirmation Bias erkennen, ergebnisoffen ist da nix gewesen. Und das Unfallszenario kann nach wie vor nicht ausgeschlossen werden.
Wenn man sich dagegen den Fall Fabian anguckt, dann geht es schon mit dem Unfallszenario los. Nope, kein Unfall. Definitiv nicht. Ein Kind, das Oooopsi am Arsch der Welt sechsmal in ein Messer fällt und sich dann anschließend selbstentzündet? Echt nicht. Spuren, die potentielle Täterin und Opfer zusammenbringen? Ja. Nicht komplett unumstößlich sicher, aber doch recht valide in der Gesamtschau. Fußspuren, Fasern, DNA. Dazu ein denkwürdiges Verhalten am Tattag - m. E. auch schon am Vortag - , Video- und Kamerabelege, Alibibeschaffung etc. pp... Ein unvergleichliches Nachtatverhalten - hier kann man auch viel aufzählen, am denkwürdigsten ist wohl der Tümpeltourismus. Eine Angeklagte, die sich um Kopf und Kragen lügt und sich selber quasi noch ein rosa Schleifchen um die Verurteilung wickelt... Und dazu ein Richter und eine Staatsanwaltschaft, die nach meinem Empfinden einen wirklich guten Job machen (alleine schon dadurch, dass sie Verfahrensfehler vermeiden - aber mit Richter Holger Schütt auch ein unglaublich empathischer und pflichtbewusster Richter agiert, alleine seine stringente Detailgenauigkeit, die er mit perfekter Vorbereitung offenbar immer aus dem Kopf weiß, ist bemerkenswert).
Iiiiirgendwie sehe ich in Gina H. bei dem Vergleich mit dem Eiskeller zwei komplett verschiedene Welten. Und iiiiirgendwie sehe ich Gina im Falle einer Verurteilung so gar nicht als Justizopfer. Ich fand den Vergleich für mich jetzt nochmal total interessant, weil das auch mal wieder verdeutlicht, wie unglaublich viele Indizien in Fabians Fall eigentlich vorhanden sind und aufgrund wie weniger Indizien man andererseits verurteilt werden kann - auch, wenn es dann eventuell keinen rechtlichen Bestand hat wie im Eiskellerfall.
Noch ein drittens: Auch im Eiskellerfall gab es im ersten Verfahren zwei Pflichtanwälte. Eine Parallele erscheint mir hier tatsächlich die Leidenschaftslosigkeit... Dabei hätten es die Eiskeller-Anwälte mit ihrem Mandaten, dem Inhalt der Anklage und den fehlenden Indizien wahrscheinlich noch leichter gehabt als Löcker und Ohm mit ihrer komunikationsfreudigen Lügenprinzessin. ;-)
Vergleiche sind immer so eine Sache, manchmal taugen sie gar nix. Mich hat der Vergleich aber echt nochmal nachdenken lassen - und meine Meinung bezüglich der Verurteilungswahrscheinlichkeit von Gina und auch der "Gerechtigkeit" einer möglichen Verurteilung bestätigt. Hier wurde von Seiten der Justiz - nach dem, was wir wissen - schon gut gearbeitet. Gina hat allerdings auch auf dem Silbertablett abgeliefert.




